Merzmensch

DADAistisches und dadaLOSES

Internationale Schwitters-Tagung. Teil 2.

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Und schon ging’s weiter mit dem Avantgarde-Koryphäen Walter Fähnders. Allein die Liste seiner Publikationen zu Avantgarde würde diesen Blog sprengen. Doch mein Blog pflegt stets, seine lakonische Ausdrucksabilität in der Wortkargheit zu manifestieren. [Na gut, nicht immer]

Und hier ging es auch um Manifeste. Zumal Schwitters keine schrieb. Nein. Das stimmt nicht ganz. Es sind wenige Texte bekannt, die er als Manifest betitelte. Die aber nicht unbedingt Manifestcharakter haben. Dagegen andere seine Texte mit Manifestcharakter nicht als Manifest betitelt wurden. Schwitters wusste, was er schrieb. It’s complicated.

Eines steht fest: Schwitters war nicht dogmatisch. Und auch seine Richtungsweisenden Texte spielten mit der eigenen Seriösität.

Off-topic: Während des Vortrags fiel der Ausdruck „Durch Wikipedia verbreitet“ auf, und ich verstand die ganze Bedeutsamkeit von Wikipedia im Kontext der modernen Gesellschaft. Nicht weil alles, was in Wikipedia steht, wahr ist. Sondern weil meistens nur das, was in Wikipedia steht, vebreitet wird.

Schwitters war kein grosser Freund von Manifesten, besonders mit politischen Betonung. Sein „Manifest Proletkunst“ war eigentlich gegen solche Manifeste gerichtet.

Der Vortrag war derartig interessant, dass ich in lauter Euphorie vergass, Walter Fähnders zu fotografieren. Daher hier sein neustes Werk – und ein LESEMUSS. METZLER LEXIKON AVANTGARDE – jedes Wort eine Delikatesse.

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***

Das war die Sektion 1. Kurt Schwitters und die Moderne.
Und hier die Sektion 2. Positionierungen von Kurt Schwitters – Autorkonzepte, Textstatus, ästhetische Strategien

Als nächster kam Ralf Burmeister (Berlinische Gallerie, Berlin) mit dem Vortrag „Merz im Selbstportrait„. In einer sehr anschaulichen Präsentation wurde Selbstinzinierung des MERZ-Künstlers als MERZ-Künstler gezeigt.

Kurt Schwitters verschickte an seine Freunde die Postkarten mit dem eigenen Fotoportrait. Doch jedesmal bearbeitete und verfremdete er die Karte auf unterschiedlichsten Arten und Weisen, beispielweise so:

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http://www.artnet.de/magazine/eroffnung-der-berlinischen-galerie/images/6/

Einziges, was immer (bis auf ein Beispiel) unberührt blieb, war die Unterschrift:

Kurt Schwitters.

Durch Anspielungen, Zitaten und Seitenhiebe inszenierte er den MERZ-Künstler, er verMERZte sich selbst.

Und Merzmensch sagt dazu: Schwitters war ein prä-cybernetischer Hacker der eigenen Identität. So wie der berüchtigte „Laughing Man“ in „攻殻機動隊 STAND ALONE COMPLEX„, der die anderen Identitäten hackte mit dem Ziel der Selbstinszenierung (mit einem ikonographischen Kopf und Zitat aus Sallingers „Catcher in the Rye“)

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Der einzige Unterschied: Schwitters hackte sich selbst. Aber er war sowieso Vorreiter in Sachen Virales. Das Beispiel der Postkarte oben ist mit einem Aufkleber „Anna Blume“ versehen. Schwitters stellte diese Aufkleber her, zum Anbringen an allen möglichen und unmöglichen Urbanitäten. So wie es heutzutage „Antifa“ und tausende anderen subversiven Elemente macht.

Und ausserdem klebte er überall in Hannover

  1. Zehn Gebote (wie Luther mit seinen 95 Thesen)
  2. und Tage später: Plakat mit dem Gedicht „Anna Blume„, über die Gebote drauf.

Schwitters war subversiv.

***

Darauffolgendermassen kam Sigrid Franz, die gerade mit dem Thema „Kurz Schwitters‘ Merz-Ästhetik im Spannungsfeld der Künste“ promovierte.

Sie sprach über die Immaterialität und Fragmentierung als Vernetzungsprinzipien. Schwitters‘ Absage an abgeschlossenen Werken ist fast zum Sinnbild seiner Texte geworden.

Ausserdem wurden die Künste, Gattungen und Genres in MERZ komplett aufgehoben, dabei wurde das Materielle und Immaterielle gegeneinander gewertet – als Hauptprinzip der Schwitters‘ Kunstauffassung. Das Musikalische dabei – wie am Beispiel der Ursonate – als noch nicht so recht erforschtes Thema – spielte eine wichtige Rolle. Vor allem durch den Rhythmus, der für Schwitters eines der grundlegenden Elemente jeder MERZscheinung war.

***

Wie der werter Leser bemerkt, meine Konzentrationsfähigkeit liess nach. Denn so viel Schwitters-Materie auf ein mal von allen Seiten ist schön, macht aber viel Arbeit.

Nach einer Pizza DADA ging’s aber besser. Und weiter.

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2 Kommentare zu “Internationale Schwitters-Tagung. Teil 2.

  1. Lieber merzmensch,

    mit großem Interesse lese ich deine Berichte

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