Merzmensch

DADAistisches und dadaLOSES

Inspiring Voyeurism: Zwei Yves

13 Kommentare

Nun kann ich mich nicht mehr halten, und greife nach der nächsten Karte mit dem Blick auf Champs-Élysées.

Französische Noir-Flâneure wandern hin und her in ihrer Melville’esquen Realität. Coole Oldtimer befahren die berühmte Strasse. Paris, mon amour. Aber hier kommt der Text, halb mit der Hand, halb mit Schreibmaschine geschrieben.

Neulich haben wir die Beisetzung
Yves Farge – paar Minuten von
unserer Wohnung mit beigewohnt!
Es war ein schönes Begräbnis –
viele viele Menschen, nur was
mich enttäuschte war – es gab
keine Musik! Es ist ein Fried-
hof ganz eigenartig – nur Grüfte
aber es sind große Männer und
Frauen der Geschichte begraben.
Die Grüfte sehen wie kleine
Kirchen oder Kapellen aus.
Die Blumen und Kränze
sind bunt aus Porzellan
manche Gruft ist ein denkmal
aus Bronze oder weiser (sic!) eigenar-
tiger Stein – sehr interessant!

Lieber Bruno und Martha, ich bin
sehr beschäftigt mit einem Buch
dass ich schreibe auf mein Auf-
enthalt in Berlin. Hoffentlich habe
ich Erfolg um mal nach Dresden zu
kommen. Das wäre unsere Wunsch!
Viele Grüße. Euer YVES

Also schickte der Autor Yves diese Karte an Bruno und Martha. Er besuchte (mit seiner Frau/Freund?) das Begräbnis eines anderen Yves, des Journalisten und Politiker Yves Farges unmittelbar davor, so dass man die Karte mit 1953 datieren kann. Stalin lebt noch. Dresden liegt in Ruinen.

Yves Farge untersuchte die biologische Kriegsführung von USA im Korea-Krieg. Und auch wenn er mit dem Stalin-Friedenspreis (post mortem) ausgezeichnet wurde, sind doch die Umstände seines letalen Autounfalls in Kaukasus noch ziemlich seltsam. Der anti-sowjetischer Dissident Kernphysiker Andrei Sakharov spekulierte, dass Yves Farge (während seiner Reise durch die UdSSR) die unbequeme Wahrheit über Stalinsche Regime erfahren haben soll. Schliesslich, es spielt keine Rolle, ob er von den Sovjets oder von den Amis (bzw. noch jemand?) liquidiert wurde. Es spielt im Endeffekt nie eine Rolle.

Ich frage mich, wer ist der andere Yves, der Autor der Postkarte. Und an welchem Buch in Berlin (oder über Berlin?) er arbeitete 1953.

UPDATE.
Hier ist ein Foto der Beisetzung von Yves Farge im Pariser Père-Lachaise Friedhof am 4. April 1953 (wegen der Rechte verlinke ich das Foto nur). Man beachte nur: Yves Farges ist neben Paul Eluard beigesetzt!  

+++
Fortsetzung folgt.
Hier ist mein englischer Blog über die weiteren Entdeckungen. Ich werde aber natürlich auch hier darüber berichten.

 

***
Mit Dank an Duroy für die Hinweise
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13 Kommentare zu “Inspiring Voyeurism: Zwei Yves

  1. … wenn Du es rausbekommen hast, teilst Du es uns dann mit? 🙂

    liebe Grüsse
    Karen

  2. Sehr spannend…!

    Und hier wieder der Vollständigkeit halber: oben in der Karte des guten Yves heißt es nicht “vier“ Minuten, sondern “paar“ Minuten von seiner Wohnung entfernt.

    Da Du ja schreibst, dass die Karte 1953 verfasst worden sei, zeigt sich hier auch, warum sie in “normaler“ Nachkriegshandschrift verfasst ist. Gerade ältere bis mittelate Handschreibende taten sich oft schwer mit der Umstellung von Sütterlin auf die heute geläufige Handschrift. Man sieht dann oft noch “Ausbrüche“ der Handschrift in die Sütterlin-Manier, wie bei diesem Text u.a. bei dem von mir vorgeschlagenen “paar“ in dem kleinen “p“.

    Unten bei den Grüften heißt es übrigens: “manche Gruft (Singular!) ist ein Denkmal aus Bronze oder (!) weiser eigenartiger Stein.“

    Er meint mit dem “ eigenartigen weisen Stein“ natürlich sicher Marmor oder ähnliches. Das “oder“ ist nur eingeschmiert, und schaut daher wie “der“ aus. Es ist aber deutlich ein kleines Sütterlin-“o“ zu erkennen.

    “Gruft“ heißt es nicht nur aus grammatischen Gründen (auf die man sich ansonsten hier nicht immer verlassen kann;), sondern auch, weil am Ende des Wortes kein ausgeprägtes ‚e‘ zu erkennen ist, vor allem aber auch, da der Strich über dem “u“ kein pluralbestimmendes “ü“ ist, sondern ein vokaldefinierendes Zeichen, da ja in den alten Kurrentschriften sich die Buchstaben “n“ und “u“ sonst ununterscheidbar ähnelten. Eine Angewohnheit, die sich manch Handschreibender bis in die Gegenwart erhalten hat.

    Genug philologisiert;)! Tolle Recherche und ähnlich wie meine Vor-Kommentatorin bin ich auf Fortsetzung gespannt!

    • Super! Danke Dir für die Hinweise, ich werde sie einpflegen!
      Ich freue mich auf jede neue Entdeckung und Korrektur, denn wir wollen es ja ganz genau wissen 😉

      Übrigens, wegen Sütterlin bin ich mir nicht so sicher, er heisst ja Yves, und sein Deutsch scheint teilweise etwas eingerostet zu sein. Vielleicht ist eher Französisch seine Muttersprache, und in dem Fall – hat man in Frankreich Sütterlin-Schrift verwendet? (Das entgeht meiner Kenntnis)

      Ansonsten, lassen wir unsere Reise durch die fremde, weggeworfenen Erinnerungen (die wir aus der Lethe rausfischen) fortsetzen – denn es geht weiter 🙂

      • Was Duroy zu sehen meint, ist nicht Sütterlin, sondern sind Formelemente aus der Kurrent; das ist die handschriftliche Form der Fraktur. Die deutsche Schulschrift von Ludwig Sütterlin stammt von 1911 und ist viel runder als die anderen Kurrentschriften. Fraktur und Kurrent wurden am 3. Januar 1941 von den Nationalsozialisten per Erlass verboten. In dem Rundschreiben von Martin Bormann werden die Fraktur und ihre Handschriftvarianten fälschlich als „Schwabacher Judenlettern“ bezeichnet. Möglicherweise hat der Kurrentgebrauch früher nicht an den Nationalstaatsgrenzen Halt gemacht. Dänemark und Polen hatten ebenfalls die Fraktur. Sogar in England hat man anfangs in Fraktur gedruckt. Deshalb gibt die Handschrift keine verlässliche Auskunft. Allenfalls könnte man beim Schreiber Yves vermuten, dass er um 1940 herum Schreiben gelernt hat, also mit Kurrent und Lateinschrift konfrontiert war.

      • Vielleicht stammt Yves aus dem Elsaß oder der französischen Schweiz. Letzteres noch eher, weil er kein Eszett („Grüsse“) benutzt. Es kommt auf der Schweizer Tastatur nicht vor.

      • Interessant, interessant… Man beachte auch die Umlaute, die durch zweifaches Eintippen der Punkte entstehen. Gut, Yves schrieb aus Frankreich, und hatte wahrscheilich nur französische Schreibmaschine zur Verfügung.

        Mich interessiert ausserdem, wieso er nur einen Teil auf der Schreibmaschine und den anderen handschriftlich erstellt hat. Vielleicht hat er sogar den getippten Text zuerst erstellt, und dann per Hand die Erlebnisse von Yves Farges Beisetzung aufgeschrieben?..

      • Die Karte ist ja gar nicht versandt worden, steckte vielleicht in einem Brief. Deshalb könnten beide Texte zu unterschiedlichen Zeiten entstanden sein, der handschriftliche Teil unterwegs, als keine Schreibmaschine zur Hand war.

      • Die umgekehrte Reihenfolge, die du vermutest, ist nicht so wahrscheinlich, weil es keine Stauchungen der hanbdschriftlichen Passage gibt, wie sie entstehen, wenn plötzlich der Platz zu Ende ist, aber ein SAtz noch nicht.

      • So, späte Replik, aber immerhin;)! Generell ist das ein berechtigter Einwand mit dem Namen “Yves“, und ich gebe inzwischen, nach meiner eigenen Recherche in einem handschriftlichen Manuskript, das mir in französischer Schreibschrift von 1926 vorliegt, Jules auch absolut recht: das ist hier wirklich kein Sütterlin, sondern eine Variante der Kurrentschrift.

        Interessanterweise hätte ich Dir, lieber Merzmensch, zumindest als Vermutung in bezug auf unseren Autoren der Karte, Yves, dasselbe erwidern wollen wie Jules oben: könnte ja tatsächlich zB Elsässer sein.

        Wenn man nämlich von schief anmutender deutscher Schriftsprache auf eventuelle Muttersprachlichkeit rückschließen will, sollte man vorher bedenken, wie schlecht selbst nachweisbare Muttersprachler sich im Schriftdeutschen oft ausdrücken…da kann ich aus alten Briefen von Verwandten oft auch ein kläglich Lied singen, räusper…dies übrigens in bezug auf Vergangenheit und Gegenwart. Genug der Indiskretionen.

        Die Postkarte an sich wird, wenn sie adressenlos war, sehr wahrscheinlich in einem Briefumschlag versandt worden sein, was einigermaßen Usus war, wenn man zwar schöne An- und Aussichten versenden, aber diese und den Karteninhalt nicht mit “dritten Augenpaaren“ teilen wollte.

        Kleine Vermutung in bezug auf den Hiatus “handgeschrieben, dann auf Maschine gewechselt“ : kann das nicht auch einfach Platzgründe gehabt haben? Ich habe das Gefühl, mit der Maschine konnte er da einfach noch mehr auf die Karte pressen…handschriftlich mussten die Schreiber (müssen sie ja letztlich noch heute) zum Kartenende hin immer in die Minuskel verfallen…

        Wobei dem Trickreichtum natuerlich keine Grenzen gesetzt sind: oft wird einfach, schnödes Banausentum, noch auf dem Motiv auf der Kehrseite weitergeschrieben, oder in Minuskel fröhlich, auch seitenverkehrt auf allen vier Himmelsrichtungen der Karte auf denen noch Blanko-Platz zum Schreiben ist, usw…ich kann da mal bei Gelegenheit solche Vexierkartenphotos einstellen…ein Augenschmaus nur, wenn man sie nicht lesen oder transkribieren muss!

        Was mich persönlich noch interessiert: wissen wir, wo dieser Yves Fargé begraben liegt? Wäre nämlich auchmal interessant zu erfahren, welchen Friedhof der andere Yves da zwischen Bewunderung und euphorischer Schilderung beschreibt…den Pere Lachaise, die Cimetiere du Montmartre, etc…?! Schreibt er, trotz Kartenmotives, überhaupt aus Paris, etc…?!…all diese kleinen Rätsel, die man meist auf der Basis nur eines Dokumentes ohnehin nicht lösen kann. Was es aber natuerlich auch so spannend macht…

      • Ja, ich bin mir jetzt fast mehr als sicher, dass Ihr beide recht habt, was die elsässische Herkunft unseres Yves angeht. Und das stimmt – die Geschichte ist spannend und schön verschachtelt: ein Yves schreibt über einen anderen Yves.

        Und hier einige weitere Daten: Yves Farge wurde am Père-Lachaise Friedhof bestattet, am 4. April 1953. http://www.parisenimages.fr/en/collections-gallery/14128-12-funeral-yves-farge-pere-lachaise-cemetery-paris-april-4-1953 (Stalin war übrigens auch schon seit einem Monat tot [5. März 1953]).

        Ich vermute, unser Yves schreibt schon aus Paris, da er die Bestattung mit „neulich“ datiert, und ich vermute, wäre er irgendwo unterwegs, würde er nicht unbedingt Pariser Ansichtskarten mitnehmen (wobei da weiss man nie). Die Karte kann man daher mit April-Mai 1953 datieren. Ausserdem hat er natürlich eine nicht-deutschsprachige Schreibmaschine (was allerdings keine Garantie ist, da die Schriftsteller ihre Schreibmaschinen oft weltweit mitnahmen).

        Mich interessiert übrigens, was meint er über ein Buch, das er schreibt „auf mein Aufenthalt in Berlin“ – schreibt er etwa über seinen Aufenthalt Berlin ein Buch? Das wäre eine weitere Indiz, mit der man ja das Buch und den Autor finden könnte (falls er das Buch zu Ende schrieb und nachher veröffentlichte).

  3. wow! hab nach längerer zeit mal wieder in deinen blog geschaut und stelle fest, dass du ne wahnsinns-postkarten-archäologie betreibst! geiles projekt! macht lust auf mehr.

    liebe grüße
    Irisnebel

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