Merzmensch

DADAistisches und dadaLOSES

Xenophobie der Toleranz

4 Kommentare

Und wenn die Welten untergehn,
Bleibt Onkel Heini doch bestehn,
Denn unser braver Onkel Heini
Hat immer noch die krummsten Beini.
Schwitters

© Pro7 © 2011 SevenOne Intermedia GmbH - alle Rechte vorbehalten

Ich weiss, ich bin schon zu spät, denn die Toleranz ist längst vorbei. ‚S ist fast eine ganze Woche her.
Ja, meine Lieben, letzte Woche hat der TV-Sender Pro7 ein Experiment namens „Tolerance Day“ veranstaltet.

Das schon wirft mindestens zwei Fragen auf:

  1. ist unsere Gesellschaft noch so mittelalterlich, dass sie für Tolerance einen speziell eingerichteten Day braucht?
  2. (falls unsere Gesellschaft so mittelalterlich ist:) reicht ein Tag wirklich aus?

Tatsächlich, Intoleranz ist eine markante Begleiterscheinung unserer Gesellschaft.
Sie beginnt sehr früh, und zwar so:

Kind. Mama/Papa, guck mal, was für dicken Bauch hat der Onkel da!
Eltern. Sei still, Kind, sag doch sowas nicht.
Kind. Aber warum? Der hat doch einen komischen dicken Bauch, siehst du das denn nicht?!
Eltern. Sowas sagt man nicht in der Gesellschaft. Wenn er das hört, dann wird er bestimmt sehr traurig sein.

Und so konzentriert sich das Kind=>Teenager=>Jugendlicher=>20-Jähriger=>Familien-Gründer=>Midlife-Crisis=>[etc.] auf dem Schweigen über den dicken Bauch jenes Onkels. Political Correctness über alles. (Denn jener dicke Bauch ist doch so doof gewesen, nicht wahr?)

Doch wäre es denn nicht konstruktiver, dem Kind zu sagen:

Na und? Was ist denn daran so komisch? Spielt es denn eine Rolle, dass er einen dicken Bauch hat?

???

Jedoch statt dem Kind durch die paradoxe Antwort eine selbstreflektive Weltwahrnehmungshaltung beizubringen, übt man es schon sehr früh in der Weltkunst Political Correctness.

Denn wissen Sie, ich habe ein Problem mit Political Correctness. Aber keineswegs, weil es verlogen oder heuchlerisch sei, wie manch einer behauptet. Nein, eher umgekehrt. Political Correctness ist wie ein Fassadenvorhang vor einem Haus in der Renovierungsphase.

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Er hängt nur da, um die von Bauarbeiter verunstaltete Fassade kurzzeitig zu verstecken, und eines Tages wieder das Haus in aller Frische der Welt zeigen zu können.

Political Correctness ist lediglich dazu da, während unsere Gesellschaft sich unterwegs zu einem zivilisierten und aufgeklärten Zustand befindet, sich selbst den Weg durch die eigene Mittelalterlichkeit ad astra nicht zu versperren.

Natürlich, wenn man aber die Renovierung des Hauses aufgibt, weil sie zu teuer ist, (Man muss heutzutage überall sparen!) und weil man sowieso bereits diesen schicken Fassadenvorhang hat (kann ja auch hängen bleiben) – da bleibt man [sich und andere belügend] in der eigenen Entwicklung für immer im Sumpfe stecken. In einem Simulakrum der Aufgeklärtheit und der geistigen Schönheit.

Was hilft besser der Verständigung zwischen Vertretern verschiedener Kulturen als die eigene Offenheit, als Befreiung von Stereotypen, als Bereitschaft, das Unbekannte zu erfassen und das Unvertraute zu entdecken, indem man die Tatsache in Kauf nimmt, dass vielleicht die eigenen Vorstellungen dadurch über den Haufen geworfen werden könnten?

Doch was macht Pro7 daraus?

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© Pro7 © 2011 SevenOne Intermedia GmbH – alle Rechte vorbehalten

Pro7 kultiviert weiterhin unbetrübt die Stereotypen, weil es so wohl dem Zuschauer verständlicher erklärt werden kann. Man setzt ja kein Vertrauen in das Publikum.

Und ich frage mich: wieso „Enjoy difference„? Indem man das Andere als das Andere wahrnimmt, baut man bereits  eine Mauer. Statt zu verstehen, dass es nichts Anderes gibt? Dass jeder von uns ein Anderer und gleichzeitig Teil des Ganzen ist (pars pro toto)?

Wenn man aber den Unterschied geniesst, dann schenkt man dem Unterschied die eigene Aufmerksamkeit, und so gibt es diesen Unterschied erst recht, doch ist die Aufmerksamkeit zu dem Unterschied nicht ein Teil der eigenen Wir-Integrations-Abtrennung von der globalen Kultur? Zurück in eine lokalpatriotische Provinz?

Auch wenn der Vorsatz von Pro7 durchaus zu begrüssen wäre – Beseitigung der xenophoben Missstände, die in unserer Gesellschaft noch sehr tief verwurzelt sind, – doch die Realisierung? Wieso diese Stereotypen und pseudo-nationalen Klischees?

Es entsteht das Gefühl, als wären die Herrschaften von Pro7 von Vorwürfen geplagt, sie seien nicht gesellschaftstauglich genug. Sie gehen dann zu einer Werbeagentur ihrer Wahl und beauftragen sie, etwas politisches zu machen. Und Political Correctness sells.

LÖSUNGSVORSCHLAG

Statt mit Stereotypen zu spielen, müsste man die Stereotypen brechen: indem man beispielweise mehr internationale Filme zeigt, und zwar nicht nur am Tolerance day, sondern das ganze Jahr über, und nicht nach 23:00, sondern zu PrimeTime. Aber da hat man ja wieder diese Ur-Angst vor den Quoten, man zeigt lieber die gleichen US-Blockbuster mit hohem Wiedererkennungswert immer und immer wieder. Denn Toleranz ist zwar schön und gut, aber wenn’s ums Geld geht, dann ist Schluss mit lustig.

So manifestiert man die angebliche Toleranz an einem bestimmten Termin mit Tamtam und grossen Fahnen, man hackt es liturgisch ab:

ach, sind wir doch alle so weltoffen und tolerant, meine Damen und Herren! Weiter geht es nach der Werbungspause.

Man konzentriert sich narzisstisch auf sich selbst, denn es geht ja immer nur noch um uns. Man zelebriert sich in eigener Selbstgefälligkeit. Man bleibt ein Monster.

Man spricht über Toleranz – doch impliziert dieser Begriff nicht etwa bereits jene klaffende, wachsende Distanz zwischen sich selbst und dem Anderen? Ist Toleranz nicht Synonym zu „Duldung“?

Ist der Begriff „Toleranz“ etwa nicht selbst xenophob?

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4 Kommentare zu “Xenophobie der Toleranz

  1. Der Leitsatz „Enjoy Difference“ zielt wohl, optimistisch gedacht, darauf ab, das Leben in seiner Vielfalt anzunehmen und angesichts einer möglichen Monotonie bei fehlender Verschiedenheit auch zu „genießen“.
    Allerdings dreht sich mir beim Slogan „Enjoy Difference, Start Tolerance“ in Verbindung mit dem Sender Pro7 und dessen, mit Verlaub, Hackfressen bzw. Moderatoren der Magen um.
    Das von dir eingestellte Bild der Kopftuch tragenden Moderatorin finde ich besonders amüsant.

    • Tatsächlich, „enjoy“ würde auch zu „entertain“ von Pro7 passen. Und wie so oft sind deren Projekte zwar gut gemeint, jedoch sehr fragwürdig in der Ausführung. 🙂

  2. Du verlangst aber verdammt viel vom Privat-TV…;)

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