Merzmensch

DADAistisches und dadaLOSES

Verunstalten des Textes als Wirtschaftsfaktor und Genre

Ein Kommentar

In unsere digitalen Zeiten sind die Medien von der grausamen Piraterie gefährdet. Für die Video- und Audio-Formate wurden wunderbare DRM-Schutzmechanismen entwickelt, mit welchen die Werke (normalerweise) nicht kopiert werden können (und des öfteren nicht einmal abgespielt, da die Wiedergabegeräte streiken).

Doch was macht man nicht alles für die aufblühende Sparte der eBooks – denn bei Amazon haben die elektronischen Bücher bereits den Verkauf von Papierformate übertroffen.

Darmstätder Frauenhofer Institut hat die Lösung parat (wie Nerdcore berichtet):

SiDiM
Sichere Dokumente durch individuelle Markierung

Wie in der Projektbeschreibung steht (Markierung von mir):

Denn sie [eBooks – M.] sind zum einen im Vergleich zu multimedialen Inhalten hinsichtlich ihrer Dateigröße sehr kompakt, zum anderen lassen sie sich auf besonders viele Weisen verbreiten. Insbesondere, wenn die Dokumente einen kommerziellen Wert haben, angefangen bei belletristischen Werken bis hin zu internen Betriebsgeheimnissen, entsteht so durch die Bedrohung der illegalen Verbreitung ein Hindernis für die Nutzung moderner digitaler Vertriebswege. Eine Lösung dieses Problems ist die Individualisierung der Dokumente durch sichtbare und unsichtbare Markierungen, die einzelne Kopien unterscheidbar machen. Benutzer werden so zu einem verantwortungsvollen Umgang mit ihrer Kopie angehalten und vor illegaler Weitergabe abgeschreckt, da die Kopien anhand der Markierung auf sie zurückverfolgt werden können.

Doch wie wird es in der Praxis aussehen? Nerdcore bringt einige Beispiele aus der offiziellen PDF (Evaluation für die Textschaffenden, ob sie mit den Textmodifikationen einverstanden sind):

9072870332_23e0576e17_o

Finden Sie den Unterschied.

unsichtbar“ statt „nicht sichtbar
Reihenfolge der Aufzählung geändert.

Das heisst, jedes Buch (vom Handbuch bis zu einem Roman) wird durch diese Schutzmechanismen verunstaltet. Dafür ist es aber wirtschaftlich geschützt. Und was passiert mit den Autoren, die diese Eingriffe in Ihre Texte nicht mehr evaluieren können? Goethe, zum Beispiel.

Habe ach nun,
Theologie,
Medizin und Juristerei
Und auch leider Philosophie
Studiert durchaus mit heissem Bemühn…

Und bedenken Sie – je mehr Käufer es gibt, desto verunstalteter der Text, da ja ein jedes Exemplar unikat („individuell markiert„) sein soll. Denn wenn die Reihenfolgsvariablem erschöpft sind, greift man zu Synonymen, und dann zu Umschreibungen (und da alles computerisiert passieren wird – viel Spass beim Lesen). Was macht man aber nicht alles im Namen der Wirtschaft! (Auf den Einwand, der Schütz käme dem Autor zugute, möchte ich auf die Autoren verweisen – ob sie mit solchen Eingriffen in ihre Texte einverstanden seien).

Wobei das Verunstalten des Textes kann auch sympathische Züge nehmen.

Tomm Scott, beispielweise (wieder via Nerdcore) lädt die Texte in Photoshop, extrahiert sie, und bekommt ganz interessante Ergebnisse zu sehen:

romeo1
Interessanterweise tragen die Protagonisten von Shakespears Klassiker jedes Mal einen anderen Namen. Also Qno ist auch Jtm. (In beiden Fällen Rom[eo]).

Und hier sieht man das langsame Entschwinden des Textes durch mehrere Vorgänge:

romeo2

Tom Scott entdeckt, dass die vielen Buchstaben des Ergebnisses ihren Platz im Alphabet um eine Stelle gewechselt haben (fast wie bei einer ROT-Kodierung).

Auch interessant seine Beobachtung, dass die Textgefüge vom Weiten betrachtet eigentlich völlig identisch aussieht, nur bei der näheren Betrachtung sieht man die Verwurstelung.

Jetzt wird mich der geneigte Leser fragen: wieso ich den ersten Fall mit minimalen Texteingriffen (SiDiM) kritisiere und den zweiten Fall mit einer völligen Unlesbarkeit begrüsse.

Die Antwort ist einfach: Intention.

Im ersten Fall ist die Intention, auf Kosten des Textes, seine Wirtschaftlichkeit zu schützen. Aber ich sage Ihnen als ein leidenschaftlicher Bücher-Konsument: wenn den Text, den ich käuflich erwerbe, nicht der identische Text ist, der vom Autor stammt, dann kaufe ich das Buch schon gar nicht. SiDiM wird zum Kopieren von Printmedien verleiten, sprich: die Piraterie wird dadurch nur noch gestärkt, und die eBooks wieder weniger verkauft.

Beim zweiten Beispiel aber ist die Intention: Experimentieren. Und da ist keine Kritik einzuwenden, sondern im Gegenteil: dieser Versuch trägt wahrhaftig dadaistische Züge. Und Lesbarkeit? Wenn man etwas nicht nachvollziehen kann, bedeutet es noch nicht, dass man es nicht lesen kann. Oder gar vorlesen!

Und – damit wir wieder beim Thema Literatur bleiben, diese Texte haben typologische Parallelen mit der Netz-Dichterin Mez Breeze. Über die ich besser ein anderes Mal erzähle – sie verdient einer Sondersendung.

Advertisements

Ein Kommentar zu “Verunstalten des Textes als Wirtschaftsfaktor und Genre

  1. eine schande dass sich zu diesm interessanten text noch kein kommentar gesellt hat. manchmal kann und manchmal will ich nicht glauben, was ich hier so lese; am letzteren arbeite ich. die bewertung würde ich ganz ähnlich treffen, wobei ich mir eben wirklich nicht vorstellen kann, dass Originaltexte zum Schutz des Autors und seiner Urheberrechte verändert werden sollen, mal ganz abgesehen von dem Verletzen des Urheberrechts an sich durch diesen Vorgang…total schräg.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s