Merzmensch

DADAistisches und dadaLOSES

Eistiges Geigentum reloaded. #Hegemann

22 Kommentare

Fall Hegemann macht den Merzmensch schon wieder nachdenklich, und das ist kein gutes Zeichen.
Nachdenklich über das Thema des eistigen Geigentums, aber auch über die Agonie der Printmedien.

Zuerst wurde Fräulein Hegemann gehypt und hoch gelobt von allen Feuilletons (sei es FAZ, Zeit, Tagesspiegel)

Ihr Buch „Axolotl Roadkill“ wurde als „literarische Kugelblitz“ gewertet, das impaktmässig unseren Literaturbetrieb durcheinanderwurbelt mit der Frische und Jugendproblematik etc. etc.

Dann plötzlich wurde in einem Blog aufgedeckt, sie habe in ihrem Buch abgeschrieben, merhmals und bei vielen.

So fängt die Ära der Plagiat-Philippikas an: die Zeitungen fangen an, sich zu rechtfertigen, ob des ungerechtfertigten Hypes (wie zum Beispiel hier, in einem Blog – sic!).

Oder aber wird die junge Autorin doch gerechtfertigt, mit der Argumentation der Intertextualität. Nunja, eine Sache ist es, den anderen Text im eigenen Text weiterleben zu lassen, sich entwickeln und wirken zu lassen. Eine andere Sache ist es, mit Copy-Paste die Texte zu kopieren. Dadurch werden sie nicht lebendig(er). Dadurch werden sie geklaut.

In meiner Vorstellung (die durch die eigene Erfahrung freilich eingedämmt, verkleinert und mediokrisiert wird) ist das Intertextuelle in der Praxis das Zusammenspiel des Autors mit dem Leser. Ein Meta-Nicken. Ein hyperbolisches Winken. Das „wir beide verstehen’s“-Spiel. Der Text ist biomorph. Ein Fremdkörper bleibt ein Fremdkörper, auch wenn er mit Sehnen und Muskeln und Hautpartikeln bewachsen wird.

Doch vergessen wir Frau Hegemann. Wir haben ein grösseres Übel – die Presse. Die Printmedien. Das Unflexible (und das nicht im Sinne der leichtsinnigen Sinneswandlung oder Mangel an Eigenauftreten). Print schiebt aufs Web: „webbasierte Intertextualität„, „Mashup-Ästhetik des Internets“ und gar Sharing-Kultur des Internets (was das auch sein mag)… Man sieht, die Holzmedien scheinen gegen die Medienkompetenz immun zu sein. Denn diese „sharing“-Effekte der Neuen Medien unterliegen stets eigenen bestimmungen (z.B. Creative Commons).

Kurz, die Printmedien agonisieren, und versuchen nun die ganze Schuld aufs Web abzuwälzen.

Und Literaturkritik artet zum Hype-Management aus.

____________

Die zur Zeit beste Auseinanderstzung mit Problem Plagiat/Hegemann/Printmedien findet man hier – in einem Blog (sic!).

Und auch bei Literaturcafe.

Und ein sehr treffender Text bei Andrea Diener.

Heute ist Frau Hegemann bei Harald Schmidt zu gast (ARD). Falls es Euch noch interessiert…

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22 Kommentare zu “Eistiges Geigentum reloaded. #Hegemann

  1. Nun wissen wir es, das nent man Intertextualität. Prima, und wenn mir dann noch jemand Eklektizismus erklärt, dann weiß ich vielleicht endlich, warum ich in allen Medien, ob Print, ob TV, ob Internet, immer den selben, oder heißt es den gleichen, Schafscheiß erlesen muss oder ersehen und -hören muss, ich gestehe, ich höre kaum Radio.
    Aber immerhin auch eine Leistung, einen beachteten Roman zusammen zu basteln aus Textteilen, alle Achtung, da hat die junge Dame sicher ganz allein in nächtelanger Kopierarbeit gezaubert und komponiert, soll ihr erst einmal einer nachmachen.
    😉

    • Den „beeindruckendsten“ Kommentar seitens der Presse zu diesem Trauerspiel fand ich beim Spiegel: http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,676570,00.html

      • Oh je, „creative samplings“…
        Und auch: „Die modernen und postmodernen Texte spielen mit Formen, collagieren, demontieren und re-kreieren.“ Ob Hagemann damit spielt?..

        Tja, Der Spiegel versucht sich rauszuzwängen mit dem Prädikat Postmoderne. Aber ob Der Spiegel Postmoderne versteht – ist eine andere Sache.

        Eines steht fest: die Presse agiert sehr aktiv mit dem Schlossknacker namens Postmoderne. Denn damit kann man alles beweisen. Alles und nichts.

      • Die Anregung eines Kommentators, ab jetzt auch die Texte des Spiegel-Schreiberlings phne Quellenangabe und Urhebernennung öffentlich zu verwenden oder einen Klassiker der Weltliteratur neu abzuschreiben fand ich als sehr passende Antwort

      • Ja, das ist die einzig adequate Antwort darauf.

    • Ja, ich bin jetzt gespannt, was man alles machen kann. Wenn wir die Presse komplett kopieren und – freilich ohne es erwähnen zu müssen (Intertextualität und so) – verlegen?

      So wie Kenneth Goldsmith, der in seinem Buch „The Day“ die komplette Ausgabe von New York Times für 1. September 2000 abtippte. Komplett, und nicht mehr und nicht weniger.

  2. Es ist schon peinlich, die Verrenkungen der „Edelfedern“ zu lesen, die – nachdem sie das Mädel unisono gehypt haben – jetzt zu erklären versuchen, warum es eine „Kunst“ sei, abzuschreiben. Das deutsche Feuilleton begräbt sich langsam aber sicher selbst. Kein Wunder, wenn die Literaturkritik in Blogs an Ansehen gewinnt.

  3. Es ist die selbst ernannte politische Speerspitze der Internet-Gemeinde, die Piraten-Partei, die mit ihrem kreativitätsfeindlichen Vorstellungen vom Begriff des geistigen Eigentums den Holzmedien (klasse Ausdruck!) überhaupt erst den Spielraum für ihre Argumentation eröffnet.
    http://sitting-fool.blog.de/2009/06/22/recht-schlechte-laune-blogging-6361385/

    • Stimmt, das ist schon ein Thema an sich, Urheberrecht. Es viele Pro und Contra Faktore des Urheberrechts.

      Pro ist natürlich so ein Fall Hegemann, denn ohne Urheberrecht wäre so ein Diskurs nicht einmal zustande gekommen.

      Ich weiss nicht, ob der Urheberrecht komplett abgeschaffen werden soll, andererseits die Urheberrechtinhaber haben oft nichts mehr mit dem Autor zu tun, wie hier am Beispiel von Carl Valentin: http://www.literaturcafe.de/zitate-website-faellt-abmahn-wahn-zum-opfer/

      Zum Beispiel in der Modernen Musik ist Sampling an sich bereits ein Werkzeug. Und in der Literatur war Intertextualität immer schon stark. Nur in diesen Fällen gibt es einen Dialog zwischen dem Autor und Leser. Im Falle Hegemann eher nicht.

      • Ich bin in der Frage „Urheberrecht“ ziemlich kleinlich und auch in diesem konkreten Fall ganz auf der Seite des bestohlenen Autors Airen. Der wusste nichts, hat nicht eingewilligt und wurde um seinen verdienten Lohn (Geld, Aufmerksamkeit) gebracht. Wenn man nämlich (akademische Kunstbegriffe hin oder her) zulässt, dass geistiges Eigentum und das Recht daran bestritten und entwertet werden, bleibt am Ende nur noch das Recht auf materielles Eigentum bestehen – übrig bliebe also am Ende eine Welt, in der nur noch Materielles einen Wert hätte. Das fände ich verheerend.

      • Ja, da bin ich völlig einverstanden.
        Vor allem, wenn es um persönliche Sachen geht, wie Airen es erlitten hat. Und dann kommt jemand und tut so, als ob diese höchst persönliche Erlebnisse transportierbar und hip sind, wie es Hekemann getan hat.

        Hier, übrigens Interview mit Airen: http://www.faz.net/s/RubD3A1C56FC2F14794AA21336F72054101/Doc~E88A9CA72ADE445F390437D064F10C598~ATpl~Ecommon~Scontent.html

      • Glücklicherweise hält sich der Schmerz und Schaden bei Airen wohl in Grenzen. Auf einer anderen Ebene ist dieses Plagiat fast schon wieder ein soziales Kunststück, bei dem Feuilleton und Publikum als Literatur-Porno-User demaskiert werden: die süße Autorin, die da in der Talkshow sitzt, wurde selbst ja gar nicht in den A… – das war nur eine Plastikpuppe.
        Wirklich Klasse hätte das Ganze genau dadurch bekommen können, dass sie Airen um Erlaubnis gebeten hätte, sein Werk ohne Quellenangabe bewusst als Autorin zu veröffentlichen.

      • Ja, bei solchen Mitarbeit wäre diese Kollaboration genial. Ich erwarte immer solche Eingriffe in die bereits verwelkte Kultur. Gestern, bei Harald Schmidt war Hegemann leider doch etwas zu deutlich als eine Nicht-Autorin zu erkennen, als sie nicht einmal über die Themen wusste, die in ihrem Buch standen. Und Harald Schmidt hat sie dann auch ganz trefflich angesprochen: „Lies doch mal selbst Dein Buch!“.

  4. Ich bin außerordentlich gespannt auf das nächste Buch der jungen Dame. So einen Hype erlaupt die Welt einem nur ein einziges Mal. Jetzt muss sie beweisen, ob sie was kann. Eigentlich ist sie zum Scheitern verurteilt. Aber warten wir es ab.

    • Ja, ich fürchte, das nächste Buch von ihr wird den Leser nicht zum Lesen anregen, sondern zu einer Schnitzeljagd nach geklauten Textteilen quer durch die Weltliteratur.

    • Wer weiß, ob da noch ein Buch kommt. Jetzt wird sie durchs virtuelle und mediale Dorf getrieben und dann schnell vergessen.

      • Ja, das fürchte ich auch. Besonders das mit „schnell vergessen“. Denn die Dankbarkeit des Publikum dauert nur 30 Sekunden bis zum nächsten Thema.

        Ich hatte mir überlegt, diese Kolportage, die Frau Hegemann da abliefert, ist auf die Gefälligkeit zurechtgeschnitten. Gefälligkeit nicht im Sinne von „Ei wie goldisch“, sondern im Sinne von „Ey wie krass“. Und solche Texte halten nicht lange.

      • Sensationen um jeden Preis, danach giert das abgestumpfte Publikum heute, sie hat den Affen ordentlich Zucker gegeben.

      • Das ist nicht nur das Problem des Heute, denke ich. Denn bei Faust bereits hat der Theaterdirektor sehr herablassend, doch sehr trefflich das Publikum definiert – als gaffende Masse (was auch auf das generelle Publikum, nicht nur Theaterbesucher, zutrifft):

        Sie sitzen schon mit hohen Augenbraunen
        Gelassen da und möchten gern erstaunen.
        […]
        Besonders aber laßt genug geschehn!
        Man kommt zu schaun, man will am liebsten sehn.
        Wird vieles vor den Augen abgesponnen,
        So daß die Menge staunend gaffen kann,
        […]
        Die Masse könnt Ihr nur durch Masse zwingen,
        Ein jeder sucht sich endlich selbst was aus.
        Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen;
        Und jeder geht zufrieden aus dem Haus.
        Gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken!
        Solch ein Ragout, es muß Euch glücken;
        Leicht ist es vorgelegt, so leicht als ausgedacht.
        Was hilft’s, wenn Ihr ein Ganzes dargebracht?
        […]
        Und seht nur hin, für wen Ihr schreibt!
        Wenn diesen Langeweile treibt,
        Kommt jener satt vom übertischten Mahle,
        Und, was das Allerschlimmste bleibt,
        Gar mancher kommt vom Lesen der Journale.
        Man eilt zerstreut zu uns, wie zu den Maskenfesten

        Das war Goethe! – sage ich einem Urheberrechtsanwalt, der mit seinem Mandanten, Herrn Goethe, in meine Bude klopft.

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