Merzmensch

DADAistisches und dadaLOSES

Der falsche Wilhelm oder Berichterstattung heutzutage

6 Kommentare

Von Presseschauer habe ich erfahren, wie heutzutage Qualitätsjournalismus funktioniert.

Naja, eigentlich, hat es der weise TITANIC bereits abgebildet:

1211a-infogesellschaft
Quelle: TITANIC

Jedenfalls, ein anonymer Autor des berühmtberüchtigten BILDBlogs hat sich ein historisches Experiment erlaubt. Historisch nicht im Sinne von Aristoteles (Dichter vs Wahrheit), sondern im Sinne der unwiederzurückbringenden Tatsächlichkeit.

Nein, ich fange mal anders an.

Es gibt ein japanisches Märchen über einen kleinen Jungen, der so einen langen Namen hatte, dass, als er in einen Brunnen fiel, er nicht mehr zu retten war, weil die Kinder immernoch seinen Namen in ihren Hilferufen aufzählten.

Der neue Bundesminister für Wirtschaft und Technologie Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg ist zwar nicht in Brunnen gefallen, ist aber laut Wikipedia reich an Vornamen.

Und zwar:

Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg ([…] weitere Vornamen Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester[1])

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Karl-Theodor_Freiherr_von_und_zu_Guttenberg

180px-Guttenberg-800
Quelle: Wikipedia

So sagt Wikipedia am 11. Februar 2009, um 17:29:15. Also, gerade jetzt.

– Ist denn das Datum und auch die Zeitangabe bei einem Nachschlagewerk relevant? – fragt Ihr mich.

– Ja, – antworte ich.

Denn der bereits erwähnte Anonym aus dem BILDBlog hat sich eines Abends, genauer gesagt, am 8. Feb. 2009 um 21:40 eine Freiheit erlaubt (wir leben ja in einem Freiheitsstaat [wenn auch nicht in Freistaat]):

er hat in diese lange Namenskette einfach und dezent einen zusätzlichen Namen hineingeschmuggelt:

Wilhelm

Er dachte, er habe sich nur Spass erlaubt, doch welch Wunder – innerhalb von 24 Stunden hat sein Wilhelm eine grosse Reise durch die Qualitätsorgane der qualitätsjournalistischen Qualitätspresse durchgegangen.

Nicht nur BILD-Zeitung nannte den Herrn von und zu Guttenberg beim falschen Namen
guttenberg
Quelle: BILDBlog

Sondern auch, wie der Anonym selbst schreibt:

„Wilhelm“ ist der Name, den ich in die Minister-Biografie reinmogelte – und der sich innerhalb von 24 Stunden rasant quer durch die deutsche Medienlandschaft verbreitete. Am Morgen nach meiner Wikipedia-Änderung war er überall zu lesen: Bei Handelsblatt.com zum Beispiel, bei heute.de und rp-online.

„Spiegel Online“ schrieb sogar, der neue Minister würde sich selbst mit dem Namen vorstellen, den ich ihm wenige Stunden zuvor gegeben hatte: „Eine beliebte Journalistenfrage an ihn ist jene nach seinem kompletten Namen. Ob er den bitte einmal aufsagen möge. Manchmal macht er das dann auch. Und los geht’s: ‚Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Wilhelm Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg.‘ Er sei aber so erzogen worden, dass nicht der Name, sondern die Leistung zähle, fügt er dann regelmäßig an.“

Quelle: http://www.bildblog.de/5695/wie-ich-freiherr-von-guttenberg-zu-wilhelm-machte/

Nach einiger Zeit wurde Wilhelm in Wikipedia entdeckt und wieder entfernt. Doch die Gedruckte blieb in bester Wilhelminischen Tradition bestehen. Und so geistert der falsche Wilhelm durch die Medien. Er ist nicht mehr aufzuhalten.

Wenn Ihr ihn seht, dann wisst Ihr Bescheid: TITANIK hatte Recht gehabt.

P.S. Die vom Anonymen angegebenen Online-Quellen haben bereits stillschweigend alle Fehler bereinigt. Nur Spiegel-Online hatte den Mut gehabt, den eigenen Fehler zuzugeben:

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels wurde Karl-Theodor zu Guttenberg fälschlicherweise der weitere Vorname Wilhelm zugewiesen. Dieser Fehler kam durch eine Manipulation der Internet-Enzyklopädie Wikipedia und mangelnde Nachrecherche von SPIEGEL ONLINE zustande; da Wikipedia Kooperationspartner von SPIEGEL WISSEN ist, könnten unsere Leser auch dort kurzzeitig auf den falschen Namen gestoßen sein. Aufgrund eines Fehlers der Nachrichtenagentur dpa wurde außerdem behauptet, das Familienunternehmen Guttenberg sei ein Fachgroßhandel für Trockenbau – tatsächlich handelt es sich um eine Vermögensverwaltungsgesellschaft. Die Fehler wurden inzwischen bereinigt. Wir bitten um Entschuldigung.

Quelle: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,606315,00.html

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6 Kommentare zu “Der falsche Wilhelm oder Berichterstattung heutzutage

  1. Sehr interessanter Beitrag, sauber gemacht.
    Vielen Dank.

    pocemon

  2. Die Geschichte hatte ich schon im BILDblog bestaunt. Allerdings auch ein Hinweis darauf, wie Böswillige sich das Internet zu Nutzen machen könnten, um Leuten direkt zu schaden.

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