Merzmensch

DADAistisches und dadaLOSES

#InspiringVoyeurism: Wetter rebooted, oder neibohportsualK eredna dnu retteW saD

2 Kommentare

Geheimnisse. Jeder Text trägt in sich welche. Denn jeder Kontext ist geheimnisvoll, auf seine Art und Weise. Auch diese, langeweilige, nichtsaussagende Karte, voller Wetterberichte, über die wir vorhin sprachen. Wechselt man den Fokus, und schon wird man von der Botschaft regelrecht umgehaut, die sich hier offenbart. 

Betrachten wir dieses Bild doch noch einmal, mit Berücksichtigung einiger Hintergründe und der grauweiss schweren Wolken. Segelschiffe, Boote. Kreiseln an einem Stausee. Ohne Ausgang. Nur einige Bächer. In den 1960er Jahren. Irgendwo inmitten von der DDR.

Postcards025s

Und der Text?
Er zeugt nun von mehr als lediglich einer Wetterlage. Denn… doch lesen Sie es lieber selbst. Nochmals.

Postcards026-a

Lieber Hermann und Inge!
Wir sind gut angekommen und haben
uns auch gut miteinander eingelebt.
Viel Wind und teilweise Regen machen
langes Fortgehen unmöglich. Wir waren
im Garten und gehen gleich in den
Wald. Ob sich das Wetter nicht etwas bessert?
Wir wollen doch aufwärts fahren.
Seid herzlich gegrüsst von uns allen.

Wir sind gut angekommen… haben uns gut miteinander eingelebt – wenn es sich zunächst von einer vermeintlich anfangs nicht unholprigen Beziehung der zusammen Reisenden, die sich erst miteinander einleben müssen, vermuten lässt, schlägt sich nun eine neue Möglichkeit vor: mehrere Gleichgesinnte (Dissidenten? Andersdenkenden?), die sich nicht unbedingt kannten, sich aber nun zusammentun, mit einer einzigen Sehnsucht, mit einem hehren Ziel vor Augen –

nichts wie weg hier.

Doch ihre Pläne scheitern an den DDR-Realien: „Viel Wind und teilweise Regen machen langes Fortgehen unmöglich„. Denn bereits 1951 machte die „Verordnung über die Rückgabe Deutscher Personalausweise bei Übersiedlung nach Westdeutschland oder Westberlin vom 25. Januar 1951“ die sogenannte „Republikfluchtso richtig strafbar.

Langes Fortgehen – das klingt nach einer unerreichbaren, verheissenen Erlösung.

Wir waren im Garten und gehen gleich in den Wald – und einige Zeile davor wurde noch ein ziemlich ungemütliches Wetter für Spaziergänge draussen beschrieben. Sind es nicht eher angedeutete Versuche oder Pläne, dem Kafkaesken System zu entgehen? Dazu muss gerechtigkeitshalber gesagt werden, dass Malter Talsperre ziemlich tief innerhalb der Republik lag – die Grenze mit der Tschechoslowakei war die nächste. Und Prager Frühling kommt noch ein Paar Jährchen später. Ausharren.

Sind sie wirklich in Malter Talsperre? Oder ist dieses Kartenmotiv nur eine Ablenkung? Und Garten und Wald – Umschreibungen der Amtsgänge, vielleicht zunächst die in DDR noch legale Versuche (s. Verordnung oben), eine Möglichkeit zu finden, lang fortzugehen?

Ob sich das Wetter nicht etwas bessert? Wir wollen doch aufwärts fahren. – Und doch noch ein Fünkchen Hoffnung. Aufwärts fahren. Schon wieder so ein Ausdruck.

Ein Perspektivenwechsel – und schon offenbart sich die Äsopische Sprache der verlorengehen wollenden Botschaft.
 
Im Jahre 1960 wurden 152 291 erfolgreiche Fluchtversuche in der BRD registriert – davon 46 897 über Innendeutsche Grenze oder Ausland. Wer weiss?.. Wer weiss?..

P.S. Für Perspektivenwechselimpuls möchte ich Trithemius herzlich danken.

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2 Kommentare zu “#InspiringVoyeurism: Wetter rebooted, oder neibohportsualK eredna dnu retteW saD

  1. Die Interpretation unter der neuen Perspektive gefällt mir. Alles ist jetzt so schön verschwörerisch.

  2. Kann mich da Trithemius nur anschließen. Super Perspektive. Wirkt ganz klasse.

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