Merzmensch

DADAistisches und dadaLOSES

Einstürzenden Neubauten und Dadaismus

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Versuch einer intertextuellen Analyse. Wie Spieler bereits richtig anmerkte, der Leader der Gruppe „Einstürzenden Neubauten“, Blixa Bargeld, wählte seinen Pseudonym nach dem Dadaist Johannes Theodor Baargeld. Und wie Trithemius zurecht erwähnte, Baargeld ist wiederum ein Pseudonym, eine Anspielung auf seine finanzielle Unterstützung von Vertretern des Kölner Dadaismus, vor allem Max Ernst. In ihrem neusten Album „Alles wieder offen“ (Amazon-Link) haben die Einstürzenden Neubauten Dadaisten angesprochen. Namentlich. Mit vielen Zitaten. Vor allem im Lied „Let’s Do it a Dada“ (Einstürzende Neubauten – Let’s Do It A Dada – Alles Wieder Offen Tour 2008) Hier ist der Voll-Text des Liedes Let’s Do it a Dada, genommen von der offiziellen Seite alles-wieder-offen.com.

Let’s Do it a Dada Ba-ummpff! Let’s do it, let’s do it, let’s do it a Dada! Bei Herzfeldes hab ich mal gefrühstueckt in Steglitz oder Wilmersdorf mit Wieland hab ich mich gestritten mit Wieland, nicht mit John Ich reichte ihm die Schere Ich kochte ihm den Leim In keinem Diktionär hat es den Eintrag je gegeben nur du und ich my Darling wir wissen was es wirklich heisst Let’s do it, let’s do it, let’s do it a Dada! Ich spielte Schach mit Lenin Zürich, Spiegelgasse Ich kannte Jolifanto höchstpersönlich hab mit dem Urtext selbst einmal gebadet Ich spielte mit Anna Ich spielte mit Hannah Ich weiss wo der Kirchturm steht Ich reichte ihr das Küchenmesser Ich kochte ihr den Leim Hawonnnti! Let’s do it, let’s do it, let’s do it a Dada! Hülsendada Propagandada Monteurdada Zentrodada Das Oberdada Ein grosses Ja ein kleines Nein Ich trank ne Menge trank mit George war trotzdem nicht zur Stelle an der Kellertreppe morgens am Savignyplatz Ich half Kurt beim Bauen seiner Häuser No. 1, 2 und 3 Ich reichte ihm die Säge Ich kochte ihm den Leim Aaah! Signore Marinetti! Back from Abyssinia? Just you and me my darling we know what it really means Let’s do it, let’s do it, let’s do it a Dada!

Lassen wir uns in die Welt von Dada versinken. Es fängt schon mal gut an, mit „Ba-ummpff„. Der Anfang ist das Ende jeden Anfangs, wie ein Weiser Mann Kurt Schwitters sagte. Denn dieser Anfang ist das Ende des berühmten Lautgedichtes Karawane von Hugo Ball, dem berühmten Vertreter Züricher Dadaismus. Hier ist der Original-Text: Und Original-Aufnahme (gleich der erste Eintrag): http://www.ubu.com/sound/ball.html

Bei Herzfeldes hab ich mal gefrühstueckt

Herzfeldes – zwei Brüder, Wieland Herzfelde und John Heartfield (eigentlich Helmut Herzfelde). Der eine – avantgardistische Publizist, der andere – Pionier in der Technik von Foto-Kollage, haben beide sich sehr am Dadaistischen Treiben beteiligt und zählen eher zum Berliner Dadaismus.

Ich spielte Schach mit Lenin Zürich, Spiegelgasse

Das sagt Euch ja alles: Zürich, Spiegelgasse war einerseits Adresse von Cabaret Voltaire, andererseits Wohnsitz von Uljanov-Lenin. Man erzählt, dass Lenin des öfteren bei Cabaret Voltaire zu Gast war, mit Tristan Tzara Schach spielte, aber von den Dadaisten an sich nicht unbedingt begeistert war. Einer anderen Legende zufolge soll er sogar Polizei gerufen haben, weil die Nachbarn im Cabaret Voltaire zu laut waren. Wohnung von Lenin in Zürich (source: wiki) Zu diesem Thema hat Tom Stoppard eine Absurdeske „Travesties“ geschrieben, über James Joyce, Lenin und Tzara, die in Zürich auf einander treffen. Doch zurück zu unseren Neubauten.

Ich kannte Jolifanto höchstpersönlich

Anspielung auf das gleiche Lautgedicht „Karawane„.

hab mit dem Urtext selbst einmal gebadet

Mit Urtext ist wohl Kurt Schwitters mit seiner „Sonate in Urlauten“ gemeint. Mit „gebadet“ aber vielleicht auch Johannes Baader, der einst mit Lufthansa Flugzeug einen Kongress der Christus-Wiedergänger aufmischte, sich als Christus höchstpersönlich präsentierte und wieder verschwand, zur grossen Verwirrung der Sektanten.

Ich spielte mit Anna

„Man kann Dich auch von hinten lesen, und du, du herrlichste von allen, du bist von hinten wie von vorne „a-n-n-a“, schrieb Kurt Schwitters in seinem wohl berühmtesten Gedicht „An Anna Blume„.

Ich spielte mit Hannah

Hannah Höch, Künstlerin und Muse der Dadaisten. Eigentlich hiess sie Johanna oder Hanna, doch Kurt Schwitters hat sie umbenannt. Denn „H-a-n-n-a-h“ kann man ebenso von hinten lesen.

Ich weiss wo der Kirchturm steht

Zitat aus dem gleichen Gedicht „An Anna Blume“: Du bist – – bist du? – Die Leute sagen, du wärst, – lass sie sagen, sie wissen nicht, wo der Kirchturm steht.

Ich reichte ihr das Küchenmesser

Ich denke, es ist eine Allusion auf die Kurzerzählung von Schwitters „Zwiebel„: Es war ein sehr begebenwürdiger Tag, an dem ich geschlachtet werden sollte. […]Der Schlächter war auf halb sieben Uhr bestellt […] Wir hatten eine geräumige Diele ausgewählt, so daß viele Zuschauer bequem teilnehmen konnten. […] Die Diele war sauber gefegt und gewaschen. Zwei lange, weißgescheuerte Tische hatte ich an die eine Seitenwand stellen lassen; darauf standen etliche Schalen, Messer und Gabeln.

Ich kochte ihr den Leim

Leim nutzte man sowohl für die Kollagen als auch für die anderen dadaistischen Installationen.

Hülsendada Propagandada Monteurdada Zentrodada Das Oberdada

Hülsendada so nannte Kurt Schwitters kritisch das Berliner Dada, geführt von Richard Huelsenbeck: Es gibt zwei Gruppen von Dadaisten, die Kern- und die Hülsendadas, welch letztere besonders in Deutschland wohnen. Schwitters kritisierte Berliner Dada als eine kernlose, schismatische Richtung, die sich eher in die höchstpolitische Richtung abgedriftet ist, anstatt, wie Kerndada, sich mit der eigenen Weiterentwicklung der Kunst zu beschäftigen. Propagandada – Berliner Dadaist George Grozs, der zum Sprachrohr des Proletariats geworden war. (Dies war übrigens auch ein Kritikpunkt von Schwitters: anstatt die Kunst für alle zu schaffen, warfen Berliner Dadaisten dabei, Kunst für Proletariat zu machen, was die Idee der Kunst völlig pervertierte). Monteurdada – John Heartfield, s.o. Zentrodada – Johannes Theodor Baargeld, s.o. Oberdada – Johannes Baader, s.o.

Ich trank ne Menge trank mit George, an der Kellertreppe morgens am Savignyplatz

Wiederum, George Grozs. Savignyplatz (West-Berlin) war sein letzter Wohnort.

Ich half Kurt beim Bauen seiner Häuser No. 1, 2 und 3

Die Häuser sind eigentlich die Merzbaus, die Kurt Schwitters als die Kulmination seines Schaffens ansah. Es gab insgesamt mehrere Merzbaus: in Hannover, und dann während des Exils in Norwegen und England. Merzbau von Schwitters, Quelle: http://www.sprengel-museum.de

Aaah! Signore Marinetti! Back from Abyssinia?

Marinetti war der italienische Futurist, der es doch sehr gerne mit der Ästhetik des Krieges hatte… Daher wurde er von den Dadaisten nicht unbedingt gemocht, vor allem im Kontext des Ersten Weltkrieges. Mit Abyssinia ist wohl seine Teilnahme am Italienisch-Äthyopischen Krieg gemeint, an dem sich gar freute: „Der Krieg ist schön, weil er dank der Gasmasken, der schreckenerregenden Megaphone, der Flammenwerfer und der kleinen Tanks die Herrschaft des Menschen über die Maschine begründet.“ So, und wenn Ihr noch die Videoaufnahme des Konzerts sieht, bemerkt ihr auch die Hommage an Hugo Ball, den ich bereits vorhin erwähnte. Uff, ich denke, das wars soweit. Aber falls Ihr noch irgendwelche Intertextualitäten und Anspielungen bemerkt, herein damit!

Fortsetzung: Teil 2 (mit Hinweisen von Blixa Bargeld)
Alte Version: http://merzmensch.blog.de/2009/10/01/einstuerzenden-neubauten-dadaismus-7079150/

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20 Kommentare zu “Einstürzenden Neubauten und Dadaismus

  1. Ich ziehe meinen Hut und werfe ihn in den Ring, unglaublich, wie schnell du diesen gehaltvollen Eintrag verfasst hast! 🙂

  2. Tolle und umfassende Analyse, vielen Dank! Zu Hannah Höch wäre noch zu sagen, dass auch sie wunderbare Collagen fertigte (ich kochte ihr den Leim). Als Frau ist sie ein bisschen untergegangen im Männerverein Dada.
    Zum Verhältnis von Kurt Schwitters zur Berliner Dadagruppe eine Anekdote, deren Quelle ich leider nicht präsent habe. Schwitters fuhr nach Berlin, um Grosz zu treffen, der sein Atelier unterm Dach hatte. Schwitters stieg hinauf, klingelte bei Grosz, der öffnete, und Schwitters sagte: Guten Tag, Herr Grosz, ich bin Kurt Schwitters. Da versetzte ihm Grosz einen Faustschlag und schlug die Tür zu. Er wollte nichts mit dem Bürger und Hausbesitzer Schwitters zu tun haben.

    • Oh, das ist sehr authentische Anekdote 🙂

      Schwitters wurde ja von Berliner Dadaisten als Spitzweg und Caspar David Friedrich der dadaistischen Revolution. Er war zu spiessig für Berliner Dada. Aber für ihn war Berliner Dada nicht mehr Kunst, sondern Politik.

      Danke für die Ergänzungen!

  3. Das ist aber wirklich super.
    Wenn ich ein Dada-König bin, oder war, bist Du
    Dada-Kaiser!
    Werde einen Link herstellen.
    Bravo und l.g.

    poc

    • Dadanke! Dada inspiriert so richtig. Vor allem bin ich glücklich, dass Dada auch in modernen Kulturerscheinungen weiterexistiert.

      • Schick es mal nach Zürich, die können es vielleicht verbreiten. Würde sich auch ausgezeichnet für ein Unterrichtseinheit Deutsch eignen.

      • Hehe, das wäre ja grossartig, wenn man Deutsch an den Schulen mit Dadaisten und Avantgardisten unterrichtet! Das ist eigentlich das beste, was man sich zum Thema Deutschunterricht vorstellen kann.

      • Ich habe leider keinen Schimmer, welchen Kultusminister man davon überzeugen könnte.

      • Ich denke, solche Kultusminister gibt es nicht mehr. Denn die gegenwärtige Kultusminister haben wenig mit Kultur zu tun. Eher so mit Ministerien.

      • Eben weil sie keinen Schimmer haben, könnte ich mir vorstellen, sie dieser methodisch einwandfreien Darstellung ködern zu. (nur ein spontaner Gedanke)

      • Ein sehr schöner Gedanke. Ich denke, wir müssten uns irgendwie in die Bildungseinrichtungen infiltrieren und Dada streuen 🙂

        *Oh, ich hoffe, diese Aussage wird nicht irgendwie von Mr. Scheublä und seinen Jüngern falsch verstanden.

  4. Dada lebt, keine Frage. Es freut mich, wenn „Einstürzende Neubauten“ weiter unsere Dada-Subkultur pflegen. Es lebe Blixa Bargeld. Ein starker Beitrag!

  5. hervorragende arbeit!

    kleine anmerkungen, zu obskuren referenzen (einfach nur als links):
    …mit dem urtext selbst einmal gebadet…
    http://www.google.com/search?client=safari&rls=en&q=hans+arp:+der+gebadete+urtext&ie=UTF-8&oe=UTF-8
    …weiss wo der kirchturm steht…
    http://www.nga.gov/exhibitions/2006/dada/images/artwork/202-027.shtm (zoom in and read!)
    …kuechenmesser…
    http://www.flickr.com/photos/honeybunnyandy/2559256586/ und:
    http://www.moma.org/explore/multimedia/audios/29/704
    …Ein grosses Ja ein kleines Nein…
    http://www.buecher.de/shop/Farbenlehre/Ein-kleines-Ja-und-ein-grosses-Nein/Grosz-George/products_products/detail/prod_id/26392672/
    …an der Kellertreppe…
    ist eine anspielung an Grosz’s unfall zum tode
    …Just you and me my darling
    we know what it really means
    Let’s do it, let’s do it, let’s do it a Dada!…
    tja, das ist schwieriger zu finden, vielleicht im TAZ archiv?

    herzlichst

    blixa

    • Vielen Dank für die Referenzen – die haben mir wirklich gefehlt! Das mit „Let’s do it“ werde ich noch nachforschen.

      Ich habe erst im Nachhinein Ihren Podcast über die Genese von „Let’s Do it a Dada“ entdeckt (musste ich eigentlich noch früher hören) – da war auch vieles erklärt. Gibt es übrigens neue Podcasts? Ich fand sie wunderbar und hörte vielmals in beiden Sprachversionen.

      Und auch habe ich mich gefreut, dass Dadaismus weiterhin floriert. Sie haben mir übrigens mit Ihren Werken wieder einen Inspirationsschub gegeben bei meiner Doktorarbeit über Dada, dafür bin ich Neubauten sehr dankbar (ich höre die CDs jedesmal bevor ich anfange zu schreiben, das hilft immens).

      Ich bereue, dass ich die „Einstürzenden Neubauten“ so spät entdeckte, aber nun steht mir nichts mehr im Wege, die unzähligen Universen der Neubauten zu erforschen.

      Mit herzlichsten Dada-Grüßen,
      Ihr Merzmensch
      P.S. Und die „Blume“ kann man unendlich oft hören und sehen – das wollte ich schon immer sagen. Hat „Blume“ vielleicht gar etwas mit „Anna Blume“ zu tun?

    • Lieber Blixa!

      Es ist entdeckt und gefunden: das geheime à dada! (Petrpan entdeckte den Originalartikel der TAZ)
      http://merzmensch.blog.de/2010/04/14/einstuerzenden-neubauten-dadaismus-teil-8371998/

      Es ist grossartig, dass in Liedern der Neubauten so viel Mysterien und Geheimnisse stecken. Ich bin beeindruckt.

      Merzliche Dada-Grüße!
      Merzmensch

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