Merzmensch

DADAistisches und dadaLOSES

@bsolut privat: 3. Juni

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Ein halbes Jahr ist vergangen, nachdem ich endlich mit dem wunderbaren Tagebuch zur Ausstellung „@bsolut privat“ meinen Dialog anfange. Ich möchte nochmals den Organisatoren danken, das war sehr schönes Erlebnis, so eine Ausstellung erlebt man nicht oft.

3. Juni
Kurt Tucholsky
Leber, Galle, Blähung oder mein Alter – ich spüre deutlich so etwas wie eine religiöse Ader in mir aufspringen. Sagte ich das jemandem anders als Dir, so dächte ich: Aha, dickere Juden in den Vierzigern haben häufig diese Sehnsucht nach dem Weihrauch. Grade die habe ich nicht. Mir wäre das so fatal wie Dir – dagegen habe ich einen fast protestantischen Widerwillen. Aber hätte ich Geld -: was ich von einem theologischen Lehrmeister erwartete, wäre genau das Gegenteil des Weihrauchs: nämlich Klarheit, soweit es die gibt. Ich spüre in mir eine Zerknirschung, die nichts, aber auch nicht das geringste mit Bußgeheul zu tun hat, wovor einen der lb. Gott bewahren möge. Wohl aber das Gefühl des Unzureichenden: wie dieser glasharte Hochmut und Stolz bei der geringsten Annäherung der Wirklichkeit zerbricht, er ist zu nichts nütze [..] Vielleicht kommt das aus der Leber. Aber alles wohl nicht. Immer suchen ist nicht schön. Man möchte auch mal nach Hause

Als ich 29 wurde, freute ich mich schon auf Midlife-Crisis. Es klang so vielversprechend, ja adrett irgendwie. „Ach Leut‘, ich habe Midlife-Crisis!“ (und so mit der Hand eine Geste der Ermüdung, wie es die provinzielle Schauspieler auf den Volksbühnen tun). Zu meinem Schrecken, musste ich erfahren, dass ich bis zu Midlife-Crisis ja noch mindestens 10 Jahre noch leben muss. Was für eine Ent-Täuschung. Kennt Ihr das Gefühl… nein wohl nicht, ich bin es wohl der einzige, der eines Tages erwachte und verstand, dass heute ja Neujahr-Fest ist. Ich lief wie verwünschen durch die Zimmer, und schaute meine Eltern voller gespielter Gleichgültigkeit an. Ja, ich – und auch die – wir tun so, als ob heute nichts ist, doch kaum bricht der Abend an, werde ich ins Wohnzimmer geführt, voller Glitzer und Geschenke…

Ein armer Narr…

Ich hatte den ganzen Tag nicht verstanden, dass ich im 31. November stecken blieb. Und am Abend, als alle schon schlafen gingen, sah ich die kommenden 31 weiter Tage wie eine Ewigkeit.

So habe ich gelernt, des eignen Tages zu leben. „Carpe diem“ ist banal. Ausgetragen. Alt.

Aber wahr. Denn alt ist man nur, wenn man nicht mehr jung sein möchte. Was bin ich? Darauf habe ich keine Antwort.

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