Merzmensch

DADAistisches und dadaLOSES

Einstürzenden Neubauten und Dadaismus. Teil 2

8 Kommentare

Er hat mich kommentiert. Der Meister. Blixa Bargeld.

Doch fangen wir besser so an:

Blixa2Rabsch-small
Blixa Bargeld. Foto by Thomas Rabsch
Quelle: http://www.blixa-bargeld.com

Jede intertextuelle Analyse eines Werkes ist nur dann der Vollständigkeit nah, wenn die meisten in diesem Werke versteckten Hinweise entziffert und entdeckt sind. Oft ist es schwer bis unmöglich, denn der Autor sich als eine schweigende Instanz hinter der Vierten Wand verbirgt. Doch wenn der Autor selbst reagiert?

Vor ca. anderhalb Monaten analysierte ich das Lied/Musikstück/Installation von Blixa Bargeld und seinen Einstürzenden Neubauten „Let’s do it a Dada“. Der Text war voller Zitaten von verschiedenen Dadaisten – und solche intellektuelle Intertextualität ist heutzutage hierzulande leider ziemlich selten. Und (u.A.) daher höchst bewundernswert.

Doch meine Analyse war wahrlich unvollständig. Denn Blixa Bargeld selbst meldete sich zu Wort und gab mir in seinem Kommentar zu meinem Blogeintrag zahlreiche Hinweise,

  1. die ich bei meiner Analyse verpasst habe
  2. die bei der Genese des Liedes eine grosse Rolle spielten.

Hier kommen seine Hinweise, die er als Links postete.

…mit dem urtext selbst einmal gebadet…

Link von BB: http://www.google.com/search?client=safari&rls=en&q=hans+arp:+der+gebadete+urtext&ie=UTF-8&oe=UTF-8.

Lustigerweise, geht man diesem Google-Such-Link nach, findet man sofort das wunderbare Video von Frieling, „Hans Arp: Der grosse Sadist“. Doch gemeint ist das Gedicht von Hans Arp „Der Gebadete Urtext“. Zu meinem Schrecken finde ich gerade in keiner meiner Anthologien diesen Text. Ich werde daher morgen die Bibliothek überfallen.

Der Text wird an diese Stelle kommen: ist lang, daher habe ich ihn gesondert veröffentlicht: http://merzmensch.blog.de/2009/11/19/hans-arp-gebadete-urtext-7413376/

Weiter geht’s.

…weiss wo der kirchturm steht…

Link von BB: http://www.nga.gov/exhibitions/2006/dada/images/artwork/202-027.shtm

Es handelt sich um die Kollage von Hannah Höch „Meine Haussprüche“ (1992).
Wenn man das Bild zoomt, sieht man Zitat von Kurt Schwitters:

lasssiesagen

„Lass sie sagen, sie wissen nicht, wie der Kirchturm steht. Kurt Schwitters“ (Zitat aus dem Gedicht „Anna Blume“ von Schwitters)

…kuechenmesser…

Links von BB: http://www.flickr.com/photos/honeybunnyandy/2559256586/ und:
http://www.moma.org/explore/multimedia/audios/29/704

Das erste Bild ist die Fragment der Kollage „Schnitt mit dem Küchenmesser Dada durch die letzte Weimarer Bierbauch-Kulturepoche Deutschlands“ von Hannah Höch.

Und der signifikante Audiokommentar des Museum of Modern Arts, New York zu diesem Werk:

http://www.moma.org/flash/media_player.swf?assetURL=http%3A%2F%2Fwww.moma.org%2Faudio_file%2Faudio_file%2F705%2F603_Cut_With_the_Kitchen_Knife.mp3&imageURL=http%3A%2F%2Fwww.moma.org%2Fimages%2Fdynamic_content%2Fexhibition_page%2F22050.jpg&linkURL=http://www.moma.org/explore/multimedia/audios/29/704&enableAutoplay=false

Der Kommentar thematisiert u.A. die Rolle der Frau in der damaligen Gesellschaft, denn auch die Dadaisten, egal, wie zukunftsweisend sie waren, wollten die männlichen Vertreter stets die erste Geige spielen.

Wie Dieter Elger in seinem Buch „Dadaismus“ schreibt,

…Bezeichnend dafür ist auch das zweifelhafte Lob Hans Richters in seinem Erinnerungsbuch „Dada Profile“, in dem er vor allem ihr [Hannah Höchs, – M.] Talent „als Vorsteherin der Atelier-Abende bei Hausmann“ lobte, bei denen sie sich „durch die belegten Brötchen plus Bier und Kaffee, die sie trotz Geldmangel auf irgendeine Weise hervorzuzaubern verstand“, unentbehrlich gemacht habe. Ihrer Teilnahme an der „Ersten Internationalen Dada-Messe“ 1920 stimmten George Grosz und John Heartfield erst nach massiven Interventionen durch Raoul Hausmann zu.
[Elger, S. 44]

In dieser Photomontage (die auf der „Ersten Internationalen Dada-Messe“ gezeigt wurde) jedoch schneidet Hannah Höch mit einem für die damals (ob nur damals?..) traditionelle Frauenrolle symbolhaften Küchemesser „die letzte Weimarer Bierbauch-Kulturepoche Deutschlands„. Was heutzutage als Ironie klingt, war damals die IRONIE. Sie bügelte (man verzeihe mir wieder Genderstereotypen) die gesellschaftlichen Evereste mit dem Bügeleisen des Sarkasmus. Wäre das Werk von einem Dadaisten geschaffen, würde es lediglich geschichskritisch sein. Von einer Dadaistin jedoch assembliert, ist es viel mehr – es ist die Kritik an der Zeit, an der Geschichte, an der Kunst, an den verspielten und verwirkten Genderrollen. Andererseits steht natürlich Messer (=“Schnitt“) unter dem Zeichen der Genese des Werkes selbst.

Von daher ist der Text-Abschnitt

Ich spielte mit Anna
Ich spielte mit Hannah
Ich weiss wo der Kirchturm steht
Ich reichte ihr das Küchenmesser
Ich kochte ihr den Leim

nicht Kurt Schwitters, sondern Hannah Höch gewidmet. Und ich finde es grossartig, denn sie hat es verdient, als eine Dadasophin.

…Ein grosses Ja ein kleines Nein…

Link von BB: http://www.buecher.de/shop/Farbenlehre/Ein-kleines-Ja-und-ein-grosses-Nein/Grosz-George/products_products 26392672z

Es handelt sich dabei um die Autobiographie von Georg Grosz. Die Zeit hat einige Auszüge davon veröffentlicht (wenn auch monsterhaft formatiert).

…an der Kellertreppe…

Hinweis von BB: „ist eine anspielung an Grosz’s unfall zum tode“

Zitat aus der Wikipedia (http://de.wikipedia.org/wiki/George_Grosz):

1959 kehrte Grosz mit seiner Frau aus den USA nach Deutschland zurück, wo er wenig später im Juli nach einem Treppensturz in Folge von Trunkenheit starb.

…Just you and me my darling
we know what it really means
Let’s do it, let’s do it, let’s do it a Dada!…

Hinweis von BB: „tja, das ist schwieriger zu finden, vielleicht im TAZ archiv?“

Nun, die Archive der TAZ sind leider kostenpflichtig. Und in der Indipedia (Wikipedia der alternativen Musik) steht nur wenig darüber. Sogar in dem sehr hörenswerten (und immer wiederhörenswerten) Podcast der Neubauten über dieses Lied:

ist gerade darüber nichts gesagt (auch wenn andere Themen und Dadaisten sehr wohl erwähnt werden, und Kurt Schwitters sogar im Original zitiert!)

In einem Interview habe ich Hinweise gefunden, worauf Blixa Bargeld mit seinen geheimnisvollen Andeutungen zielt (unterstrichen von mir):

Womit wir zum Titel „Let’s Do it a DaDa“ kommen, einem persönlich gefärbten Kapitel Kunstgeschichte.
Bargeld: Ja (lacht). Im Leben eines jeden Menschen muss es eine Periode geben, in der er von dem fasziniert ist, was als Dadaismus bezeichnet wird. Bei mir war das auch so. Und „Let’s Do it a Dada“ ist wirklich kein Text, an dem ich lange feilen musste. Das war ein Lautgedicht und dann musste ich nur noch die Fakten checken, um zu sehen, dass ich keinen sachlichen Fehler mache.

Ist es für einen Liedtext wichtig, historische Fakten, wie den Wohnort des Dadaisten Wieland Herzfelde korrekt wiederzugeben?
Bargeld: In dem Fall sind akkurate Fakten gerade der Witz. Noch heute bekommt man bei Wikipedia und in den Büchern über Kunstgeschichte aufgetischt, dass der Name DaDa zufällig im Wörterbuch gefunden worden sei, als Bezeichnung für das Stammeln eines Kindes oder ähnlichen Kram. Aber vor ein paar Jahren hatte sich jemand die Mühe gemacht herauszufinden, was DaDa wirklich heißt. Es gab ein paar Meldungen in entsprechenden Zeitungen, ich habe es in der taz gelesen und seitdem ist es wieder vergessen. Überall steht noch derselbe alte Müll. Deswegen habe ich gedacht, setzten wir dem doch mal ein Denkmal, wir veröffentlichen dieses Rätsel. Ich verrate die Lösung nicht, die kann jeder selbst nach recherchieren. Ich warte mal, was passiert.

… und ob möglicherweise der Eintrag im Wikipedia geändert wird.
Bargeld: Ja, das wäre ganz schön, aber scheinbar besteht kein Bedarf daran, die gestrickte Legende zu unterminieren.

In dem Lied raunen Sie einer Geliebten zu, nur „Du und ich mein Liebling, wir wissen was es heißt.“ Als würde Kunst zu einer Geheimsprache zwischen Liebenden werden. Ist vielleicht nur so Liebe zwischen Künstlern möglich?
Bargeld: Das klingt wie eine gute Frage, aber ich wüsste nicht, wie ich sie beantworten soll.
Quelle: http://www.planet-interview.de/blixa-bargeld-15112007.html

Also, geht es hier um das Wesentliche: um die Bedeutung von „Dada“. Ich habe mehrere Bedeutungen bzw. Lösungen parat, werde aber weiter suchen. Denn nach diesem Interview fühle ich mich geradezu angesprochen 🙂 Und die Suche ist nicht zu Ende.
Wenn auch dieser mein Beitrag heute zu Ende ist.

***
Gut, zum Dessert zeige ich die bereits ältere Werbung von Neubauten. Denn die Gruppe hatte geniale Idee: wieso sich vor den Plattenfirmen bücken, wenn man die eigenen Records selbst finanzieren kann. Die Zuhörer waren diesmal als „Supporter“: für einen finanziellen Beitrag hatten die Hörer mehrere CD-Unikate pro Jahr bekommen. Und mit diesem Beitrag konnten die CDs für das breite Publikum finanziert werden.

Das ist, wie ich finde, wohl die beste Strategie, wenn man komplett unabhängig von der prosaischen Aussenwelt die eigenen Werke frei und unvoreingenommen kreieren kann. Ich wünschte mir, dass andere Gruppen diesem Beispiel folgen würden.

Auf jeden Fall, hier ist die Werbung, ein Aufruf auf die Genossen, sozusagen 🙂

Gute Nacht! Und ich werde weiter nach Hinweisen suchen.

P.S. Und über die Einstürzenden Neubauten werde ich unter dieser Rubrik schreiben (denn ich habe ja auch schon einiges analysiert ;-)): http://merzmensch.blog.de/tags/neubauten/

http://merzmensch.blog.de/2009/11/18/einstuerzenden-neubauten-dadaismus-teil-7410028/

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8 Kommentare zu “Einstürzenden Neubauten und Dadaismus. Teil 2

  1. Mein Lieber, wenn es nach mir ginge, hättest du jetzt schon einen Doppel-Dada-Doktor! 🙂

    Ich freue mich auf weitere spannende Rätsel und Enthüllungen; Einträge wie dieser stimmen mich wieder optimistischer bezüglich der Zukunft von blog.de.

    Grüße auch an Blixa und Dada-Daddy Pocemon!

    • Dadanke! 🙂
      Es war sehr spannend, die Informationen zu sammeln!
      Ich werde vielleicht die Neubauten in meine Doktorarbeit einbeziehen.

      Und ich freue mich, Dich wieder hier zu sehen! 😀

  2. Deine wissenschaftliche Forschungen muß man letztlich veröffentlichen.

  3. hey, ich bin ja nicht der Eizige, der sich ausgiebeig mit dem Lied befassen hat- Schön! Ich bin auf sehr änliche Ergebnisse wie du gekommen, einiges hatte ich „richtig“ einiges „falsch“ aber im Grunde hatte ich die selben Kentnisse. Dein Blog hat die letzten Lücken (und Fehler)geschlossen.

    DANKE!!!

    Jetzt werde ich mich auf die Suche nach der Mysteriösen bedeutung von dem Wort „DaDa“ begeben…

    • Das ist grossartig und freut mich sehr! Das Lied verdient es einfach, analysiert zu werden 🙂

      Bei „DaDa“ bin ich auch gespannt, es soll angeblich irgendwo in TAZ-Archiven ein Interview verfügbar sein, in dem Blixa über Dadaismus erzählte. Wenn Du was findest – und wenn Du einen Blog hast – werde ich auf meinem Blog gerne darauf verlinken!

      Merzliche Dada-Grüße,
      Merzmensch

  4. Danke. Viel zu oft nimmt man solche Infos hin und kostet sie aus, aber läßt denjenigen, der sie entstehen ließ es nicht wissen. Deshalb von mir einfach: Danke.

    • Oh ja! Es ist immer sehr spannend, rauszufinden, wie die Autoren in ihren Werken so viele Bezüge verstecken. Und dann von den Autoren die Rückmeldung – mit weiteren Hinweisen – zu bekommen, ist besonders wertvoll.

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