Merzmensch

DADAistisches und dadaLOSES

cyberpunk feeling

2 Kommentare

Kennen Sie das auch? Sie werden den ganzen Tag lang von Nachrichten verfolgt, die wie einer alternativen Realität entsprungen zu sein scheinen. Jegliche Versuche, diese anhäufenden „Zufälle“ durch Synchronismus-Theorie von CG Jung zu erklären, scheitern, denn: selektives Wahrnehmen hin oder her, Sie sind tatsächlich in einer anderen Dimension gelandet. Herzlichen Glückwünsch.

So war auch ich heute meiner Realitätsverankerung nicht sicher, als ich – unterwegs vom Punkt A zum Punkt B – auf meinem Mobilfunkgerät die Nachrichten überprüfen wollte. Um sich zu vergewissern, dass der mich umgebende Simulakrum nicht etwa undicht geworden ist (Heizkosten sparen – bei dem Tiefkühlfach-Mai!).

Und ich fand zuerst heraus, dass die Deutsche Bahn ab nun mit Drohnen nach Graffiti-Sprayern jagen möchte. (Heissen sie denn „DB Hawk“?). Die Drohnen sollen nur Bahnhof-Areale inspizieren. 60.000 Euronen kostet so ein Ding. Was mit den Videoaufnahmen passiert, die diese Drohnen erstellen, bleibt im Dunkeln. Die Drohnen werden von einem Operator geleitet. Die voyeuristisch veranlangten Bürgerinnen und Bürger sind bereits tüchtig am Bewerbungsschreiben.

Dann ist eine weitere Nachricht eingetrudelt: „Hessisches Pilotprojekt – Polizei dürfen demnächst beim Einsatz filmen„. Ja, die Ordnungshütter werden bald mit einer kleinen Kamera auf der Schulter (wie Piraten mit ihren Papagaien) herumlaufen – und zwar lediglich im Kneipen-Brennpunkt Alt-Sachsenhausen. Ein Paar feine Daten laut Focus:

  • Die Herrschaften werden durch die Aufschrift „Videoüberwachung“ vorne und hinten auf ihrer Uniform gekennzeichnet – damit man die Frisur zurechtrücken kann, bevor man in die Kripo-Annalen kommt.
  • Es gibt nur 3 solche „Bodycams“ zum Testen. Also nix von wegen Blockupy-Überwachung.
  • Es werden nur Videos, kein Ton aufgenommen – es hilft also nicht, ggf. für die eigene Unschuld zu argumentieren; Gestensprache ist dann wohl die Lösung.
  • „Die Bilder könnten weder geschnitten oder gelöscht noch auf einem Computer gesichert werden.“ Was die Auswertung der Daten etwas erschweren soll (das Wiedergeben der Aufnahmen ist wahrscheinlich ebenso datenschutzrechtlich deaktiviert). Ach, und die Neuanschaffung der Kameras wird höchst notwendig sein, da sie in nu vollgekleistert sein werden mit Nachtszenen der Ebbelwoi-Exzesse. Die man nicht mehr löschen kann.

Ja wieso eigentlich nicht? Ich empfehle jedem gesetzesbewussten Bürger unserer braven Stadt, auf der rechten Schulter (oder auf der linken, je nach der politischen Ausrichtung – geht auch mittig aufm Stirn) eine Mini-Camera zu tragen – und nicht nur im Kneipen-Brennpunkt Alt-Sachsenhausen. („Videoüberwachung“-Schild nicht vergessen! – wird aber mit der Kamera mitgeliefert). Alternativ – als eine günstigere Lösung – lediglich ein T-Shirt mit „Achtung: Videoüberwachung“ drauf.

Nachdem ich dachte, es sei vorüber mit Blade-Runner-Endzeit-Weltuntergang-Szenarios, stand ich schon auf der Strassenbahn-Haltestelle. Die Anzeigetafel berichtete trocken:

Linie Ziel Abfahrt/Min
16 Offenbach 5
21 Schießhüttenstrasse 5
11 Stadion 8
17 kein Betrieb wegen Bombenentschärfung!

Ja, in der Nähe vom Radisson hat man schon wieder was höchst explosives aus dem Zweiten Weltkrieg entdeckt… In TV-Nachrichten (denn nach Hause angekommen, musste ich den Hirnmanipulator auf alle Fälle anschmeissen) waren die Meinungen der Anwohner aus der Umgebung zu hören – denn ein erster Bombenfund in dem Gebiet ist es nicht.

Ungefähr so:
„Nach dem ersten mal dachte ich „Cool, spannend“, nach dem zweiten Mal: „Nee, schon wieder?“, nach dem dritten Mal war das schon lästig“.

Da möchte man ja fast auf die Bergsonsche Theorie des Lachens hindeuten – wo das Mechanische, das sich Wiederholende als ein wichtiges Vehikel für das menschliche Lachen zuständig war. Nur das Lachen bleibt im Halse stecken, denn man weiss nicht, wie viele solche Blindgänger noch unter unseren Füssen schlummern.

Und, da wir schon so makaber drauf sind, möchte man nicht hoffen, dass mit Radisson (nomen est omen) etwas passiert, was in jenem Spielberg-Schinken „1941“ geschah.

Kurzum, ich schalte jetzt den Desinformator aus, es ist zu viel für mich. Moment, die sich selbst ausrichtenden Strassenschilder in Frankfurt? Mal was positives zur Nachspeise. Jetzt kann man die widerspenstigen Verkehrszeichen ohne Reue überfahren. Danke schön.

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2 Kommentare zu “cyberpunk feeling

  1. Ein herrlicher Text, mein Lieber, aus dem ich einiges gelernt habe. Das Surreale des Alltags scheint ja in Frankfurt besonders virulent zu sein. Etwas Globales möchte ich noch hinzufügen. Gestern las ich, die Zeitungen wie Die Welt beispielsweise verlegen ihre Nachtarbeit nach Australien, „damit die eigene Nacht-Schicht nicht die ganze Nacht durcharbeiten muss“, schreibt meedia ganz naiv. Wer hätte je gedacht, dass sich Arbeitgeber Gedanken um den Nachtschlaf der Mitarbeiter gemacht hätten. Natürlich geht es darum, Kosten zu sparen, und wir Leser dürfen uns auf Lokalnachrichten von down under freuen.

    • Oh ja, lieber Trithemius. Die Medien stellen wohl eine Art Querschnitt durch die Absurditäten des Alltages – in gesellschaftlich relevanten Kontexten – dar.

      Zu Nachtschicht: das ist ja nun wirklich absurd, so eine Einsparmassnahme… Ich bin übrigens nun auf die Lokalnachrichten via Australien gespannt 🙂 Die Kaninchenvereine werden jetzt mit Beuteltieren befüllt.

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