Merzmensch

DADAistisches und dadaLOSES

Zu real, um wahr zu sein.

6 Kommentare

Bestimmt haben Sie bereits über die YesMen gehört. Wenn nicht, hier eine kurze Charakterisierung:

Sie beschäftigen sich mit „Identity Correction„. Diese Identitätskorrektoren sind wahren Realitätshacker. Sie schlüpfen in unzählige Rollen der Vertreter verschiedensten Grosskonzerne, sie verbreiten gefälschte Zeitungen mit guten Nachrichten (Bush angeklagt, Irak-Krieg beendet etc.), sie fälschen die Webseiten der World Trade Organization. Ihre Aktionen sind eine explosive Mischung aus Anarchismus und einer geradezu naiven Hoffnung, die Welt etwas besser zu gestalten. Wenn die Grosskonzerne es nicht tun – wer dann? The Yes Men.

Eine ihrer prominentesten Aktionen fand am 3. Dezember 2004 statt – zum 20jährigen Jubiläum der Bhopal-Tragödie. In der Indischen Stadt Bhopal geschah eine Katastrophe in der Chemiefabrik des US-Konzerns Union Carbide Corporation. Tausende von Menschen waren Opfer dieses Disasters, doch Union Carbide Corporation unternahm nur wenig, und der  endlich irgendwann ausgezahlte Schadensersatz war nichtig im Vergleich zum Umsatz von UCC, aber auch im Vergleich zu dem Leiden der Bhopal-Bevölkerung. Ein weltweites Chemie-Grosskonzern Dow Chemical, dem seit 2001 UCC angehört, weigerte sich bis zu heutigem Tage etwas gegen die bleibende Quecksilber-Verseuchung in Bhopal zu unternehmen…

…Und das bis zum 3. Dezember 2004, als ein Sprecher von Dow Chemical, Jude Finisterra, live bei BBC World höchst und heilig versprach:

  • angemessenne finanzielle Entschädigung jedem Opfer direkt zu leisten
  • den Verantwortlichen, immer noch auf dem freien Fuss befindenden Ex-Vorstandvorsitzenden von „UCC“, Warren Anderson, aus Amerika nach Indien liefern zu lassen, damit er die bleibenden Ausmasse der Tragödie sehen kann
  • eine gemeinnützige Stiftung zu Gründen und und und…

Hier ist die Mitschnitt:

Doch… leider war hinter Jude Finisterra niemand anderes als ein Vertreter von The Yes Men. Alles war nur ein Fake, ein Hoax, was jedoch Dow Chemical Börsen-Verluste von ca. 2 Milliarden Dollar einspielte. Die unzähligen Anrufe und Anfragen der Zuschauer bei Dow Chemical sollten abgeschmettert und abgelehnt werden. Wenn der Image von Dow Chemical sowieso bereits nicht im Keller wäre, könnte man von Image-Verlust reden.

Nun ist BBC schon wieder in aller Munde. Denn – im Kontext der Finanzkrise – wurde ein Experte angefragt, Alessio Rastani, ein Börsenhändler, der in einem Live-Interview offenbarte, dass er jede Nacht über die nächste Rezession geträumt hat. Und das nicht als Alptraum – oh nein! Seiner Meinung nach, kann man ausgerechnet mit Finanzkrise Geld machen. Während der Grossen Depression entstanden so viele Multimillionäre – wieso denn nicht jetzt wieder? Und er rief in einer beinahe apologetischen Rede alle auf, aus der Finanzkrise Geld zu machen. Wer nicht dabei ist – der sei selbst schuld, denn es sei die grösste und schönste Gelegenheit, so viel Geld machen zu können! Geld! Geld! Geld!

Hier die Mitschnitt:

Die Moderatoren waren völlig sprachlos nach dieser Sprach-Lawine jenseits von Gut und Böse. Und im Netz kamen die ersten Zweifel auf: was, wenn das schon wieder The Yes Men wären? Denn so offensichtlich raubtier-artig und haifisch-mässig, wie der Herr Alessio Rastani agiert – das ist ja einem Klischee nahe. Das kann doch nie im Leben wahr sein!

Doch… The Yes Man haben geleugnet, dass Herr Rastani ihnen angehört. Wer ist er? Ein Wildgewordener Börsenspiesser? Ein Selbstläufer? Ein neuer Yes Man Nachahmer? Oder ein ordinärer Börsenhandler. So einer, dessen seinesgleichen unsere Welt immer tiefer in die Abgründe ziehen?…

rcs

P.S. Und hier: der Film „Yes Men Fix the World“, in voller Länge, auf Deutsch. Augenweide!

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6 Kommentare zu “Zu real, um wahr zu sein.

  1. Ausgezeichneter Beitrag über die Yes-Men!

    Im Falle des Alessio Rastani ist ja inzwischen klar, dass es kein Trader sondern ein begnadeter Selbstdarsteller ist. Dabei hat er nur ausgesprochen, was jeder Marktteilnehmer weiß: Nicht „das Merkel“ und „der Chinese“ Rösler regieren uns sondern Industrie und Großkapital.

  2. Danke für dieses wunderbare Beispiel von Vertretern der Kommunikationsguerilla. Was bei diesem Film wirklich erstaunlich ist, wie einseitig wertend es in den US-TV-Sendern zugeht, wie widerlich zu sehen, wie sie sich glceich auf die Seite der Konzerne stellen und Falschmeldungen verbreiten, etwa die Menschen in Bophal wären empört über die Falschmeldung. Leider sind sogar unsere Öffentlich-rechtlichen Rundfunksender auch auf dem Weg dahin, nur die Verlautbarungsorgane der „Märkte“ und der neoliberalen Regierung zu sein. Man kann es fast nicht glauben, aber der Scheißdreck geht immer und immer weiter, egal, was es die Menschheit kostet. Es müsste Hundertausende, Millionen Yesman geben, aber sie müssten auch so einsichtig, kreativ und fähig wie die Yesman sein. Daran scheitert es, man findet unter Millionen nur mal einen Handvoll solcher Leute. Aber es gibt offenbar Heerscharen von kreativen, fähigen Leuten ohne Einsicht, sondern nur ihrem Egoismus verpflichtet. Deshalb gebe ich dir recht, was die Yesman tun, ist mehr Kunst als Kampf, subversives Dada der Postmoderne. In 20 Jahren spätestens findet man diese Gesamtkunstwerke aus Jouralismus, Kunsthandwerk, Agitation und filmischer Dokumentation in den großen Museen dieser Welt. Wenn die Welt dann noch steht.

    • Das stimmt! Je mehr Yes Men wir haben, desto selbst-reflektierter ist die Gesellschaft. Und irgendwann, wenn wir keine Yes Men mehr brauchen, kann mann ruhig sagen mit einer Sicherheit der Navigationsstimme: „Sie haben Ihr Ziel erreicht“.

  3. Danke für den tollen Bericht!

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