Merzmensch

DADAistisches und dadaLOSES

Inspiring Voyeurism: Das Wetter und andere Klaustrophobien

4 Kommentare

Das Wetter. Ein beliebtes Thema der sterbenden Kommunikation in Aufzügen. Ein leeres Aufgreifen eines völlig irrelevanten und doch so globalen Topics. Auch in Briefen kommt es vor, man schreibt über das Wetter. Damals, in der prä-digitalen Zeit war das Konkretisieren des Wetters eine fast schon absurde Angelegenheit – wenn der Brief ankommt, hat sich das Wetter bereits geändert, also alles umsonst. Nicht der Rede wert.

Čechov nutzte solche Belanglosigkeiten zur Eskalierung einer inneren Angespanntheit. Spricht jemand in seinen Stücken über solche Trivialitäten, so weiss man sofort: uhoh, da herrscht aber dicke Luft. Und das nicht auf den atmosphärischen Druck bezogen. 

Doch schauen wir mal erst auf dieses Schwarzweiss-Idyll von einem See. 

Postcards025
Menschen fahren Boote am See (hier: Tallesperre Malter – mit der Landsperrenverwaltung des Freistaates Sachsen irgendwo am Ufer). Dieses ziellose Treiben – denn wer will sich schon ein Ziel setzen, am Wochenende beim schönen Wetter im Boot (es sei denn, man ist ein Fischer, Wasserrettungsdienst oder ein – wenn auch werdender – Mörder). Die Familie im Boot unten am Photo entdeckt gerade etwas interessantes, auch wenn der (mutmassliche) Familienvater im Anzug davon zu rudern versucht.

Und der Text? Er zeugt von einer Wetterlage – sei es im schwarzweissen Wolkenhimmel oder in der Ebene der zwischenmenschlichen Beziehungen.

Postcards026-a

Lieber Hermann und Inge!
Wir sind gut angekommen und haben
uns auch gut miteinander eingelebt.
Viel Wind und teilweise Regen machen
langes Fortgehen unmöglich. Wir waren
im Garten und gehen gleich in den
Wald. Ob sich das Wetter nicht etwas bessert?
Wir wollen doch aufwärts fahren.
Seid herzlich gegrüsst von uns allen.

Ein Text wie ein Wetterbericht. Aber ohne Aussichten. Oder doch mit Hoffnung. „haben uns gut miteinander eingelebt„. Wer sind „wir“ in diesem Fall – und wieviel davon? Das „sich gut einleben“ zeugt nicht gerade von einer Harmonie vor der Reise. Es klingt fast wie eine überraschende Wendung. Das Wetter ändert sich aber nicht… Wo sie doch fortgehen möchten. Aufwärts fahren. So viele Synonyme für eine herbeigesehnte Normalität. Das Zwischen-den-Zeilen-Lesen macht es einem zu schaffen. Doch beunruhigend ist, dass sie gerade aus dem Garten in den Wald sich begeben. Aus dem apollinisch Semi-Urbanen in das Dionysische des Dickichtes. Garten war zu wenig Natur. Zu klein. Zu übersichtlich. Was wird sie im Wald erwarten? Kommen sie je heil davon?

Und: ist es vielleicht nur einer, der da schreibt? Mit der fortschreitenden Persönlichkeitsspaltung? Wohin mit uns?..

Je öfter man den Text liest, desto mehr kommt es einem vor, man lese einen WetterGemütsbericht. Ob sich das Wetter nicht bessert? Ich hoffe für sie alle. Denn bei dem Wetter können sie unmöglich fortgehen und stecken fest.

Und während diese zwischenmenschliche Klaustrophobie sich hoffentlich bald legt, wird an diesem Tag, am 7.7.1960 irgendwo auf der anderen Seite der Welt, in Portland, Kevin A. Ford geboren. Ein amerikanischer Astronaut, der mittlerweile 157 Tagen 13 Stunden 9 Minuten im Weltall zählt. Und von oben, aus dem Weltall, sieht die Erde so klein aus. Und das Wetter so wunderschön. Und alles andere so lächerlich.

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4 Kommentare zu “Inspiring Voyeurism: Das Wetter und andere Klaustrophobien

  1. Die „sterbende Kommunikation in Aufzügen“ ist eine wundervolle Formulierung! Mit deiner Erlaubnis, werde ich sie bei Gelegenheit zitieren.

    Die Karte wurde ja wohl in der DDR verschickt, wo man immer damit rechnen musste, dass die Stasi mitlas. Vielleicht ist der Text deshalb so rätselhaft oder gar ein Kode?

    • Klar, fühl dich frei ob der Nutzung des Ausdrucks – er ist jetzt freigesetzt, sozusagen 🙂

      Und die DDR-Dimension ist in meiner Analyse nicht berücksichtigt worden – obwohl sie ja müsste! Das eröffnet aber eine ganz neue Sicht auf die Geschehnisse, denn hier ist viel zu viel vom Wetter und Fortgehen die Rede.

    • Lieber Trithemius, ich bin dran. Diese Karte ist unter der neuen Perspektive aber absolut stark.

      Hoffe diese Woche noch die REBOOTED-Version hier uzu posten.

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