Merzmensch

DADAistisches und dadaLOSES

#InspiringVoyeurism – Drei Schwestern und ein geheimnisvoller LOT.

6 Kommentare

Anton Pavlovič Čechov schrieb am 11. April 1889 im Brief an seinen Bruder: „Краткость – сестра таланта“ („Die Kürze ist eine Schwester des Talents„). Doch hier geht es weder um Čechov, noch um die Schwester des Talents, und nicht einmal um die „Drei Schwestern„, ein weiteres Meisterwerk von Anton Pavlovič, sondern um drei völlig andere – aber nichtsdestotrotz immernoch – Schwestern: Margeret, Helen und Maria.

Und von wegen Talent – wir haben bereits gesehen, wie genial so manch eine knapp verfasste Postkarte sein kann.
Doch nun zurück zu einer folgenden Karte, datiert mit dem 24.07.1935.

Da scheibt eine gewisse Maria W. an ihre zwei Schwestern, nach Dresden. Mit Schreibmaschine. Auf Englisch. (Wieso in meinem Blog so oft Dresden erwähnt wird, kann ich nur dadurch erklären, dass ich diese Reihe der Karten bei einem Händler am Flohmarkt kaufte, wahrschenlich war da der gleiche Nachlass. Vielleicht. Eventuell.) Doch nun zum Text.

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Ich weiss, Sie alle sind des Englischen mächtig, doch als Formalität übersetze ich mal diese Karte ins Deutsche.

Liebste Margeret und Helen,
Meine Sachen sind in dem Moment angekommen, wo ich schon meine letzte Hoffnung aufgegeben habe, sie irgendwann wiedersehen zu können. Ihr habt Kreis Mosdorf angegeben, anstelle vom Kreis Mosbach. Kommt Ihr soweit klar? Wann habt Ihr Ferien (Urlaub)? Hier gibt es Feiertagstickets, die hin und zurück weniger kosten, wie ich es für die einfache Fahrt bezahlte. Ich hoffe, meine letzte Karte ist problemlos angekommen. Diese hier wird nicht vor morgen versandt, da sie nicht vor halb fünf am Nachmittag geschickt werden kann. Das ist der nächste Ort zu Binau.

Mit viel Liebe
Eure Schwester Maria

Also hat hier eine Schwester Maria (aus irgendeinem völlig unmotivierten Gründe vermute ich, es sei die älteste Schwester) einen One-Way-Ticket gekauft, und sich entschlossen aus der Grosstadt Dresden quer durch ganz Deutschland nach Odenwald begab. Ihre beiden englischsprachigen Schwestern sind in Dresden zurückgeblieben.

Aus welchem Grunde fuhr sie nach Schloss Binau? Und wieso haben die Schwestern all Marias Habseligkeiten nach Kreis Mosdorf geschickt, wo es nicht einmal so einen Kreis auf der Landkarte aufzufinden ist. Wonach suchte Maria? Und was taten Margeret und Helen, die mit einer beunruhigenden Frage „Kommt Ihr soweit klar?“ angesprochen wurden?

Und was bedeutet der mit Bleistift in einer hektischen Schrift am Rande verfasste Satz:

I found the lot // 31st August.

Was wurde am 31. August gefunden?

Laut The Concise Oxford Dictionary (Oxford, 1998, p.807) hat das Wort „lot“ mehrere Bedeutungen:

  • Grundstück, Zuteilung/Erschliessung des Landes
  • persönliche Schicksal, Fortune oder Zustand
  • zur Auktion angebotene Artikel oder ein Set aus mehrerer Artikeln
  • Anzahl der dazugehörigen Personen oder Dinge

Fand Maria vielleicht einen Grundstück, weswegen sie auch möglicherweise sich auf den langen Weg machte? Oder nahm sie im Schloss Binau an einer Auktion teil? Und wieso ist es mit dem 31. August datiert, wo doch die Postkarte bereits am 24.7.1935 gestempelt war? Oder ist 31. August nicht 1935, und nicht einmal von Maria W. notiert? (Dafür würde die ebenso mit Bleistift notierte Nummer auf der Vorderseite der Karte sprechen).

Und wenn nicht Maria, wer war denn der Glückliche, der diese Karte auf einer Auktion fand, und wieso verschwand diese Karte wieder aus seinen Händen in Richtung Flohmarkt?

Fragen über Fragen. Was denken Sie, liebe Leserinnen und Leser?

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6 Kommentare zu “#InspiringVoyeurism – Drei Schwestern und ein geheimnisvoller LOT.

  1. … ich glaube, inzwischen sind alle drei Schwestern tot …

    liebe Grüsse
    das ist das, was ich denke
    Leserin
    Karen

  2. Hallo lieber Merzmensch!

    Also, ich sollte wirklich andere Dinge tun, als hier auf deinen Eintrag zu kommentieren, zB mich mal selbst etwas proaktiver an mein Projekt “Schreibende Krieger“ begeben, zumal ich allein fürs kommende Winterhalbjahr so unendlich viel Material habe, dass es mich schier überwältigt. Aber genug des “Der überforderte Autor“-Duktus und doch ein paar Zeilen zur Schwestern-Karte.

    Zunächst mal die üblichen akribisch-peniblen Korrekturen der Feinheiten (aber die zählen ja oft auch bei diesen Dingen, hehe…). Oben wäre treffender übersetzt die Zeile: “This will leave not before to-morrow for not having been posted before half past four in the afternoon.“ :
    “Diese (Karte) wird nicht vor Morgen rausgehen, da sie nicht vor halb vier Uhr am Nachmittag auf die Post gegangen ist.“ Soll also eigentlich nur kurz heißen: heute habe ichs nicht mehr auf die Post geschafft, mache ich morgen;)! Eine dieser typischen Monolog-Infos in alten Briefen, die mehr an den Absender selbst gerichtet sind als an den Empfänger. Oft, und jetzt verliere ich mich gleich wieder in Aus- und Abschweifungen, schreiben die Absender in alten Briefen ja seitenweise Erklärungen in einer Form von Monolog, warum sie so lange meldedoof waren und nie dazu kamen, ihren Lieben/Verwandten/Freunden zu schreiben und all dies. Auch darüber könnte ich x Blogeinträge veröffentlichen.

    Die Fragen über das Verhältnis der englischsprachigen Schwestern zueinander und ihr Reiseverhalten müssen vor dem Hintergrund nur einer Karte natürlich leider ungelöst bleiben. Natürlich ploppt die neugierige Frage auf: wenn sie englischsprachig sind, was haben sie dann in Dresden gemacht, woher kamen sie, etc…

    Nochwas zur Bleistiftnotiz: da würde ich auch mich sicher von ausgehen, dass die nicht von der Absenderin ist. Erstens passt es zeitlogisch nicht, wie du ja auch feststellst, zweitens erinnert es mich daran, wie oft Nachkommen oder älterer Leute ihre Korrespondenzen oder die der Verwandten nach Jahren sortiert und, alte Tradition, nach Empfänger-Absenderverhältnissen gebündelt und archiviert haben (entweder mit Gummizügen oder Schnürband). Dann wurden teilweise die Briefe chronologisch geordnet und numeriert (mit Bleistift). Sieht man oft bei Briefen aus Nachlässen, manchmal sogar verbunden mit Kurzzusammenfassungen oder 1:1-Transkriptionen durch Verwandte oder durch den Originalautoren des Briefes selbst, wenn er/sie zB seinen Enkeln noch das Verständnis garantieren wollte und die dem ursprünglichen Brief in moderner Handschrift oder Maschinenschrift beigefügt sind). Und daran erinnert mich die Bleistiftaufschrift hier: vielleicht so nach dem Motto: “Ich habe das alte Lot Briefe endlich wiederentdeckt!“ (man meint das ungeschriebene “at last“ fast mitzuhören. Und die andere Bleistiftnotiz hat definitiv was von einer Kategorisierungsnummer, das könnten eventuell doch sogar Profis gewesen sein.

    Es ist auch nicht wahrscheinlich, dass eine Frau anno 1935 und sei sie englischsprachig, selbst Grundstücke sucht und kauft. War zu der Zeit einfach nicht Usus, so gemein das auch war. Würde sonst auch viel mehr auf der Karte betont und macht ja, wie festgestellt, zeitlogisch null Sinn. Und eine Auktion ist auch nicht logisch. “Habe die Auktion gefunden“? Eher nein;)!

    Sind natürlich nur Spekulationen.

    Zum Kreis noch kurz was: da war aber die fiese bürokratische Kreisreform von 1973 an diesem vermeintlichen Mysterium des Verschwinden eines Kreises schuld! Wie auch in meinem Heimatkreis, den es seit besagter Kreisreform nicht mehr gibt (also den Kreis jetzt, nicht meinen Heimatort, grins), so ist auch der Landkreis Mosbach 1973 derselbigen zum Opfer gefallen.

    Puuuh, durchschnaufen! Beste Grüße in deine Richtung und hoffentlich war das jetzt nicht zu penibel;)!

  3. Es ist nicht auszuschließen, dass Maria ihre Ferien in Binau verbracht hat. Ich habe als Kind noch erlebt, dass man sich das Gepäck nachschicken ließ, um es nicht schleppen zu müssen. Obwohl der Gepäcktransport auch mit der Bahn verlief (die Züge führten eigens einen Gepäckwagen) konnte es vorkommen, dass das Gepäck viele Tage später als man selbst eintraf. Hast du daran gedacht, lieber Merzmensch, dass die Schwestern vielleicht Jüdinnen waren? In Binau gab es vor dem 2.Weltkrieg eine jüdische Gemeinde. In Dresden lebten 1933 5000 Juden Die bange Frage:Kommt Ihr soweit klar? kann auch mit den schon 1935 beunruhigenden Vorgängen in Dresden zusammenhängen. Immerhin hatte es schon im Mai 1933 die Bücherverbrennungen gegeben.
    Der Hinweis auf die preiswerte Rückfahrkarte könnte eine leise Aufforderung sein, auch nach Binau zu kommen, falls die beiden schon Ferien haben. Das sollte Maria aber wissen. Vielleicht ist sie gar nicht aus Dresden angereist, und die Sachen, die ihr geschickt wurden, lagerten nur da.
    Insgesamt hast du wieder eine inspirierende Karte ausgegraben. Ich hoffe, am WE nachziehen zu können.

  4. „… ich glaube, inzwischen sind alle drei Schwestern tot …

    liebe Grüsse
    das ist das, was ich denke
    Leserin
    Karen“

    Ich denke da genau wie Karen…
    Leider..

    Gruß,
    Rina

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