Merzmensch

DADAistisches und dadaLOSES

(Ver/Ent)deckungsreise

4 Kommentare

Neulich war ich auf einer EntVerdeckungsreise. Nein, ich fange lieber anders an. 1973 entstand im Mittelhessen eine Initiative. Initiative Gross-Gerau, oder kurz: IGG. Der örtliche Bezug in diesem Namen deutet lediglich auf die Gründung hin, denn zu der Initiative gehören viele aufgeschlossenen Kreativen, die nun quer durch die Bundesrepublik verteilt sind.Igg_gr

Es ist kein Gefälligkeitsverein, und bereits fast seit 40 Jahren veranstaltet Pedro Warnke und IGGler unzählige Performances, Ausstellungen, Villabesetzungen, Tetraederverbreitungen, Plastique-Folie-Luftbefüllungen kurz: man macht die Wirklichkeit eines Schild- und Spiessbürgers unsicher. Doch nicht auf eine arrogante Art und Weise, wie es manch einer Kunstschaffende des Kulturbetriebes tut. Sondern direkt, aufgeschlossen, infiltrierend, so, dass die Zuschauer plötzlich eine neue Perspektive auf die Welt selbst entdecken. Über IGG kann (und muss) man viel erzählen, doch das kommt das nächste mal, denn:

Neulich war ich auf einer EntVerdeckungsreise.

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Im Gross-Gerauer Stadtmuseum erwartete mich etwas seltsames. Was, liebe Freunde, ist denn das da für Ding, und was hat das in einem Museum verloren?

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Dieses Werkzeug war allen Exponaten vorangestellt.

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Was ist das?

Pedro Warnke hat schon wieder eine überwältigende Idee. Die museale Atmosphäre ist normalerweise einseitig: die Werke hängen autoritär auf den Wänden rum, und vor ihnen tummeln sich bescheidene Besucher, voller Angst und Bewunderung.

Nicht berühren!
Nicht näher kommen!
Sonst wird Alarm ausgelöst und die hechelnden Museumswächter eilen schon herbei.
(MFG, Ihre Kultur)

Was für mittelalterliche, und vor allem unfruchtbare Disposition. Da muss eine Interaktion her!

Der Zuschauer muss sich wagen, an den Werk näher zu schreiten, es zu greifen, zu ent-decken. Was er in der Ausstellung von Pedro Warnke Verdeckt – Entdeckt auch tut. Mit – oder ohne – Hilfswerkzeuge sind die Zuschaer beinahe gezwungen, diese vermeintliche Distanz zum Exponat zu überwinden. Menschen berühren die Werke, Menschen greifen ein.

Menschen be-greifen.

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Hinter den Wolldecken verstecken sich verschiedensten Welten. Pedro Warnke bediente sich dabei dreierlei Quellen:

  1. Gross-Gerauer Stadtmuseum (der Museumsleiter Jürgen Volkmann stellte jede Menge historischer Unikate zur Verfügung)
  2. Flohmärkte und Antikläden, wo ganz biedere und kitschige Gemälde, inklusive Röhrende Hirsche & Co. aufgesammelt wurden
  3. Atelier von Pedro Warnke selbst – nicht nur als Werkstatt, sondern als Ort der Zufälligkeiten, wie Beispielweise ein Fussball, der auf seinem Grundstück einst landete, und nun verarbeitet wurde

Und die Zuschauer gingen ran ans Werk. All die Objekte und Bilder wurden so richtig untersucht.

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Was haben wir also hier? Ich zitiere unter jedem Foto die „Inventarliste“, die in der Ausstellung verteilt wurde.

Eine Koexistenz des Fragilen mit dem Robusten. Koexistenz? Vieleicht ja doch:

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2007_04102010 Anfang und Ende
Vogelnester auf Holzbalken, Nagel, div. Kreuzformen

Dann war dort ein uralter Koffer unter der Decke versteckt. Seine Beschriftung war sehr enigmatisch:

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24112010 (Ein letzter Wille)
Koffer mit Inhalt (Beschriftung: „Nur alle zehn Jahre öffnen!“)

Ein Gemälde mit Kneipen-Motiven. Und da Kneipen bekanntlich kein Ort für Kinder sind, findet man hier einen Magritte-esquen Hinweis:

Ce sac n’est pas un jouet

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14082010 (o.T.)
Unbekannt, Öl auf Malpappe; auf Holzplatte

Eine Flaschenpost besonderer Art. Nur die Unterschrift gibt uns Hinweise über die Inhalte

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1936_1984/2010 (Inhalt: „Heil-Hitler-Gruß“ eines Zwölfjährigen)
Originalflasche der ehemaligen Likörfabrik Georg Eckrich II, Groß-Gerau, gefunden in Trebur

Das nächste Objekt spricht für sich – ebenfalls durch die eigene Beschreibung (liest sich wie ein Text zum neuen Lied von Blixa Bargeld).

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18032011 (+ mein Leben?)
Männliche Schädeldecke (ca. 5000 v. Chr.) montirt an Boden einer aufrecht gestellten alten, wurmstichigen Werkbank-Schublade, darunter angeordnet Autobiographien von Marcel Reich-Ranicki u. Pelé -, 2 kleine Holzstäbe sich kreuzend lose zwischen den Büchern gelegt.

Und dann: Homage an Beuys. Beuys verarbeitete in seinen Werken Hausstaub. Pedro Warnke wunderte sich aber, wieso die Spinnweben in Werken von Beuys kein Platz gefunden haben. Daher sammelte er in zwei Pappschachteln diese äusserst zerbrechliche Strukturen für Beuys und wollte irgendwann als Geburtstagsgeschenk übergeben. Und – wie der Zufall es will – am Tag vor der Vernissage, am 12.05.2011 wäre Beuys 90 Jahre alt!

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2008_06012011 (Material für J.B. zum Geburtstag)
2 Pappschachteln, gefüllt mit Spinnwebe, 2 Murmeln 1920er Jahre, 2 Plastik-Kreuzformen, in Holzkasten gestellt und mit Glas abgedeckt, alles montiert auf Zeichenbrett 1920er Jahre.

Das ist nur eine kleine Auswahl gewesen.

Und hier, als eine Video-Impression

Hier waren alle involviert: der Autor und die Museumsbesucher, unabhängig davon, wie jung die sind.

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Die Zuschauer wurden plötzlich zu Teilnehmern eines vollbesetzen Performances – ein Flashmob ohne Vorwarnung, eine komplette Involvierung, ja gar Zerschmelzung mit dem Kunstwerk selbst. Eine wohl bisher grösste Gruppenperformance von IGG 1973.

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Weitere Fotos: http://www.flickr.com/photos/vladix/sets/72157626728609548/
und: http://www.flickr.com/photos/mzvetina/sets/72157626599504771/

Kunststeckbrief

Was: Verdeckt – Entdeckt
Wo: Stadtmuseum Gross-Gerau
Wann: 13.05.-28.08.2011
Medien: IGG-Webseite

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4 Kommentare zu “(Ver/Ent)deckungsreise

  1. Danke für den Bericht!

  2. Besonders hat mir das letzte Bild deines mosaikartigen Videos gefallen, in dem Du Dich – wie ein Kunstobjekt – unter der Wolldecke versteckte…

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