Merzmensch

DADAistisches und dadaLOSES

Franz Mon in der Romanfabrik

Ein Kommentar

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Konkrete Poesie ist das Flustern der Zeichen im Auge des Betrachters. Irrlichterierende Buchstabenkaleidoskope, erstarrte Hast eines dahingeworfenen Anagramms. Und Franz Mon – er ist mit seinen Ideogrammen der Meister, die Koryphäe dafür.

RIMG0050Heute war er zu Besuch in der Romanfabrik – auf seinem Abend „Wortbilder„. Und kaum war er da – wurde auch Romanfabrik an sich dekonstruiert, sie metamorphierte zu einem Ideogramm. Auf dem Plakat sowie auf der Einladungskarte (s. links) hat er zwei neue Ideogramme aus den Buchstaben R-O-M-A-N-F-A-B-R-I-K erstellt.

In diesem Ideogramm dreht sich alles um O. Die Konsonanten RMNFBRK bleiben draussen, und die Vokale OAA – als weicher Kern – bleiben drin, geschützt. Nur das „i“ inklusive das Tüpfelchen strebt hinaus ins weite Feld.

Doch gleichzeitig verewigte Franz Mon sich selbst: man findet FRAN, man findet MON, doch Z und N hören nicht auf, miteinander ob der Existenzgültigkeit zu kämpfen.

Man findet hier aber auch MAN, BAR, FORK und der freundliche MAN am BAR am Eingang der ROMANFABRIK serviert ausgezeichneten Sizilianischen Wein mit Tapas.

Und langsam merkt man, dass alles Konkrete Poesie ist. Alles ist so konkret und so poetisch zugleich.

Doch während du noch ungeduldig mit GABEL in deinen Tapas herumstöcherst, da kommt schon Franz Mon.

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(Mediokre Epigonalitäten von Merzmensch)

Zunächst bespricht er da droben die Klang-Lage, da gleich die Ausschnitte aus seinen Hörspielen erschallen werden.

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Und während er noch dort verweilt, betrachten die Zuschauer die Ideogramme auf den Wänden, versuchen sie zu entziffern, versuchen sie zu lesen, versuchen dahinter zu kommen.

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Und langsam, aber sicher folgen Offenbarungen, eine nach der anderen (und Sie, werte Leserinnen und Leser, können dieses Mysterium ebenso erleben – zur Auflösung markieren Sie einfach die scheinbar leere Zeile unter dem jeweiligen Bild [Merzmensch will ja nicht das Vergnügen vertreiben]).

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Auflösung: niemals

Oder das hier:

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Auflösung: Optimist, was bei der Golgota-Symbolik gar sehr vielschichtig ist!

Doch nun ist Franz Mon auf der Bühne und fängt an zu lesen. Die anfangs als schwach wirkende Stimme füllt plötzlich die ganze Romanfabrik. Alliterationen, Buchstabengedichte, splatterige Versionen bekannter Märchen, subversive Intertextualität, alles fängt plötzlich an, zu bebben, zu tanzen – wie die Letter in Ideogrammen, wie Faustsche Makrokosmos:

Wie alles sich zum Ganzen webt,
Eins in dem andern wirkt und lebt!

Der Alchimist Franz Mon zeigt seine Macht über dem Zeichen.

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Und da sage ich Ihnen, werte Leser, Hand aufs Herz: hier findet die Schönheit deutscher Sprache ihre Apotheose. Nur wenige konnten mich bisher mit dem indogermanischen Sprachklang akustisch verzaubern: Blixa Bargeld war’s, beispielweise. Franz Mon gehört auch ausnahmslos dazu.

Dann erschallt die wunderbare Hörspiel-Inszenierung seines Gedichtes „da der du bist“ (siehehöre bei ubu.com). Vogelartig schweben Worte umher – lechts, rinks, dreidimensional im Raum (wer braucht schon 3D-Kinos…). Stimmen, mal skandierend, mal klagend, mal affirmativ, mal orgiastisch, und wieder bieder, mal rückwärts (nach der Aufführung macht Franz Mon eine interessante Bemerkung: das rückwärts gesprochenes „Du“ klingt wie „Hut“). Wie ein Hut. Wie ein Hut. Du bist von vorne wie von hinten Anna. (Das gehört beiläufig nicht hierher, denn der Merzmensch sieht in jedem Menschen Merz).

Und plötzlich merke ich etwas völlig Irres: während wir dem Hörspiel zuschauen, schaut Franz Mon uns zu. Ja, wir werden plötzlich zur Bühne, wie damals in Holland, als Schwitters und van Doesburg sich im Saal zurücklehnten, während die Zuschauer die Bühne besetzten. Eine Verschachtelung der Realitäten. Überführung der Kunst ins Leben und vica versa frei nach Peter Bürger.

Danach – jaja, es wird so richtig transmedial – folgen Projektionen mit weiteren Beispielen seiner Konkreten Poesie und Ideogrammen.
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Franz Mon erklärt, das die Ideogramme als Meditation entstehen (und als Meditation werden sie gelesen). Man nehme ein Wort und man schaue, wie die Letter in diesem Wort zueinander stehen/hängen/schweben. Man ziehe ein „i“, man stauche ein „g“, und plötzlich bekommen die entstehenden Phantasmen ihre Semantik.

Und das stimmt: betrachtet man ein Ideogramm, folgen folgende Folgen (und das, liebe Leserinnen und Leser, ist ein einzigartiges Gefühl) :
1) man sieht ein Buchstabengefüge
2) man entdeckt langsam, dass die Buchstaben zueinander gezogen werden
3) man erkennt das Wort
4) das Wort bringt Bedeutung mit sich
5) das Ideogramm ist auf einmal semantisch betont – und du siehst etwas völlig anderes als im Punkto 1).

Schauen Sie doch selbst:
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Was erkennen Sie? Nicht etwa ein Rorschach-esques gespiegeltes Bild? Und dann, im unteren Teil – I-L-U-S-…ILLUSION!

Jetzt versteht man das Gespiegelt-sein, man versteht auch das wiederkehrende Chimärische des Wettlaufes zwischen Z und N (oder И)?

Franz Mon erklärt: Das Auge erreicht das Denken über das Bild. Durch die Nutzung des Auges entsteht ein neuer Raum der Bedeutungen, der Raum, den der Künstler betritt und sich dort frei bewegt.

Fürwahr, da wird einem synästhetisch zumute: der Auge fängt plötzlich an zu hören und zu denken.
Und während Kriwet seine Mixed Media visuell überflutet, lässt Franz Mon die Lakonie des Wortes Universen spielen („Auch ein Wort kann für mich ein Gedicht sein“, sagte er einst).
Und während Schwitters die mögliche (aber nicht unbedigt notwendige) Lesart seiner Merz-Bilder nur andeutet/nicht ausschliesst (s. meine Bemerkungen zu Schwitters-Tagung), lädt Franz Mon dazu regelrecht ein!

Und niemand kann der Versuchung widerstehen, zu lesen, zu lesen, zu lesen, bis man endlich erkennt, entziffert, dechiffriert.

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Selten habe ich so viele Zuschauer gesehen, die in Bildrahmen Löcher hineinstarren und die Buchstaben flustern, bis das Licht der Erkentnis auf ihren Lippen lächelnd aufgeht. Spätestens dann (aber eigentlich schon viel früher) versteht man die unheimliche Kraft und Dynamik, die in Ideogrammen von Franz Mon lauern. Und dann lassen sie nicht wieder los.

Dieser Artikel wurde auch in der Frankfurter Gemeinen Zeitung veröffentlicht.

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