Merzmensch

DADAistisches und dadaLOSES

Einstürzenden Neubauten und Dadaismus. Teil 3

6 Kommentare

à dada, oder Das Geheimnis ist gelüftet!

Wahrlich, was würde ich ohne Euch machen, meine werten Leser.

Im letzten Jahr habe ich ausgiebig das Lied von Einstürzende Bauten „Let’s do it a Dada“ analysiert. Und einer meiner Leser war Blixa Bargeld höchstpersönlich. Er hat meine Analyse noch ausgiebiger kommentiert und eine Unmenge von Informationen zugeschickt. Nun hatte unsere gemeinsame Analyse eine Lücke gehabt. Denn in einem Interview rätselte er:

In dem Fall sind akkurate Fakten gerade der Witz. Noch heute bekommt man bei Wikipedia und in den Büchern über Kunstgeschichte aufgetischt, dass der Name DaDa zufällig im Wörterbuch gefunden worden sei, als Bezeichnung für das Stammeln eines Kindes oder ähnlichen Kram. Aber vor ein paar Jahren hatte sich jemand die Mühe gemacht herauszufinden, was DaDa wirklich heißt. Es gab ein paar Meldungen in entsprechenden Zeitungen, ich habe es in der taz gelesen und seitdem ist es wieder vergessen. Überall steht noch derselbe alte Müll. Deswegen habe ich gedacht, setzten wir dem doch mal ein Denkmal, wir veröffentlichen dieses Rätsel. Ich verrate die Lösung nicht, die kann jeder selbst nach recherchieren. Ich warte mal, was passiert.

Was hatte ergemeint? Denn die Bedeutungen als kindliche Glossolalie, Bezeichnung für Spielzeug-Pferdchen oder Rumänisches (wie Russisches) positives Antwortpartikel „da“ (i.e. „ja“) waren hier bei weitem nicht gemeint.

Was ist denn das für eine unbekannte Etymologie von „dada“?

Diese Antwort hat mir eben V.K.verraten. Er hat sich auch mit dem Lied befasst und auch ausgiebig analysiert. Und: er hat in endlosen Bergladschaften von Internet das Edelweiß gefunden. Er hat diesen TAZ-Artikel entdeckt, worauf sich Blixa Bargeld bezog. Geschrieben von Arno Widmann, in der TAZ am 26.11.1994 (Seite 3), ein vergessener Artikel, aus dem ich jetzt schamlos zitieren werde.

Was ist dann das dada da?

Im Jahre 1903 (also noch vor Cabaret Voltaire) erschien ein Buch mit dem gewaltigen Titel „Les paradis charnels, ou le divin bréviaire des amants, art de jouir purement des 136 extases de la volupté“, zu Deutsch: „Das Paradies des Fleisches oder Das göttliche Liebesbrevier. Die Kunst, die Wollust in 136 Verzückungen zu genießen!“. Der Autor: A.S. Lagail, was ein anagrammatisches Pseudonym für Alphonse Gallais.

Nun, was ist das für ein Buch?

Wie der aufmerksame Beobachter es bereits vermutet, handelt es sich bei diesem Meisterwerk um die Liebespositionen, so eine Art Kamasutra à la française.

Was hat es aber mit dada zu tun?

Im 15. Kapitel wird eine Kollektion der Positionen aufgelistet, die alle… mit „à dada“ anfangen. (ein Pferdchen gefällig?)
So hätte doch dieses Buch unter den jungen Dadaisten auch eine Beliebheit erfreut, wo es doch von solchen Größen wie Paul Verlaine und Guillaume Apollinaire hoch besungen wurde. Verlaine schrieb über das Buch:

„Die Staaten werden sich auflösen, der Haß wird von der Erde verschwinden: Dein ,Paradies des Fleisches`, mein lieber Kollege, wird für alle Zeiten der wahrste Ausdruck der ,Liebe zur Liebe` sein.“

Natürlich, war das Wort nicht von Gallais erfunden, er hat es wohl aus dem… ehem… Alltag genommen. Aber die fast schon Benjaminische Aura dieses Wortes hat es ihm in die Wörterbücher doch nicht verholfen. Denn die Wörterbücher – insbesondere in Frankreich – waren ja hochambitioniert, und hatten kein Platz für Bordell-Jargon.

So kam das Wörtchen zwar nicht in die Dictionnaire, doch… noch besser! – fand seine Niche in der Weltkulturgeschichte. Und die jungen Dadaisten kicherten sich die Tetraeder satt. Wie ein Hut. Wie ein Hut.

Das ist die geheime Bedeutung von Dada, die Bedeutung, die auch in den meisten Kunstgeschichtsbücher nicht enthalten ist – aus demselben Grund. Aber was macht schon die snobistische Sprödigkeit gegen uns, die die Wahrheit kund tun. Das bezieht sich auch auf meine Doktorarbeit.

Somit ist das Lied von Blixa Bargeld höchst erotisch.

Und jetzt können wir ruhigen Gewissens mitsingen:

Just you and me my darling
we know what it really means

Let’s do it,
Let’s do it,
Let’s do it à dada.

Alte Version: http://merzmensch.blog.de/2010/04/14/einstuerzenden-neubauten-dadaismus-teil-8371998/

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6 Kommentare zu “Einstürzenden Neubauten und Dadaismus. Teil 3

  1. Auch die letzten Geheimnisse der Menschheit haben keine Chance gegen dich, Dr. Dada!

  2. Entzückend!
    Ich bin einfach sprachlos 🙂

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