Merzmensch

DADAistisches und dadaLOSES

Peter Urban. 1941 – 2013

5 Kommentare

Peter Urban. Photo: Vladimir Perelman ©Pjotr Kropotkin, Velimir Chlebnikov, Anton Čechov, Ivan Bunin, Ivan Turgenev, Isaak Babel, Matija Bećković, Augusto Boal, Joseph Brodsky, Miodrag Bulatović, Daniil Charms, Bora Ćosić, Brana Crnčević, Miloš Crnjanski, Miloš Crnjanski, Michail Demin, Leonid Dobyčin, Nikolai Gogol, Ivan Gončarov, Gennadi Gor, Maxim Gorki, Alexander Gribojedov, Jelena Guro, Josef Jedlička, Venedikt Jerofejev, Vladimir V. Kazakov, Danilo Kiš, Mirko Kovač, Michail Lermontov, Jurij Ljubimov, Osip Ė. Mandelʹštam, Mihailo Marković, Milan Nápravník, Vladimir Odojevski, Aleksander Ostrovskij, Miodrag Pavlović, Dmitrij Prigov, Aleksander Puškin, Dušan Radović, Tomaž Šalamun, Jevgenij Samjatin, Leonid Šejka, Vladimir Sorokin, Lev Tolstoj, Predrag Vranicki, Konstantin Vaginov, Richard Weiner, Ivan Wernisch, Alexander Vvedenskij


Peter Urban. Photo: Vladimir Perelman ©

Sie alle besuchten die deutsche Lesestuben, sie alle konnten ihre Gedanken teilen, sie allen sprachen deutsch – dank Peter Urban. Wie richtigerweise die Süddeutsche schreibt: „Übersetzer“ wäre zu wenig, um Peter Urban zu beschreiben. Er war Forscher, er war Schriftsteller, er war Kulturvermittler und bekam dafür den Turgenev-Preis. 

Doch vor allem: seine Übersetzungen sind der seltene Fall, bei dem ich das Adjektiv „kongenial“ anwenden möchte. Ich sage es als Bücherfreak, als Literaturwissenschaftler und als Slavist. Hier nur einiges aus seinen Verdiensten:

  • Er hat Daniil Charms für die Westliche Welt geöffnet (während die Texte dieses Avantgardisten im Osten nur streng geheim, als Abschriften, unter den Tischen weitergegeben wurden).
     
  • Er weigerte sich, Lyrik von Puškin zu übersetzen, nur seine Prosa. Denn – und diese bittere Wahrheit ist umso bitter, wie wahr sie ist – Puškins Gedichte sind unübersetzbar. Übersetzen – ja, aber das wird nicht mehr der beflügelte Genie aus Petersburg sein, sondern ein gemimter Stereotyp. Und recht hatte er.
     
  • Er machte die russische Literatur in Deutschland wieder salonfähig – frei von schwulstigen Bemühungen früherer Übersetzer, die vor allem hinter dem Entdecken der berüchtigten „russischen Seele“ her waren. Aber andererseits adaptierte Peter Urban nicht plump. Er arbeitete wie ein Profiler – er lebte sich in die Autoren hinein. Und das lässt sich lesen, sage ich Euch.
     
  • Seine Veröffentlichungen haben neben dem grossen literarischen Wert auch Wissenswert – durch die Anhänge und Erklärungen. So bekam der Leser eine allumfassende Sicht auf die Realien der Zeit, die in den Texten herrschte.
     
  • Er forschte. Er übertrug nicht nur aus einer Sprache in die andere. Er reiste viel, er wühlte in Bibliotheken, er jagte unermüdlich nach Hinweisen, so dass seine Bücher einen enzyklopädischen Wert als Bonus bekamen.
     
  • Er war Lorbeerkranz-scheu. Ruhm interessierte ihn überhaupt nicht. Auch wenn er mit internationalen Preisen überschüttet war. Er war eine grosse Person, ohne dies kultivieren zu wollen. Er lebte für die Weltliteratur.

Und das, nur um einiges zu nennen, machte aus Peter Urban die archetypische Figur eines Übersetzers (schon wieder diese einschränkende Bezeichnung…). Doch was sage ich – lest Bücher in seiner Übersetzung und bereits nach den ersten Absätzen werdet Ihr das Buch nicht aus der Hand lassen wollen.

Nun, diese Woche, am 9. Dezember 2013 ist er von uns gegangen.

Das ist, eigentlich, alles (Charms).

Nein. Nicht alles. Bei weitem nicht alles. Denn er existiert in jedem Buch, das er so detailverliebt herausgab. Seine Stimme hört man in jeder Fussnote – während der Text an sich der Stimme des Autors gleicht – nur plötzlich auf Deutsch. Ohne landesspezifischen Akzente. Ohne Anbiederungen an die Leserschaft. Ohne Adaptation.

Einfach lesen.

Advertisements

5 Kommentare zu “Peter Urban. 1941 – 2013

  1. … was bedeutet (Charms) ?

    liebe Grüsse
    Karen

    • Das ist die berühmte Endung vieler Erzählungen von Daniil Charms. Oft passieren in seinen Geschichten kopfzerbrechende Ereignisse, alles ist durcheinander und höchst skurill, und kurz bevor eine Auflösung erhofft wird, bricht die Geschichte ab mit dem lapidaren Satz: „Das ist eigentlich alles“.

  2. Das Schreibheft von Norbert Wehr hat vor Jahren mal eine Ausgabe zu Daniil Charms gebracht. Er ist m. E. einer der zu unrecht vergessenen Großen!

    • Ja, das waren sogar zwei Ausgaben, 39 und 40 (1992), alles auch Übersetzungen von Peter Urban. Glücklicherweise hat er Charms grösstenteils übersetzt – im Verlag der Autoren oder Friedenauer Presse. Wirklich eine genüssliche Lektüre.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s