Merzmensch

DADAistisches und dadaLOSES

G-Man

22 Kommentare

Wenn es heute um die sogenannten „Killerspiele“ die Rede ist, da denkt man, diese digitalen Code-Klumpen machen den Menschen zu einem Gewalttäter. Diese Erklärungen sind miserablen Versuche, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit von Hauptproblemen bei Gewalt wegzulenken, und die Hauptprobleme stecken bei Weitem nicht in PC-Spielen, sondern in der Gesellschaft, in der Familie, im Bildungssystem. Da es aber selbstverständlich ungemütlich ist, solche heiligen Werte in Frage zu stellen, versucht man Computerspiele als Sündenbock zu nutzen, nach dem Motto: „schadet keinem, ausser der kleinen pickeligen Gruppe der spätpubertärer PC-Spieler, die sowieso nicht mitreden dürfen, ob ihrer gesellschaftlichen Desintegrität“.

Und so bleibt die Welt der PC-Spiele eine zweitsortige Kultur, eine Kultur, Unterhaltungsmedium, so wie auch die Comics in Deutschland. Das hat uns übrigens die Aufklärung verbockt: „Denke, glaube an Deine Vernunft!“ Da der Mensch aber engstiernig und einspaltig ist, glaubt er lieber an den Text (den jemand Vernünftiger geschrieben haben soll). Textfixiertheit ist ikonoklastisch. Da man aber heutzutage auch kaum liest, wird der Mensch textlos, bildlos, ideenlos.

Doch genug depressiven Worte. Es lebe die Lyrik!

Denn beispielweise Half-Life 2 (von Valve Corporation) mutet sehr poetisch an. Schaut Euch zunächst diese Einblicke in die postapokalyptische Dystopie (man hat die Möglichkeit, innerhalb des Spiels Fotos zu machen). Die Poesie des Zerfalls. Die konstruierte Alltagsverschleiss. Die evozierten Erinnerungen.

Die im Blickfeld schwebenden Waffen sind ein Nebenprodukt der Bildung von „zweiter Realität“. Es soll Euch nicht stören, wie mich bei von Eichendorff und Heine ihre ewigen, aber auch substanziellen „ach!“ nicht stören.

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Nun, jede Welt hat ihr Mysterium. Unsere Welt hat jede Menge davon.
Die Welt von Half-Life hat den G-Man.

Das ist ein unscheinbarer Charakter im Anzug, mit Koffer, der überall und nirgendwo ist. Man begegnet ihm zufällig im Laufe der Geschichte, er taucht in wichtigsten Szenen auf, um gleich darauf zu verschwinden. Doch wenn man die Augen öffnet, findet man ihn überall – im Schatten alter Hausruinen, auf den Dächern, in schwer zugänglichen Tunnels. Er ist omnipräsent und – und das ist das wunderbare! – man kann nicht erkennen, ob er ein Bösewicht oder ein Freund ist. Nicht alles im Bereich der Unterhaltung ist einfach und primitiv, wie man es uns einzuflustern bestrebt ist.

Nun seine Präsenz hat mich zu diesem Gedicht inspiriert:

Original ist in meinem Literatursalon zu finden: http://merzerature.blogspot.com/2009/10/g-man.html

Hier kommt die Übersetzung:

Wenn ich durch Ruinen eile,
Wenn ich blind auf die Strassenschluchten starre,
Erkenne ich deine unscheinbare Figur,
Irgendwo zwischen Dächern, Schornsteinen, Fenstern

Du stehst immer still,
In Deinem grauen Anzug,
Mit Deinem Koffer

Schweigend. Abwesend. Da?

Ich frage mich oft,
Ob du je heimkehrst.
Trautes Heim…

Wo Deine wunderschöne Herzallerliebste
Auf Dich wartet,
Mit warmen Kuss
Auf ihren Lippen.

Oder vielleicht
Schwindest du,
Entweichst,
Wenn ich mich auslogge.

Keinen Koffer
Mehr
Keinen Anzug
Mehr
Nur die Finsternis
Immerwährende
Finsternis

Übrigens, das Video hat deutsche Untertitel. Dafür muss man einfach folgenden Knopf im rechten unteren Bereich des Videos betätigen.
youtubesubtitle

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22 Kommentare zu “G-Man

  1. Interessanter Beitrag, der Heute zeigt und den meisten fremd sein wird. Dunkel, die Bilder, ausdrucksstark und beklemmend, verwirrend die Medien der „Killerspiele“, der „spätpubertären PC-Spieler“, Die „Lyrik“ integriert und erweitert. Spannend, auch wenn ich „Half-Life 2“ und den „G-Man“ nicht kenne. Anders, als was sonst so daher kommt.

    • Danke!
      Ja, leider werden diese Themen in unseren Medien nur sehr einseitig dargeboten. In schlecht recherchierten Sendungen versucht man den Zuschauern vorzugaukeln, man habe die Haupt-Ursache für Gewalt („Killerspiele“) gefunden – und man belügt den Zuschauer kläglich.

      Ich finde das Erleben des Virtuellen besonders daher (und dann) interessant, wenn ich die Intention der Autoren des Virtuellen merke, eine Welt zu re-konstruieren, zu simulieren, und zwar zusammen mit all den Schäbigkeiten und Unebenheiten, die für das Wirkliche ja so essenziell sind.

      Denn in diesem Fall spielt die eigene Vorstellungskraft eine grosse Rolle – man versucht diese Virtualität nachzuempfinden, man versucht diese Atmosphäre zu spüren, und bei jedem Fleck an der Wand, bei jeder Polygonen-Tasse auf dem Boden dichtet man eine Vorgeschichte aus.

      Natürlich, in der Wirklichkeit macht man das auch bei jeder Erscheinung, doch hier hat man etwas besonderes im Blickfeld: eine vollständige Abwesenheit des Vergangenen, und das inspiriert immens.

      • Kann man von „eine vollständige Abwesenheit des Vergangenen“ ausgehen? Das eigene Vergangene ist m.E. kaum auszuklinken. Insofern kann es auch keine totale virtuelle Realität geben. Dennoch können virtuelle Spiele als Welt außerhalb der Welt die wirkliche Wirklichkeit bereichern bzw. sogar erweitern.

        Das alles ist so neu, wie die Klänge der heutigen „klassischen“ Musik ab Stockhausen, aber auch wie Dada. Wir müssen weiter lernen. Dazu gehört neugierig sein! Nur so können wir in unbekannte Welten eindringen.

      • Genau! Vor allem, es gibt noch vieles zu entdecken!

  2. Der Ösi hat sich immer schon ge fragt, was die vielen Buttons auf der unteren JUTUB Leiste leisten sollen, hat sich aber, aus systemischen ab Sturz Ängsten heraus, niemals nie darauf klicken ge traut, bis ihm jetzt er klärt wird, das diese, unter anderem, zum akti Vieren der unter Titel dienen.

    Wenn er jetzt, im um ge kehrten Fall, seine uhr eigensten Texte durch’s JUTUB rattern liesse, dann müsste – eigentlich – sein Text in ein wand frei gesprochenem Old English er tönen.

    Isn’t it?

    • Ja, teil weise! 🙂
      Eigentlich, musste ich alle diese Untertitel selbst übersetzen und eingeben, was schon einige Zeit in Anspruch nimmt. Youtube kann bereits das Englische mehr oder weniger erkennen (als beta zur Zeit), d.h. wenn man dem english gesprochenem Video den Text hinzufügt, wird es automatisch zur richtigen Zeit angeordnet – aber das geht nur mit English.

      Alle anderen Sprachen (oder Übersetzungen sowieso) müssen nach dem Muster (Satz beginnt um 0:01:10.000 und endet um 0:01:17.000) gerastert werden, was bei längeren Texten schon eine Wahsinnsarbeit sein könnte. Bei diesem kleinen Text hab ich mir’s erlaubt.

      • Danke für die aus Kunft. In diesen neuen Medien schleicht sich ständig was Neues ein, so dass man stets hinter her zu hecheln hat. Doch auch zum Glück. Ansonsten gäb’s nur die Finsternis, immer währende Finsternis …

  3. Feines Gedicht, Don Dada!

    Den letzten G(overment)-Man, den ich erinnere, hieß Jerry Cotton und war der Titelheld einer wöchentlichen Heftchenreihe, die wir als Jugendliche verschlungen haben.

    • Danke! Und das ist interessant. Vielleicht gibt es dazwischen eine Verbindung?

      • Das kannst du besser beurteilen, ich kenne das Spiel nicht. G-Men sind jedenfalls im Gangster-Slang Regierungspolizisten. Jerry Cotton war stets mit einem roten Jaguar Tpe E unterwegs, sein Partner hieß Phil Decker und deren Chef (unglaublich sinnig) Mr. High. JC war die erfolgreichste deutsche Heftchenreihe.

      • An diese Heftchen kann ich mich auch erinnern. Ein paar davon werde ich bestimmt gelesen haben. Fing damit alles an? Erstaunlich!

      • Hier werden verschwommene Erinnerungen wissenschaftlich untermauert:

        http://de.wikipedia.org/wiki/G-Man

        @M-Man: Poesie 2.0, sehr schön! Die Verteufelung von Filmen oder Videospielen ist ein Zeichen der Hilflosigkeit, sonst nichts.

      • Danke, ich lese gerade über die historische Avantgarde. Deren Hauptverdienst war, die Institution Kunst zu hinterfragen, indem sie u.A. metadiskursiv die Werkzeuge betrachteten und entfremdeten (im Sinne von ent-fremden), was beim Mainstream-Publikum für Unruhe sorgte.

        Nun, denke ich, solche verteufelten oder als Non-Kultur abgezettelten Themen wie z.B. Computerspiele, können u.A. ein Ziel der Kritik an der Gesellschaft selbst werden.

        Denn hier wird nicht der Umgang mit diesen Medien betrachtet, sondern gerade die Abwendung, die oft bis zu elitär-empörenden Haltungen eines ARD/ZDFs führt. Die gleich danach zum Musikantenstadl übergehen.

      • Ich sehe das ähnlich, wenn die ewig gleichen Moralin-Apostel sich lautstark selbstgerecht empören, kann das Objekt der Kritik so verkehrt gar nicht sein!

  4. Das ist mir so was von aus dem Herzen gesprochen (ich setze jetzt mal voraus, dass ich so ein Teil in meinem mächtigem Brustkorb habe); was rege ich mich auf über dieses Aufgerege ob der bösen, bösen PC-Spiele; und kommt dies prächtig possierliche Posting jetzt auch von jemandem, der eben akademisch dissertiert: sorry, aber dieser feine Fakt fasziniert Fossile fortwährend.

    Ich hätte mich das wieder gar nicht getraut, die Dinge derart auf den Punkt zu bringen wie Du in Deiner Formulierung, „HL2“ wäre poetisch (ich ärgere mir seit Wochen die Plautze an, weil ich erstens meine gecrackte (Original-)Version von „HL1“ verbumfiedelt habe und zweitens auch meine Passwörter bei „steam“, wodurch gar nix mehr geht; ich habe die „Orange Box“ und die „Gesamtausgabe“ von „HL1“, und die liegen nun hier rum, wiedebumm), aber Du hast eben Recht; das ist Poesie, so wie auch die Märchen der Weltliteratur, die noch zum Teil noch viel „blutrünstiger“ sind (ich weiß, dass das Ding sooo ’n Bart hat – aber wenn es doch so ist)…

    Spiele ich halt „Siedler“, auch absolut Spitzen mäßig…

    Das Fossil hat behufs dieses Zwecks (oder so) auch schon mal gebloggt; bei Zeit und Muße möchte ich den geneigten Leser (also: wenn der Zeit und Muße hat), nämlich hier kieken.

    Kurzum: häff fann!!!

  5. Muahaha! – alzheimlich

    Q. e. d.

  6. (…und übrigens machen mich Deine Screenshots da oben total neugierig: ich muss bei „steam“ anrufen – ich will da rein, Peng Peng…)

    • Oh ja! Und mit Orange Box ist man auf sicherer Seite 🙂

      Bei solchen Programmen habe ich oft Nostalgie nach „there“. Denn es ist auch ein Ort.

      • Jahaa! Schon! Aber ich komme da halt nicht mehr rein (sooo wichtig ist es auch nicht, aber: es behagt auch mir, in diesen Landschaften „zu verschwinden“; soll man es „Eskapismus“ oder sonst was nennen, mir Wurscht!); die wichtigen Support-Seiten sind auch englisch, Asche auf mein Haupt…

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