Merzmensch

DADAistisches und dadaLOSES

Ich war neulich in J…

14 Kommentare

Übrigens, ich war neulich in Japan. Das war eine wundervolle Reise, voller wundersamen Entdeckungen.

Osaka
Aber heute erzähle ich über eine andere Reise, nicht weniger interessante.

Ich war neulich in Jena. Professorin, die meine Doktorarbeit betreut, lud mich zu einem Doktorandenkolloquium ein. Es war eine fruchtbare und inspirierende Reise.

Jena war anders, als so manche behaupten. Jena war gemütlich, nett und hatte diesen wunderbaren Studentenstadt-Flair. Diese Universität-Stadt hat ihren Namen „Lichtstadt“ verdient, und es lag nicht nur an Zeiss, dem sonnigen Wetter und Stadtmarketing.

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Die Stadt voller junger Menschen. Architerktur euphorisch willkürlich (Fachwerk neben 60ge-Jahre-Bauten, Mittelalter-Ruinen neben Hochhäusertürmen). Bergige Landschaft und Labyrith-Gassen.

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Natürlich, gab es auch hier verhängnisvollen Ambitionen, die es ausnahmslos in jeder Stadt Deutschlands gibt, und alle diese Städte verunstaltet. So auch Jena wurde zweimal gründlich zerstört – einmal während des 2. Weltkriegs, das zweite Mal, als man den sogenannten JenTower (ausgesprochen nicht als „Dschentauer“ ausgesprochen) erbaute.

Dieses phallische Ungetüm ist am besten von der Wagnergasse zu sehen: die berümte Studentenstrasse, mit wunderbaren Cafés, Kneipen, Buchläden, diese einzigartigen Atmosphäre wird völlig zunichte gemacht mit diesem Ding da:

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Nicht zufällig hat JenTower eine Reihe weiterer wunderbaren Namen:

Intershop Tower,
Uniturm,
Intershop-Turm,
„Keksrolle“
„der Turm“,
Penis Jenensis,
Schuldenstummel,
Henselmann-Turm

Doch neben diesem Turm ist ein anderer zu finden, der sogenannte „Anatomie-Turm“.
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Hier nämlich entdeckte im Jahre 1784 Goethe seinen Zwischenkieferknochen. Ich meine, nicht seinen eigenen, sondern, naja, Sie wissen schon.

Die Jena Universität ist auch sehr gemütlich. Der Eingang sieht ja fast schon wie ein Museum aus:

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Und die öffentliche Verkehrsmittel kommen direkt am Campus an:

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Und vor allem: es gibt hier noch Slavistik. Das kann sich nicht jede Universität leisten. Oder anders ausgedruckt: nicht jede Uni ist so weitsichtig. Naja.

Gefrühstückt habe ich in der wunderbaren Wagnergasse, im Café Stilbruch.

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Auf diesen drei Stockwerken, voller Jazz, Antiquariat und Jugendstil war früher das Haus des Schuhmachers Heinz Á Brassard, der bekannt war für seine Menschlichkeit und auch für seine Musik-Vorliebe. Man konnte sich bei ihm angestellt werden, nur wenn man ein Musikinstrument beherrschte.

Kurzum, ich teile zwar nicht die Philosophie der Burschenschaften, aber ich kann völlig nachvollziehen, wenn sie seit Jahrhunderten sangen:

In Jene lebt sich’s bene

Und Kolloquium an sich war sehr ideenreich: es ist wahrlich notwendig, auch mal das eigene Kämmerlein zu verlassen, sonst wird’s nichts (verzeih mir, lieber Kant). Ein Gedankenaustausch war einfach genial.

Und dann habe ich noch zwei andere wunderbare, dadaistische, mysteriöse Sachen erlebt. Aber darüber – etwas später.

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14 Kommentare zu “Ich war neulich in J…

  1. Da war ich noch nicht. Danke für den Reisebericht. Über der Straßenbahn hängt wohl ein Ausrufezeichen in der Luft, was gut zu deinem Urteil passt.

  2. Hehe, also „Keksrolle“ triftt es ganz gut !

  3. Jena oder Japan, Hauptsache Italien!

  4. Es gilt seit Jahren als widerlegt, das JWG den Zwischenkieferknochen „entdeckt“ hat. Da sind wohl andere vor ihm gewesen. Olle Goethe jedenfalls war als genialer Selbstvermarkter derjenige „Universalgelehrte“, der am lautesten darüber sein Mäulchen aufgerissen hat, wobei ihm hoffentlich das besagte Knöchlein nicht ersprang.

  5. Danke, danke für dein Bericht.

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