Merzmensch

DADAistisches und dadaLOSES

Sapere aude! oder Merzmensch regt sich auf.

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Ich war von PONS immer guter Meinung gewesen:

  • Ihre fundierten und prominenten Wörterbücher sind treue Begleiter jedes Schulkindes.
  • Sie veranstalten grossartigen viralen Kampagnen, die sich sehen lassen können, vgl. Bericht bei Stilstand.
  • Sie führen eine höchst sehenswerte Chartliste unter deutschsprachigen Blogs, in der sie diese Blogs auf Herz und Nieren Wort und Silbe prüfen, und zwar ncht maschinell, sondern redaktionell (sic!)

Kurz, sie dienen der edlen Aufgabe der Aufklärung, die Kant im Jahre 1784 treffend formulierte:

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

Also, mit Aufklärung erhebt sich der Mensch aus seiner durch die geistige Trägheit bedingten Superfizialität, mit Aufkärung werden die Stereotypen überwunden.

Nun bin ich dieser Zielstellung von PONS nicht mehr so sicher. Zumindest nach dem Bericht von Taz über die Neuerscheinungen aus dem Hause PONS.

Es wurden nämlich Schulbücher (Diktat- und Aufgaben-Bücher) gender-getrennt für Mädchen und Jungs veröffentlicht.

„100 Aufgaben, die Mädchen wirklich begeistern“ vs. „100 Aufgaben, die Jungs wirklich begeistern“

In die Epoche der postmodernen Gesellschaft, als man das Thema des Genders an sich bereits hinterfragt, erscheinen Materialien, die Kinder von der Schulzeit aus zur Gender-Stereotypisierung konkret und Superfizialität im Allgemeinen bewegen.

Die Mädchen- und Jungs-Aufgaben unterscheiden sich laut taz nur in Genderthemen.

Die Mädchen-Bücher prägen das weibliche Selbstbild als eine „Fee„, mit Glitzer und Glamour (im kindlich-naiven Kontext). Dagegen werden die Jungs (in Jungs-Bücher) immer auf dem Fussbalfeld positioniert, oder bei irgendwelchen unappetitlichen (sprich: coolen), frechen Spielen.

Die Crossovers, also die Zweifelfälle, als die Mädchen an Jungs und vice versa treffen, sind ebenso symptomatisch:

  • im Mädchen-Buch bekommt Anna (o Graus!) ein Fussball in Hände. Doch „dann kommt Bianca mit einem Malbuch. Schnell wird Anna wieder zum Mädchen“
  • im Jungs-Buch wird der gute Zauberer Simsalabim mit einer bösen Hexe Warzana konfrontiert.

Die Aufgabenstellungen sind auch sehr „personalisiert“.

  • Mädchen-Buch: „Carina und Jana pflücken einen Strauß Blumen. Carina hat 15 rote und 12 blaue Blumen…“
  • Jungs-Buch: „Max und Ben bauen einen Turm aus Bausteinen. Max hat 15 rote und 12 blaue Steine aufeinander gesetzt…“
  • Mädchen malen Madalas
  • Jungs haben Treffpunkt am Fussballplatz

Und PONS erklärt auch noch die Strategie des Mädchen-Buches

Weil Mädchen anders lernen – die erste Lernhilfe, die Mädchen gezielt fördert!

  • Themen wie Freundschaften, Pferde, Meerjungfrauen wecken das Interesse von Mädchen.
  • Die Phantasie und Kreativität von Mädchen wird angeregt mit Aufgaben wie „Mandala malen und errechnen“ und „Blütenblätter ausrechnen und Blumen basteln“. Dadurch wird die Motivation und Konzentration erheblich gefördert.

sowie die Strategie des Jungs-Buches:

Weil Jungs anders lernen – die erste Lernhilfe, die Jungs gezielt fördert!

  • Themen wie Sport, Dinosaurier und Piraten wecken das Interesse von Jungs.
  • Der Bewegungsdrang und Basteleifer von Jungs wird aktiv angesprochen mit Aufgaben wie „Ballwurfrechnen“ und „Hubschraubermaße ausrechnen und nachbauen“. Dadurch wird die Motivation und Konzentration erheblich gefördert. 

 Also werden hier Gender-Rollen fast explizit definiert und geformt. Mädchen sind kreativ, Jungs sind sportlich. Und jegliche „Übergänge“ und gegenseitigen [freundlichen] Übernahmen der Interessen enden (wie an Beispielen oben bewiesen) mit einem Rückzug zu den eigenen Gender-Gefilden.

FAZIT:

Keine übergreifende Kreativität mehr.
Keine Freiheit, anders zu denken.
Eigeninitiativen werden nicht unterstützt.
Interessensfeld wird eingegrenzt.
Anpassung an die Interessensbereiche, die sich angeblich bei Jungs und Mädchen diametral oppositiv zu verorten sind. Diese Anpassung ist ein Versuch, das Lernmaterial an das Kind besser rüberzubringen, damit das Kind die Informationen ohne Barrieren aneignet.

Doch dies wird hier fehlschlagen. Interesse und Motivation werden nicht erweckt, sondern erzeugt (gar erzwungen). Denn vor allem Kinder sind zu solchen Versuchen immer sehr sensitiv. Das, was ihnen vorgekaut wird, werden sie nicht akzeptieren. Das, was für sie „vorgedacht“ ist, werden sie nicht annehmen. Doch wenn ja – dann wird unsere Gesellschaft noch träger im Geiste, flacher und unmündig.

Ob selbstverschuldet?

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