Merzmensch

DADAistisches und dadaLOSES

Inspiring Voyeurism

2 Kommentare

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Diesen Artikel habe ich auf Englisch bei Medium veröffentlicht.

Es gibt ein winziges Antiquariat in Marburg, irgendwo in einer kleinen Gasse versteckt.

Diese pittoreske Uni-Stadt irgendwo inmitten der Berge, Hügel und Weinstöcke faszinierte mich schon immer mit ihrer mysteriösen Ausstrahlung. Andererseits, so einen Buchladen findet man beinahe überall. Deswegen ist der Ort und die Zeit für meine Geschichte irrelevant.

Ich betrat den Laden und wurde sofort auf eine kleine Kiste aufmerksam. Diese Kiste war rappenvoll mit alten, vergilbten Postkarten. Kennen Sie auch solche Ramsch-Sammlungen in Buchläden und Flohmärkten: Postkarten, vor X Jahren von Person A zu Person B gesendet.

Und da stellt man sich die Frage, auf welchem Wege die Karte diesen Karton erreichte:

        • Ist die Person B verstorben?

        • Wurde die Karte weggeworfen. Und wenn ja, von wem und weshalb?

        • Wurde diese Karte überhaupt gelesen? Denn bedenken Sie des Dadaisten Erik Satie, dessen Zimmer voll mit ungelesenen, gar ungeöffneten Briefen war.

Man kauft normalerweise solche Karten, um eine schöne alte Retro-View zu erwerben, eine historische Kollektion, oder um die seltenen Original-Ansichten der zerbombten, wiederaufgebauten und nun metamorphierten Städte zu sehen? Eine unbenutzte, unbeschriebene Postkarte ist normalerweise viel teuerer als eine bereits verwendete.

Doch…

Plötzlich fand ich das.

Eine Karte, wohl ein Einzelexemplar, ein Privatphoto: ein älterer Man in der Militäruniform sitzt auf einem Pferd. Im Hintergrund schimmern die Bäume durch.

Auf der Rückseite stand ein spartanischer Text, geschrieben mit einer schwungvollen Hand:

Zur Erinnerung an die Obstbaumblute in [Morgenfrische?] Monzewtsche (Monzewitsche?)*.
18.5.(19)16
Dein Vater

Dieser Kontrast – Wiederhall des Ersten Weltkrieges, gemischt mit der Vatersliebe – berührte mich tief. Diese – verschwommene, aber dominanteverschwindende, aber so präsente – Vatersfigur verdrängte sogar die komplete Abwesenheit des Sohnes (oder der Tochter?), an den/die die Karte adressiert war. Das Pferd, der Mann, das Kind, vielleicht auch der Garten sind nun – fast 100 Jahre später – längst Geschichte. Alles, was bleibt, ist dieses Photopapier.

Zurück zum Mai 1916: Wirre Zeiten in Europa und der ganzen Welt.
Das Wort DADA erschien erst kürzlich in der Anthologie des „Cabaret Voltaire“. Albert Einstein veröffentlicht sein Monumentalwerk „Die Grundlage der allgemeinen Relativitätstheorie„. Der erste Krieg schlägt immernoch wild um sich mit seinen blütigen Klauen. Und dieser namenlose Vater sitzt auf seinem Pferde, blickt über die Epochen hinweg, beachtet mit keinem Muskel den unbekannten Photographen. Und denkt an sein Kind. Die schrille Intensität eines isolierten Phänomens in einem Globalen Kontext überwältigt mich. Die Zeitblase verschlingt mich. Ich bleibe irgendwo im Jahre 1916 stecken. Bin ich der Vater? Bin ich der Sohn? Wer bin ich, und wenn ja, wann? Nur mit immensen Kräften kann ich mich aus dieser fremden Erinnerung wieder entkerkern.

Aufgeregt ob der Vielzahl von unbekannten Schicksale lasse ich meine Hand wieder in der Postkartenkiste schwelgen und…

*) UPDATE. Mit Dank an Duroy: es heisst natürlich nicht „Morgenfrische„, sondern „Monzewitsche„, ein bisher von mir nicht identifizierter Ort irgendwo östlich von Wilna (s. diese Postkarte mit Erwähnung des Ortes aus dem gleiche Jahr, 2 Monate früher). Wo könnte sich dieser Ort befinden, und wie heisst er nun? Und wer weiss, vielleicht können wir auch den Vater auf dieser von Duroy gefundenen Postkarte sehen?

+++
Fortsetzung folgt.
Hier ist mein englischer Blog über die weiteren Entdeckungen. Ich werde aber natürlich auch hier darüber berichten.

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2 Kommentare zu “Inspiring Voyeurism

  1. Hallo!

    Ja, klasse Projekt…da ich mich derzeit auch mit diesen Dingen beschäftige, so u.a. hier:

    http://raumgewinner.blog.de/2014/01/14/schreibende-krieger-kaempferische-vorfahren-schreiben-ahnungslos-feldpost-untauglichen-nachfahren-davon-dennoch-zeugnis-ablegen-17591262/

    …und zudem derzeit den Briefverkehr eines (übrigens sehr gebildeten) Leutnants aus dem 1. Weltkrieg an seine Geliebte in der Heimat transkribiere (und auf meinem Blog ab November veröffentlichen werde), finde ich das sehr spannend und werde hier bzw auf deinem englischen Blog unbedingt gern weiterlesen.

    Eine Anmerkung noch zu deiner Transkription des Kartentextes: “Morgenfrische“ heißt das nicht, sondern das wird hier viel eher ein Ort sein, in welchem der Vater (derzeit) stationiert war. Normalerweise war in der Sütterlin-Schrift ja unabgesprochene Konvention, unbekannte Orts- und Personennamen sauber auszuschreiben, damit jeder Adressat weiß, was gemeint ist. Daher kann man aus dem Gegenschluss hier davon ausgehen, dass dem Empfänger der Karte (Sohn und Mutter) der Ort, in dem sich der Vater befand, schon bekannt war. Es könnte zB Monzewitsch heißen. Im Netz findet man sogar den Verweis auf einen solchen Ort in Litauen, kannst du hier schauen:

    http://www.hohenemsgenealogie.at/en/genealogy/showmedia.php?mediaID=1393

    …interessanterweise auch im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg.

    • Oh, das ist auch sehr interessant, Deine Auseinandersetzung mit Briefen aus der Vergangenheit! Ich werde sie auch auf jeden Fall verfolgen.

      Und ebenso vielen Dank für die Korrektur und weitere Infos. Jetzt bin ich gespannt, was das für eine Ortschaft östlich von Wilna (Vilnius) ist. Aufgefallen ist mir, dass im weissrussischen Bereich der Name Moncevitch sehr populär zu sein scheint, also vielleicht auch im Westweissrussland zu suchen.

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