Merzmensch

DADAistisches und dadaLOSES

Kaminski ON AIR, Frieling und Walhall am Main

5 Kommentare

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Es HALLt im Frankfurter Bockenheimer Depot. Und zwar gewaltig. Denn während die Baukräne des künftigen berüchtigten Kulturcampus da droben über der Kuppel des ehemaligen TATs in der Götter/Abenddämmerung schimmern (das gehört beiläufig nicht hierher), glänzt da drunter das Rheingold, Teil I der Wagnerischen Tetralogie. Doch ohne Wagnerischen Soundtrack – dafür im besten Stil der Einstürzenden Neubauten. Vorgetragen vom Multitalent Stefan Kaminski – als ein „dreidimensionales Hörspiel-Theater“ in Rahmen seiner „Kaminski ON AIR„-Reihe. Und produziert von dem uns allen bekannten Ruprecht Frieling!

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Bereits wenn man das Theaterhaus betritt, findet man die ungeheueren Bauten wieder.

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Sogar die im Nebel schimmernden Theatermitarbeiter tragen dem Mythischen bei.

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Nun sitzt man im Saal, inmitten der monströsen Bau-Gerüste, und es fängt an!

Doch während der Wagnerische Ring mit dem Erhabenen geradezu erschlägt, sind die Charaktere bei Kaminski auf eine Olympische Art und Weise zickig, dümmlich und ab und zu pöbelhaft. Und sogar sympathisch. Das Faszinierende ist: Kaminski spielt alle Rollen, und tut es so glaubwürdig, dass man bald vergisst, dass dies ein One-Man-Theaterstück ist. Er überzeichnet manches, doch übertreibt nichts – das Komikhafte überschreitet nicht den Rubicon gen Klischée-Wüste.

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Die Bezeichnung „One-Man-Stück“ wäre vielleicht doch zu ungenau: zwar spielt Kaminski alle Rollen, und auch einige ausgefallene Instrumente wie Theremin. Doch er ist nicht allein.

Hella von Ploetz erzeugt überirdische Klänge mit einer spezial entwickelten Glasharfe. Die dadurch entstehenden Klänge kann man nicht beschreiben. Man muss das Pulsierende und im Raum Umherwobende Bebende Wurbelnde Hindurchspeerende mit dem eigenen Bauch spüren.

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Sebastian Hilken wechselt zwischen Percussions-Objekten und Kontrabass. Mal Taiko, mal Drum’n’Base, mal Militärtrommeln, und dann Blues-Saiten wibbern durch die Halle. Eine Multigenre-Orgie der besten Sorte.

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Inhaltsmässig ist Wagners „Rheingold“ ja ein Zeugnis der Impotenz der Weltherrscher: da werden die Walhall-Hallen von zwei sympathischen, aber dummlichen Riesen errichtet, im Auftrag des leichtsinnigen Gottes Wotan. Als Belohnung hat der Schnelldenkende die Göttin Freia versprochen, ohne zu überlegen, dass

  1. Freia eine Gottin ist, die eigentlich nicht als eine tarifliche Arbeitsvergütung in Frage kommt, auch im Öffentlichen Dienst
  2. Freia die Apfelbäume behütet, die den Göttern das Ewige Leben garantieren (was bei Freias Fernbleiben alle Götter sofort zu spüren bekommen werden)
  3. die Hallen irgendwann fertig sind, und die Arbeitnehmer streikend vor seiner Türe erscheinen.

Das tun die beiden ja, nachdem Walhall-Bau zu Ende gebracht wurde.

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Nix Erhabenes erwartet sie. Gott Wotan ist selbstsüchtig und hält sich nicht beim Wort.

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Und da geht das Schlamassel los.

Die Figuren sind mit klaren und kontrastreichen Farben gezeichnet. Wotan ist ein megalomanischer, selbstverliebter Nichtstuer. Fricka, seine Gattin und Göttin, ist vernünftig, dafür aber hysterisch. Freia läuft im Kreise herum wie Wildgestochene, kann man auch verstehen, in ihrer Situation. Fasolt und Fafner, die Riesen, sprechen Dialekte und sind Sympathieträger (auch wenn der einer den anderen eines Tages vermurkst). Loge, der Halbgott und Intrigant, ist plötzlich voll normal – seine Rolle wird nicht überspitzt dargestellt, er ist einer von uns, er rappt gerne und gibt sich für einen voll korrekten und menschlichen Typen. Erda, die Urmutter, ist jensets von Gut und Böse, kann man auch nachvollziehen, bei all der Bacchanalie drumherum.

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Diese Interpretation von Wagners Ring ist eine konsequente Linie mit der Prinz Rupis (Frieling) Übertragung „Der Ring des Nibelungen“ (als Buch erschienen): hier wird die Ring-Geschichte nacherzählt – urkomisch, mit knappen Worten und in die Modernität der Massmediae verschoben, so dass Bayreuth nur so knirrscht mit seinen Gold-Zähnen wegen der vermeintlichen Profanisierung und Penetration des Erhabenen durch das Nerdige. Auch in dem Moment, als plötzlich die deutsche Übersetzung der Schwarzen Sprache erklingt, in der die berühmt-berüchtigte Inschrift auf einem (nicht so) ganz anderen Ring verfasst wird:

Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden,
Ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden.

Und einige Figuren mutieren zu Gollum. Mögen die Puristen sagen, was sie wollen, Intertextualität ist was sie ist. (Und auf dem Cover des Buches von Frieling funkelt der Tolkiensche Ring ebenso schön umher).

Alles ist stimmig und stimmungsvoll in dieser Inszenierung – sogar das Licht, ein Element, das man leider als Hörbuch kaum wahrnehmen kann (daher gibt es aber Videoinszenierung als DVDs) – so eine gute Lichtarbeit  wie hier, sieht man selten.

Und so vergehen 80 Minuten von „Rheingold“ wie im Flug (der Walküren), Wagner hat dafür mehr als 2,5 Stunden gebraucht.

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Und abschliessend ruft Kaminski hallend in den Saal:

– Hier sind wirklich grossartige Räumlichkeiten. Bockenheimer Depot ist Walhall!

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Und das stimmt: akustisch und visuell hallt es einen weg vom Hocker, wie es schon immer TAT.

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Nach der Aufführung eilen die Zuschauer hinunter, zur Bühne, auf welcher Musikinstrumente, Hammer, Thereminvox, Glasharfen, Streichholzer und weitere seltsam klingende Gegenstände auf eine wunderbar chaotische Art und Weise angeordnet sind.

Das Rheingold:

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Die Glasharfe:

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Die Partitur – man sieht, wie lebendig der Text ist – die Metamorphosen sind jedes Mal vorprogrammiert.

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Mit diesem farbigen Marakas da in der Mitte läuft Freia wie die Wilde durch die Gegend, verzweifelt und entgeistert. RIMG0336

Der lichtbringende Loge fummelt mit den Streichholzern und bringt – im Gegensatz zu Prometheus – keine richtige Antwort auf die Černyševskij-Frage des verwirrten Verpeilers Wotan: „Was tun?„.
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Die Bühne kann man stundenlang betrachten, doch leider müssen wir los – Walhalle wird für die Nacht geschlossen.

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Es bleibt nur noch eines: wiederkommen. Denn es ist bei weitem nicht zu Ende. Apokalypse kommt noch.

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Stefan Kaminski und Ruprecht Frieling.

Und hier das Making-Of:

Kunststeckbrief

Was: Kaminski ON AIR – DER RING DES NIBELUNGEN
Wo: Bockenheimer Depot
Wann: Zyklus 1 (11./12./19./20.05.2013), Zyklus 2 (25./26./31.05/03.06.2013)
Web: Oper Frankfurt / Internet Buchverlag

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5 Kommentare zu “Kaminski ON AIR, Frieling und Walhall am Main

  1. Das klingt ja nach einer spannenden Produktion!!! Viel Erfolg!!!

  2. Auch an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön in Namen des Teams von Kaminski ON AIR, lieber Merzmensch. Deine Art der Berichterstattung wird dem Thema sehr viel mehr gerecht als das klassische Feuilleton.

    Am Pfingstsonntag geht es übrigens im Bockenheimer Depot der Frankfurter Oper mit »Siegfried«, und am Montag mit »Götterdämmerung« weit. Dann wird die gesamte Tetralogie nochmals wiederholt. STÜRMT FRANKFURT!

    • Aber gerne doch, das war ein wunderbares Erlebnis – fürs Ohr und Auge gleichermassen aufbebend und inspirierend.

      Und zum klassischen Feuilleton: es ist ja auch nicht mehr das, was es mal war, denn es ist von den Holzmedien in die Online-Welt übergegangen. (Die Zeitungen verstehen es immernoch nicht…) 😉

      Und vielleicht bin ich auch bei Siggi und danach bei der Apokalypse dabei.

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