Merzmensch

DADAistisches und dadaLOSES

Frankfurt Kammerspiel: Die Marquise von O.

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Jeder Mensch erlebt Phasen. Diese Phasen dauern 7 bis 10 Jahren, und werden zu neuen Phasen, mit neuen Fiktionen und Phantasien. Es passiert jedoch, dass man eine solche Phase nicht verlassen kann. Man ist verstaut und so fängt die Depression an. Die Behandlung von Depression gelingt durch das Schaffen einer neuen Phase. Die Frische. Das sagt ein Psychologe, der bei der Inszenierung von „Die Marquise von O.“ von Kleist assistierte.

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(Quelle: (c) Schauspiel Frankfurt)

Die Marquise von O. entgeht nur ganz glimpflich einer Massenvergewaltigung. Sie wird im letzten Moment von einem mysteriösen Grafen gerettet. Der Graf wird von der Marquise und ihren Eltern als ein Held empfangen, doch als er um die Hand der Marquise bittet, hat er keinen Erfolg. Schlimmer wird’s, wenn die Marquise von O. plötzlich erste Anzeichen einer Schwangerschaft bekommt… Schwangerschaft bei einer völligen Ratlosigkeit über die Zeugung! Wer?! Wo?! Wann?!

Die ambivalente und mysteriöse Geschichte von Kleist kippt um, wenn in der Inszenierung von Kammerspiel Frankfurt der Autor selbst, der depressive und labile Kleist, mit seinen Charakteren zu diskutieren anfängt. Andreas Uhse verkörpert grandios einen geisterhaft werdenden Autor, eine Mischung aus Kafka und Mephisto, der, von seinen Phobien und Ängsten geplagt, sich in seinen Figuren verliert. Er – der sich über seine unangetastete Meta-Ebene freuen sollte – verlässt sie plötzlich, und trifft auf seine skurille Charaktere. Völlig unvorbereitet und schutzlos.

Da sind die Eltern von Marquise – der archetypische Vater (eindrucksvoll gespielt von Thomas Huber) und die ebenso archetypische Mutter (Franziska Junge). Die beiden schweben in der unerreichbaren Höhe, wie Sprachblasen in einem Cartoon, über dem kahlen Kopf Kleists. Seine Rede.

Aber auch der Graf F. (Oliver Kraushaar) wird von Kleist verfolgt. Eine gegenseitige Paranoia. Und die Marquise selbst (Henrike Johanna Jörissen) entpuppt sich als… alter ego? Schizophrene Fantasma des einsamen Autors?

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Doch so einsam ist Kleist nicht. Er hat ein musikalisches Schatten, das ihn schweigsam überwältigt – Hauschka. Und Hauschka bringt das Licht.

Das ist der grosse Knick: Andreas Uhse spielt Kleist, und Hauschka spielt Musik. Er ist Musik. Keine Begleitung. Keine Illustration. Keine Dekoration. Sondern ein Charakter. Seine Musik wird plötzlich zum Text, ungeschrieben von Kleist. Alles wird zerschwurbelt durch die Bierdeckel und seltsamen Dinge, mit denen Hauschka sein Klavier präpariert. So kommt die Rettung – so wird eine neue Phase geschaffen. Oder aber nicht? Oder aber doch?

FAZIT. Eine höchst sehenswürdige Vision – unerwartet, krankhaft, wunderschön. Inszeniert von Kevin Rittberger.

Kunststeckbrief

Was: Kleist. Die Marquise von O.
Wo: Kammerspiel Frankfurt am Main
Wann: 20.11.10, 20.12.10, 21.12.10…
Medien: http://www.schauspielfrankfurt.de/spielplan/stuecke.php?SID=128

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