Merzmensch

DADAistisches und dadaLOSES

„Assoziationen sind erwünscht“

2 Kommentare

Nennen Sie es berufliche Blindheit, geistige Trägheit oder Bullshitbingo der Marketingabteilung – je nach dem Grade Ihrer Verbissenheit. Doch anders kann ich mir die Genese dieses Meisterwerks nicht erklären.

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Am Frankfurter Hauptbahnhof hat sich einiges getan, und dieser Neudesign ist mittlerweile nicht mehr so neu. Aufgefallen hat er mir dennoch erst jetzt.

Wahrscheinlich war der Ausgangspunkt dieses Umgestaltungsprojektes „Green City“. Man kennt sie ja, diese klobrige Marketing-Stunts, um de juro und de facto zu erzwingen. Und um die Wohlbefindung der Kunden vorwegzunehmen.

Andererseits, diese sagenhafte Perspektive eines Waldes, wo die Baumstämme ins ungewisse Neblige verschwinden, die kennen Sie bestimmt auch. Das Erhabene, das Mysteriöse.

Nun ist dieses Motiv des Waldes, der Natur, Arcadia, locus amoenus, ein durchaus bestrebend, als ein kurzer Escapismus-Abstecher im grauen Alltag.

Das sollte der Verschönerung des Hauptbahnhof genügen. Doch nein, für das Konzept war das doch wohl zu wenig. Es fehlte der Ortsbezug. 

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So hat man das Metaphorische des Waldes konkretisiert, indem man über die Fotoaufnahme des Waldes „TAUNUS“ drüber schrieb. „Is Taunus, in der Nähe. Ortsbezug“.

Man „löst die Raumgrenzen auf“, was zu begrüßen ist. Deklaustrophobisierung. Doch: ein Wald, und die „Bahnsteige erweitern sich ins Unendliche“? Na das ist doch so ziemlich Kafkaesk.

Jedenfalls das mit Taunus war wohl zu wenig, da dieser grüne Ort zu weit von der Stadt entfernt. Näheren Ortsbezug bitte. Und hier kam die glorreiche Idee: das sind keine Bäume, das sind die Stützen der Bahnhofshallen. Die gehen ins Unendliche. Aber natürlich!

„Assoziationen zu Natur sind erwünscht“, erhöffen die Konzeptautoren. Doch man kann die Assoziationen nicht erzwingen. Und so muss ich bei diesem Gestaltungskonzept daran denken, wie man unter dem Bahnhof, zwischen den Hallenstützen herumirrt, umgeben vom kalten Nebel der Kanalisation und unsichtbaren, doch überall präsenten Ratten. Ein Gespür der Unsicherheit bahnt seinen Weg durch meine Assoziationsketten.

Wahrscheinlich war ich nicht der Einzige mit dem Gefühl. Denn bei der Projektabnahme erspürten das wohl einige.

So, als letztes Tüpfelchen wurde  das Schlagwort „Sicherheit“ reingepfercht. Einfach und direkt, ohne kompositorische Überlegungen. Irgendwo drüber.

So. Jetzt aber.

 

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2 Kommentare zu “„Assoziationen sind erwünscht“

  1. Schön mal wieder von dir zu lesen. Ich hatte dich schon länger vermisst. Mir fällt am kritisierten Wandbild seine unmotivierte Kürze gegenüber den umgebenden Wandpaneelen auf. „Stützen“ ohne Bezug zu Fundament und Decke? Dass hier Raumgrenzen aufgehoben werden sollen, gehört in die Kategorie „Gut gedacht, aber schlecht gemacht.“ Eigentlich ist es doch eine hübsche Idee, dass das Unendliche ringsum überall ist, auch in der Frankfurter U-Bahn. Der Ausschnitt rechts unten – ist da ein Loch in der Tafel? Funktion und Bezug zur „Sicherheit“?

    • Lieber Trithemius, ich freue mich auch wieder mit Dir in Kontakt zu treten!
      Das stimmt, da ist etwas passiert, was ein russischer Politiker einst weise und aphoristisch resümierte: „Wir wollten nur das Beste, aber es kam wie immer.“
      Ich denke, solche Projekte sind ein Gemisch aus Zeitdruck, Uneinsichtigkeit der Auftraggeber, Ungeduld der Ausführenden und allgemeiner Frust. Vor allem dieses völlig kontextlos hereingepferchte Wort „Sicherheit“. Rechts unten ist wohl der Element zwischen der Wand und unterem Bereich, mitsamt einem Zettel mit Designentwurf. Interessanterweise wird hier in zwei Illustrationen das „Making of“ konkretisiert, was für mich wie ein weiterer Hinweis auf eine fast unfertige Arbeit aussieht.

      Wobei der Künstler „Case“, aka Andreas von Chrzanowski an sich sehr vielversprechend aussieht. Ich vermute, sein interessanter Vorschlag wurde – gemilde gesagt – korrigiert, wie der berüchtigte Glasfront im Sprengel Museum Neubau (wo statt Glas grauer Beton verwendet wurde [der Architekt war dabei äusserst unerfreut)].

      Mich würde die Genese dieses Designs interessieren (denn an sich finde ich die Idee des unendlichen Waldes – samt nebliger Ausführung – ziemlich gut).

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