Merzmensch

DADAistisches und dadaLOSES

Die Kunst des Sichselbstbelügens

10 Kommentare

Tja, meine Lieben, die Welt ist flach. Das wird sogar von Wissenschaftlern bewiesen. Zumindest, von Literaturwissenschaftlern. Denn der Literaturwissenschaftler Pierre Bayard schrieb ein Buch „Wie man über Bücher spricht, die man noch nicht gelesen hat“.

In seinem Buch gibt er zu, unsere Gesellschaft sei zu allem bereit, nur nicht zum Lesen. Denn das Lesen ist uns zum Zwang geworden.

Den ersten dieser Zwänge könnte man als den Zwang zu lesen bezeichnen. Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Lektüre noch immer Gegenstand einer Sakralisierung ist. Den zweiten Zwang könnten wir als die Verpflichtung bezeichnen, alles zu lesen. Wenn es verpönt ist, nicht zu lesen, so gilt es als fast ebenso anstößig, flüchtig oder quer zu lesen und vor allem, das auch noch einzugestehen. Der dritte Zwang betrifft das Reden über Bücher. Ein stillschweigendes Postulat unserer Kultur besagt, dass man ein Buch gelesen haben muss, um etwas darüber zu auszusagen.

Zitiert nach hr-online, Rezension von  Waltraut Worthmann-von Rode .

Mit anderen Worten, ist das Lesen eher zu Statuszwecken da, nicht zur Selbst(ein/aus)bildung oder zu Befriedigung irgendwelcher Triebe des Über-Ichs.

Dazu ist das Buch auch gedacht: uns in spielerischer Weise zu zeigen, wie tief wir eigentlich kulturdingsbumsmässig gefallen sind. Ohne es zugeben zu müssen.

Gut, dass Monsieur Bayard das Buch geschrieben hat. Denn damit hat er es endlich zugegeben, er hat das Problem auf eine elegante Art und Weise gelöst. Ja, wir lesen nicht mehr. Ja, wir sind des Wissensgiers entzogen, wir haben uns selbst damit abgefunden. Und: ja, wir können uns nun belügen, unsere Erudiertheit zeigen, unseren Status bewahren und gleichzeitig das Langeweiligste in der Welt meiden – lesen. Ausser vielleicht dieses Buch. Das müssen wir noch verkraften.

Und nicht einmal das. Wie die Madame Worthmann-von Rode uns beruhigt:

Selbst wenn wir die 220 Seiten des brillanten Textes nicht schaffen – macht nichts. Mit einem Zwinkern im Auge offeriert der Verlag auch eine Mini-Ausgabe.

 Bald gibt es vielleicht auch als eine Hörbuch-Ausgabe. Dann kann man damit noch besser bei einer Grillparty angeben.

Gefunden bei Pocemon

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10 Kommentare zu “Die Kunst des Sichselbstbelügens

  1. Ich bin im Marketing tätig und es gab vor einigen Jahren
    Kurzfassungen von Fachbücher. Die Bücher wurden gelesen und man konnte Kurzfassungen abonnieren.

    poc

  2. Ich weiß ja nicht, in welchen Kreisen Pierre Bayard verkehrt. Es scheint, als hätte er seine Befunde per Augenschein und als Ohrenzeige auf langweiligen Stehpartys gewonnen. Das ist doch Quatsch. Einen Zwang zu lesen gibt es nur in der Schule. Und dass man Bücher querlesen muss, um die Fülle zu bewältigen, lernt jeder Student. Gerade weil es soviele Bücher gibt, besteht die Kunst im selektiven Lesen, und wer sich schämt, weil er ein Buch nicht gelesen hat, über das alle reden, ist selbst schuld.

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