Merzmensch

DADAistisches und dadaLOSES

Schreibkraft: "Alles Bestens" (17)

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Lebensmitteliteraturzeitschriften-Test geht weiter. Mir ist eine ältere Ausgabe (2008) der Zeitschrift „Schreibkraft“ zu Händen gekommen. Nr. 17: „Alles Bestens„. Wieso denn nicht früher?Schreibkraft17

Dankeswerterweise gibt es diese Ausgabe der Zeitschrift (zur Furcht aller Verlagsverbände) komplett online zugänglich. Und nichtdestotrotz werde ich wohl die weiteren Ausgaben erwerben, denn – es lohnt sich! Eine weitere österreichische Schatzkammer.

Es ist jede Menge Schätze drin. Hier nur ein Paar davon:

  • Werner Schandor (Herausgeber): Alles immer besserer.
    Eine wunderbare powerpointengeladene kundenfreundliche und effiziente Einführung. Zeitgemäss und zukunftsorientiert.
  • Parviz Amoghli: die seele hockt im fegefeuer
    Eine faszinierende Geschichte des lukrativen Ablasshandels – vom dunklen Mittelalter bis hin zu Corporate Social Responsibility (wenn eine Korporation des Images wegen mal was sozial lobenswertes tun möchte).
  • Emily Walton: von klomüscheln und leichenbestattern
    Brazil lässt grüßen: alles wird normiert, oder besser: genormt. Egal was. Demokratisch (in der Kommission sitzen alle möglichen Vertreter). So etwas macht Lust auf Anti-Norm
  • Anne Peters: kleine typologie des mehrheitsfrohsinns
    Es geht um Frohsinn als ein Ziel, das mit jeden Mitteln erreicht werden will. So Carnegie-mässig: „When fate hands you a lemon, make lemonade.“ Und das Problem (es gibt kein Problem) mit der Mehrheitskompatibilität des Frohsinns.
  • Harald A. Friedl: das platon-popper-syndrom
    Jetzt, wo… Nein, anders gesagt: die Antike wurde durch Postmoderne überrümpelt, und nun schauen wir in die Röhre, sozusagen, mit unserem Glücksmaximierungswahn. Unersättlich, sozusagen.
  • Bernhard Horwatitsch: das universum
    ein äußerst lesenswerter Aufsatz, nach dem man sich fragen wird: was zum Henker wollen wir eigentlich? Denn im Vergleich mit dem Universum sind all unsere Sorgen und Probleme bis zur Unerkenntlichkeit lächerlich.
  • Stefanie Lerner: wir 2.0
    Der Homunculus Sapiens wird zubereitet, durchschnittisiert und vereinheitlicht. Und derzeit zählt die Weltbevölkerungsuhr hoch. Notiz am Rande: 2008 waren es 6.709.786.854 Menschen zum Ende dieses Artikels geboren. Jetzt, wo ich es schreibe, sind es 6.933.048.040 Menschen, die hier und da auftauchen. Bald, sehr bald werden wir den/die 7.000.000.000sten Menschen feiern.
  • Nina Goldfisch: aus liebe zur arbeit?
    Wir verlassen globale Gefilden und kommen auf den Boden der Tatsachen: Migrantinnen (mit Hoffnung auf das neue Leben und Arbeit in Europa erfüllt) werden mit der Realität der unbezahlten All-in-One-Praktika auseinandergesetzt (hier schliesst die Küchenarbeit auch das Kloputzen in sich ein). Schöne neue Welt, oh ja…
  • Jürgen Plank: reif für die insel
    Jeder Mensch ist eine Insel, doch dieser Text ist nicht darüber. es geht um die Insel innerhalb des Menschen, und um die Menschen innerhalb der Insel. Insel als Leben, Insel als Tor zwischen Hölle und Himmel – nur noch „LOST“-Bezüge fehlen. Kein Wunder, damals wusste noch kaum jemand, was das für eine Insel ist. Jürgen Plank hat es aber bestens geahnt. Ich sollte diesen Text noch 2008 gelesen haben.
  • Brigitte Radl: loser sind ok
    Die nichtfliegenden Pinguins und die Amerikanisch-Samoanische Fussbalnationalmannschaft (mit Guinnes-ausgezeichneten Erfahrungen von 0:31 Niederlage [ca. 1 Tor jede 2 Minuten]: und was sollt’s? Take it easy! Hauptsache, man macht weiter.
  • Sabine Dengscherz: gut ist nicht gut ist nicht gut
    Alles ist relativ, alle Qualitativen Begriffe, vor allem das-von-uns-als-GUT-definierte. Und der Zaubertrick ist, das Relative zu lenken! Denn das geht. Und das könnt Ihr. Man hat ab und zu das Gefühl, dieser Text habe keine Eigenposition. Und das hat er nicht. Denn es gibt keine Eigenposition, sie ist eine pure Illusion. Oder besser so: eine Eigenposition gibt es nicht, sie wird gemacht. Von jedem von uns. Jetzt ohne Liberalismusquatsch und Powerpoint-Carniegies.
  • Myriam Keil, die andere seite der besseren lebensart
    Es geht um das überall lauernde Andere, das mit unserer Sicht der Dinge zu kollidieren versucht. Und es geht auch um das Glück des Nicht-Ahnens dieses Anderen. Ahnen Sie’s?
  • Cay Marchal: das getobe der Sprachen
    Suche nach einem richtigen Wort. Angesichts der Babylonischen Verwirrungen. Lobenswert.
  • Martin Gasser: der feuerkopf im schrebergarten
    Für mich eine Entdeckung: das Parabel von Johann Karl Wezel Belphegor oder Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne„: eine Mischung aus Sartre, Voltaire, Kafka und Co. (Ist da so eine Co?) Ein Optimist, der zum Pessimisten wird, die Welt quer durch Europa-Afrika-China durchstreift und endlich in Amerika in eine kleine Community flieht. Tja, die Menschen ist eine gar merkwürdige Gattung von Untieren.

Und dabei ist es nicht aus, es sind noch Buch-Reviews, Streifzüge durch Odessa etc. etc. Kurzum, schreibkraft ist eine weitere Literaturzeitschrift in meiner Best-Of-Liste. Schlicht und einfach.

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