Merzmensch

DADAistisches und dadaLOSES

Ferdinand Kriwet, oder Dimensionen des Textes

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Die Schrift-Kunst als ein konkreter Gegenstand, war nicht nur Gegenstand der konkreten Kunst. Die Neuentwicklungen habe ich bereits dargestellt.

Doch eine der weniger bekannten, und jedoch höchst signifikanten Zwischenstufen dieser Entwicklung darf nicht unerwähnt bleiben.

Die aktuelle Spex- Ausgabe berichtet über eine Retrospektive von Ferdinand Kriwet. Eine sehr bemerkenswerte Person, die mit seinen „Sehtexten“ die Beziehung zwischen dem Lesen und dem Text auf eine neue Stufe gesetzt hat.

Kriwet schreibt über die Schrift (diese und weitere Stellen zitiert nach Spex – M.):

Schrift kommt dem Menschen heute auf Schritt und Tritt entgegen, nicht nur, dass sie ihm, oftmals unaufgefordert als Postwurfsendung ins Haus kommt, sie rückt ihm auch physisch direkt zu Leibe (wer hätte sich nicht einmal hinter einer Litfasssäule versteckt). Der Leser versenkt sich heute nicht mehr in den Text, er tritt vor ihn hin, er geht an ihm vorbei oder er lehnt sich an ihn, ohne in zu lesen…

Da denkt man unfreiwillig an die dreidimensionale ortliche Meta-Angaben in der Serie „Fringe“, die plötzlich zum Teil der Landschaft werden.

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Kriwet untersucht die Gegenständlichkeit des Textes und visualisiert anfang 60er mit „Rundschreiben“ die Unendlichkeit des Lesens.

Kriwet-Rundschreiben

Er sieht sich nicht als Maler, sondern als ein Schriftsteller. Er bemüht sich um die Infiltration seiner Kunst durch Gallerien in die Öffentlichkeit und designt, wie es bereits Schwitters getan hatte. Denn die Schrift, sowie das Lesen spielt für die beiden Künstler die dominante Rolle.

Er erklärt in seinem Manifest „Mixed Media„: „Kunst ist Information.“
Er sieht ausserdem Literatur in einer Konkurrenzsituation zu Massenmedien (und das – 1968). Damit Literatur überleben kann, muss sie „deren Eigentümlichkeiten produktiv“ verwenden. „Solange sie sich hingegen als blosser Stofflieferant an sie (Massenmedien) anbiedert, bleibt sie hemmungslos rückständig„.

Und als „Trainingsprogramm zur Schärfung der Sinne“ veranstaltet Kriwet Ende 60ger multimediale Informationsüberflutungsinstallsationen. Das nötige aus dem Informationsflut herauszuhören sei eine Herausforderung, die es zu meistern wäre (wie aktuell auch heutzutage). Diese Installationen werden nicht nur in Museen, sondern auch im Disco „Creamcheese“ projiziert.

Zusammen mit Nagel-Meister Günther Uecker verfasst er „Creamcheese“-Manifest. Dieser Manifest spricht jedem Popartist aus dem Herzen:

Kunst ist Unterhaltung. Alle Unterhaltung ist Kunst.

Man kann sagen, diese Devise mag heutzutage banal klingen, doch
1) damals war es eine Offenbarung
2) auch heutzutage herrschen die Kunst-lobbyistischen elitären Trennungen zwischen „hohen“ Kunst (d.h. der Kunst, über die konservative Kritiker es geruhen, sich zu äussern), und der sogenannten „niederen“ Kunst, sprich: Unterhaltung. Eine eher künstliche als künstlerische Trennung.

Ferdinand Kriwet experimentiert also theoretisch und praktisch mit neuen Les-Arten, mit neuen Text-Konstellationen. Was ist das, wenn nicht eine Vorbereitung für die neue Epoche des Textes – des lebendigen Textes.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 3. Juli 2010 in BQ, Berlin:
http://www.bqberlin.de/BQ-Berlin.html

Bei Ubuweb findet man übrigens einiges von diesem Künstler.
Seine Rundscheiben-Bilder:
http://www.ubu.com/historical/kriwet/index.html

Und auch sein Appolo-Projekt (Kollagen-Artige Sound- und Video-Installation der Medienberichterstattung der ersten Mondlandung.
http://www.ubu.com/sound/kriwet.html
http://www.ubu.com/film/kriwet.html

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