Merzmensch

DADAistisches und dadaLOSES

Die Blechtrommel, Reimann, Schwitters und geschichtliches Durcheinander

12 Kommentare

In Jena auf der Wagnergasse entdeckte ich „Die Blechtrommel„, einen Antiquar-Buchladen. Beim Hereinschreiten denkt man noch an Grass, doch, als man bereits im Laden drinne ist, fragt man sich, ob nicht Grass dem Laden den Namen für seinen Roman entwendete.

Denn diese chaotische Innereien, voller Bücher, wie Sowa’s Dekorationen zur „Zauberflöte“, scheinen ewig zu sein. Als ob Alexandrinische Bibliothek hier ihre Filiale als Verkaufsstelle nutzt: Steven King und Mathe-Lehrbücher, Tora im Original und alte Ausgaben der „Du„-Zeitschrift, DDR-Lesebücher und Else Laske-Schüler.

Und natürlich, habe ich hier etwas gefunden, wie konnte es auch anders sein.

Hans Reimann. „Die Dame mit den schönen Beinen„.

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Nun, bei Beinen, da denke ich sofort an zweierlei Dinge:

1) an diesen Schlager aus dem Jahre 1930: „Wenn die Elisabeth nicht so schöne Beine hätt“.

http://www.dailymotion.com/swf/video/xbnzy8?theme=none

Max Raabe – Wenn die Elisabeth
Hochgeladen von vik13. – Sieh mehr Musikvideos, in HD!

2) an das Gedicht von Schwitters „Onkel Heini

Und wenn die Welten untergehn,
Bleibt Onkel Heini doch bestehn,
Denn unser braver Onkel Heini
Hat immer noch die krummsten Beini.

Doch was war denn das für ein Buch?
Das Buch wurde in Hannover veröffentlicht. Doch es geht noch besser: im Verlag von Paul Steegemann, in dem auch Kurt Schwitters veröffentlicht wurde.

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Und tatsächlich – im Verzeichnis auf der letzten Seite:
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Das war das stärkste Argument, das Buch sofort zu erwerben!
Und dann fand ich jede Menge erstaunliches Zeug: Parallelen mit Schwitters. Das Meta-Ironisches über das Schreiben. Wiederholungsmuster. Erstklassiges Kommunikationsmisslingen. Hier, als Probe, ein Text.

Hans Reimann. Beim Augenarzt.

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Nun, wer war Reimann? Ein höchst widerspruchliches Bild…
Zusammen mit Spoerl wirkte er mit an der Entstehung des Romans „Die Feuerzangbowle„. Doch Spoerl entfernte ferner alle Textfragmente von Reimann.
Zusammen mit Steegemann fing Reimann Anfang 1930ger eine Parodie auf Hitler „Mein Krampf„, was sie nach einem öffentlichen Skandal einstellen mussten.

Doch dann kam Unerklärliches (oder doch Erklärliches?): Reimann schien, die Seite zu wechseln. Er schrieb einen miesen antisemitischen Artikel „Jüdischer Witz unter der Lupe„, er beteiligte sich in rechten Zeitschriften, und Carl Zuckmeyer schrieb über ihn in seinem „Geheimreport„:

„Kaum […] kamen die Nazis zur Macht, als er [Reimann] sich winselnd und kriechend um ihre Gunst bewarb, sofort bereit, alles zu verraten, zu beschimpfen und zu bespucken, was ihm gestern noch für den Beifall seines Publikums gut genug war.“ (Zitiert nach Wiki)

War er Mitläufer? Hat er sich verführen lassen? War er ein Undercover? Denn seine satirischen Texte lassen sich so und so deuten. Und Tucholsky habe ihn hoch geschätzt. Wollte er im letzten Moment seine Haut retten? Hat er sich angepasst? Hat man ihn nicht verstanden? Wieso veröffentlichte er dann in rechter Presse?

Wie dem auch sei, die Texte des Buches „Die Dame mit den schönen Beinen“ entstanden lange vor dem dunklen Nazi-Kapitel. Sie sind voller Witz, dadaistischer Sinnes-Täuschung und bissiger Parodien auf Otto-Normal-Bürger. Das, was hier wie Amusement-Literatur anfängt, bekommt langsam Formen des Absurden. Stereotypen werden überspitzt und Mythologien platt gemacht (wieso eigentlich nicht?).

Hans Reimann wird wohl immer unter seinem Stigma leiden. Doch seine dadaistischen Texte, wenn sie je ihre Leser erreichen, werden wieder aufblühen und meta-textuell umhauen. Wie beispielweise diese Geschichte hier:

Von dem Kanarienvogel, der mit dem Kopf durch die Wand wollte.

Eine traurige Geschichte.
Mein Herz bricht, wenn ich daran denke.
Erspart mir, sie zu erzählen.

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12 Kommentare zu “Die Blechtrommel, Reimann, Schwitters und geschichtliches Durcheinander

  1. Toll! Von Hans Reimann kenne ich „Hedwig Courths-Mahler. Schlichte Geschichten fürs traute Heim“ (1922). Daraus stammt dieses komische Artefakt über die 500 Streichholzschachteln:
    http://abcypsilon777.blog.de/2006/10/23/abendbummel_online_besser_riechen~1253459/

  2. Toll, was du aus deinem Fund für eine Geschichte entwickelt hast! Reimann selbst scheint schon ein arger Opportunist gewesen zu sein.

    • Stimmt, das ist sein Problem, und das ist seine Tragödie… Diese Geschichte wirft die Fragen auf, was tut man mit solchen Menschen, was tut man mit ihren Texten – späteren wie früheren. Ist das danach das gleiche wie davor?

      • Eine gute Frage, die sich auch bei viel bekannteren Autoren/Künstlern stellt: nehmen wir nur Nietzsche und Wagner.

      • Oh ja. Grass und Hamsun… Es ist auch die Frage, dass (und ob) der Mensch sich ändert. Die Verantwortung vor dem eigenen Text. Und ich frage mich als Leser: kann ich / darf ich einen Text lesen, dessen Autor später in die Nazi-Reihen übertritt. Oder danach wieder rausging. Natürlich, Selst-Reue des Autors macht schon vieles aus. Ob Reimann selbst seine Teilnahme bereute, kann ich aus dieser Seite leider nicht so richtig rausfiltern: http://hans-reimann.de/drittes.html
        Dass er gegen Nazi-Anschuldigungen klagte: ja. Dass er Nazis kritisierte: ja. Aber was sagte er über sich selbst?..

      • Interessante Seite eines Reimann-Fans. Leider kenne ich den Autor nur dem Namen nach und habe mich nie damit befasst … aber ich gestehe jedem zu, dass er im Laufe seines literarischen Lebens Fehler macht oder sich mal versteigt. Wenn ich mir vorstelle, dass mir vor rund acht Jahren im Netz schwere Vorwürfe gemacht wurden, weil ich den Begriff „Zigeuner“ verwandte – also gegen „political Correctness“ aus heutiger Sicht verstoße … dann wird an diesem kleinen Beispiel auch deutlich, wie sich Weltbild und Sprache als Überbauphänomene entwickeln und ändern. Allen kann es ein Autor nicht recht machen.

      • Das stimmt. Das Thema von Political correctness wollte ich sowieso noch in meinem Blog ansprechen. Kommt bald.

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