Merzmensch

DADAistisches und dadaLOSES

Das Wiederfinden von Monzewitsche

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In Kommentaren zu meiner vorherigen Ausgabe von „Inspiring Voyeurism“ hat mich Duroy freundlicherweise aufmerksam gemacht, dass es nicht „Morgenfrische“ heissen soll, sondern „Monzewtsche“.

Die einzige weitere Erwähnung von Monzewtsche bzw. Monzewitsche war nur hier zu finden, im Privatarchiv von Richard Loewy, gesamelt auf dem Portal des Jüdischen Musums Hohenems. Auf der Postkarte (aus möglichen Copyrightgründen werde ich hier nur den Link auf diese veröffentlichen) waren mehrere Personen abgebildet. Die mit einer Schreibmaschine verfasste Unterschrift verwies auf Monzewitsche, als

Monzewitsche (Lit,) östl. Wilna

Loewy_Richard_Monzewitsche_1916-klein

Weitere Suche nach „Monzewitsche“ in Litauen östlich von Vilnius blieb ohne Erfolg. Und je weiter ich diese Stadt nicht finden konnte, desto mehr beschäftigte mich diese Suche. Während der Recherchen ist mir aufgefallen, dass der Name „Moncevič“ (Монцевич) vor allem im weissrussischen Bereich vermehrt auftauchte.

Viele online verfügbaren alte deutsche Karten habe ich durchschaut, immernoch erfolglos, bis ich auf die Seite „Polnische Minderheiten in Litauen“ gestossen bin. Und… Hier, auf einer Landkarte in einer beachtlichen Auflösung aus dem Jahre 1929 fand ich endlich die Stadt, in polnischer Schreibweise:

Mociewicze

Aber natürlich! Das „n“ nach „o“ in der deutschen Schreibweise kann ich vielleicht erklären durch den aus dem Mittelpolnischen stammende Hinterzungennasalvokal Vokal ą. Entweder findet hier eine Verbalhornung ins Deutsche statt, oder fand diese bereits im Polnischen. Denn die Etymologie dieses Ortsnamens müsste man noch untersuchen.

Mociewicze

Nun blieb es nur auf der gegenwärtigen Karte zu finden. Denn Google Maps mag zwar ein Suchsystem zur Verfügung stellen, doch optimal ist es leider immernoch nicht. Als erstes fand ich Orla, dann Zoludek, doch all diese Toponyme waren nun tatsächlich im Weissrussischen, weil sie sich bereits auf diesem Territorium befanden. Durch weiteres hereinzoomen, als man fast keine Hoffnung hatte, zwischen den leeren Feldern irgendwelche Ortsnamen zu entdecken, da war es plötzlich.Mociewicz-gp

Hier ist dieses kleine Dorf Моцевічы, bewohnt mit 100 Personen, (s. wiki). Hier hat ein Blogger wunderschöne Bilder von dem Dorf gepostet.

So hat die Suche nach einem kleinen Dorf kurz die ganze wirre europäische Geschichte wieder aufgefrischt: ein Ort, dessen Bezug sich ständig wechselte – mal deutsch, mal litauisch, mal polnisch, mal weissrussisch, die unstabile Identität einer geschichtsträchtigen Gegend in einem diachronischen Schnitt.

Nun, nachdem Monzewitsche, sprich Mociewicze, sprich Моцевічы wiedergefunden wurde, kann ich ruhig schlafen gehen. Es ist 3:40 in der Nacht, aber die Müdigkeit längst im Zwiekampf mit dem Suchdrang verloren. Denn eines ist sicher: Merzmensch kann alles finden, wer da suchet, der findet.

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