Merzmensch

DADAistisches und dadaLOSES

Voll-Zug-Anstalt

7 Kommentare

Heute war der Zug mal wieder voll. Nein, eigentlich nicht richtig voll, nur zur Hälfte.

Warum denkt man bei einem halbvollen Glas an Alkoholverzicht und bei einem halbleeren Zug an die Völkerwanderung?

Kurzum, alle, die es gebraucht hatten, sind eingestiegen, die Türen waren bereits zu, doch der Zug stand an seinem Punkt ohne jegliche Bewegung in die Fahrtrichtung.

– Bitte aus den Türschranken wegtreten! – sprach unfreundlich der Zugfahrer.

Niemand bewegte sich vom Fleck: weder Passagiere, noch der Zug. Nur dass die Passagiere sich nun umschauten, auf der Suche nach dem Täter-Türschrankensteher.

Ein solider Herr, ausgerüstet mit Bart und Brille lehnte sich an die geschlossenen Türen und las eine Zeitung.

– Bitte aus den Türschranken wegtreten, sonst fahrn wir heut net! – schrie die Zeus-mässige Stimme aus den Lautsprecher.

Alle haben bereits den soliden Herrn im Auge, doch niemand traute sich, ihn anzusprechen. Niemand, ausser einer jungen Studentin (oder Oberstufe-Schülerin?), die zu ihm sagte:

– Verzeihung, aber ich denke, Sie stehen da in den Türschranken.

– Was soll das heissen? – explodierte der solide Herr und alle verstanden sofort, wie recht sie hatten, ihn nicht ansprechen zu wagen. Der solide Herr machte jedoch unfreiwillig einige Schritte weg von der Türschranke in Richtung Studentin, der Zug verliess seinen Standpunkt und fuhr los.

Der solide Herr wollte jedoch seinen Standpunkt nicht verlassen:

– Was soll das heissen, ich stehe in den Türschranken? Natürlich tue ich das, weil die Türen zu sind.

– Ja, aber der Fahrer hat doch gesagt… – versuchte die Studentin sich aus ihrer kläglichen Lage rauszureden.

– Was hat denn das, was der Fahrer sagte, mit mir zu tun?! So ne Frechheit! Das will ich mir nicht bieten lassen!

– Na gut, dann eben nicht, – gab die Studentin auf und drehte sich um.

– Ich weiss, wie die Türschranken funktionieren, ich bin kein Kleinkind! – witterte der solide Herr weiter, doch die neue Station war da, und die Studentin war bereits ausgestiegen.

Der solide Herr sandte ihr hinterher Kugelblitze mit seinen Brillen, als zu ihm eine solide Dame kam:

– Ich weiss nicht genug auszusprechen, wie recht Sie haben, – sagte sie zu dem soliden Herren.

Und der solide Herr fühlte sich in seinem Standpunkt unterstützt und sprach einen längeren Monolog über die Türschranken und öffentliche Verkehrsmittel, über Kant und französisches Recht, über Pisa-Studie und Bologna-Prozess, über Generationswandel und Werteverlust, über irgendwelche Syndrome und psychische Störungen, über den Stellwert der Höfflichkeit im Kontext einer sich stetig verändernden Gesellschaft, über…

Und die solide Dame schaute dem soliden Herren in den Mund wie eine Zahnärztin und lächelte breit wie der Cheshire Cat. Doch an der nächsten Station musste sie leider aussteigen. Und der solide Herr verabschiedete sich warm mit der unbekannten, aber ihm ebensogleich soliden Dame und auf alle Fälle wechselte seinen Standort vom Türbereich zu einem freigewordenen Sitzplatz.

Und ich habe meine Station verpasst und musste auf den Gegenzug warten.

reptile

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7 Kommentare zu “Voll-Zug-Anstalt

  1. Herrliche Szene und hübsch erzählt, das war die verpasste Station doch wert. Ganz köstlich:
    „Und die solide Dame schaute dem soliden Herren in den Mund wie eine Zahnärztin.“

    Vielen Dank.

  2. Zugfahren bringt bei manchen Zeitgenossen die dämonische Seite hervor!

  3. Die Charaktere deiner Beobachtungen sind so lebendig, dass man das Gefühl hat, als wäre man live dabei. Und dann vergisst man ebenso auf der richtigen Station auszusteigen :-))

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