Merzmensch

DADAistisches und dadaLOSES


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Kann die Künstliche Intelligenz literarischen Texte übersetzen?

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„Du kannst ein Gedicht nicht übersetzen.“

Peter Urban sagte einmal zu mir:

„Du kannst Prosa übersetzen, aber du wirst nie – nie – nie! - in der Lage sein, Gedichte zu übersetzen. Du kannst Gedichte erklären, du kannst sie paraphrasieren, du kannst sie neu formulieren, du kannst sie neu fühlen. Aber es wird etwas anderes sein. Es wirst immer Du sein, der zwischen den Sprachen reflektierst“.

Peter Urban (Photo: Vladimir Perelman ©)

Peter Urban (Sie kennen ihn bereits) war ein bescheidener, introvertierter Mann. Leben in einem Haus mitten im Wald – mit Pferden, frischen Luft und einer riesige – und ich meine – riesige! – Bibliothek.

Er war – meiner Meinung nach – der beste Übersetzer von literarischen Werken von Anton Čechov, Daniil Charms, Brodskij, Babel, Turgenev, Puškin, Pavlović und vielen anderen berühmten slavischen Schriftstellern ins Deutsche.

Was er zu mir sagte, änderte meine Meinung über den Beruf – die Berufung! - eines literarischen Übersetzers. Tatsächlich kann die Übersetzung von Prosa dem Leser das Original nahe bringen (auch wenn wir die verloren gehende poetische Sprache der Prosa in Kauf nehmen). Poesie ist in der Regel (nicht immer) dies: die Klänge, Bilder, Ideen, (sub/intra)kulturelle Anspielungen. Wie auch immer Sie es übersetzen, es wird zu einem Erbe der Zielsprache, ohne den vorherigen Hintergrund.

Lust auf Übersetzung

Aber, wissen Sie, ich bin ein Spielkind. Ich liebe es zu experimentieren, auszuprobieren, Grenzen zu überschreiten – und ich habe schon in den 2000er mit Online-Übersetzern herumgespielt. Ich habe sie wie ein Verrückter mit Poesie gefüttert, ich habe sie von einer Sprache in die andere geführt – und am Ende war das Ergebnis verrückt. Shakespeares Sonette wurden zu expressionistischen Ausrufen. Puškins Gedichte berichteten plötzlich über Dampflokomotive, die messerscharf die sternenklare Nacht in Stücke schneiden.

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Photo: Merzmensch

Es war eindeutig nicht die Übersetzung, sondern der Übergang in eine neue Ebene der Wahrnehmung. Dann ging die Künstliche Intelligenz auf die Bühne.

Und hier möchte ich dich fragen…..

Schreiben #AI-Dichter über elektrische Schafe?

Normalerweise sind die Online-Übersetzer für ein schnelles und unsauberes Verständnis von Texten in den Fremdsprachen gemacht. Ohne Ambitionen. Nur um die Idee zu bekommen.

Heutzutage – mit dem Einsatz neuronaler Netze – bekommen wir ein neues Bild, ein neues Bewusstsein. Bei der künstlichen Intelligenz geht es nicht mehr darum, von A nach B zu übersetzen. Es ist bereits ein heuristisches und kognitives System. Es übersetzt und transformiert nicht nur – es erzeugt auch.

#KI ist dabei, eine kreative Einheit zu werden.

Es gibt viele Online-Übersetzer, die KI verwenden. Google Translate macht es. Facebook übersetzt auch. Aber sie bekommen (wie es aussieht) einen riesigen neuen Konkurrenten – DeepL. Mit Sitz in Köln, Deutschland, bietet dieser Service Übersetzungen, die mit Deep Learning betrieben werden.

Kann die Maschine „Gedichte erklären, umschreiben, paraphrasieren, neu formulieren, neu fühlen“ (Sie erinnern sich?). Zuerst einmal – es kommt immer noch nicht mit Reimen zurecht.

Nehmen wir einen Kinderreim.

Mary, Mary, quite contrary,
How does your garden grow?
With silver bells, and cockle shells,
And pretty maids all in a row.

Google Translate:

Mary, Mary, ganz im Gegenteil,
Wie wächst dein Garten?
Mit silbernen Glocken und Herzmuscheln.
Und hübsche Mädchen alle in einer Reihe.

DeepL:

Mary, Mary, Mary, Mary, Mary, ganz im Gegenteil,
Wie wächst dein Garten?
Mit Silberglocken und Herzmuschelmuscheln,
Und hübsche Dienstmädchen, alle in einer Reihe.

Erster Eindruck – noch sehr ähnlich. Wir sehen jedoch einige Artefakte. DeepL verstärkt einige Elemente: „Mary, Mary, Mary, Mary“ oder „Herzmuschelnmuscheln“. Dann: „Mädchen“ versus „Dienstmädchen„. Wahrscheinlich lernt DeepL von modernen Quellen, so dass es die ältere Bedeutung von „Maid“ nicht kennt. Aber schaun Sie diesen schönen Nebensatz, getrennt durch Komma – „, alle in einer Reihe“.

Gut, das war noch ziemlich einfach und langweilig.

Übersetzen wir also die berühmte Hamlet-Rede (ins Deutsche übertragen von August Wilhelm von Schlegel (1767-1845)). Wir übersetzen es wieder ins Englische (sorry, Sir Shakespeare, ich kann einfach nicht widerstehen).

Google Translate:

To be or not to be; that is the question:
Obsessier in the mind, the arrow and spin
Endure the angry fate or,
Wielding against a sea of plagues,
By resistance they end? Dying — sleeping –
Nothing else!

DeepL:

To be or not to be; that is the question here:
Obs nobler in mind, the arrow and slingshot
Of angry fortune or endure,
Arming himself against a sea of plagues,
Through resistance they end? Dying — sleeping –Nothing more!

Shakespeare:

To be, or not to be, that is the question:
Whether ’tis nobler in the mind to suffer
The slings and arrows of outrageous fortune,
Or to take arms against a sea of troubles,
And by opposing, end them? To die: to sleep;
No more

Sehen Sie? Fühlen Sie? Oder bin ich bereits voreingenommen? Während Google Translate über die Wörtern und Sätze stolpert und sich verwirrt, genießt DeepL fast perfekte jambische Verse (beinahe Pentameter):

Arming himself against a sea of plagues,
Through resistance they end?

Was denken Sie? Bin ich ein Don Quijote, der von Windmühlen fasziniert ist? Oder stehen wir am Anfang der neuen Ära der Transliteratur?

Ich werde nicht mit diesen beiden Beispielen aufhören – Kinderreime und Weltliteratur sind nicht alles. Aber ich frage mich auch, wie und ob die Künstliche Intelligenz mit den Unter- und Metaebenen, Anspielungen, Allusionen, Stil umgehen wird, je mehr sie lernt.

Was denken Sie? Bin ich ein naiver Gläubiger, oder…. ist da was dran?

Verstehen Sie mich nicht falsch – eine Maschine wird wahrscheinlich nie in der Lage sein, ein literarisches Werk kongenial zu übersetzen.

Wir werden immer menschliche Übersetzer wie Peter Urban brauchen – mit ihrem Thesaurus, ihrem Hintergrundwissen, der (Er)Kenntniss der verborgenen Steine und Edelsteine, dem Bewusstsein für die Mehrdeutigkeit der literarischen Sprache, dem Fühlen der Spannung und Stimmung.

Aber kann #AI es auch erkennen? Und kann es…. fühlen?

Fühlt Euch frei – experimentiert!

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Photo: Merzmensch

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Deep Dream comes true

Künstliche Intelligenz hat mich schon immer fasziniert. Nicht nur als ein nützliches Instrumentarium, das ständig weiterentwickelt wird. Aber auch als ein Experimentierfeld. Vor einigen Jahren, als überall neuronale netzbasierte Lösungen (Neural Networks) auftauchten, war es ein Durchbruch, damals noch ein stiller, von der Öffentlichkeit kaum bemerkter. Mit der Künstlichen Intelligenz verband man (und tut es leider auch heute noch) eher die dunkle Kraft, die uns der Arbeitstellen beraubt und alle zu versklaven in Begriff sei.

Die Tatsache, dass ein System, das sich ohne direkten Einfluss des Programmierers lernt und entwickelt, war ein faszinierendes Ding. Und natürlich ein erschreckendes für viele, die in der Künstlichen Intelligenz eine Terminator-ähnliche Gefahr sahen, die die Menschheit ttal dominieren und die menschliche Schädel in der totalen KI-Apokalypse zerschlagen.

Ungefähr so:

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Hier ist ein Gedankenanstoß, bevor wir anfangen:

Es geht nicht darum, dass die KI böse sei. Es geht um uns selbst, um die Menschen, die mit Hilfe der KI böse Dinge tun oder tun wollen. Warum also sehen wir den Splitter unseres Digitalen Bruders Systemauge und werden  nicht gewahr des Balkens in unserer eigenen Hand?

Ich persönlich war einfach überwältigt von den kreativen Möglichkeiten, die uns durch den Einsatz von KI geboten wurden. Damals, zu Anfangszeiten der Neuronalen Netze war ich von Google Deep Dream fasziniert und installierte seine virtuelle Instanz auf meinem Laptop (Sie können sie mittlerweile jetzt in der webbasierten Version von Deep Dream-Entwickler Alex Mordvintsev ausprobieren). Im Falle von DeepDream machte die KI einen weiteren Schritt nach der bereits vielversprechenden Fähigkeit, Dinge zu erkennen.

Um sich zu erinnern, Google Deep Dream konnte…

  • ein Foto analysieren
  • vertraute Muster und Objekte erkennen
  • über mehrere Iterationen (Wiederholungen) das Originalbild mit eigener Interpretation der erkannten Objekte verändern und ergänzen – mit einer Art Echokammer-Effekt (ständige Verstärkung bis hin zur Übertreibung).

Also habe ich für den Anfang nur einen Selfie gemacht.

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I am your neightmare. #deepdream

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Mein entnervter Selfie voller Augen.

Dann ließ ich verschiedene andere meine Fotos über die virtuelle DeepDream-Installation laufen:

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Window Google #deepdream

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Hunde. Viele Hunde. Trainierte Neuronale Netze erkannten überall Hunde.

Übrigens, der Grund für die vielen Hunde war einfach:

Die Fähigkeit eines neuronalen Netzwerks, zu erkennen, was sich in einem Bild befindet, beruht darauf, dass es auf einem Basis-Datensatz trainiert wird. Im Falle von Deep Dream stammt dieser Datensatz aus ImageNet, einer Datenbank, die von Forschern aus Stanford und Princeton erstellt wurde, die eine Datenbank mit 14 Millionen von Menschen markierten Bildern aufgebaut haben. Aber Google hat nicht die gesamte Datenbank verwendet. Stattdessen verwendeten sie eine kleinere Auswahl der 2012 veröffentlichten ImageNet-Datenbank für einen Wettbewerb…. eine Teilmenge, die eine „feinkörnige Klassifizierung von 120 Hundeunterklassen“ enthielt. (FastCompany)

Dann benutzte ich mein Merzmensch Userpic (ein Selfie in einer polierten Eisenkugel, den ich 2006 im Schloss Freudenberg fotografierte):

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Die Ergebnisse waren ziemlich seltsam, Brueghel‘ & Bosch’esque.

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Merzmensch Userpic, erstellt von Google #DeepDream

Hier gab es viel mehr als nur bloss Hunde. Blechkannen-Strukturen, raupenartige Kreaturen, Halbmenschen, es war faszinierend, die Veränderung des ursprünglichen Fotos zu beobachten – Iteration für Iteration.

Dies war ein großes Potenzial für neue Kunstformen. Für neue Kooperationen zwischen Maschine und Mensch. Denn das Konzept der menschlichen Weltwahrnehmung scheint sich nicht weit von der kybernetischen Einheit zu unterscheiden:

Wir (Menschen & KI) erkennen in den Dingen, die wir wahrnehmen, die Themen, die wir bereits kennen. Wir deklarieren diese Wahrnehmung als die einzig wahre. Und: Wir erschaffen die Realität innerhalb unseres Betriebssystems – sei es eine komplexe Zusammenarbeit zwischen Gehirn und Hormonen oder anspruchsvolle Deep-Learning-Prozesse.

DeepDream war nur der Anfang. Heutzutage gibt es eine große Vielfalt an Experimenten und Erfindungen rund um KI und Kreativität. Im Folgenden werde ich diese Tendenzen beleuchten.

Was hält Ihr von Kreativität und künstlicher Intelligenz? Sind sie kompatibel?

(Dieser Artikel wurde in Englischer Sprache hier veröffentlicht)


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Frohes Neues Jahr 2019!

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МОСКВА. КРЕМЛЬ. С Новым Новым Годом! - MOSKAU. KREMLIN. Frohes neues Jahr! - 1987

Was haben Sie um Silverster 1987 gemacht?

Ich war im Moskauer Kreml. Jedes Jahr fand die große Neujahrsveranstaltung im Staatlichen Kremlpalast statt. Nur mit einschlägigen Verbindungen, ein Bisschen Glück oder unter bestimmten Umständen könnten Sie dort an einen Ticket rankommen.

Wir hatten weder Verbindungen (Gottseidank), noch Glück in dieser Hinsicht (ebenso glücklicherweise, wenn Sie mich fragen). Damals war ich ein gewöhnlicher Schüler einer gewöhnlichen Moskauer Bezirkschule. Aber da unsere Klasse einen außerordentlichen Erfolg bei einem all-Sowjetischen Mathematikwettbewerb erzielt hatte, haben wir eine besondere Einladung zu diesem glorreichen Kreml-Neujahrsfest erhalten – zusammen mit vielen anderen Schulgruppen aus der ganzen UdSSR.

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Troitskaja Turm und Staatlicher Kremlpalast (Quelle)

 

Ich war nie ein Freund von Propaganda – weder damals in der UdSSR, noch jetzt – in den Westlichen Gebieten. Denn wo auch immer Sie leben – leben Sie in einer propagandverseuchten Realität.

Der wahrscheinlich einzige Unterschied zwischen sowjetischer und westlicher Propaganda ist – die Menschen in der UdSSR wussten ziemlich gut, dass sie von politischen und gesellschaftlichen Täuschungen umgeben sind.

So haben wir uns – Schulkinder eines Imperiums auf dem direkten Kurs zum Zusammenbruch (4 Jahre später gab es August-Putsch) – ziemlich amüsiert über den Inhalt des Neujahrs-Events. Jetzt stellen Sie sich diese überwältigende Geschichte vor.

Kennen Sie Дед Мороз? Ded Moroz ist das russische Gegenstück zum Weihnachtsmann, er tritt immer zusammen mit seiner Enkelin Snegurotschka auf (Снегурочка).

Hier machen beide eine Pause zwischen der Übergabe von Neujahrsgeschenken an die sowjetischen Kinder:

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Ded Moroz & Snegurotschka, mit Piroschki and Samovar © Victor Sadtschikov (Quelle)

Jedenfalls war die Geschichte klar und offensichtlich. Hier in Kürze:

  • Ded Moroz wurde von einem westlichen imperialistischen Geheimagenten entführt (vermutlich aus den USA und vermutlich von der CIA, aber nicht klar definiert – um diplomatische Probleme während der heißen Zeiten der Perestroika zu verhindern [auch wenn sich der Kreml sich nie ernsthaft darum scherte]).
  • Snegurotschka behält einen klaren Kopf: Mit Hilfe des jugendlichen Publikums ruft sie KGB um Hilfe (auch nicht klar definiert als KGB, aber jeder hat die Botschaft verstanden, als man den mutigen Helden in eindeutigen Uniform erblickte).
  • Action! Bumm! Zoom! Voo-rooom! Feinde werden besiegt, Ded Moroz ist zurück, um seine Pflicht zu erfüllen: Geschenke für die Kinder zu überreichen. Happy End.

 

Ziemlich alberne Handlung mit lustigen Spezialeffekten. Aber eigentlich waren alle im Staatlichen Kremlpalast anwesenden Kinder hinter etwas ganz anderem her .

Wir haben bis zum Ende gewartet, um das hier zu bekommen:

Diesen Box aus Plastik.

Es war ein kniffliges Unterfangen, ihn zu öffnen: Du musstest deine ganze Kraft aufbringen, um den runden Deckel abzuschrauben. Aber dann war man reichlich belohnt: denn der Box war voller feinsten Pralinen und Süßigkeiten, die man sonst in keiner Konditorei Moskaus, geschweige denn der Sowjeounion, finden könnte.

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Jetzt ist es mehr als 30 Jahre lang leer. Die UdSSR existiert auch nicht mehr. Aber ein leichter süßer Duft hält sich noch in den Ecken innerhalb dieses Zeitreisenden.

Viele Dinge sind seitdem passiert. Die Welt hat sich verändert – sie befindet sich in einem permanenten Wandel. Aber die Erinnerungen sind immer noch da. Erinnerungen an die seltsame Epoche eines seltsamen Landes.

Eines Tages wird auch unser HEUTE seltsam werden. Frohes Neues! Freue Neue Seltsamkeiten – mit feinsten Pralinen und tollen Erinnerungen!

 


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Wir haben die Absicht, eine Mauer zu errichten.

Genau so, und nichts anders berichtet Homeland Security in einer Pressemitteilung auf deren offiziellen Webseite über das von Trump angedrohte angekündigte Mauerbau.

Die Pressemitteilung liest sich köstlich. Die ist ja fast Dada. Und Zaum‘.

Ich übersetze mal den Anfang:

Wir bauen die erste neue Grenzmauer in diesem Jahrzehnt.

DHS (Department Homeland Security) verpflichtet sich, eine Mauer zu bauen, und dazu sehr schnell eine Mauer zu bauen. Nein, wir werden die kleine, veraltete und ineffektive Mauer nicht einfach durch einer ähnlichen Mauer ersetzen. Stattdessen werden wir unter dem jetzigen Präsident eine Mauer bauen, die 30 feet (ca 9 Meter) hoch ist.

Fakt: Bevor Präsident Trump seinen Präsidentenamt gekleidet hatte, hatten wir noch nie so eine hohe Mauer gebaut.

Und so weiter. Ein Tautologe würde hier seine helle Freude am Zählen des Wortes „Mauer“ finden (30 Stück im ganzen Artikel). Achja, und wenn zu viel Mauer immernoch zu wenig ist, hier die Vorher-Nachher-Illustrationen.

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Source: DHS © 

Oh, und wenn es nicht übersichtlich genug wäre, hier noch ein Vergleich:

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Source: DHS © 

So eine schöne hohe Mauer wird also Department für Heimatschutz errichten.

Apropos, Mauer.

Erinnern Sie sich, werte Leserinnen und Leser an die Kurzgeschichte von Daniil Charms, dem Zaum-Vertreter, hier in der Übersetzung von Peter Urban:

Ein Ingenieur hatte sich zum Ziel gesetzt, quer durch Petersburg eine riesige Mauer aus Ziegelsteinen zu bauen. Er zerbricht sich den Kopf, wie das zu machen sei, kann nächtelang nicht schlafen und überlegt. Nach und nach bildet sich ein Kreis von Denkern und Ingenieuren, ein Plan zum Bau der Mauer wird erarbeitet. Beschlossen wurde, die Mauer nachts zu bauen, aber so, daß sie binnen einer Nacht gebaut werden sollte, damit sie für alle eine Überraschung werden würde. Arbeiter werden zusammengerufen, die Aufteilung wird vorgenommen. Den städtischen Behörden wird Sand in die Augen gestreut, und schließlich ist die Nacht gekommen, in der die Mauer gebaut werden soll. In den Plan des Mauerbaus sind nur vier Mann eingeweiht. Die Bauarbeiter und Ingenieure erhalten genaue Anweisungen, wer wo zu stehen hat und was zu tun ist. Dank genauester Berechnung gelingt es, die Mauer innerhalb einer Nacht zu bauen. Am anderen Tag herrscht in Petersburg heillose Verwirrung. Auch der Erfinder der Mauer ist niedergeschlagen. Er weiss nämlich selbst nicht, wozu die Mauer dienen soll.

(Zitiert nach: Charms, Daniil: Die Kunst ist ein Schrank. Aus den Notizbüchern 1924-1940. Berlin 1992. S. 91, Übersetzung von Peter Urban).

Diese Geschichte habe ich vor ca. 10 Jahren hier bereits zitiert. Und hatte die damals (2009) seit 20 Jahren gefallene Mauer im Kopf. Und nichts hat sich geändert. Auch im nächsten Jahr (2019), zum 30. Jubiläum des Mauerfalls.

Denn woanders wird sie wieder aufgebaut, die Mauer.

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Wir sind geLANDet. Oder geMARSt.

…Und aus dem tiefen CryoKreaSchlaf hat mich eben der wunderbare Trithemius geweckt. Ja, er ist mit mir zum Mars mitgeflogen. Er – genauer, sein Name. Und auch mein Name. Und die Namen von den anderen 2.439.805 Erdlinge. (Sie erinnern sich)

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Jetzt können wir uns auf dem Roten Planeten austoben und nachforschen, ob Ray Bradbury recht hatte… Und vis-à-vis die Visage von Mars Face zu Gesicht zu bekommen.

Das war aber eigentlich nicht der Grund, wieso ich für so lange Zeit ausgefallen war. Für diejenigen, die mich auf der Oberfläche gesucht haben, war ich eher im Untergrund. Und für diejenigen, die via Untergrund nach mir schauten, war ich oberflächlich.

Nun bin ich aber wieder da – und kann mit frischen Kräften ans Werk. Mit Riesendank an Meister Trithemius.

Ich werde weiterhin über DADA berichten, aber auch über die Künstliche Intelligenz. Denn das ist kein Hype. Es ist keine Zukunft. Es ist jetzt und hier.

Die Künstliche Intelligenz ist da – und deren Gegenteil ist die Natürliche Dummheit.

Über die Dummheiten werde ich auch ab und zu berichten, doch es ist viel besser, sich an der Intelligenz zu fokussieren.

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Merzmensch. Intelligenzfokussierung (2014)

 


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#SocialMediaWalk: Luminale in Offenbach

P1230760Fiat lux!

Jede Reise führt zur Erleuchtung. Besonders, wenn es bei dieser Reise um das Licht geht.

Bei der Luminale, der Biennale für Lichtkunst und Stadtgestaltung 18.-23.03.2018 ging es genau darum. In zwei Städten – Frankfurt (Main) und Offenbach – waren die Lichtkünstler aktiv. Ein Grund, mal wieder mit dem Social Media Club Frankfurt loszuziehen.

Wir trafen uns im Offenbacher Rathaus. Ein brutalistisches Hochhaus mit Tendenz zum Wolkenkratzer. Dafür aber farbenfroh und voller Überraschungen. Nein, hier im Inneren hat Luminale noch nicht angefangen, doch die immerwährend wechselnden Verhältnisse zwischen Licht Schatten Form Farbe haben uns für längere Zeit gefesselt.

Doch dann begaben wir uns aufs Dach. Eine höchst seltene Gelegenheit, Offenbach von oben zu betrachten. Eine wunderliche Stadt, inspirierend und teils befremdlich, im Zustand der Gentrifizierung und allen Stereotypen (üblicherweise von Nicht-Offenbachern gepflegt) widersprechend. Man muss diese Stadt erleben, man darf nicht glauben, was man hört.

Du bist – – bist du? – Die Leute sagen, du wärest, – laß sie sagen, sie wissen nicht, wie der Kirchturm steht.
(Kurt Schwitters)

Doch schon mussten wir weiterziehen, unserem eigentlichen Ziel folgend. Luminale ist in Frankfurt und Offenbach an allen möglichen Ecken verteilt. Als ob ein Lichtkünstler mit seiner Pinsel voller Lichtfarben über die beiden Städte schwungvoll warf und hie und da fluoreszierenden Spuren hinterließ.

Vor dem Rathaus stand schon das erste Werk von Jale Somer und Sarah Melz „The Distance between us“. Leider waren die Lichtverhältnisse noch relativ hell, so dass man es nur so bestaunen konnte.

Eine Art Kamin mit einer Aufschrift darauf:

„Unglaublich guter Vers, der die Herzen entflammen und alle existenziellen Probleme dieser Welt auf einen Schlag lösen wird’“

Längere Zeit stand ich vor diesem künstlerischen Kamin und überlegte, welcher Vers das sein kann. Und vor allem, in welcher Sprache, da es hier um die Welt handelt. Vermutlich, dadaistische Lautgedichte eignen sich bestens dafür. Mein Herz wird zumindest entflammt, und alle existenziellen Probleme dabei so lächerlich erscheinen. Ein wahrhaftig spirituelles Erlebnis. Lange trr gll.

Doch – apropos spirituell: wir mussten schnellstens in die Kirche. In die Offenbacher Evangelische Stadtkirche. Hier konnte man ein Lichtprojekt „Licht und Leicht“ von Bernd Gotthardt erleben.

Die Kirche war gefüllt mit Farb-Schimmern, und Profilen, und Augen, und Fußstapfen, alles schien sich in einem Farbenreigen zu bewegen, auch wenn unbeweglich. Hier blieben wir noch längere Zeit, so dass der Guide uns nur mit Mühe herauszerrte.

Doch was erwartete uns draußen: dieser Himmel! Dieser Sonnenuntergang! Dieses Schattenlichtspiel! Was für eine fulminante Luminale!

Wer hat dieses geniale Kunstwerk im Himmel realisiert?! – fragten wir uns, als wir aus der Kirche heraustraten.

Nun mussten wir schnell zu Main, denn hier warteten auf uns Künstler von Underwater. Diese Künstlergruppe arbeitete mit synästhetischen Ideen: der Klang der Welt wiedergab sich in köstlichen Farben, mal weich, mal kalt, aber immer aromatisch, so kam es mir zumindest vor. Das Wechselspiel der Farben in den Glasfasern hypnotisierte. Menschen wie andere Lebewesen.

P1230763Und dieser Himmel!

Dann ging’s im Galopp weiter, vorbei an das Schiff-Restaurant Backschaft, das mit seinem Leuchten eine wunderbare Station der Luminale wäre, wenn das es wäre.

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War es aber nicht. So ist unsere selektive Wahrnehmung – wenn man der Luminale auf der Spur ist, sieht man überall das Licht. Und man fragt sich ständig: „Ist es Kunst, oder kann es da bleiben?“

Zum Beispiel: sind es Luminale-Objekte?

Nein, es ist offenbar Offenbach, mitsamt dem Mond, der uns die ganze Zeit schon folgt und unseren Weg illuminiert. Dann kamen wir bei B72 an. Ein KünstlerHaus, Atelier und Bühne. Mit Schwarzlicht erleuchtet waren die Räume. Die Künstler verteilten an die Zuschauer spezielle Stifte, die im Schwarzlicht leuchten.

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Dazu eine Ausstellung über die lebendigsten Wesen der Stadt Offenbach – Kakerlaken. In dunklen Sphären aus Pappmasche versteckten sich die kleine Welten, wunderbar entworfen und mit Liebe zu Detail zusammengestellt.

Anschließend machten wir ein Riesensprung zum Hafen – vorbei an den berühmten Blauen Kran, der bereits seit mehreren Luminalen leicht und dynamisch strahlt.

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Zum letzten Punkt unserer Exkursion, die bereits in Lichtgeschwindigkeit ablief: Sternstunden. So hießen mehrere Sternwarten-ähnliche Häuschen. Ihre Wände leuchteten grell, jedoch nur nach außen. Drin war es dunkel, und durch einen Spalt im Dach – wie in einem Observatorium – konnte man die Sterne beobachten. Mit bloßem Auge.

Wir verließen Luminale im Dunkeln der Nacht, doch hell erleuchtet. Und der Mond folgte uns weiter. Bis zum Ende.

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Künstliche Intelligenz [versus/meets] Avantgarde?

Während der Frankfurter Buchmesse – direkt neben dem ARTS+ Runway bewunderte ich „Manifest“ – ein wunderschönes Projekt der Künstlergruppe „robotlab„. Eine Industrieroboterhand zeichnet Texte auf – auf Englisch und Deutsch. Kurze Sätze, Aphorismen, ambivalent und bedeutungsschwer. Sätze wie

Ein Paradox ist keine Frage, kein Mahnmal, kein Phänomen, kein Mittel und auch keine Skizze.

All diese Texte haben einen Autor – Künstliche Intelligenz, die nach bestimmten Algorithmen die Stichworte zu den Themen Kunst, Philosophie, Gesellschaft generiert. Interpretation liegt im Auge des Betrachters.

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