Merzmensch

DADAistisches und dadaLOSES

Bloomsday ging weiter, oder Ein Bild in acht Bildern.

6 Kommentare

Doch irren sich diejenigen, die denken, mit dem wegretuschierten, aber gar nicht irren Iren Leopold Bloom wäre mein Bloomday zu Ende.

Denn ich ging zu einer Joyce-Lesung in Mouson-Turm, veranstaltet vom Hessischen Literaturforum e.V., und das war ein Traum, sage ich Euch. Bereits die Lesungsteilnehmer waren einzigartig:
(chronologische Auflistung) Klaus Reichert, Bernd Leukert, Olga Martynowa,  Reinhold Batberger, Ria Endres, Oleg Jurjew, Alban Nikolai Herbst und Eva Demski.

Zuerst erzählte Klaus Reichert über den Text des Romans an sich. Roman von Joyce ist sowieso intertextuell, aber dazu auch sehr intratextuell. Denn in jedem Kapitel verstecken sich Tausende Andeutungen an die künftigen wie vergangenen Kapitel. Daher ist jede Lesart des Buches eine Odyssee durch den Text.

Ausserdem war es ein Glück, dass Joyce seine Bücher in Frankreich drucken liess: der Setzer war des Englischen nicht mächtig! Und das hat den Text von zahlreichen „Korrekturen eines Muttersprachlers“ gerettet, denn die Sprache von Joyce, ist, wie man weiss, alles andere als Englisch. Eher Joycisch.

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Joyce vertrat diese wundrbare Tese: Drukfehler hat immer recht!

Dann begleitete uns Bernd Leukert durch das Musikalische des Ulysses. Der Musiker-Avantgardist hat meine Aufmerksamkeit schon damals, vor ein Paar Jahren mit seinem Stück „Auf der Rückfahrt von Donaueschingen“ gewonnen: er nahm eine Zugfahrt auf und bearbeitet es leicht.So entstand eine (a)rhytmische Komposition des radens zug durch tunnel hallend wallend ratternd nur die fenster dämmen ab dämmen ab dämmen ab… ab… ab…

Bernd Leukert sprach vor allem über die Absichtlichen Ungenauigkeiten bei Ulysses: es wird ein Musikwerk erwähnt, ein anderes aber stets gemeint.

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Homonymie oder Gleichtiteligkeit. Und das geht so:

  1. Joyce erwähnt „Die Hugenotten“
  2. Leser denkt: Klar doch, Giacomo Meyerbeer!
  3. Joyce meint
    verdammt, wo ist mein Zettel? banause, dieser merzmensch…
    auf jeden Fall, nicht Meyerbeer

Daraufhin las Olga Martynowa auf Russisch ihr Gedicht über Joyce und Rom, über deren (gegenseitige?) Hassliebe, mit Bezügen auf Briefwechsel von Joyce mit seinem Sohn Stanislaus (der signifikanterweise am 16. Juni 1955 das Zeitliche segnete) und auch mit Bezügen auf die Texte von Klaus Reichert. Sehr eindrucksvoll. Rom als Ruinen, Rom als Überreste. Auf Russisch in Deutschland über einen Irländer in Italien.  20060801_va_ 232-l

Nach dem Lyrischen kam das erschreckend prosaische: Reinhold Batberger las Auszüge aus „Ein Porträt des Künstlers als junger Mann“, in denen Father Dolan die Schüler züchtigt und prügelt, und somit „die Menschen an Rand der Vernichtung zieht, wo diese Menschen für immer bleiben“ (Batberger). Eine kaum auszuhaltende Gewaltszene, nach der es auch klar wird, dass Joyce so seine Probleme mit Klerus hatte.

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Danach setzte Ria Endres die Geschichte Joyces in Italien fort, sie sprach über den Schriftsteller und sein Leben in Trieste. Wie er seinen Sohn Stanislaus ständig ums Geld bat, Monat für Monat, weil sonst er sein Essen ohne Wein einnehmen müsse. Alles in Allem hat diese Erzählung die Figur von Joyce zu einer richtigen fünften Dimension erhoben, würde ich sagen.

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Aus Italien kamen wir nach Russland. Oleg Jurjew berichtete über die Rezeption und Übersetzungsgeschichte von Joyce in Sowjetunion. Und auch über Joyce’sche Rezeption russischer Literatur: er war skeptisch gegenüber Puschkin und Dostojevski, liebte aber Tolstoj und Lermontov. Joyce hat Sowjetische Literatur geprägt, ohne es zu wissen. Und die Übersetzungen von ihm kamen oft nicht zustande, weil die Übersetzer ständig in die Stalinlager gesteckt wurden. Ende der Odyssee. Гнев, о богиня, воспой!..

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Doch dann kamen zwei besondere Leckerbissen (auch wenn das Programm davor schon sowieso wundervoll war).

Alban Nikolai Herbst las vor aus meinem Lieblingskapitel von „Ulysses“, nämlich „Die Rinder des Sonnengottes“ (Helios). Hier erlebt die Sprache ihre Entwicklung und Evolution vom Altenglischen zum Dubliner Slang. Ich sage euch: Das ist DADA! Die Sprache bekam auf einmal ihre Gestalt, Form, Geschmack, sie verbreitete sich im Raum wie Luft verbreitet sich in Vakuum und füllt und fühlt mit dunklem drang zu leben und sich zu ent-weben und zu ent-wickeln aus den überwindeln des kindlichen empor zum antirationalen elysium das wir paradies nennen nein wir nennen es anders… Ich hörte wie gebannt, oder besser: gebahnt, gerädert und geflügzeugt. Das tat gut.

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Und gleich danach kam schon Eva Demski und las das letzte Kapitel von Ulysses, Bewusstseinsstrom von Molly, frech, obszön und gar lebending. Joyce ist nicht erotisch. Joyce ist ironisch. Er ist obszön. So war es auch. Ich sage euch: Das muss man hören. Nicht wegen des Körperlichen. Nicht wegen der anderswo angeaugenbraungehobelten Sachen. Sondern, weil es vorgelesen werden will.

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Also nochmals: Bewusstseinsstrom muss man hören, um es zu verstehen!
Oder so: You have to listen to stream of consciousness in order to get it!
Oder sogar: Чтобы понять поток сознания, нужно его услышать!
Und endlich: 意識の流れを分かりたかったら、聞け

So.

Die Lesungen waren zu Ende.
Es gab Buffet.
Ich stand mit meinem Guiness da rum.
Herr Leukert machte Ulysses-CD an.
Tatá-ta-táata! tatá-ta-táata…
– Oh, – fragte Eva Demski mich, – ist es Carmen?
– Ja, – antwortete ich, – das ist Habanera.
– Tatsächlich! – freute sie sich und ging.

Und dann ging ich langsam auch. Sagte nur noch vorher Alban Nikolai Herbst über Helios und Dada. Ich habe nicht mehr erwähnt, dass ich seinen Blog schon seit längerer Zeit kommentarlos und mit Interesse lese.

Ich ging einfach.

der tag war aus

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6 Kommentare zu “Bloomsday ging weiter, oder Ein Bild in acht Bildern.

  1. Toll, bald kannst du im Dada-Haus einziehen!

  2. Danke! Inhaltsreicher Bericht.

  3. Deine Reportage ist dir pudelwohl gelungen.

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