Merzmensch

DADAistisches und dadaLOSES

Flug der Willkürien (eine interaktive Geschichte) fertig

16 Kommentare

Vielen Dank an alle Beteiligten! Die Geschichte ist nun fertig. Sie ist diesmal linear verlaufen, so dass ich sie hier nochmals komplett veröffentliche.

Flug der Willkürien
Autoren: Merzmensch, Trithemius, Spieler7, pocemon.

Nachdem der des Urlaubes entwöhnte Beamter Johannes Göte am ersten Tag seiner Reise nach Italien erwachte, befand er sich im Zug, der schnellen Fluges gen Tirolische Berglandschaft eilte.

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Hinter dem Fenster wütete das Unwetter, tiefe Wolken bewegten sich am Horizont. Dem Beamter Johannes Göte gegenüber sass ein jüngerer Mann, der ebenso schlief. Doch etwas störte dem Beamter an diesem jüngeren Mann.

Plötzlich verstand Beamter Johannes Göte, was es genau war. Das linke Auge des jungen Mannes war einen Spaltbreit geöffnet, und da war es Göte, als würde er von einem starren Augapfel fixiert. Göte erschrak. Und indem er noch versuchte sich zu beruhigen, ertönte ein Pfiff, und der Zug tauchte in einen Tunnel ein.

Erneut war Göte erschroken: denn im plötzlichen Spiegelungsreich, zu dem sich das Fenster im Tunnel verwandelte, sah er nur den jungen Mann. Sich selbst – als Spiegelung – konnte er nicht erkennen.

Er blickte wieder auf den jungen Mann ihm gegenüber und sah es erneut: der Mann starrte ihn an.

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Um die stickige Atmosphäre der Beobachtung zu lockern, sagte Göte, sich zu lächeln bemühend:

„Hahaha, und ich dachte, Sie schlafen, aber Sie sind ja, wie ich sehen kann, inzwischen erwacht. Darf ich mich vorstellen. Göte, mein Name, ich bin Beamter im Ministerium für Desaströse Angelegenheiten.“
Sein Gegenüber schwieg, ja, tat so, als hätte Göte rein gar nichts gesagt. Nur das Auge starrte. Und plötzlich hob sich die linke Hand des jungen Mannes gleich der eines Somnambulen, es krümmte sich der kleine Finger und schien Göte heranzuwinken.

„J-Ja, wie beliebt’s?..“- murmelte Göte und, vom kleinem Finger hypnotisiert, bewegte er sich schon in Richtung des jungen Mannes.

Als er eine kritische Distanz zum jungen Mann zu überwinden im Begriff war, stoppte die linke Hand des jungen Mannes die Bewegungen von Göte.

Der junge Mann sprach:

„Bist Du Herbert Mobenbach? Ich soll dich töten.“
„Nein, bewahre, ich bin im Leben nicht Herbert Mobenbach!“, rief Göte aus, „und ich kann Ihnen versichern, dass ich diesen Herrn auch gar nicht kennen, ja nicht einmal je getroffen hätte, denn Sie müssen wissen, ich arbeite im Archiv und komme so gut wie nie unter Leute.!“

„Was für ein seltsamer Zufall“, – lächelte der junge Mann zynisch.

„Ich habe mir Sie, lieber Herbert Mobenbach, genau so vorgestellt.“

„Aber nein,“ – wehrte sich Göte, – „mein Name ist Johannes Göte, das ist bestimmt eine peinliche Verwechslung. Also, mit „peinlich“ meine ich mein eigenes Dazwischenkommen, verstehen Sie mich nicht falsch. Ich respektiere Ihre Ansichten und bin sogar bereit, Ihnen bei Ihrer tapferen Aufgabe zu helfen“

Der junge Mann grinste fast schon infernalisch und versetzte:

„Dann wollen mir uns mal auf die Suche nach dem echten Mobenbach machen, wenn sie es denn nicht sind. Ich habe gesicherte Informationen, dass er sich hier im Zug befindet.“

Göte stand widerwillig auf, denn er sah das zynische Grinsen in den kalten Augen des Fremden, der ihm offensichtlich kein Wort glaubte. Aber das blitzende Messer, das der vermeintliche Killer beiläufig den schockierten Beamten sehen ließ, leistete famose Überzeugungsarbeit.

Die beiden verließen das Abteil und traten auf den Flur, Göte unter sanfter Unterstützug seines Widersachers, der dicht hinter ihm blieb.

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In diesem Moment raste der Zug in einen der zahlreichen Tunnels, die sich auf dieser Strecke befinden und die beiden – der verängstigte Göte und der gefahrausstrahlende junge Mann – erblickten wieder ihre Spiegelung im Fenster.

Und wieder konnte Göte sich nicht in der Spiegelung entdecken. Nur der gespiegelte junge Mann bückte sich halb über dem nichts (was normalerweise sich als gespiegelter Göte erweisen musste). Jedoch hinter dem gespiegelten jungen Mann erhob sich eine unbekannte gespiegelte dunkle Figur, die eine Angriffspose annahm und bereit war, auf den jungen Mann zu springen.

„Da ist der Mobenbach!“ – rief Göte zu dem jungen Mann und zeigte auf die unbekannte Spiegelung.

Doch als sich der Junge blitzschnell umdrehte und gleichzeitig mit einer fließenden Bewegung, die für das menschliche Auge kaum zu erkennen war, sein Messer zückte sah er nichts, der Angreifer war mit den Schatten verschmolzen.

Umso mehr richtete sich sein Misstrauen wiederum auf Göte, desen Gesicht noch um einige Nuancen bleicher war als zuvor, sein bisher doch recht beschaulich verlaufenes Leben war gründlich durchgeschüttelt worden.

„Aber ich schwöre, ich habe ihn gesehen!“ stammelte er und erinnerte sich plötzlich an längst vergessene Romane und fragwürdige Filme: „Vielleicht ist er ein Gestaltenwandler, ein Geschöpf der Nacht oder ein Alien.“ In seinem Kopf nagte eine Stimme, die ihm das fehlende eigene Spiegelbild unter die Großhirnrinde rieb, doch er verdrängte sie erfolgreich, denn der Fremde sah nun noch bedrohlicher aus. „Ich habe genug von deinen Lügen“, schrie er, „meine Geduld ist zu Ende!“ Das Messer in der ausgestreckten Hand näherte er sich Göte mit geschmeidigen Schritten, als der Zug plötzlich mit kreischenden Bremsen ins Schlingern geriet. Offensichtlich hatte jemand die Notbremse gezogen!

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Da der junge Mann seine ganze Aufmerksamkeit auf Göte richtete, statt auf die Umgebung zu achten, flog er nach hinten wegen der Bremskraft. Er stand gleich danach zwar wieder auf, doch Göte, aufgrund seiner angeborenen Angsthasigkeit und dank seinem Überlebensinstinkt lief schnellen Schrittes zur Waggontür, öffnete sie und sprang aus dem Waggon entgegen der düsteren Dunkelheit des Tunnels.

Schon riefen die unzufriedenen Stimmen von allen Seiten, die Passagiere schauten aus den Fenstern und versuchten irgendwelche Gründe des Bremsens im finsteren Dadraussen zu erkennen. Doch Göte lief entlang der Waggons in die der Fahrt entgegengesetze Richtung.

Er war schon aus der Puste, hatte keine Kräfte mehr (und wie auch, wo er ja sonst keine Sportübungen ausser der täglichen Fahrradfahrt zur Arbeitsstelle unternahm).

Der immernoch stehende Zug war schon länsgt hinten, seine Rücklichter glühten in der Dunkelheit wie Monster-Augen. Göte hörte hinter sich keine Verfolgung, rannte aber weiter, soweit er konnte. Doch auf einmal sah er Lichtblicke rechts von ihm – in der Tunnelwand war eine Tür, hinter der sich eine Lichtquelle versteckte.

Er ging zur Tür und öffnete sie und trat ein in eine völlig andere Welt, die er sich niemals in seinen schimmsten Alpträumen ausgedacht hätte. Die Wände in einem ungesunden Rot, pulsierend in der Verhöhnung eines Herzkranken, der Boden in einem schiefen Winkel, der hämmernde Kopfschmerzen verursachte, weil unnatürlich in dem bekannten Universum.

Göte wollte auf der Stelle kehrtmachen, musste aber entsetzt feststellen, dass die Tür verschwunden war, verschluckt von hungrigen Mächten, es gab kein Zurück.

Mit gschlossenen Augen – er ist schließlich Beamter! – tastete er sich voran, voller Furcht, ein Schritt nach dem anderen. Über sich hörte er das gequälte Stöhnen geschundener Seelen und er wagte, ein Auge zu öffnen. Hoch oben, in der falschen Unendlichkeit des Raumes sah er blinde Engel, aufgehängt an verdrehten Kreuzen, schweigend die Pein ertragend.

Götes Entsetzen war maßlos, und beinahe hätte er die innere Stimme überhört, die ihm sagte, dass er schon einmal hier gewesen war doch die Erinnerungen kamen zu ihm. Und er wurde erschüttert, denn er erinnerte sich an vieles. Auf einmal. Rote Zimmer, armlose Statuen, Zigaretten… Und dieser namenlose Mann, der hinkend zu ihm kommt und sagt:

„Herbert, da bist Du ja“

Der namenlose Mann hält in der Hand ein altes Buch, er öffnet das Buch wie eine Tür und hinter der Tür ist rot, nichts ausser rot, und engel schweigen in der dunkelheit der hohen gewölben…

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Göte kam zu sich sprungartig. Er stand immer noch in einem Raum, doch es war nicht mehr rot, es leuchtete in hellen Tonen, der Raum war gross und oben hing ein Kronleuchter. Weit am Ende des Raumes wölbten sich mehrere Treppen. Und er hörte, dass er nicht allein war. Er hörte Schritte und erhörte eine Stimme.

Er hörte Schritte und erhörte eine Stimme. Die Stimme kam ihm bekannt vor, aber er sah niemand. Nur die Schritte, nur die Stimme. Die Stimme könnte von seiner Mutter sein. Das ist aber gar nicht möglich. Nach langem warten sieht er eine Frau.
Sie ist jung und sehr schön. Es ist seine Mutter, wie er sie nur von Bildern kennt. Seine Mutter, vor seiner Geburt.
Das kann nicht sein, sie ist ja schon über 10 Jahren tot.
Die Frau bleibt stehen, lächelt und scheint zu warten. Göte geht ganz langsam auf die Frau zu. Der Kronleuchter wird heller.

Er erinnert sich an alle Fotos, die er gesehen hatte, er erinnert sich an seine Kindervorstellungen, als er mit diesen Fotos sprach, er erinnert sich an vieles…

Und die Frau, seine Mutter, diese engelhafte Erscheinung nähert sich zu ihm und sagt: „Da bist du ja, Herbert“.

Göte ist verwirrt, er versteht nicht, warum seine Mutter ihn mit einem anderen Namen nennt.

„Mutter, ich bin’s, Johannes“, sagt er verzweifelt.

„Ich weiss, wer du bist, Herbert“, sagt die Frau. „In der Wirklichkeit bist du…“

Der Kronleuchter wird heller und Göte sieht plötzlich viele Frauen. Sehr verführerisch und Göte ist ja auch nur ein Mann, und so greift er zu, bei einer sehr willigen Blonden, die er sich zuvor ausgedehen hat.


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Doch was für eine disaströse Enttäuschung, ja eine unendliche Disillusion muss er erleben, als die willige Blonde plötzlich sich als ein Ausschnitt aus einer einschlägigen bunten Zeitschrift erweist.

Verwirrt zerfetzt Göte die ausgeschnittene Blonde und greift nach einer Brünette, die sich weiter im Raum wellenartig gen Göte bewegt…

Als er bei der blonden Frau ist, erkennt er sie.
Es ist Brigitte Bardot in jungen Jahren. Sehr schön und sehr
verführerisch. Auch die andern Frauen sind bekannte Gesichter.
Alles Frauen aus der Vergangenheit, hier in der Gegenwart.
Auch wenn ihn diese Frauen sehr interessieren, eigentlich möchte er mit seiner Mutter sprechen.

Was ist los, jetzt flackert der Kronleuchter?

Der Kronleuchter flackert und bebbt, und Göte erinnert sich an einen anderen Kronleuchter, in Versailles, der einst aus einem unverständlichen Grunde gefallen sein sollte.

Und nun steht Göte unter dem sich wankenden Candelabrum, und weiss sich nicht zu entscheiden, ob er sich bei seiner Mutter, oder doch bei Brigitte Bardot die Rettung suchen soll. Die letztere spitzt ihre wunderbaren Lippen zu und ruft.

sie ruft, aber Göte versteht kein Französisch.
Er läuft zur Mutter, sicher ist sicher. Nur Mutter kann
jetzt helfen.

Doch Mutter spricht ebenso Französisch.

„Aber Maman“, – sagt Göte, – „was sagst Du denn, ich kann Dich nicht verstehen“

Und dann sieht er, es ist gar keine Mutter, es ist ein Buch, der auf dem Tisch liegt und das Buch ist in verschiedenen Sprachen geschrieben.
Jedes Kapitel in einer andern Sprache. Zwischen den Kapiteln ist jeweils eine rote Seite. Auf dem Deckblatt ein langer Titel. Jedes Wort in einer andern Sprache. Ein Wort kann er sofort verstehen „Babel“. Im Saal sind alle Frauen verschwunden. Der Kronleuchter ist wieder ganz hell und flackert nicht.

Göte blättert zum ersten Kapitel um und im hellen Licht liest folgendes:

göte

P.S.
ps

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16 Kommentare zu “Flug der Willkürien (eine interaktive Geschichte) fertig

  1. He, he, das macht Spass!
    Ich komme heute Abend nochmals…

    pocemon

  2. Text und Bilder passen gut zusammen.
    Eine schöne Geschichte!

    • Danke, eben habe ich noch PS eingebaut 🙂

      • Das PS war ein Spass, aber Deine Lösung ist super.

        Macht Spass so eine Zusammenarbeit via Blog und Internet.

        Ich sehe immer mehr Möglichkeiten, dank Intrnet und die Kreativität wird gefördert von Land zu Land.

        Vermutlich hätte Schwitters auch ein Blog geschrieben.

      • Ja, da bin ich mir sogar 100%ig sicher, dass Schwitters ein Blog geschrieben hätte. Denn im Internet könnte er sich komplett realisieren mit seinem Gesamtkunstmerz.

        Mir hat es auch viel Spass gemacht, mit Dir und anderen die Geschichte zu schreiben!

        Machen wir bald weiter 🙂

  3. Ich muss uns jetzt mal loben, ich denke, das haben wir gut hingekriegt.

    Besonderen Dank an dich für die Idee, die gelungene Umsetzung und die passenden Fotos!

  4. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Vielen Dank, hat mich gefreut teilzunehmen.

  5. Da habt ihr etwas sehr Interessantes zustande gebracht.
    Schon erstaunlich, wie einer nach dem andern in die Stimmung hineinspringt und natürlich die Illustration unterstreicht das Geheimnissvolle der Geschichte und Aktion meisterlich.
    Hut ab, weiter so.
    🙂

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