Merzmensch

DADAistisches und dadaLOSES

Sarai: Feedscape

6 Kommentare

Es gibt viele Kunstpaläste in Frankfurt MoMA, Schirn, Städel. Es gibt auch zahlreiche Galerien, die mit der modernen Kunst protzen. Doch es gibt eine Galerie, in der Kunst nicht als Kunst verkauft wird, sondern gemacht.

Sie  heisst   Sarai.

Eigentlich ist „Sarai“ das russische Wort für Scheune. Doch noch eigentlicher stammt das Wort aus dem Persischen: „sarāi, sarā“ bedeutet Palast. In Russland erlebte das Wort „Sarai“ eine ironische Degradation Palast=>Scheune. In Frankfurt erlebte das Wort Sarai eine absolute Aufwertung: „Scheune“ => Kunstpalast. Jetzt ohne pathetische Schwarzweiss-Malerei.

Das Haus, das von der Galerie Sarai bewohnt wird, ist kleiner, als man denkt, wenn man drin ist. Da stimmt was nicht mit Dimensionen: wenn du hineinkommst, entdeckst du die Unendlichkeiten des dritten Grades:

  • die Fenster in der Wand und im Dach stehen für das Licht,
  • die Künstler im Ausstellungsraum stehen für die unendliche Energie,
  • und die Galerie-Inhaber Nat Skatchkov und seine Frau Ira Kublin und ihre 5 Kinder stehen für das Leben.

Wenn man nun denkt, hier werde nur Kunst aus Russland präsentiert – der untertreibt gewaltig. Denn nichts in Frankfurt ist so international wie Galerie Sarai inklusive Künstler und Besucher. Die Künstler kommen von überall her, aus Japan und Bulgarien, aus Russland und Deutschland, etc etc etc.

Und Internationalitätsgrad ist ebenso unterschiedlich, wie das Bekanntheitsgrad (neulich war beispielweise Snežana Golubović da, eine Performance-Künstlerin, die bereits mit Greenaway und Marina Abramović gearbeitet hat). Aber alle hier ausgestellten Künstler haben etwas gemeinsam: sie sind in Sarai ausgestellt. Und das gibt ihren Werken eine neue Dimension (schon wieder diese Dimension!).

Die Atmosphäre ist total Cabaret Voltaire-esque: inspirierend, hell und irgendwie realer als die Welt da draussen.

Nun, wo ich schon über Ausstellungsraum erzähle, was ist mit den Ausstellungen?

Wenn Sie heute das Glück haben, Sarai zu besuchen, betreten Sie eine andere Welt (wie immer halt). Diese Welt heisst

Feedscape

Anton M. Savov, der Künstler aus Bulgarien, hat in Sarai einen neuen Biotop entworfen.
In künstlichen Formen wachsen Pflanzen.

Kaskadenartig fliesst Wasser, in einem Kreislauf aus Wasser, Luft, Erde und Licht.

 

Und diese von Menschen unberührte Natur wird in der Wirklichkeit – doch was ist denn Wirklichkeit heutzutage? – von der künstlichen Energie behütet und gepflegt.

Doch gerade in dieser Künstlichkeit liegt der Knackpunkt. Während wir, Menschen, normalerweise mit allen unseren Bemühungen dabei sind, die Natur in die Kanalisation runterzuspülen, hier wird die Natur generiert.

Künstlichkeit wird Kunst – und vice versa.
Indoor wird Outdoor – und vice versa

Die Naturgesetze werden zwar ausser Acht gelassen. So schwebt zum Beispiel ein Blumentopf im Raum.

Doch diese Antigravitation oszilliert zwischen der unerträglichen Leichtigkeit des Seins und der Erkenntnis, dass nichts unmöglich ist, ausser wir glauben (nicht) daran. Oder, wie Blixa Bargeld mal sagte:

Was ist ist
Was nicht ist ist möglich
Nur was nicht ist ist möglich

Und wenn jemand herumkritisiert:

– Was hat denn diese ganze manieristische Naturinszimmerhineinbringerei mit unserem hart erkämpften Leben zu tun?!

Dann sage ich: es geht um uns, es geht um jetzt, es geht um das Kunftige, es geht um das Geistige, und es geht ums Prosaische. Und alles ist verbunden durch die einprogrammierte Zufälligkeit und unumgängliche Abhängigkeit des Menschen von der Natur.

„feed“ als Eingabe,
„feed“ als Futter.
„feed“ als Vernetzung

Denn während wir die Umweltschützer als Spinner abwinken, werden wir schon bald einiges auf unserem Planeten vermissen. Tja, die Menschen sind so gebaut, dass wir nur eines Tages merken, dass unser Planet uns kein Essen mehr gibt, dann werden wir aufschreien.

Anton Savov wird aber weitermachen. Als ein meta Natur-Schützer. Jenseits des Politischen und Pathetischen.

Die Ausstellung ist bis zum 23. Juli 8. August (Verlängerung!) geöffnet.
Die Adresse: Platform SARAI, Schweizer Str. 23 HH, 60594 Frankfurt am Main
Es gibt auch eine Webseite: http://nichewo.net/`*

__________________________________

*) auch schön: nichewo heisst „nichts“ im Russischen, und „net“ – „nein/es gibt nicht„, also: „es gibt [hier] nichts“, Ceci n’est pas une homepage.

Mehr Fotos finden Sie auch hier: http://www.flickr.com/photos/vladix/tags/feedscape/

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6 Kommentare zu “Sarai: Feedscape

  1. Notiert für den nächsten Frankfurt-Besuch.

  2. Sieht faszinierend aus!

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