Merzmensch

DADAistisches und dadaLOSES


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Wir haben die Absicht, eine Mauer zu errichten.

Genau so, und nichts anders berichtet Homeland Security in einer Pressemitteilung auf deren offiziellen Webseite über das von Trump angedrohte angekündigte Mauerbau.

Die Pressemitteilung liest sich köstlich. Die ist ja fast Dada. Und Zaum‘.

Ich übersetze mal den Anfang:

Wir bauen die erste neue Grenzmauer in diesem Jahrzehnt.

DHS (Department Homeland Security) verpflichtet sich, eine Mauer zu bauen, und dazu sehr schnell eine Mauer zu bauen. Nein, wir werden die kleine, veraltete und ineffektive Mauer nicht einfach durch einer ähnlichen Mauer ersetzen. Stattdessen werden wir unter dem jetzigen Präsident eine Mauer bauen, die 30 feet (ca 9 Meter) hoch ist.

Fakt: Bevor Präsident Trump seinen Präsidentenamt gekleidet hatte, hatten wir noch nie so eine hohe Mauer gebaut.

Und so weiter. Ein Tautologe würde hier seine helle Freude am Zählen des Wortes „Mauer“ finden (30 Stück im ganzen Artikel). Achja, und wenn zu viel Mauer immernoch zu wenig ist, hier die Vorher-Nachher-Illustrationen.

Mauer1

Source: DHS © 

Oh, und wenn es nicht übersichtlich genug wäre, hier noch ein Vergleich:

Mauer2

Source: DHS © 

So eine schöne hohe Mauer wird also Department für Heimatschutz errichten.

Apropos, Mauer.

Erinnern Sie sich, werte Leserinnen und Leser an die Kurzgeschichte von Daniil Charms, dem Zaum-Vertreter, hier in der Übersetzung von Peter Urban:

Ein Ingenieur hatte sich zum Ziel gesetzt, quer durch Petersburg eine riesige Mauer aus Ziegelsteinen zu bauen. Er zerbricht sich den Kopf, wie das zu machen sei, kann nächtelang nicht schlafen und überlegt. Nach und nach bildet sich ein Kreis von Denkern und Ingenieuren, ein Plan zum Bau der Mauer wird erarbeitet. Beschlossen wurde, die Mauer nachts zu bauen, aber so, daß sie binnen einer Nacht gebaut werden sollte, damit sie für alle eine Überraschung werden würde. Arbeiter werden zusammengerufen, die Aufteilung wird vorgenommen. Den städtischen Behörden wird Sand in die Augen gestreut, und schließlich ist die Nacht gekommen, in der die Mauer gebaut werden soll. In den Plan des Mauerbaus sind nur vier Mann eingeweiht. Die Bauarbeiter und Ingenieure erhalten genaue Anweisungen, wer wo zu stehen hat und was zu tun ist. Dank genauester Berechnung gelingt es, die Mauer innerhalb einer Nacht zu bauen. Am anderen Tag herrscht in Petersburg heillose Verwirrung. Auch der Erfinder der Mauer ist niedergeschlagen. Er weiss nämlich selbst nicht, wozu die Mauer dienen soll.

(Zitiert nach: Charms, Daniil: Die Kunst ist ein Schrank. Aus den Notizbüchern 1924-1940. Berlin 1992. S. 91, Übersetzung von Peter Urban).

Diese Geschichte habe ich vor ca. 10 Jahren hier bereits zitiert. Und hatte die damals (2009) seit 20 Jahren gefallene Mauer im Kopf. Und nichts hat sich geändert. Auch im nächsten Jahr (2019), zum 30. Jubiläum des Mauerfalls.

Denn woanders wird sie wieder aufgebaut, die Mauer.

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And welcome to the year 2016, a Centenary of Dadaism! #dada100…

And welcome to the year 2016, a Centenary of Dadaism! #dada100 #Dada #Dadaism #dadaismus #дада #дадаизм #ダダ #ダダイズム

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S-Bahn-Mauer, oder Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen.

Bestimmt haben Sie bereits vor Monaten diese köstliche Geschichte mitbekommen:

Ende April wurde eine Tür in der Hamburger S-Bahn zugemauert. So:

mauer

Deutsche Bahn sperrte den Zug und erklärte die Schäden in mehreren 10.000 EUR (kuriöserweise wurde sogar eine Abrissgenehmigung beeintragt). Polizei fing an mit der Fahndung, und es gab noch kaum Hinweise auf die „Täter“, bis neulich „Bekennervideo“ auftauchte.

Eine Gruppe StreetArt-Künstler und Sprayer MOSES & TAPS™ präsentierte in diesem wunderschönen Maling Of die Entstehung der Mauer.

Nun, aus der Sicht eines Reisenden, sind da wohl keine Schäden entstanden – man schmunzelte und ging einfach zu einer weiteren Tür (wie oft sind die Türe einer SBahn defekt), und Lebensgefahr ist da kaum entstanden (der Ausfall des Zuges aufgrund der Abrißmaßnahmen – wie oft fallen sonst die defekten Züge aus, und wie oft fahren sie tagelang mit defekten Türen?).

Aus der Sicht eines Rezipienten ist diese Performance eine Weiterführung eines Ready-Made von Duchamp – dadaistisch, simpel, subversiv, paradox. Marcel hinterfragte mit seinem Werk „Fountain“ den gesamten Kulturbetrieb, als eine festgefahrene, autoritäre Status-Einrichtung. Bei der S-Bahn-Mauer wird der Alltag an sich hintefragt, die Routinen, die Sinnhaftigkeit der Tagesabläufe. Man wird auf einmal aus dem Alltag herausgerissen. Man hinterfragt die eigenen Routinen. „Gemeinschädliche Sachbeschädigung“ – wie es in den Polizeiberichten festgehalten wird? Naja, die rasanten Mieterhöhungen, Gentrifizierung und Entsozialisierung der Wohngegenden durch Luxusbauprojekte, wirtschaftliche Kürzungen im Sozialbereich sind weitaus gemeinschädlicher als so ein Prank.

Werden leider nie polizeilich verfolgt.


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Iran und Zensur

Da, wir alle wissen, Iran ein durchaus frommes und anständites Land ist, werden dort die Sportsendungen entsprechenderweise bearbeitet, damit die Zuschauer ja nicht auf wollustige Gedanken kommen.

Dabei entstehen die Meisterwerke der Kunst, die mal an das Schwaze Quader von Malewitsch, mal an das Dada-Kostüm eines Hugo Balls erinnern. Wunderschön. http://www.liveleak.com/ll_embed?f=1503d0fdb6b3

Wobei das Gnze erscheint mir so unglaublich, dass es fast an ein Fake nähert.


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Inspiring Voyeurism

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Diesen Artikel habe ich auf Englisch bei Medium veröffentlicht.

Es gibt ein winziges Antiquariat in Marburg, irgendwo in einer kleinen Gasse versteckt.

Diese pittoreske Uni-Stadt irgendwo inmitten der Berge, Hügel und Weinstöcke faszinierte mich schon immer mit ihrer mysteriösen Ausstrahlung. Andererseits, so einen Buchladen findet man beinahe überall. Deswegen ist der Ort und die Zeit für meine Geschichte irrelevant.

Ich betrat den Laden und wurde sofort auf eine kleine Kiste aufmerksam. Diese Kiste war rappenvoll mit alten, vergilbten Postkarten. Kennen Sie auch solche Ramsch-Sammlungen in Buchläden und Flohmärkten: Postkarten, vor X Jahren von Person A zu Person B gesendet.

Und da stellt man sich die Frage, auf welchem Wege die Karte diesen Karton erreichte:

        • Ist die Person B verstorben?

        • Wurde die Karte weggeworfen. Und wenn ja, von wem und weshalb?

        • Wurde diese Karte überhaupt gelesen? Denn bedenken Sie des Dadaisten Erik Satie, dessen Zimmer voll mit ungelesenen, gar ungeöffneten Briefen war.

Man kauft normalerweise solche Karten, um eine schöne alte Retro-View zu erwerben, eine historische Kollektion, oder um die seltenen Original-Ansichten der zerbombten, wiederaufgebauten und nun metamorphierten Städte zu sehen? Eine unbenutzte, unbeschriebene Postkarte ist normalerweise viel teuerer als eine bereits verwendete.

Doch…

Plötzlich fand ich das.

Eine Karte, wohl ein Einzelexemplar, ein Privatphoto: ein älterer Man in der Militäruniform sitzt auf einem Pferd. Im Hintergrund schimmern die Bäume durch.

Auf der Rückseite stand ein spartanischer Text, geschrieben mit einer schwungvollen Hand:

Zur Erinnerung an die Obstbaumblute in [Morgenfrische?] Monzewtsche (Monzewitsche?)*.
18.5.(19)16
Dein Vater

Dieser Kontrast – Wiederhall des Ersten Weltkrieges, gemischt mit der Vatersliebe – berührte mich tief. Diese – verschwommene, aber dominanteverschwindende, aber so präsente – Vatersfigur verdrängte sogar die komplete Abwesenheit des Sohnes (oder der Tochter?), an den/die die Karte adressiert war. Das Pferd, der Mann, das Kind, vielleicht auch der Garten sind nun – fast 100 Jahre später – längst Geschichte. Alles, was bleibt, ist dieses Photopapier.

Zurück zum Mai 1916: Wirre Zeiten in Europa und der ganzen Welt.
Das Wort DADA erschien erst kürzlich in der Anthologie des „Cabaret Voltaire“. Albert Einstein veröffentlicht sein Monumentalwerk „Die Grundlage der allgemeinen Relativitätstheorie„. Der erste Krieg schlägt immernoch wild um sich mit seinen blütigen Klauen. Und dieser namenlose Vater sitzt auf seinem Pferde, blickt über die Epochen hinweg, beachtet mit keinem Muskel den unbekannten Photographen. Und denkt an sein Kind. Die schrille Intensität eines isolierten Phänomens in einem Globalen Kontext überwältigt mich. Die Zeitblase verschlingt mich. Ich bleibe irgendwo im Jahre 1916 stecken. Bin ich der Vater? Bin ich der Sohn? Wer bin ich, und wenn ja, wann? Nur mit immensen Kräften kann ich mich aus dieser fremden Erinnerung wieder entkerkern.

Aufgeregt ob der Vielzahl von unbekannten Schicksale lasse ich meine Hand wieder in der Postkartenkiste schwelgen und…

*) UPDATE. Mit Dank an Duroy: es heisst natürlich nicht „Morgenfrische„, sondern „Monzewitsche„, ein bisher von mir nicht identifizierter Ort irgendwo östlich von Wilna (s. diese Postkarte mit Erwähnung des Ortes aus dem gleiche Jahr, 2 Monate früher). Wo könnte sich dieser Ort befinden, und wie heisst er nun? Und wer weiss, vielleicht können wir auch den Vater auf dieser von Duroy gefundenen Postkarte sehen?

+++
Fortsetzung folgt.
Hier ist mein englischer Blog über die weiteren Entdeckungen. Ich werde aber natürlich auch hier darüber berichten.


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Poetische Ornitophobie

HINWEIS für Schleichwerbungspolizisten:
dies ist keine Werbung,
sondern eine soziohistorische Bestandaufnahme. Oder so.

//giphy.com/embed/En3KLIkR9M5ag

Über die Vogelscheuchen hat bereits Schwitters in seinem typographischen Meisterwerk „Die Scheuche“ geschrieben:
ScheucheTitel
So schön – mit Frack und Spitzenschal – war zwar unsere Absurde Scheuche (i.e. Taubenabwehreinrichtung) zwar bei weitem nicht. Doch eine Recherche führte mich zu einem wunderschönen Häuschen irgendwo inmitten des Grünen, versteckt in Weiten der WWWelt: vogelscheuche.de

Tatsächlich beschäftigt man sich gewerblich damit, die Ratten (oder auch Schlangen, Läuse und Kakerlaken) der Lufte zu bekämpfen. Und tatsächlich hat sich die sektenartige Augen-Luftballon-Konstruktion als „Vogelscheuchen BALLON“ entpuppt.

//giphy.com/embed/D6cb3hdUZDEt2 Zitat:

Wirksam gegen: Tauben. Stare. Amseln. Krähen. Gänse. Für Schwimmbecken. Fischteiche und Marinas auch schwimmend auf dem Wasser gegen: Möwen. Fischreiher. Schwäne und Kormorane.

Diese Angsteinfliessenden Augenpiktogramme sollen hiernach die Greifvogelaugen darstellen Sehen die übrigen Vogel diese Greifvogelaugen, wir bei ihnen angeborene Angstmechanismus ausgelöst, (wissenschaftlich: AAM, Angeborene Auslösende Mechanismus). Ich bin wohl auch so ein Vogel, bei mir wird dieses Angsmechanismus jede Minute ausgelöst, blicke ich nur von meinem Bürotisch in das Fenster hinaus.

Doch die Vogelscheuchspezialisten haben’s auf alle Vogel abgesehen, und die Menüleiste der Webseite sieht wie ein Gedicht aus. Lesen Sie es doch durch, bitte mit Gefühl rezitieren:

vogelscheuchede

Haben Sie beispielweise vor, Amsel zu verjagen, finden Sie eine grosse Anzahl an geeigneten Werkzeugen dazu. Möchten Sie aber Kraniche vergraulen, da muss ich Sie leider enttäuschen:

vogelscheuche2de

Und die Nachfrage scheint gross zu sein, das Vogelvertreiben steht hoch im Kurs. Es gibt ein Testgelände zum Verjagen von verschiedenen Vogelarten, und in FAQ-Rubrik wird gefragt, ob man nur bestimmte Vogel vertreiben kann.

Richtig so. Sonst passiert folgendes:

//giphy.com/embed/1heFN2HzSqSOs


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Leichte Absurdität des Daseins

Heute Nachmittag waren die Hausarbeiter auf der Innenterrasse unseres Büro-Hauses. Dazu muss gesagt werden, dass die Innenterrasse nur selten von den Menschen frequentiert wird, geschweige denn von anderen Lebenwesen. Es ist zwar eine unbedachte Terrasse, aber es ist verboten, hier unbedacht zu rauchen, weil angeblich der Boden höchst flammbar ist. Normalerweise ist die Terrasse also öde und verlassen.
 
Daher haben wir uns gar gefreut, mal wieder Leben hinter dem Fenster zu sehen.

Die Hausarbeiter brachten eine Klappleiter und eine Spule mit reichlich Draht. Sie haben in eine Wand ein Loch gebohrt. Dann in die gegenüberliegende Wand ebenso ein Loch. Dann zogen sie den Draht zwischen den beiden Wänden. Und dann hingen sie drei seltsame Objekte darauf: eine Mischung aus Luftballons und billigen China-Laternen-Nachahmungen, mit durchdringenden sekten-artigen glänzenden Augen-Piktogrammen darauf.

So:

hdr-ball-1

Jetzt waren wir aber wirklich gespannt, was das sein könnte, gingen hinaus und fragten die Hausarbeiter:

– Was will das werden?
– Das ist eine Taubenabwehreinrichtung, – erklärte ein Hausarbeiter.
– Aber wir haben hier schon seit Jahren keine einzige Taube gesehen, – erwiderten wir.
– Auftrag ist Auftrag, – antwortete weise der Hausarbeiter.

Sie sammelten die Klappleiter, die Bohrmaschine, die leere Spule zusammen und waren weg.

Geblieben sind die drei seltsame Luftballons, die in der spätnachmittaglichen Frische leise vor sich hin baumeln, uns mit ihren starren Augen überwachen und ständig an die leichte Absurdität des Daseins erinnern lassen.


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Ai Weiwei, Caminero und Neo-Dada

Eine schöne Geschichte hat sich gerade in Miami abgespielt (wie New Republic berichtet).

Ein Künstler, Maximo Caminero, zerstörte die Vase von Ai Weiwei, die in Pérez Art Museum in Miami ausgestellt war. Die Vase war ca. $1 Mio Wert. Die Zerstörung sah so aus:

Diese Aktion sei die Camineros Kritik an der Kulturpolitik von Miami, die die lokale Küntsler zu unterpräsentieren scheint, und stattdessen sich auf die Weltberühmtheiten (wie Ai Weiwei) fokussiert.

Ai Weiwei war wahrlich nicht amüsiert darüber, Maximo Caminero wurde wie ein vandalierender Verbrecher verhaftet. Nun das spannende ist, die Vase, die Caminero zerstörte, war Teil der Exposition, in der u.A. die berühmteste Aktion von Ai Weiwei selbst präsentiert wurde:

Ai Weiwei zerstört im Jahre 1995 eine 2.000-Jahre alte chinesische Vase.

Dropping-a-Han-Dynasty-Urn-Ai-Weiwei1

Und her die Exposition im Museum:

miamiartmuseum-vases-getty-joeraedle-lede02182014

So, wenn Ai Weiwei mit seiner Aktion das Traditionelle und Antike verwirft, macht Caminero mit seiner Aktion die Werke von Ai Weiwei zum Traditionellen und zur Antike. Der angegebene Grund, Protest gegen die Unterrepräsentanz der Lokalkünstler, scheint mir eher nebensächlich zu sein. Denn in diesem Falle einer kreativen Zerstörung wird einerseits das Oeuvre von Ai Weiwei indirekt geehrt. Andererseits wirft die Reaktion von Ai Weiwei Fragen über die Authentizität seiner Intentionen auf. Denn anstatt den kritischen Künstler ob seiner destruktiven Aktion zu begrüssen, ist Ai Weiwei einfach nur erböst. Und das klingt ja beinhahe nach Heuchelei.

Vielleicht ist aber Ai Weiwei gerade aus dem Grunde erböst, dass er plötzlich zum Traditionellen und zur Antike von irgendeinem Lokalkünstler aus Miami gemacht wurde. Neo-Dada reagiert auf Neo-Dada und wird im Sinne von Neo-Dada verworfen.

P.S. Interessanterweise wird dieser Akt mit Dadaismus von den Journalisten von New Republic, Artes Magazine etc. in Verbindung gebracht. Der Akt an sich also. Den Künstler Caminero selbst jedoch kann man nur nach seiner – durchaus genuinen – Interesse an der afrikanischen Kunst in Verbindung mit Dadaisten setzen.


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Tyree Callahan: Chromatic Typewriter

Wenn Sie denken, die Schreibmaschinen haben Ihre Blütezeit hinter sich, dann irren Sie sich. Denn sie metamorphieren geradezu zu einem neuen Künstlerwerkzeug – und das lässt sich sehen. Der in Washington angesiedelte Künstler Tyree Callahan hat nämlich so eine Schreibmaschine modifiziert, wie Weburbanist berichtet. Er nennt es „Chromatic Typewriter

Die Schreibmaschine sieht so aus:

chromatic-typewriter

Der Typenhebel trägt jedoch keine Literas und druckt keine Buchstaben. Es sind eher in einer speziellen Farbe durchgetränkten Schwämme, die auf eine wunderbare Art und Weise solche Bilder erzeugen:

 

chromatic-abstract-art-prints

Es ist schon erstaunlich, dass man diese Gemälden tippt, statt zu malen.

Auf der Seite des Künstlers findet man eine Reihe von solchen Werke, aber auch andere interessante und surrealistische Installationen: http://www.tyreecallahanpaintings.com/enter

Er wurde in der neusten Ausgabe von „the bleed“ veröffentlicht, eine Zeitschrift für experimentelle und kontemporäre Kunst. Auch interessant 😉


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Multilinguetry Manifest

Dichtung in allen Sprachen gleichzeitig.

Gerade habe ich einen wunderbare Artikel über die Unübersetzbaren Wörter (Untranslatable Words) gelesen und stimme zu: jede Sprache hat ihre Stärke, Charme und Charisma. (Was die Übersetzer in die Lage eines Sisyphus versetzt (in eine glückliche Lage, nach Camus).

Doch wie wär’s damit: warum sollen wir die Dichtung übersetzen, wo wir doch in jeder Sprache dichten können, ohne dass die Übersetzung gebraucht wird. Die Möglichkeiten und Machbarkeiten dieses Unterfanges stelle ich in meiner Video-Dichtungs-Serie „Multilinguetry“ zum Beweis.

Was ich habe:

Kenntnis von

  • Russisch 
  • Deutsch 
  • Japanisch 
  • Englisch
  • und auch Polnisch, Bulgarisch, Französisch, Italienisch und Latein in Anfängen

Was ich mache:

Ich schreibe aus meinem Herzen. Ich schreibe aus meinem Kopf. Ich nutze die Schönheit jeder Sprache. Ich nutze die Logik von jeder Sprache. Man kann die eigenen Ideen und Gefühle in der Sprache am besten ausdrucken, in welcher man es am besten fühlen kann. Und: ich vermische die Sprachen. Ich vermische sie in jene unverschämte, empörende Art und weise, die jedem Sprachpuristen schlaflose Nächte bereiten wird. Ich nutze die Sprachelemente, die ich am passendsten für den Ausdruck meiner ideen finde.

Was Sie machen:

Sie lesen meine Texte. Und Sie. Und auch Sie. Und jeder, der meine Texte liest, liest eigentlich seine/ihre eigene Dichtung. Sie müssen lediglich eine Sprache beherrschen, die in diesem Gedicht vorkommt – und die Botschaft wird bei Ihnen ankommen (Ihre persönliche Botschaft). Beherrschen Sie zwei Sprachen, bekommen Sie womöglich eine völlig andere Botschaft zu lesen. Und die Ellipsen (Auslassungen, durch unbekannte Wörter/Sprachen verursacht) schaffen eine neue Bedeutung in Ihrer Imagination. Jedes Multilinguetry Gedicht kann somit auf tausende Art und Weise gelesen werden. So probieren Sie es aus. Lesen Sie. Hören Sie. Schauen Sie. Verstehen Sie. Schreiben Sie Ihre eigene Multilinguetry.

Multilinguetry: Geist

What if my полоумный Geist
Вдруг lässt меня im Stich?
頭がクルっています,
And I уже не ich.
И где-то там das Leben goes
Its gar langweilig ways.
Но строг безумия спецназ,
And I have stets to race…

Multilinguetry: Geist (2011) from Merzmensch on Vimeo.

Multilinguetry: Light

Wo ist the difference between
光、light и Licht?
The sky isn’t clear, but pretty clean,
I’m waiting, schlafe nicht:
重い雲の思い
над головой моей,
и солнце обросло травою,
und eilt von mir away.

Multilinguetry: Light (2011) from Merzmensch on Vimeo.

Light (2011) vimeo.com/33092291

Multilinguetry: Händedruck

Händedruck
Тяжесть рук
Time is just a freaky spook.
僕の背中に
Trage Tage, days и дни.
Спотыкаюсь я о пни
Of my daily harmony.

 

 

Bin ich der Erste?

Nein. Natürlich nicht. Niemand ist der Erste. Bereits die Avantgardisten in den 1920ger kombinierten Sprachen, um neue Bedeutungen zu artikuliueren. Vergleichen Sie El Lissitzki mit seiner Illustration zum „Sieg über die Sonne“, eine russische Futuristische Oper.

ALLES IST BIEN WAS GOOD НАЧИНАЕТСЯ ET HAT NO FINITA


El Lissitzky, Title sheet for “Victory over the Sun“,1923

Versuche, die Sprachen zu vermischen, begannen bereits mit der Geburt erster Sprachen. In diese Art wurden eigentlich die neuen Sprachen geschaffen. So, wenn heute der abgedroschene Terminus „Globalisierung“ in aller Munde ist, wieso nicht die globale Noösphere zu vermischen? Das bedeutet keineswegs das Generieren einer Super-Sprache. Das bedeutet die Nutzung von der Stärke, Schönheit und Kraft jeder Sprache in dieser Welt. Eine ultimative Gedichtsprache, die keiner Übersetzung mehr benotigt. Weil Ihr Herz und Ihr Hirn in irer beste Art und Weise diese Gedichte übersetzen werden.

Dixi.

(Original finden Sie auf Medium).


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Die Dadaisten, eine TV-Serie

Liebes Fernsehen.

Ich weiss, ich nerve schon wieder, und Ihr habt ohnehin viel zu tun mit Euren unzähligen deutschen TV-Soaps über die Liebe, die Reichen, die Kliniken (mal separat, mal alles zusammen) – inkl. Glubschaugen, hölzerne Dialoge, schwache Drehbücher [von Nichten und Cousinen der Produzenten geschrieben] und „Ich bin ja sowas von empört!“-Gesichtsausdrucke der super positiven ProtagonistInnen als bilschirm- und abendfüllende Notfalls-Unterhaltung. Ihr hört mich wohl nicht einmal, daher wende ich mich an arte oder 3sat.

Bald ist es aber an der Zeit, die Vergangenheit in die Zukunft zu transferieren, oh ja, wie ein Hut. Wie ein Hut.
Denn 2016 feiert Dada seinen / ihren (die Leute sagen, du wärest. / Laß sie sagen, sie wissen nicht, wie der Kirchturm steht) 100-jährigen Geburtstag.

Wie wäre es, anlässlich der Dadanniversary mal eine hochqualitative Serie zu produzieren? Mit einem spitzenscharfen Drehbuch, charismatischen Schauspielern, an Originalschauplätzen?

Zürich-Dada der 1910er – samt Karawane, Afrikanertänze und Schachpartien mit Lenin (der später Polizei ruft, weil die Dadaisten doch zu laut sind).

Berlin-Dada der 1920ger – samt Club Dada, wütendem Huelsenbeck und der Ersten Internationalen Dada-Messe.

Köln-Dada mit der von der Polizei geschlossenen Dada-Ausstellung und einem durchaus psychoanalytischen Max Ernst (am besten als Monty Python Animation)

Hannover-Dada, besser bekannt als MERZ – mit dem singenden Kurt, verwinkelten Merzbauten und Helma als Schutzengel/in.

Und natürlich, die gloriöse Baaders Flugzeuglandung als Wiederkehr Christi auf dem Kongress der Inflationsheiligen.

So und jetzt die Generalfrage – auch an Euch, werte Leserinnen und Leser: wer soll wen spielen? Hier kommen meine ersten Vorschläge.

 

Hans Arp = Rudolf Kowalski

 

Rudolf-Kowalski

 

Hugo Ball = Karl Markovics

 

HugoballMarkovics

 

Wenn der gute alte Eddi Arent noch lebte, könnte er bestens Kurt Schwitters spielen.

 

schwittersEddi_Arent

Diese Liste wird fortgesetzt – bitte schickt mir Eure Vorschläge, denn die Dada-Liste ist noch lang.
Ich werde diesen Posting nach und nach erweitern.

Achja, Blixa Bargeld soll da auch dabei sein. Aber als wer? (Vielleicht als Narrator, da seine Stimme so sagenhaft phantastisch ist?)

 

Ach, und wenn Ihr schon diese Serie dreht, ich würd da auch gerne mitmachen. Egal wie.


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Sammelsurium

1. Es ist da!

DSC_3683

Ich mache nämlich mit bei einem Kunst-Projekt AMLP: Analog (A Million Little Pictures).
Und das geht so: man bekommt eine Wegwerfkamera mit 15 Bilder, die man im Laufe von August ablichten soll. Man schickt die 15 Bilder zurück nach Brooklyn, zwei davon werden ausgestellt, alle werden digitalisiert, und somit eine globale weltweite Sicht auf die Welt dokumentiert. Die Bewerbungsfrist ist leider schon vorbei, aber falls Sie sich dafür interessieren, Arthouse Projects bieten jede Menge spannende Kreativitäten.

***

Die industriellen Hallen von Kraftwerk Mitte erklingen im neuen Festival für Experimentalkunst Berlin Atonal 2013.

Zur Eröffnung kommt – wer sonst? – Kurt Schwitters! Und zwar in der Darstellung des Performancekünstlers Frieder Butzmann. Er sagte übrigens – und das klingt wie Musik in meinen Ohren:

Wenn ich so mitkriege, was alles geschieht weltweit – die ganzen Widersprüche, die Irrungen und Wirrungen, die Lügen, die Ängste, die Behauptungen – das ist doch alles sehr dadaistisch.

Hier in Trailer von 3sat.

***

Die Kulturzeitschrift DU ist nun digital verfügbar (nicht die neusten Ausgaben, aber nichtsdestotrotz – oder genau deswegen – sehr empfehlenswert):

http://retro.seals.ch/digbib/vollist?UID=dkm-001&id=browse&id2=browse5&id3=3

An sich ist diese Seite der digitalisierten Zeitschriften auch höchst sehenswert:

http://retro.seals.ch/digbib/home


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Alles Gute zum Geburtstag, Mr. Duchamp!

Gestern wäre er 127 Jahre alt geworden – ein beachtliches Alter für einen immerjungen Künstler, der das Phänomen Kunst an sich hinterfragte und ihn aus dem Kunstbetrieb spielerisch herauskatapultierte. Seine berühmte Fontaine hat die Kulturszene so richtig bebben lassen. Seine Ready-Mades definierten das Kunstwerk an sich neu: nicht die Herstellung oder technischer Eingriff, sondern die Re-Positionierung, Verschiebung zwischen den Kontexten kann die Wahrnehmung eines Gegenstandes verändern.

Als er 1917 unter einem Pseudonym ein Urinal auf der Jahresausstellung von Society of Independent Artists (New York) präsentierte, war das Jury sehr in Verlegenheit geraten. Denn die Voraussetzungen für die Künstlerbeiträge zu dieser Ausstellung waren: keine, jede/r Künstler/in konnte eigene Werke präsentieren. Doch das Urinal? Duchamp war in Jury der Kuratoren der Ausstellung und setzte sich für dieses Ausstellungsobjekt ein, was heftige Diskussionen provozierte. Wo fängt die Kunst an? Wo enden sie? Ist die Kunst Handwerk? Eine Idee? Eine Inszenierung? 

 

Duchamp_Fountaine

 

(Quelle: Wiki)

 

Sein erster Readymade war aber Fahrrad-Rad. Ein Fahrradrad, moniert auf einem Küchenhocker.

 

bicycle_wheel

 

(Quelle)

 

Nun hat ein Künstler aus Brooklyn, Nobutaka Aozaki, Tribut für Duchamp gefordert: Children of Duchamp, wie spoon&tamago berichtet. Fahrrad-Rad, das in sich die künstlerische Bewegungsfreiheit, eine Prise Kindheit, spielerischen Umgang mit Materialien impliziert, wurde hier auf eine kindliche Art und Weise aus IKEA-Produkten und Spielzeugen inszeniert.

 

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Das Kindliche als einer der wichtigsten Aspekte des Dadaismus wird hier anschaulich aufgegriffen. Sehr schön.
Die anderen Projekte des Künstlers Nobutaka Aozaki lassen sich ebenso gut sehen. Beispielweise Namen auf den Starbucks Bechern. Oder Von hier dorthin.

Aber zurück zu unserem Geburtstagskind: Happy Birthday, Mr. Duchamp!

 


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Merzmensch singt japanische Kinderlieder

Diesmal ist es ein Fingerspiel aus Nagasaki.

 

Japanisch

でんでらりゅうば 
でてくるばってん
でんでられんけん
でーてこんけん
こんこられんけん
こられられんけん
こーんこん

Englisch

If I could exit,
I would exit,
But since I cannot exit,
I don’t exit.
Because I cannot go out,
Since I cannot go out,
I won’t go
I won’t go

Deutsch

Könnte ich rausgehen,
Würde ich rausgehen.
Da ich nicht raus kann,
Gehe ich nicht raus.
Weil ich nicht rausgehen kann,
Da ich nicht rausgehen kann,
Gehe ich nicht,
Gehe ich nicht.

Russisch

Мог бы я выйти,
Тогда бы я вышел,
Но так как не могу выйти,
Я не выйду.
Поскольку мне не выйти,
Так как мне не выйти,
Я и не пойду,
Я и не пойду


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Verunstalten des Textes als Wirtschaftsfaktor und Genre

In unsere digitalen Zeiten sind die Medien von der grausamen Piraterie gefährdet. Für die Video- und Audio-Formate wurden wunderbare DRM-Schutzmechanismen entwickelt, mit welchen die Werke (normalerweise) nicht kopiert werden können (und des öfteren nicht einmal abgespielt, da die Wiedergabegeräte streiken).

Doch was macht man nicht alles für die aufblühende Sparte der eBooks – denn bei Amazon haben die elektronischen Bücher bereits den Verkauf von Papierformate übertroffen.

Darmstätder Frauenhofer Institut hat die Lösung parat (wie Nerdcore berichtet):

SiDiM
Sichere Dokumente durch individuelle Markierung

Wie in der Projektbeschreibung steht (Markierung von mir):

Denn sie [eBooks – M.] sind zum einen im Vergleich zu multimedialen Inhalten hinsichtlich ihrer Dateigröße sehr kompakt, zum anderen lassen sie sich auf besonders viele Weisen verbreiten. Insbesondere, wenn die Dokumente einen kommerziellen Wert haben, angefangen bei belletristischen Werken bis hin zu internen Betriebsgeheimnissen, entsteht so durch die Bedrohung der illegalen Verbreitung ein Hindernis für die Nutzung moderner digitaler Vertriebswege. Eine Lösung dieses Problems ist die Individualisierung der Dokumente durch sichtbare und unsichtbare Markierungen, die einzelne Kopien unterscheidbar machen. Benutzer werden so zu einem verantwortungsvollen Umgang mit ihrer Kopie angehalten und vor illegaler Weitergabe abgeschreckt, da die Kopien anhand der Markierung auf sie zurückverfolgt werden können.

Doch wie wird es in der Praxis aussehen? Nerdcore bringt einige Beispiele aus der offiziellen PDF (Evaluation für die Textschaffenden, ob sie mit den Textmodifikationen einverstanden sind):

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Finden Sie den Unterschied.

unsichtbar“ statt „nicht sichtbar
Reihenfolge der Aufzählung geändert.

Das heisst, jedes Buch (vom Handbuch bis zu einem Roman) wird durch diese Schutzmechanismen verunstaltet. Dafür ist es aber wirtschaftlich geschützt. Und was passiert mit den Autoren, die diese Eingriffe in Ihre Texte nicht mehr evaluieren können? Goethe, zum Beispiel.

Habe ach nun,
Theologie,
Medizin und Juristerei
Und auch leider Philosophie
Studiert durchaus mit heissem Bemühn…

Und bedenken Sie – je mehr Käufer es gibt, desto verunstalteter der Text, da ja ein jedes Exemplar unikat („individuell markiert„) sein soll. Denn wenn die Reihenfolgsvariablem erschöpft sind, greift man zu Synonymen, und dann zu Umschreibungen (und da alles computerisiert passieren wird – viel Spass beim Lesen). Was macht man aber nicht alles im Namen der Wirtschaft! (Auf den Einwand, der Schütz käme dem Autor zugute, möchte ich auf die Autoren verweisen – ob sie mit solchen Eingriffen in ihre Texte einverstanden seien).

Wobei das Verunstalten des Textes kann auch sympathische Züge nehmen.

Tomm Scott, beispielweise (wieder via Nerdcore) lädt die Texte in Photoshop, extrahiert sie, und bekommt ganz interessante Ergebnisse zu sehen:

romeo1
Interessanterweise tragen die Protagonisten von Shakespears Klassiker jedes Mal einen anderen Namen. Also Qno ist auch Jtm. (In beiden Fällen Rom[eo]).

Und hier sieht man das langsame Entschwinden des Textes durch mehrere Vorgänge:

romeo2

Tom Scott entdeckt, dass die vielen Buchstaben des Ergebnisses ihren Platz im Alphabet um eine Stelle gewechselt haben (fast wie bei einer ROT-Kodierung).

Auch interessant seine Beobachtung, dass die Textgefüge vom Weiten betrachtet eigentlich völlig identisch aussieht, nur bei der näheren Betrachtung sieht man die Verwurstelung.

Jetzt wird mich der geneigte Leser fragen: wieso ich den ersten Fall mit minimalen Texteingriffen (SiDiM) kritisiere und den zweiten Fall mit einer völligen Unlesbarkeit begrüsse.

Die Antwort ist einfach: Intention.

Im ersten Fall ist die Intention, auf Kosten des Textes, seine Wirtschaftlichkeit zu schützen. Aber ich sage Ihnen als ein leidenschaftlicher Bücher-Konsument: wenn den Text, den ich käuflich erwerbe, nicht der identische Text ist, der vom Autor stammt, dann kaufe ich das Buch schon gar nicht. SiDiM wird zum Kopieren von Printmedien verleiten, sprich: die Piraterie wird dadurch nur noch gestärkt, und die eBooks wieder weniger verkauft.

Beim zweiten Beispiel aber ist die Intention: Experimentieren. Und da ist keine Kritik einzuwenden, sondern im Gegenteil: dieser Versuch trägt wahrhaftig dadaistische Züge. Und Lesbarkeit? Wenn man etwas nicht nachvollziehen kann, bedeutet es noch nicht, dass man es nicht lesen kann. Oder gar vorlesen!

Und – damit wir wieder beim Thema Literatur bleiben, diese Texte haben typologische Parallelen mit der Netz-Dichterin Mez Breeze. Über die ich besser ein anderes Mal erzähle – sie verdient einer Sondersendung.


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alles ist verbunden


Quelle: wiki

Lese gerade die neue Ausgabe von Frieze d/e, bald kommt ein Dada-Artikel, doch nachher werden wir einkaufen gehen für heute Abend, und für die Zubereitung vom Französischen Hähnchenbrustfilet im Blätterteigmantel brauchen wir Estragon, aber das ist später, und jetzt entdecke ich in dem Artikel „Cry me a River“ von Pablo Larios, dass Samuell Beckett, als er in der Berliner Alten Nationalgallerie das obige Gemälde von Caspar David Friedrich „Mann und Frau den Mond betrachtend“ sah, zu seinem „Warten auf Godot“ inspiriert wurde, in welchem ein Vladimir und ein Estragon auf einen Godot wartete, wobei das stimmt wohl nicht mit dem Gemälde, da nach Pablo Larios verwechselte Beckett das von ihm als Mondlandschaft benannte Werk mit dem anderen Meisterwerk der Surreallen Melancholie von Friedrich: „Zwei Männer in Betrachtung des Mondes“, doch jetzt gehe ich erst mal Estragon kaufen. Wartet bitte auf mich.


Ein Kommentar

HEROES: Pony für Jedermann

Wenn ich als Präsident gewählt werde – bekommt jeder Amerikaner ein Pony.

So lautet wortwörtlich das Programm des US-Präsident-Kandidaten Vermin Supreme. Der enigmatische Kandidat, der immer einen Schuh oder Gummistiefel auf dem Kopf trägt, steht zu seinem Programm.

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(Quelle: 1777.de)

Auf die Anfrage, ob sein Programm noch andere Punkte beinhält, antwortet er mit einem abrupten, ehrlichen “Nein”.

Wieso Pony?

* Pony ist Autonomie von jeglichen Auslands-Rohöhl-Importen
* Pony ist grüne Energie mit ökologisch wertvollen Kotverarbeitung
* Pony wird eine Ausweismöglichkeit bedeuten, denn nach seinem Federal Pony Identification-Program soll jeder Amerikaner ein Pony stets mit sich haben.

Hier die ganze wunderbare Rede des Visionärs, inklusive ein Wahlkampagne-Lied und das Glitter-Bombing (Streuen des Glitters auf die homophoben Politiker), indem er Randall Terry, den kontroversen Gegner der Abtreibungen und gleichgeschlechtlichen Ehen – mit Glitter überstreute und verkündete, Jesus habe ihn gebeten, Terry zu einem Homosexuellen zu konvertieren.

Doch Pony ist – entgegen der eignenen Behauptung – nur eines von mehreren Wahlprogramm-Punkten: denn es geht um  Zeitreisen sowie um Zombies als umweltbewusste Energiemassnahmen (indem sie durch die Hirne angelockt werden, die auf die riesigen Turbinen draufgehängt sind). Und auch die dentale Hygiene ist wichtig („Strong Teeth for a Strong America“)

Vermin Supreme hat auch eine durchaus supreme Webseite:

http://www.verminsupreme.com/ (was sonst)

Hier wird sein ganzes Programm vorgestellt (wie beispielweise eine Vision, durch die Genspaltung eine Abart der Affen zu entwickeln, die als Zahnputz-Fee dienen können).

Und natürlich für diejenigen, die Vermin Supreme in seinem bahnbrechenden Kopfbedeckungsstill nacheifern möchten, bietet er folgenden Film (in dem ein Gummi-Fabrikarbeiter an nichts anderes denkt, als nur an Gummi (Rubber Rubber).

 

Vermin Supreme nahm an der Occupy-Bewegung teil und ist bereits seit 1988 politisch aktiv.

Es leben Ponies!


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Kafka strikes back: The BirdBase

Kafka wird gehackt. Oder so zumindest sieht die Webseite des Gehlen&Schulz-Verlages, wenn man sie jetzt öffnet: webseite Der Link führt auf die Facebook-Seite der ominösen Gruppe The BirdBase mit folgenden Manifest: Birdbasemanifest. Und sogar die selbst ist abgebildet: 392623_218529854886712_172276502845381_529111_152338014_n Und Making-Of:

Genau wie vermutet: die ganze Aktion (angefangen von der fingierten Verlags-Seite bis hin zum bundesweiten Versand) ist eine virale politisch-gesellschaftliche Persiflage. Man hat mal wieder, ohne richtig nachforschen zu wollen, zugegriffen, und sich in eigenen Empörungen verfangen.

Denn zwar ist der Verlag ein Fake, doch die Schippe, die Schippe ist völlig echt, auf die man die Öffentlichkeit und die Medien genommen hat.

Nur eine Frage ist noch offen: worüber soll man nachdenken? Worüber muss man sprechen? Worüber soll man nicht schweigen? Steckt eine Ideologie dahinter oder ist es eine Art Impuls, die Augen aufzumachen und die Wirklichkeit von einer Meta-Perspektive zu beobachten? Nicht, dass es so wird, wie M.A. Numminen einst Wittgenstein gesungen hat:

Ich bin gespannt, in welche Richtung das führt.

UPDATE. Wie es sich herausstellt, ist das mangelhafte Bildungs- und Schulsystem in Österreich das Ziel der Kritik, die The Birdbase ausübt (s. DerStandard.at). Oder wie The Birdbase auf ihrer Facebook-Seite selbst konkretisiert: 318562_218533644886333_172276502845381_529115_512097188_n

Mit der Aktion wurde also das Problem nicht nur angesprochen, sondern auch bestätigt:

Die Medien interessieren sich dafür, dass die EU Geld verschwendet, nicht aber für das niedrige Bildungsniveau.

Es scheint aber auch, dass mit dieser Aktion weitaus mehr erreicht wurde, als geplannnt, und das ist gut so. Nicht nur das Bildungssystem ist mangelhaft, nicht nur die Medien sind engstirnig, sondern die ganze Gesellschaft scheint auf einer ganz schiefen Spur zu fahren in Richtung einer bierernsten Naivität in Bezug auf die Medien einerseits, andererseits aber mit der erstaunlichen Affinität für das sich Empören, wenn’s sich herausstellt, dass man an der Nase herumgeführt wurde.

 

Post-Spiessertum.


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Rainald Grebe: Über die spiessige Leere der Mittelschicht

Manchmal frage ich mich, auf welchem Mond ich denn gewohnt? Denn bis gestern war mir der Name von Rainald Grebe mit seiner „Kapelle der Versöhnung“ unbekannt. Ab gestern gehört er jedoch zu meinem Pantheon der Genies und Verwirrer.

Rainald Grebe singt lustige Lieder. Naja, vielleicht die erste Zeile ist da noch lustig, doch dann haut er mit der Faust in die Fresse der jüngeren Mittelschicht (vorwiegend 30ger und vor-MidlifeCrisis-Glücklichen) und zeigt, wie nichtig, sinnlos, leer, ent-geistert diese Mittelschicht ist. Und das tut gut, auch wenn dieses Guttun an sich etwas masochistisches hat, das sage ich Euch, werte Leser.

Schaut es Euch lieber selbst an. Ohne Kommentar. Oder besser: mit Kommentar.

Zum Beispiel, Wortkarter Wolfram.

Oder eine Party-Szene der 30jähriger Pärchens. Reich mir mal den Rettich rüber. Der Videomitschnnitt lohnt sich schon wegen der Reaktionen aus dem Publikum.

Und dies sind nur kleine Einblicke in das Werk von Rainald Grebe. Denn
Rainald Grebe ist ein Dadaist als „Spiegelträger“

– genau so wie ihn Kurt Schwitters einst beschrieb:

[Dadaist hält] der Zeit einen Spiegel vor und die Zeit sieht sich darin. Und die Zeit sieht, dass sie Dada ist“


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DADAvision 2011 – Zdob şi Zdub

Nicht, dass Sie jetzt denken, dass ich diesen Samstag damit verbracht habe, die Mainstream-Pop-Kitsch-Veranstaltung Eurovision Song Contest 2011 zu verfolgen. Dieser skurille Wettbewerb, bei dem…

  • …die Juroren zu 50% und Zuschauer zu 50% ihre veralteten Vorstellungen bezüglich der „Originalität“ vom Besten geben
  • …man fast in jedem Song einen anderen – älteren – bestehenden wiederentdeckt
  • …nicht einmal in europäuschen Zungen gesungen wird, sondern vorwiegend auf Englisch – nur die Akzente weisen auf das Internationale hin

ist eigentlich eine Apotheose von Mainstream. Daher freut man sich auf die Juwelen, die sich plötzlich zwischen den Massenprodukten entdecken.

Diesmal war es Moldova – mit der Anarcho-Ethno-Ska-Gruppe Zdob şi Zdub und ihrem Lied „So Lucky!“

Dieses Rhytmus, diese Kostüme – als ob sie gerade auf der Bühne des Cabaret Voltaire wüten. Und das plötzliche Artistokraten-Monokel im Auge eines stylisierten Bauers! Das ist ja Bachtins „zweite Kultur„, das Karnevaleske als eine Antwort auf die Totalitarität der Leitkultur, als ein Antikonventions-Ventil.

zdubsizdob

Erinnert mich fast an Hans Arp mit seinem „Nabel-Monokel“

hans
(Quelle: http://www.arpmuseum.org/html/museum/cont_arp.html)

Aber jetzt, wo Sie bereits denken, dass ich diesen Samstag damit verbracht habe, die Mainstream-Pop-Kitsch-Veranstaltung Eurovision Song Contest 2011 zu verfolgen – was soll’s!


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Internationale Schwitters-Tagung. Teil 7.

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Es wurde an der Schwitters-Tagung viel über den ALLum-fassenden Charakter von MERZ berichtet. Oliver Ruf, der Herausgeber von Hugo B-all, nimmt das All-Umfassende unter die Lupe.

Er zeigt anhand von Bataille, Latour und Foucault, dass der Diskurs über die mediale Verbindungen weitaus tiefgreifender ist, denn Schwitters gelingt es mit MERZ,

eine Transmedialität = das Durchdringen der Medien im Moment der Rezeption,
mit der Beteiligung des Rezipienten

zu erreichen. (Rechtsweg ausgeschlossen)

Oliver Ruf bezieht sich dabei – zusammen mit Latour – auf einen Begriff aus der Genetik, „Crossover„, und das, meine Damen und Herren, IST MERZ. Denn so wie die Chromosomen ihr Material austauschen, so tauschen die Gegenstände auf den MERZ-Bildern ihre Eigenschaften, und werden „gegeneinander gewertet„.

Denn, wissen Sie, werte Leser, MERZ ist wie diese Kaffeetasse auf meinen Tagungsnotizen:

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Zunächst ist alles vom allen getrennt.
Doch: kippe ich die Tasse um, nennen wir diesen Vorgang einfachheitshalber

ǝssɐʇ

dann werden meine Notizen und Gedanken mit dem Kaffee und aufgelöster Tinte und Umweltpapier vermischt, es wird sozusagen ein gegenseitiges Durchdringen herrschen, oder: Transmedialität. Und zwar im Moment meiner Rezeption aller Bestandteile (Tagung/Notizen/Kaffee). Das Gleichgewicht bleibt dabei erhalten, es sei denn ich werde freundlicherweise aus der Tagungshalle gebeten.

Also (zum Auswendiglernen):

MERZ ist mehr als eine Verbindung der Medien, es ist deren gegenseitiges Durchdringen, das VerMERZen, Crossover. Der Zuschauer wird dabei mit-bedacht und mit-einbezogen.

***

Last but not least referierte Thomas Keith über Schwitters‘ Alphabet-Gedichte als intermedielles Experiment. Thomas Keith forscht übrigens im Bereich der Berührungspunkte oder Typologien der russischen und europäischen Avantgardisten

AVANTGARDE
└АВАНГАРД┘

Mayakovsky_1929_avor allem in der Gileja-Gruppe (Majakovskij [siehe rechts] u.a.).

Das ist wunderbar, denn ich schreibe ja auch über europäische und russische Avantgardisten (Oberiu-Gruppe in meinem Fall), und es ist schön zu wissen, dass man nicht alleine sich mit solchen Typologien beschäftigt. Ach, und Thomas Keith wurde bereits auch in Perspektive veröffentlicht.

Doch nun zum Alphabet – nach einer faszinierenden historischen Einführung verdeutlichte Thomas Keith, dass man die Alphabet-Experimente bereits seit Jahrhunderten betreibt – die alten Griechen taten’s, die Autoren von Abecedarium Normannicum, und dann W. Busch – sie alle haben mit Alphabet experimentiert, sei es künstlerisch, lehrend oder moralisierend.

Und tatsächlich – fängt man an, sich mit Alphabeten zu beschäftigen, hört man nimmerwieder auf. Das habe ich empirisch nachgewiesen.

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Schwitters auch, in seinen Alphabet-Texten. Zum Beispiel hier:

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Hier werden Materialien antihierarchisch entformt – ganz im Sinne der Merzkunst, wo ein Buchstabe gleichwertig ist mit Wort/Satz/Text.

Wollense behaupten, die Buchstaben sind im MERZ-Werk dem Inhalt unterordnet?
Dann irrense sich.

Also:
wenn, wie einige Theoretiker behaupten:

Alphabet => Rationalisierung,
mythisches Denken => logisches Denken

dann, wie Avantgardisten es anvisieren:

Avantgarde => Antirationalismus
Alphabet => mythisches Denken durch Neu-Werten

Und das merkt man bereits bei Alphabet-Texten.

Das was als reine Liste der Schriftzeichen präsentiert wird, bekommt auf einmal Form und Macht über den Leser, und der Leser fängt an zu erkennen.

Doch das Erkennen ist keineswegs nur das des ratio. Denn die Buchstaben des Alphabets faszinieren den Leser derart, dass er, in ihre Bahn gefangen, sieht so Sachen. Schauen Sie doch auf die Schwitters-Beispiele: was alles können Sie dort erkennen, ausser ARP/RAU/SAU?.. (Bitte um Kommentare)

Alphabet, für das Ordnen des Ungeordneten gedacht, wird auf einmal zum Irrationalen!

So werden die Alphabet-Segmente zur Poesie. Und ratio wird mit emotio verschmolzen – verMERZt.

Das passiert bei der Rezeption AUTORLESER.

Aber was passiert, wenn man diese Alphabet-Texte VORliest, statt einfach zu lesen? Zurück zu Ratio? Auch, wenn mit viel Emotio?

Schauen wir beispielweise Nowi, den Schlagzeuger aus der Musikgruppe Silbermond, der Schwitters‘ „Alphabet rückwärts“ rezitiert (und dafür wächst nun auch mein Interesse für Silbermond).

Merken Sie was? „Zet, Ypsilon“… das Vortragen ist reduziert auf die Vortragssprache des Vortragenden (hier: Deutsch)! Das Lesen ist aber unabhängig von der Lesekenntnissen des Lesenden (hier: lateinisches Alphabet)!

Und im Englischen wird es so klingen (als ein Kinderlied, aber nicht von Schwitters)

Oder so (und hier ist der Vortragender dazu regelrecht gezwungen, um somit beim Promille-Test zu beweisen, dass er nicht betrunken am Steuer sass, was er in 15 Sekunden schafft, und die Polizeibeamtin zum Erstaunen bringt [Mit Tanzeinlagen])

Und man stellt zum wievielten Male wieder fest:

Schwitters hatte schon wieder recht gehabt.

Besonders in seiner Omni-Materialität. Was diese wunderbare Schwitters-Tagung bewiesen hat. Nun kann’s nur noch materieller werden: in Form einer kompletten Texte-Edition von Schwitters. Wir warten darauf.

Und nach der Tagung hatte ich ein weiteres grossartiges Erlebnis: ich habe Trithemius getroffen und hatte die Ehre, mit Meister sprechen zu können. Und er wusste wie immer über alles Bescheid, denn auch zu diesem Thema (Schwitters und Alphabet-Gedichte) hat er Lesenswertes geschrieben. Hat mich sehr gefreut.

Ich bedanke mich bei den werten Lesern für und so weiter.

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Internationale Schwitters-Tagung. Teil 6

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Eines steht fest:

„Typographie kann unter Umständen Kunst sein“

(Kurt Schwitters).

Die Schrift kann nicht nur Inhalts-Über-Träger, Inhalt an sich oder Teil des Inhalts sein. Am Beispiel von „Die Scheuche“ (oder „Die Scheuche X[wie der Referent intererssanterweise bemerkt]) berichtete der Comic-Forscher Christian Bachmann über Texte von Schwitters im Spannungsfeld von Schrift und Bild.

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Während die meisten anderen Avantgardisten Typographie eher als Aus-Drucks-Mittel (und die Berliner Dada besonders politisierend) nutzten, folgte Schwitters seinem Herzen MERZEN, bei dem jedes Element in einem Werk gegeneinander gewertet werden, und somit war die Typographie ebenso signifikant wie der Inhalt.

die scheuche (x) zeigt diese Herangehensweise besonders prägnant: die Schrift kommuniziert mit anderen Ebenen und es entsteht eine dem MERZ-Meister typische Gänzlichkeit [ɥɔsuǝɯzɹǝɯ ɹɹǝɥ ‚ɟɟıɹƃǝq ɹǝɯɐsʇlǝs uıǝ sɐʍ]

Zum Beispiel hier:

Scheuche
MERZ 14/15, © Dumont Buchverlag / VG Bild-Kunst

Der BierBäuchige Bauer BreitBeinig stehend – was kann so eine Figur nicht besser personifizieren, als B?

Hier wird die Meta-Ebene mit der fiktiven Ebene komplett verschmolzen – und die Poetik Schwitters‘ zum wievielten Male bestätigt.

Aber es gibt ein Problem: Übersetzbarkeit, die in diesem Fall sehr problematisch ist. Schauen Sie zum Beispiel die englische Übersetzung (Lucky Hans and other Merz fairy tales, Princenton University Press, 2009), typographisch gesetzt von Barrie Tullet (Respekt!).

Scarecrow
© Princenton University Press, 2009

The Farmer on his Flimsy Feet doesn’t Fit so really in the Schwitters‘ concept. But how you would translate it else?
Dieser Bauer sieht absolut unpassenderweise nach einem Gentleman aus… Ja, Merzmensch, weiss es nicht, wie man typographische MERZ-Werke übersetzen soll. Vielleicht ist es unmöglich?

In diesem Werk wird Schrift + Bild = 1.

Das Hauptrinzip der MERZKunst, die Gleichheit der Form und des Inhaltes wird hier so trefflich erreicht, dass der letzte Zweifler die MERZ-Kunst dem Autor folgt.

Ich denke, Schwitters würde sogar von Humboldt akzeptiert, der einst überzeugt war, die europäischen Schriften haben die ikonographische Bildlichkeit (möge man mir die Tautologie verzeihen) überwunden. Stimmt: sie haben es überwunden, und nun sind sie bereit für die ikonographische Bildlichkeit par excellence.

***

Es ist wahrlich populär, etwas zu fordern.

  • Axel Fischer fordert „Vermummungsverbot im Internet“
  • Die Einstürzenden Neubauten „fordern Sonnenuntergang für das Abendland“
  • Und Schwitters?

Ich fordere die Merzbühne.
Ich fordere die restlose Zusammenfassung aller künstlerischen Kräfte zur Erlangung des Gesamtkunstwerkes. Ich fordere die prinzipielle Gleichberechtigung aller Materialien, Gleichberechtigung zwischen Vollmenschen, Idiot, pfeifendem Drahtnetz und Gedankenpumpe. Ich fordere die restlose Erfassung aller Materialien vom Doppelschienenschweißer bis zur Dreiviertelgeige. Ich fordere die gewissenhafteste Vergewaltigung der Technik bis zur vollständigen Durchführung der verschmelzenden Verschmelzungen.

Schwitters, „An alle Bühnen der Welt“, 1919, © Dumont Buchverlag

Man sieht, wenn die politische Forderungen (Fischer, CDU) sehr abwegig klingen, haben die Neubauten den Forderungen von Schwitters erfolgreich nachgegangen.

The Set Up

(Foto von xdijo: http://www.flickr.com/photos/xdjio/1858403/)

Denn im Gegensatz zu politischen Nebulösitäten, sind die theoretischen Ansätze des MERZ-Künstlers völlig konkret in ihrer vermeintlichen Abgehobenheit.
Schwitters als ein Bühnen-Theoretiker war um-wälzend, wie Christoph Kleinschmidt in seinem Vortrag über die MERZ-Bühne verdeutlichte.

Oberflächlich gesehen,grenzt die Aufführung, ja sogar Aus-Führung eines MERZ-Theaters fast an die Unmöglichkeit der Realisierung. Hier können alle Materialien verwendet werden (s. oben | unten | überall sonst). Die Einstürzenden Neubauten sind wohl diejenigen, die Schwitters Theorien in die Praxis am besten umsetzten könnten, auch wenn das Musikalische in ihrem Gesamtkunstwerk dominierte.

Im Vortrag von Christoph Kleinschmidt ging es jedoch nicht um die Neubauten, sondern um die Schwitters‘ Bühnenkompositionen

Oben und Unten

sowie

Zusammenstoss

Hier wird u.a. die Intermaterialität und Intertextualität der Merz-Bühne deutlich.

Und TAT-SÄCHlich, liest man die beiden eschatologischen Werke, sieht man folgendes:
ƽ Die Ursonate schimmert durch,
ƽƽ Zahlen werden im Chorus vorgetragen,
ƽƽƽ die Einzelwerke von Schwitters (z.B. Onkel Heini-Lied) erscheint in einem [neuen] Kontext.
ƽƽƽƽ Es ist über die Gleichzeitigkeit des Visuellen/Akustischen die Rede.
ƽƽƽƽƽ Und in einer Ballett-Einlage („Zusammenstoss“) wird eine seltsame Choreographie von Puppenpanzen und Distelkavaliere beschrieben, die man nur durch die Eigeninterpretation nachvollziehen kann (Mit-Ein-Be-Ziehen des Inszene-Setzers)
ƽƽƽƽƽƽ Manchmal dominieren die Bühnenansweisungen, die alles andere verdrängen
ƽƽƽƽƽƽƽ
ƽƽƽƽƽƽƽƽ
ƽƽƽƽƽƽƽƽƽ
ƽƽƽƽƽƽƽƽƽƽ

Oben und Unten fängt ja fast schon sehr synästhetisch an. Am besten werde ich hie die erste Bühnenanweisung zitieren:

Anfangs ist die Bühne dunkelblau. Sie scheint leer, weil man die auf dem Boden liegenden Personen nicht sieht. Man sieht erst undeutlich, dann immer deutlicher werdend auf dem Hintergrund das Kreisen von Welten, Kugeln, die sich drehen, rot, grün, blau angeschienen, durchscheinend Kreise, Linien, besonders in Parabelform, glitzernde Linien, sich verengende und erweiternde Quadrate, gelb oder rot, dazwischen Nebelformen, Schleier vor den mathematischen Formen unregelmäßig… Eintönig begleitet ein Nebelhorn von Zeit zu Zeit. Man hört auch manchmal Wasser rauschen. Kurz und schrill eine helle Pfeife. Klirren von Glasscherben. Große rote Kugel geht hoch und verschwindet, indem sie immer heller wird. Dazu Heulen einer Sirene. Dann beginnt sofort ein Scheinwerfer die Teile der Bühne zu beleuchten wo keine Menschen sind.

Oben und unten. 1929, © Dumont Buchverlag

Farbe, Formen, Licht, Klang♫, Haptik (klirrende Glasscherben – was kann haptischer sein in dieser Akustik?), Zeit (ist Zeit auch ein Sinn? Ich denke schon) – alles verbindet sich hier in einem multimediellen und intermateriellen (Christoph Kleinschmidt) Gesamtkunstwerk.

Und fast am Ende des Stücks passiert folgendes:

Das Publikum erhebt sich beim Liede und stimmt ein.

Oben und unten. 1929, © Dumont Buchverlag

Ja. Oh ja. Das Publikum (Datenschutz gewährleistet) – das letzte noch nicht betroffene Element des Theaters wird auch involviert. Die Zuschauer werden ebenso Teil der Merz-Bühne, wie die Schauspieler und Dekorationen.

Und das ist sehr wohl realisierbar. Schwitters erlebte es während Dada-Tournee durch Holland, als er mit von Doesburgn und anderen das Publikum so inspirierten, dass das Publikum mit Dadaisten die Plätze wechselten. Und während Schwitters und Co. sich in Zuschauersessel zurücklehnten, waren die Zuschauer aktiv auf der Bühne.

Zum Teil 7

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Internationale Schwitters-Tagung. Index

18.-19.03.2011: Transgression und Intermedialität.
Die Texte von Kurt Schwitters

ich bitte alle referenten, die hier ihre vorträge erkennen, oder (schlimmer noch) nicht erkennen sollten, um die nachTsicht wegen der semantischen verBALLhornung, sinnesENTtäuschungen, banalitäten aus dem russischen und exkursen ins unermeßliche.

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Internationale Schwitters-Tagung. Teil 1.

Sektion 1: Kurt Schwitters und die Moderne

  • Ulrich Krempel (Sprengel Museum),
    Begrüßung
  • Walter Delabar (Leibniz Universität Hannover)
    In die Extreme. Kurt Schwitters’ Moderne
  • Birgit Nübel (Leibniz Universität Hannover)
    Aspekte der Moderne: Kurt Schwitters und Robert Musil

Internationale Schwitters-Tagung. Teil 2.

  • Walter Fähnders (Universität Osnabrück)
    „Ich fordere sofortige Beseitigung aller Übelstände“. Kurt Schwitters und der avantgardistische ‚Manifestantismus‘

Sektion 2: Positionierungen von Kurt Schwitters – Autorkonzepte, Textstatus, ästhetische Strategien

  • Ralf Burmeister (Berlinische Galerie Berlin)
    MERZ im Selbstportrait oder „Wie ein bürgerlicher Kopf durch einfache Mittel zur schwebenden Architektur wurde“
  • Sigrid Franz (München)
    Fragmentierung und Immaterialität als Vernetzungsprinzipien im Werk von Kurt Schwitters

Internationale Schwitters-Tagung. Teil 3.

  • Tobias Wilke (Columbia University New York)
    Da-da: Artikulationsgebärden und Affektpoetik bei Kurt Schwitters
  • Petra Kunzelmann (Coburg)
    Text und Rhythmus. Zur rhythmischen Gestaltung in Kurt Schwitters’ Tran-Texten.
  • Hubert van den Berg (Poznań)
    Die große glorreiche Revolution in Revon. Kurt Schwitters als Schriftsteller

Internationale Schwitters-Tagung. Teil 4.

Sektion 3: Schwitters neu edieren

  • Isabel Schulz (Sprengel Museum Hannover) und Ursula Kocher (Bergische Universität Wuppertal)
    Warum Schwitters neu edieren? Gründe, Anlass, Ziele
  • Julia Nantke (Berlin) und Antje Wulff (Wuppertal)
    Wie Schwitters neu edieren? Beispiele aus den Notizbüchern (im Rahmen des Forschungsprojekts „Wie Kritik zu Kunst wird. Kurt Schwitters’ Strategien der produktiven Rezeption“)

Internationale Schwitters-Tagung. Teil 5.

  • Ariane Port (Berlin) und Katharina Richter (Berlin)
    „Bild – Text – Edition. Sind Collagen edierbar?“
  • Michael White (University of York)
    What’s Merz in English? The task of translating Schwitters

Internationale Schwitters-Tagung. Teil 6.

Sektion 4: Intermediale Grenzgänge

  • Christian Bachmann (Ruhr-Universität Bochum)
    Warum die Scheuche einen Namen hat? Kurt Schwitters’ Texte im Spannungsfeld von Schrift und Bild
  • Christoph Kleinschmidt (Westfälische Wilhelms-Universität Münster)
    Intermateriales Theater. Kurt Schwitters’ Bühnenkompositionen Oben und Unten und Zusammenstoß. Groteske Oper in zehn Bildern

Internationale Schwitters-Tagung. Teil 7.

  • Oliver Ruf (Universität Dortmund)
    Aporetik des Übergangs: Transmedialität bei Kurt Schwitters
  • Thomas Keith (Karlsruhe)
    Schwitters’ Alphabet-Gedichte als intermediales Experiment im Kontext der historischen Avantgarde

Weiterführende Links:

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Alle Fotos, Zitate und Fragmente sind, falls nicht anders angegeben.


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Internationale Schwitters-Tagung. Teil 5.

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Und da wären wir bei der Frage angelangt: Sind Collagen edierbar? Diese Frage haben sich Katharina Richter und Ariane Port aus der Freien Universität Berlin gestellt.

Tatsächlich, wie will man zum Beispiel mit solchen Werken umgehen?

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Marlborough Fine Art, London / VG Bild-Kunst, Bonn

Ist es Bild oder Text? Zum Lesen oder zum Betrachten?

Hier schon wieder zeigt sich Schwitters‘ Radikalität im Umgang mit Gattungen. Wenn die Dadaisten die Gattungen verwarfen und daher ihre Werke einfach nach ganz neuen Kriterien gestalteten (gut für die Analyse, glutenfrei), zwangen die Werke von Schwitters den Rezipienten, die Gattungen an sich zu über-denken.

Der MERZ-Künstler brachte einen in die META-Sackgasse.
Der einzige Ausweg wäre: zu verstehen, dass dies keine Sackgasse ist.

Doch während der Rezipient jede Wahrnehmungsfreiheit geniessen darf, müssen die Forscher ihre Kriterien schon festlegen. Und Editoren müssen alles adequat edieren, und zwar für alle.

Bei Schwitters geht es hier um die MultiMedialität. Aber auch um die In-Halte.

* Die Kunstwissenschaftler werden Komposition und andere bildnerische Merkmale
* Die Literaturwissenschaftler werden die Texte

=>analysieren

Und alle werden recht haben. Denn bei MERZ befinden sich alle Elemente in einer immerwährenden Kommunikation, sie werden „gegeneinander gewertet“ (Schwitters). So auch hier: durch Hyperlinks und Kommentare *) werden die Collagen in ihrer Gesamtheit digital veröffentlicht. Die Werke werden in ihrer Materialität, aber auch in ihren Kontexten in einer Hybrid-Edition (Print und Digital) präsentiert – man kann zoomen, man kann nachschlagen, man kann eigentlich alles. Bald.

Also: die Collagen und typographische Komplexe sind edierbar. Wie diese Einladung zur Kleinen Dada Soirée (Theo von Doesburg und Kurt Schwitters):

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© 2006 Kurt Schwitters / Artists Rights Society (ARS), New York / VG Bild-Kunst, Bonn

Hier beispielweise wird es geplannt (soweit ich es verstanden habe), in einer schematischen Matrix jedes Feld mit Querverweisen zu versehen, und somit die Lesbarkeit, aber auch die Originalität zu retten.

***

Diese Soirée-Einladung beinhält im unteren rechten Bereich ein Gedicht, das auch in einer zweisprachigen Version (holländisch und deutsch) als „Die Zute Tute“ bekannt ist.

zutetute
MERZ 4, © Dumont Buchverlag / VG Bild-Kunst

Als Hinweis: dieses Gedicht in der Lach-Ausgabe auf der Seite 298, Bd.1, weist so viele Tippfehler auf, dass ich schon wieder merke, wie mangelhaft leider die Lach-Edition von Schwitters ist…

Das Multilinguale war auch Schwitters Gleichgesinnten nicht fremd. Sein Freund El Lissitzki sagte einst (indem er Kručenych zitierte):

Lissitzki-Pobeda

El Lissitzki, Победа над солнцем

Alles ist bien, was good начинается et hat no finita

PREISFRAGE:
Wie kann man das übersetzen?

Darüber referierte Schwitters-Übersetzer ins Englische Michael White (University of York). Und ich sage es gleich: es gibt da – glücklicherweise – keine eindeutige Antwort auf diese Frage.

Michael White präsentierte in einem äusserst spannenden Beitrag die möglichen historischen Lösungen (am Beispiel des meist übersetzten Gedichtes „An Anna Blume„), die man folgends auflisten könnte:

=> Eine Anpassung an die intrakulturelle Kontexte

Anna Blume = Eve Mafleur

schimmern da nicht etwa „Les Fleurs du mal“ von Baudelaire durch?

=> Anwendung der fast identisch übernommenen Elemente:

Du trägst den Hut auf deinen Füßen und wanderst auf
die Hände, auf den Händen wanderst du.

versus

Thou wearest thine hat on thy feet, and wanderest on thine hands,
On thine hands thou wanderest

(Eigene Übersetzung von Schwitters)

=> Völlige Übersetzungsfreiheit, legitimiert von Schwitters selbst, der einmal über eine Übersetzungsanfrage äusserte:

„Mache es so, wie Du es für richtig hälst“

Quelle: muss ich noch finden

Und (das kommt jetzt von mir):

Vielleicht sollte man die multilinguale Texte unbedingt nichtübersetzen (sic!).

Und hier fragt sich der Merzmensch zu wievielten Mal, ob Schwitters es geahnt hatte. Ob Schwitters mich, ausgerechnet mich, den Merzmenschen, meinte, als er schrieb:

Ich arbeite meine Bilder und Skulpturen und meine Gedichte für jeden, der sehen und fühlen kann, ganz gleich, ob er Deutscher, Russe oder Japaner ist

[Sie sandten mir eine Aufforderung, 1942-45] (c) Dumont Buchverlag

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Zum Teil 6

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Internationale Schwitters-Tagung. Teil 4.

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Sektion 3: Schwitters neu edieren

Wie bereits erwähnt, wurde die Schwitters-Tagung in Rahmen der Vorbereitungen zur neuen Edition des literarischen OEuvre des MERZ-Künstlers organisiert. Und es stellt sich heraus, dass die Herausgeber sich vor einer Herausforderung gestellt haben.

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Fliessend ist die Grenze zwischen dem literarischen und bildnerischen Werk des KünstlersSchriftstellers Kurt Schwitters.
So berichteten Isabel Schulz und Ursula Kocher über die Problematik, aber auch Signifikanz dieser Edition, denn…

Leider entspricht die 5-Bändige Schwitters-Ausgabe (Hrsg. Lach) nicht mehr den neusten wisselschaftlichen Standards und weist viele textologische Mängel. So muss eine neue Ausgabe her. Es wurden bereits 3 Bände des bildnerischen Werk im Catalogue Raisonné veröffentlicht. Nun folgen die Texte.

Aber! Bei Schwitters ist es oft schwer zu uǝuuǝʞɹǝ, wo die Grenze zwischen Bild und Text liegt. Gedichte, die typographisch gesetzt und nicht zum Vorlesen gedacht sind. Collagen, die auch wenn geklebt, durchaus vorgertragen werden können.

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(C): Ernst und Kurt Schwitters Stiftung

Text? Schrift? TypoGraphie?

So wird es auf die digitalen Medien zurückgegriffen. Schwitters‘ Texte werden sowohl auf einem Datenträger veröffentlicht, als auch in Buchform – zum BlätternDurchsuchenEselsohrfaltenNachschlagenKopieren©opieren, sprich: den Wissenschaftlern einerseits und den Interessenten andererseits, allen wird der Zugang zum allen gewährt (alle vogel alle), als eine verlässliche und umfassende Edition. Was will man mehr?

***

Als Teilprojekt werden die noch nie veröffentlichte Notizbücher von Schwitters digitalisiert, wie uns Antje Wulff und Julia Nantke erfreuten. Sie erzählten über das Forschungsprojekt, „wie Kritik zur Kunst wird„. Denn Schwitters war sehr penibel, was Kritiken angeht. Er hat sie alle. Gelesen.

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(Eigentum: Kurt Schwitters Archiv)

Und allein die sind schon AUGENWeide. Und gleichzeitig eine editorische Folter. Wie will man z.B. fächerweise eingeklebten (zum Abklappen) Texte verlegen? Doch egal, wie man es will, man muss. Man soll? Die Leute sagen, man solle, – laß sie sagen, sie wissen nicht, wie der Druck geht. Das gehört (beiläufig) nicht hierher.

Welche Notizbücher sind es also?

  • Kritiken, oder: „Speizalhaus für Abfälle“
    So bezeichnete Schwitters das Heft, in dem er alle möglichen veröffentlichten Kritiken sammelte und einklebte. Er beauftragte den Presseausschnittdienst Adolf Schustermann, sämtliche gedruckte Artikel über sämliche Schwitters‘ Aktionen zuzuschicken. Heutzutage macht man das mit [Schleichwerbung]. Dazu versah er die Kritiken mit Markierungen, Zeichen und Notizen in unlsbrn Krzschrft.
  • 8 uur
    Notizbuch-Dokumentation des Dada-Tournee durch Holland. Mit Dokumenten, Fotos und wiederum Zeitungsartikeln – und mit noch ausgeklügelteren MarKierunGsSystemen
  • Gästebuch für die MERZausstellung
    …in Hildesheim. Das war eine Kommunikation mit Publikum par excellence. Das Publikum schrieb ins Gästebuch. Schwitters antwortete ebendort. KommentareKommentare. Und – WICHTIG – viele Texte des Publikums wurden in anderen Texten von Schwitters zitiert/verarbeitet/angedeutet.
  • Schwarzes Notizbuch VI. „Alles Mögliche, was uns interessiert“
    Nomen=>Omen. MERZAusstellung Hildesheim. Diesmal aber unkommentiert.
  • Bleichsucht und Blutarmut
    Briefe. Korrespondenzen. Zeugnisse der avantgardistischen Netzwerke. Alles, was hilft, die Verbindungen und Bezüge bei Schwitters nachzuweisen und zu belegen. Denn hier sind gesammelt:
    => Briefe an Schwitters
    => Publikums-Reaktionen (sowohl – als auch +)
    => Nachfragen derjenigen, die’s nicht verstanden haben. Sowie Interpretationsvorschläge derjenigen, die’s zu verstehen haben wollen müssen sollen.

Diese Notizbücher – auch wenn sich dort kaum Texte von Schwitters wiederfinden – ermöglichen, das Gesamtbild MERZ-Künstler im Spiegel der Revolution Rezeption zu verstehen.

Und schon wieder sah ich: da tut sich was.

Der Merz-Ball wurde ins Rollen gebracht.

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Zum Teil 5.
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Internationale Schwitters-Tagung. Teil 3.

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„Mama-Papa-Dada“, – lautete der Vortrag von Tobias Wilke, – „Lautgebärden und Artikulationspoetik bei Schwitters“.

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Anhand eines Gedichtes von Schwitters wurde auf einmal das Vor-Sprachliche, die Psycholinguistik und die Genese von Dada angesprochen.

Alle Vögel …

Um zehn nach drei
Ist der Lenz vorbei.
Alle Fliegen, die schon da sind,
Alle Mütter, die Mamma sind,
Alle Herren, die Pappa sind,
Singen Lieder, die dada sind;
Alle Vögel alle.
© Dumont Buchverlag

Abgesang des Dadaismus kann man dieses Gedicht auch interpretieren. Das Dada da wurde nach den Texten des Psycholinguisten Wilhelm Wundt („Völkerpsychologie“, 1900) analysiert. Dada als vorsprachliche Artikulation. Dada, als das Hinweisen, als das Erkennen. Oder wie James Sully diese Vorsprachliche Artikulation definierte:

faint shock of wonder produced by the appearance in the visual field of a new object
(source)

Das Hinweisende kann auch durchaus im Sinne der Dadaisten betrachtet werden, mit ihren hinweisenden Hand-Piktogrammen.

Dieser Vortrag von Tobias Wilke war äusserst spannend, und signifikant für die Analyse der Entstehung von Dada (und wir hatten in diesem Blog bereits einige Hypothesen). Wenn das Buch erscheint, lege ich es jedem ans Herz. Auch Euch.

***

Nach der Rhythmik von Da-Da wurde die Rhythmik von TRAN unter die Lupe genommen. Petra Kunzelmann untersuchte die sogenannten TRAN-Texte von Schwitters, diese Anti-Kritik-Werke, mit denen er auf die Kritiker reagierte.

Während seine beleidigten Zeitgenossen ihre Kritiker in Glossen blossstellten, erfand Schwitters seinen eigenen Weg der Kollagierten Texte, in den die Kritiker nach seiner Geige tantzten und – nach Anna Blume und Hannah Höch – die eigenen Namen von hinten sprachen.

Dabei griff Schwitters des öfteren auf Lieder, die er schonungslos zitierte, wie mit seinem

Kitschblatt, Kitschblatt über alles
Tran 35. © Dumont Buchverlag

Die Rhythmik spielte in diesen Kritikkritiken eine entscheidende Rolle.

***

Und als die Krönung des Abends kam ein weiterer Avantgarde-Koryphäe, Hubert van den Berg, der sehr prägnant die Literaturerbe von Schwitters präsentierte:

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In einem schnellen Überblick habe ich erstaunliche Sachen erfahren.

  • H.C.Andersen, der berühmte Märchen-Autor, klebte auch Kollagen
  • der Germanist Oskar Walzel, der Theorie über das Dichten verfasste, wurde einerseits von russischen Formalisten wie Žirmunskij, andererseits von Dadaisten wie Schwitters gelesen. Schwitters hat sogar seine Vorlesungen in Dedesnn nn rrrrr Dresden besucht.

Eine Zuschauerin, die neben mir sass, sprach plötzlich erstaunlich zu mir:
– Stellen Sie sich vor, was wäre, wenn er jetzt hier wäre? Nein, das wäre doch erstaunlich, wenn er jetzt hier wäre, denken Sie nicht?
Und sie strahlte im Liche dieser überwältigenden Vorstellung.

Aber auch Sachen, die ich bereits kannte, waren nicht weniger erstaunlich:

  • Schwitters zwang nicht, seine Kollagen zu lesen, das war sogar nicht notwendig, auch wenn die Kollagen voller Text waren. (Hier muss ich noch in seinen theoretischen Schriften wälzen, denn ich habe da etwas anderes in Erinnerung)
  • Schwitters zitierte Malevič mit seinem Schwarzen Quader in MERZ-Zeitschrift.

Es gibt also noch viele Verbindungen, die es zu untersuchen wären. Was ich auch tue.

Somit war der erste Tag der Schwitters-Tagung zu Ende. Das Publikum war heute unterschiedlich – Promovenden, Promovierten, Interessenten. Ich habe sogar die Anna Blume gesehen, die damals von Rebell entdeckt wurde!

Als ein FAZIT für heute: grossartig und inspirierend. Morgen geht es weiter.

Es ist spät Abend und Niki de Saint Phalle glänzt im Vollmond.

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Zum Teil 4
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Internationale Schwitters-Tagung. Teil 2.

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Und schon ging’s weiter mit dem Avantgarde-Koryphäen Walter Fähnders. Allein die Liste seiner Publikationen zu Avantgarde würde diesen Blog sprengen. Doch mein Blog pflegt stets, seine lakonische Ausdrucksabilität in der Wortkargheit zu manifestieren. [Na gut, nicht immer]

Und hier ging es auch um Manifeste. Zumal Schwitters keine schrieb. Nein. Das stimmt nicht ganz. Es sind wenige Texte bekannt, die er als Manifest betitelte. Die aber nicht unbedingt Manifestcharakter haben. Dagegen andere seine Texte mit Manifestcharakter nicht als Manifest betitelt wurden. Schwitters wusste, was er schrieb. It’s complicated.

Eines steht fest: Schwitters war nicht dogmatisch. Und auch seine Richtungsweisenden Texte spielten mit der eigenen Seriösität.

Off-topic: Während des Vortrags fiel der Ausdruck „Durch Wikipedia verbreitet“ auf, und ich verstand die ganze Bedeutsamkeit von Wikipedia im Kontext der modernen Gesellschaft. Nicht weil alles, was in Wikipedia steht, wahr ist. Sondern weil meistens nur das, was in Wikipedia steht, vebreitet wird.

Schwitters war kein grosser Freund von Manifesten, besonders mit politischen Betonung. Sein „Manifest Proletkunst“ war eigentlich gegen solche Manifeste gerichtet.

Der Vortrag war derartig interessant, dass ich in lauter Euphorie vergass, Walter Fähnders zu fotografieren. Daher hier sein neustes Werk – und ein LESEMUSS. METZLER LEXIKON AVANTGARDE – jedes Wort eine Delikatesse.

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***

Das war die Sektion 1. Kurt Schwitters und die Moderne.
Und hier die Sektion 2. Positionierungen von Kurt Schwitters – Autorkonzepte, Textstatus, ästhetische Strategien

Als nächster kam Ralf Burmeister (Berlinische Gallerie, Berlin) mit dem Vortrag „Merz im Selbstportrait„. In einer sehr anschaulichen Präsentation wurde Selbstinzinierung des MERZ-Künstlers als MERZ-Künstler gezeigt.

Kurt Schwitters verschickte an seine Freunde die Postkarten mit dem eigenen Fotoportrait. Doch jedesmal bearbeitete und verfremdete er die Karte auf unterschiedlichsten Arten und Weisen, beispielweise so:

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http://www.artnet.de/magazine/eroffnung-der-berlinischen-galerie/images/6/

Einziges, was immer (bis auf ein Beispiel) unberührt blieb, war die Unterschrift:

Kurt Schwitters.

Durch Anspielungen, Zitaten und Seitenhiebe inszenierte er den MERZ-Künstler, er verMERZte sich selbst.

Und Merzmensch sagt dazu: Schwitters war ein prä-cybernetischer Hacker der eigenen Identität. So wie der berüchtigte „Laughing Man“ in „攻殻機動隊 STAND ALONE COMPLEX„, der die anderen Identitäten hackte mit dem Ziel der Selbstinszenierung (mit einem ikonographischen Kopf und Zitat aus Sallingers „Catcher in the Rye“)

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Der einzige Unterschied: Schwitters hackte sich selbst. Aber er war sowieso Vorreiter in Sachen Virales. Das Beispiel der Postkarte oben ist mit einem Aufkleber „Anna Blume“ versehen. Schwitters stellte diese Aufkleber her, zum Anbringen an allen möglichen und unmöglichen Urbanitäten. So wie es heutzutage „Antifa“ und tausende anderen subversiven Elemente macht.

Und ausserdem klebte er überall in Hannover

  1. Zehn Gebote (wie Luther mit seinen 95 Thesen)
  2. und Tage später: Plakat mit dem Gedicht „Anna Blume„, über die Gebote drauf.

Schwitters war subversiv.

***

Darauffolgendermassen kam Sigrid Franz, die gerade mit dem Thema „Kurz Schwitters‘ Merz-Ästhetik im Spannungsfeld der Künste“ promovierte.

Sie sprach über die Immaterialität und Fragmentierung als Vernetzungsprinzipien. Schwitters‘ Absage an abgeschlossenen Werken ist fast zum Sinnbild seiner Texte geworden.

Ausserdem wurden die Künste, Gattungen und Genres in MERZ komplett aufgehoben, dabei wurde das Materielle und Immaterielle gegeneinander gewertet – als Hauptprinzip der Schwitters‘ Kunstauffassung. Das Musikalische dabei – wie am Beispiel der Ursonate – als noch nicht so recht erforschtes Thema – spielte eine wichtige Rolle. Vor allem durch den Rhythmus, der für Schwitters eines der grundlegenden Elemente jeder MERZscheinung war.

***

Wie der werter Leser bemerkt, meine Konzentrationsfähigkeit liess nach. Denn so viel Schwitters-Materie auf ein mal von allen Seiten ist schön, macht aber viel Arbeit.

Nach einer Pizza DADA ging’s aber besser. Und weiter.

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Internationale Schwitters-Tagung. Teil 1.

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Wenn Sie mich fragen, wo ich gerade bin, dann sage ich: unterwegs ins Unermessliche. Denn Schwitters sagte einst:

Hannover strebt vorwärts, und zwar ins Unermeßliche.

Also: Schon wieder in der MERZ-Stadt. Und im Monat März Merz im Sprengel Museum findet die dritte internationale Schwitters-Tagung statt – diesmal zu seinem Literarischen OEuvre. Jede Menge Schwitters-Forscher auf einem Quadrat-Meter. Und das inspiriert.

Der Anlass dieser Tagung ist umso merzialischer: Die Kurt und Ernst Schwitters Stiftung wird in den nächsten Jahren Texte und Briefe Schwitters in einer wissenschaftlichen Edition neu herausgeben!

10 Bände geballten MERZ.

Dazu auch noch digitalisierte Dokumente und Werke Schwitters, die durch Holzmedien nicht mehr darstellbar sind. Die Zukunft bricht an, und Du bist dabei. Wie ein Hut. Wie ein Hut.

Also möchte ich kurz berichten, was sich alles abgespielt hat in diesen interdimensionalen Auditorien. Es wurde sehr viel beleuchtet, ich werde nicht alles beschreiben können. Aber 2012 wird ein Buch mit allen Beiträgen dieser Tagung erscheinen.

*** (drei Sterne)

Zunächst wurden wir vom Direktor des Sprengel Museums Ulrich Krempel begrüsst.

Er stellte das Museum vor, und erzählte über Intentionen der Tagung. Schwitters literarische Werke wurden bis jetzt nicht so allumfassend erforscht, im gegensatz zu seinem bildnerischen Nachlass. Und allzuoft werde er auf die Rolle des literarischen Spassmacher reduziert. So:

„Kurt Schwitters = lustig“

Das sei aber zu oberflächlich, und hier frage ich mich, wieso ich hier ständig den Konjunktiv I benutze. Ulrich Krempel hat recht: es ist zu oberflächlich. Die Aufgabe der neuen Edition ist es also unter Anderem, dies zu verdeutlichen. Und auch Aufgabe dieser Tagung im Museum. Und auch Aufgabe des Museums.

Und ich sage Euch, liebe Freunde – Sprengel-Museum ist wirklich ein Vorreiter in Sachen Avantgarde. Hut ab.

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***

Walter Delabar, der Organisator der Tagung, führte uns kurz in die Moderne ein. Die Begrifflichkeiten sind nicht eindeutig – gleich wie der Begriff der Avantgarde. Peter Bürger mit seiner „Theorie der Avantgarde“ hat’s versucht.

Es geht unter anderem über die gesellschaftliche, historische, kulturelle Auffassungen des Komplexes „Moderne“, die des ofteren nicht parallel ablaufen, ineinander verflochten sind und am Ende ist man so klug als wie zuvor.

Besonders, wenn es um Schwitters geht. Denn seine avantgardistischen Zeitgenossen, so wie er, sahen im Sinn das Sinnbild des Bürgerlichen. Der Unsinn war der Weg des Protestes. Doch Schwitters ging weiter. Statt, wie Dadaisten, die Konventionen eifrig zu verwerfen, spielte er mit ihnen. Statt anarchistischen Amoklaufs durch Markthäuser und Parlamente, infiltrierte er diese feindliche Territorien und sprengte sie mit adogmatischer Perfektion. Daher waren die Berliner Dadaisten mürrisch, da sie die ganze als Bürger gekleidete Subversivität nicht erkannten (nicht erkennen wollten).

Apropos, Sinn.

Schwitters hat etwas seltsames gemacht. Er machte den Sinn des Werks zu einem der unzähligen Faktore dieses Werks. Form stand dabei im Vordergrund. Der Sinn war plötzlich nur ein Element, wie Farbe, Wort, Autor oder Zuschauer. kurz:

Alles wurde MERZ wurde alleS

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***

Birgit Nübel aus der Leibniz-Universität berichtete über Kurt Schwitters und Robert Musil. Es ist nicht nachgewiesen, dass beide einander kannten, doch die Parallelen sind überraschend.

Zum Beispiel, Spannungsfeld Mimetik. Oder Motiv der Zerstückelung. Aber auch metatextuelle Phänomene. Ich habe mir viele Notizen gemacht. Es war ein sehr begebenwürdiger Tag, an dem ich geschlachtet werden sollte.

In sehr vielen Aspekten höchstinteressanter Beitrag, besonders für mich, der ja Autoren in meiner Arbeit vergleicht. Und die Idee der literarischen Moderne als Kollektivsingular ist so verheißend. Ich darf mich nur nicht verbrühen.

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***

Und dann war die Kaffeepause, und ich hatte die britische Schwitters-Biographin Gwendolen Webster persönlich kennengelernt. Wir kennen uns längst bei twitter. Sie ist Direktorin der Britischen Schwitters-Gesellschaft.

Und auch einen Mitglied von Merzman habe ich kennengelernt.

Kaffee war ausgetrunken – und es ging weiter…

FORTsetzung folGT…

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Da geschah nun etwas Seltsames, oder Brainfasching, oder Dadaaa-Dadaaa-Dadaaa!

Es ist Fasching angesagt. Alle ehrenswerten und gesetzbewussten Bürger unseres freien demokratischen Landes ziehen sich Masken an. Wie es sich gehört. Nach einer guten alten Tradition.

§1. Zuerst wird monatelang davor vorbereitet: es werden die Masken geklebt, die Züge gebastelt, Termine mit der Stadtverwaltung und anderen Vereinen vereinbart.
§2. Dann kommt der Stichtag, und es wird die Sau rausgelassen, ordentlich und professionell. Und auf andere geschielt, die ihre Sau nicht regelrecht und adequat auslassen.
§3. Abschliessend ist die Veranstaltung zu Ende, die Pappnasen werden in die Kartons, für das nächste Jahr, zurückgelegt. Die Kater-Zustände mit Medizin gekürt, damit man am nächsten Tag wieder zu einem Teilchen des Arbeits-Systems wird. Man ist es aber auch jetzt, in Narrenkappen. Verstaatlichung der zweiten Kultur. Da wäre Bachtin enttäuscht.

Dem Fasching fehlt Spontaneität, die den Dadaisten inne wohnte. Fasching, ein säkularisierter Ritus, wird penibelst vorbereitet. Monate vor dem Stichtag. Da fehlt das, was Ball einst beschrieben hat:

Wir waren alle zugegen, als Janco mit seinen Masken ankam und jeder band sich sogleich eine um. Da geschah nun etwas Seltsames. Die Maske verlangte nicht nur sofort nach einem Kostüm, sie diktierte auch einen ganz bestimmten pathetischen, ja an Irrsinn streifenden Gestus.

Hugo Ball, der letzte Woche 125 Jahre geworden ist, wusste, was er sagt.

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Und während Shigekuni sich auf eine wohl literarischste Art und Weise kleidet:

ziehe ich die Maske eines Kitsune (japanischer Fuchs) an.

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Kitsune ist übrigens ein schlaues Wesen. Es wandert zwischen den Körpern. In Japan wurden unzähligen Fälle dokumentiert, als Kitsune von menschlichen Seelen Besitz ergriff. Besonders in ländlichen Gegend.

Oder vielleicht auch überall sonst, nur dass man in der ländlichen Gegend mehr Aufmerksamkeit der Tatsache schenkt, dass die Bauer plötzlich anfangen über akademische Themen zu reden.

Stelle ich mal einfach so in den Raum. 😉


Ein Kommentar

Splav Meduze: Dada goes East

In Jena habe ich nicht nur Doktorandenkolloquium besucht und Buchentdeckungen gemacht. Die Professorin, die meine Arbeit betreut, lud mich zur Filmschau ein. Ein Film, von dem ich nie gehört habe. Ein Film, der einmal gemacht werden musste.

Splav Meduze

Der Film des slovenischen Regisseurs Karpo Godina aus dem Jahre 1980, benannt nach dem Gemälde „Das Floß der Meduza“ von Géricault, bringt uns in die 1920ger Jahre in die östlichen Teile Europas, wo serbische und slowenische Avantgarde-Künstler durch die kleinen Städte und Dörfer ziehen. Um die Neue Zeit zu deklarieren und zu manifestieren.

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Die Künstler sind den Vertretern des sogenannten Yugo-Dada (Dragan Aleksic, Ljubomir Micic u.a.) nachempfunden. Und nicht nur ihnen. Manche von Euch werden bei der Ansicht des obigen Gruppenfotos ein Déjà vu erleben. Und recht haben Sie:

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Hans Arp, Tristan Tzara und Hans Richter in Zürich, 1918. So, wenn man den Film aufmerksam schaut, findet man jede Menge Zitaten, Anspielungen und Originale aus dem Allgemeincorpus des europäischen Dadaismus. Die Künstler stehen im ständigen Kontakt mit der gesamten Europäischen Avantgarde: sie bekommen Briefe von Majakovski, Marinetti, Brecht, und das ist wunderbar!

In welchem Film sonst sehen Sie einen Brief aus Hannover.

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Und in diesem Brief…

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Oh ja, Merz 11! Genau dieser da:

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http://www.flickr.com/photos/ad_symphoniam/4844646789/

Ich kenne keinen anderen Film, der auf so eine authentische Art und Weise die dadaistische lebendige Atmosphäre der 20ger wiedergibt.

Den Film kann man übrigens bei Veoh komplett anschauen (wenn man sich anmeldet).

Als Vorgeschmack: eine Szene aus dem Film. Die Avantgardisten verbringen ihre Zeit nicht nur mit dem weltweiten künstlerischen Austausch, sondern auch mit Veräppelungen der Propaganda und mit der dem Gemeinvolk zugänglichen, aber gleichzeitig modernen Unterhaltung.

Splav Meduze ist bisher der wenigen Spielfilme über die europäischen Dadaismus, die ich kenne. Daher eine Bitte: wenn Sie weitere Filme gesehen haben mögen, her damit!


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Die Blechtrommel, Reimann, Schwitters und geschichtliches Durcheinander

In Jena auf der Wagnergasse entdeckte ich „Die Blechtrommel„, einen Antiquar-Buchladen. Beim Hereinschreiten denkt man noch an Grass, doch, als man bereits im Laden drinne ist, fragt man sich, ob nicht Grass dem Laden den Namen für seinen Roman entwendete.

Denn diese chaotische Innereien, voller Bücher, wie Sowa’s Dekorationen zur „Zauberflöte“, scheinen ewig zu sein. Als ob Alexandrinische Bibliothek hier ihre Filiale als Verkaufsstelle nutzt: Steven King und Mathe-Lehrbücher, Tora im Original und alte Ausgaben der „Du„-Zeitschrift, DDR-Lesebücher und Else Laske-Schüler.

Und natürlich, habe ich hier etwas gefunden, wie konnte es auch anders sein.

Hans Reimann. „Die Dame mit den schönen Beinen„.

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Nun, bei Beinen, da denke ich sofort an zweierlei Dinge:

1) an diesen Schlager aus dem Jahre 1930: „Wenn die Elisabeth nicht so schöne Beine hätt“.

http://www.dailymotion.com/swf/video/xbnzy8?theme=none

Max Raabe – Wenn die Elisabeth
Hochgeladen von vik13. – Sieh mehr Musikvideos, in HD!

2) an das Gedicht von Schwitters „Onkel Heini

Und wenn die Welten untergehn,
Bleibt Onkel Heini doch bestehn,
Denn unser braver Onkel Heini
Hat immer noch die krummsten Beini.

Doch was war denn das für ein Buch?
Das Buch wurde in Hannover veröffentlicht. Doch es geht noch besser: im Verlag von Paul Steegemann, in dem auch Kurt Schwitters veröffentlicht wurde.

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Und tatsächlich – im Verzeichnis auf der letzten Seite:
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Das war das stärkste Argument, das Buch sofort zu erwerben!
Und dann fand ich jede Menge erstaunliches Zeug: Parallelen mit Schwitters. Das Meta-Ironisches über das Schreiben. Wiederholungsmuster. Erstklassiges Kommunikationsmisslingen. Hier, als Probe, ein Text.

Hans Reimann. Beim Augenarzt.

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Nun, wer war Reimann? Ein höchst widerspruchliches Bild…
Zusammen mit Spoerl wirkte er mit an der Entstehung des Romans „Die Feuerzangbowle„. Doch Spoerl entfernte ferner alle Textfragmente von Reimann.
Zusammen mit Steegemann fing Reimann Anfang 1930ger eine Parodie auf Hitler „Mein Krampf„, was sie nach einem öffentlichen Skandal einstellen mussten.

Doch dann kam Unerklärliches (oder doch Erklärliches?): Reimann schien, die Seite zu wechseln. Er schrieb einen miesen antisemitischen Artikel „Jüdischer Witz unter der Lupe„, er beteiligte sich in rechten Zeitschriften, und Carl Zuckmeyer schrieb über ihn in seinem „Geheimreport„:

„Kaum […] kamen die Nazis zur Macht, als er [Reimann] sich winselnd und kriechend um ihre Gunst bewarb, sofort bereit, alles zu verraten, zu beschimpfen und zu bespucken, was ihm gestern noch für den Beifall seines Publikums gut genug war.“ (Zitiert nach Wiki)

War er Mitläufer? Hat er sich verführen lassen? War er ein Undercover? Denn seine satirischen Texte lassen sich so und so deuten. Und Tucholsky habe ihn hoch geschätzt. Wollte er im letzten Moment seine Haut retten? Hat er sich angepasst? Hat man ihn nicht verstanden? Wieso veröffentlichte er dann in rechter Presse?

Wie dem auch sei, die Texte des Buches „Die Dame mit den schönen Beinen“ entstanden lange vor dem dunklen Nazi-Kapitel. Sie sind voller Witz, dadaistischer Sinnes-Täuschung und bissiger Parodien auf Otto-Normal-Bürger. Das, was hier wie Amusement-Literatur anfängt, bekommt langsam Formen des Absurden. Stereotypen werden überspitzt und Mythologien platt gemacht (wieso eigentlich nicht?).

Hans Reimann wird wohl immer unter seinem Stigma leiden. Doch seine dadaistischen Texte, wenn sie je ihre Leser erreichen, werden wieder aufblühen und meta-textuell umhauen. Wie beispielweise diese Geschichte hier:

Von dem Kanarienvogel, der mit dem Kopf durch die Wand wollte.

Eine traurige Geschichte.
Mein Herz bricht, wenn ich daran denke.
Erspart mir, sie zu erzählen.


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Dadaist Takahashi Shinkichi. Video von Merzmensch

Ich habe bereits vor zwei Jahren über den japanischen Dadaisten Takahashi Shinkichi geschrieben.

Sein dadaistisches Gedicht „Teller“ hat mich nicht mehr losgelassen – und das ist nun daraus geworden.

Übersetzungen ins Englishe, Deutsche und Russische auch hier:
http://merzmensch-tv.blogspot.com/2010/09/dish-poem-by-takahashi-shinkichi.html


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Sonate in Umlauten, Ver. 1 – Verschiebung

üüüüü
üüüüü
üüüüu¨
üüüuu¨¨
üüuuu¨¨¨
üuuuu¨¨¨¨
uuuuu¨¨¨¨¨ m!
Laut!
                                           ¨¨¨¨¨
u¨berzogene a¨nderungswahn u¨berfa¨llt des postboten herz
er reisst die umschla¨ge auf
und entfernt alle mo¨glichen umlaute
gegebenenfalls wa¨re auch ihr brief dabei
auch ihr brief
auch ihr
ihr

Vorhang – temporär: zu!


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Einfach mal über das Sonnensystem

Neulich habe ich mal wieder einen spannenden Podcast gehört. Diesmal ging es schlicht und einfach über unser Sonnensystem. Und über Geschichte der Astronomie. Und über die Entdeckungen neuer Planete. Da es sich um Chaosradio handelt, war es sowieso wie immer höchst hörenswert. (Mit Tim Pritlove als Moderator und Florian Freistetter als Experte für Sonnensystem).

Hier zum Download: http://chaosradio.ccc.de/archive/chaosradio_express_156_sonnensystem.mp3

Zum Beispiel, Pluto, der einzige von USA (durch das Lowell-Observatorium in Flagstaff, Arizona, 1930) entdeckte Planet. Stolz und Ehre von Uncle Sam. Nur leider hat 2006 die Internationale Astronomische Union die Planeten neudefiniert, so dass Pluto Bezeichnung „Planet“ aberkannt wurde, sehr zum Ärgern von Amerikanern. Jetzt ist er offiziell ein Zwergplanet. Aber in Bundesstaat Illinois wurde Pluto per Gesetz wieder zum normalen Planeten erklärt (schreibt Florian in seinem Blog bei scienceblogs.de)

Oder mal was ganz anderes: die eschatologische Asteroiden (aus der Familie der Dinokiller). Denn irgendwann wird so ein Ding wieder einschlagen. Oder, wie Florian es klar und deutlich definierte:

Die Frage ist nicht ob, sondern wann.

Man muss bereits jetzt an der Lösung arbeiten, denn sonst wird es eines Tages zu spät.

Dabei: mit Atombombe das Ding zu sprengen (wie im Hollywood-Blockbuster „Armageddon“ [die einzige Sünde von JJ Abrams – als Drehbuchautor, die ich ihm bereits verziehen habe]) – das wird alles nur schlimmer machen: statt eines grossen Dingens wird die Erde von Tausenden kleinen getroffen.

Hier sind aber u.a. die ultimativen Möglichkeiten, einen Asteroid zu stoppen (oder zu bremsen).

  1. Marzialisch. Atombombe vor dem Asteroiden sprengen (damit er sich anders überlegt, bezüglich seiner Flugbahn)
  2. Dadaistisch. Asteroiden zur Hälfte weiss anmalen. Dann wird das Licht auf eine gezielte Art und Weise absorbiert bzw. reflektiert, so dass der Asteroid von seiner Laufbahn gebracht wird.
  3. Minimalistisch. Einen riesigen Raumschiff bauen, hinfliegen und… nichts machen. Denn allein die Ausmassen und Gewicht des Raumschiffes wird eine ganze andere Gravitationssituation zwischen den beiden erzeugen, so dass der Single Asteroid vertröstet und nicht mehr allein ist. Dann wird er nicht mehr verbittert sein und die Erde verschonen. Darüber muss man einen Film machen.

Das war informativ, und weit weg von den Panikmachereien der Presse. Wie es einmal, kurz nach Weihnachten im Superfizialitätszentrum von GMX stand (beachten sie bitte die Popup-Bildbeschriftung!):

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Jane McGonigal und die Macht des Spiels

240px-Jane_McGonigal_-_Foo_Camp_2008Das Leben ist ein Spiel.

Das hat mehrfach Jane McGonigal bewiesen. Die Leser meines ARG-Blogs kennen bereits diese einzigartige Person. Sie beschäftigt sich mit Spielen – im Leben, als Kulturbestandteil, als Wissenschaft. Auch Ihre 573-Seitige Dissertation trägt den Namen „This might be a game“, zu finden auf ihrer Homepage.

http://avantgame.com/

Ihre Spiele nennt man „Serious Games“ – sie sind mehr als nur pure Unterhaltung. Sie verbinden Menschen, und lassen sie nachdenken, aber nicht auf eine didaktische Art und Weise, sondern immer – spielerisch.

Auf der TED-Konferenz hat sie die unendliche Kraft des Spiels hervorgehoben, und zwar gerade bei der Gruppe, die hierzulande so kritisch und skeptisch angesehen wird: die PC-Zocker, die stundenlang vor ihren Computern verbringen. Diese frische Perspektive auf das unendliche Potential solcher Spieler ist wahrlich sehenswert.

(Video ist mit deutschen Untertiteln)

http://video.ted.com/assets/player/swf/EmbedPlayer.swf

Vor einem Jahr war sie schwer krank und musste aufgrund ihres gesundheitlichen Zustandes auf die Dinge verzichten, die unseren Alltag bilden (auf lesen, auf das Internet etc.).

Nun könnte sie ganz pessimistisch die Tage mit Selbstmitleid verbringen.
Jane jedoch hat das gemacht, was sie sonst immer tut: sie hat gespielt. Sie dachte sich die eigene Rolle, die Spielregeln aus,
Sie hat ihren Zustand spielend verarbeitetund sie hat gesiegt!

Denn, wie sie es selbst sagt:

Schmerzen sind unausweichlich.
Leiden ist optionell.

Aber schaut es Euch am Besten selbst.

Davon können wir vieles lernen. Denn auch die Dadaisten haben die Welt spielerisch angesehen. Und sie hatten recht gehabt. Wahrscheinlich, weil beim Spielen wir eine Distanz zu uns selbst ausarbeiten – und dann sehen wir, dass alles tatsächlich nicht so schlimm ist, wie wir es uns vormachen.


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Merzmensch, ausgestellt in Cabaret Voltaire

In Cabaret Voltaire gibt es eine Merz-Wand. Und Merzmensch ist ab nun für immer mit dieser Wand vermerzt.

Doch fangen wir besser so an.
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Oben links ist eine wunderbare Fotografie unter dem Namen „Einübung ins Hundeleben„. Oben rechts ist ein Plakat „Merzstadt“ von Yona Friedmann, es ist ein Plakat zum Symposium Merzbau 2007 „Organic Functionalism. (Rebell.tv berichtete bereits darüber). Unten ist – was sonst? – Panorama des Merzbaus von Schwitters (Modell aus dem Sprengelmuseum, Hannover)!

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Wie der werte Leser meines Blogs bereits weiss, war ich im Mai ein Hochzeits-Zeuge. Ein Merz-Hochzeitszeuge. Darüber werde ich noch mehr berichten (running gag, nur an werktagen geöffnet).

Nun, um nicht mit leeren Händen zu erscheinen, wollte ich etwas substantielles und immerwährendes mitbringen. Und ich realisierte die Idee, die ich in diesem Blog bereits seit vielen Jahren verfolge. Und zwar ein Anagramm.

Cabaret Voltaire = Realitaet vor abc

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Ich habe diesen meinen bescheidenen Dada-Beitrag feierlich dem Cabaret Voltaire überreicht (wie der einzigartige rebell berichtete).

Nun, bekam ich von Philipp Meier die wunderbarste Nachricht, dass ich aufgehängt wurde! (Es war ein sehr begebenwürdiger Tag, an dem ich geschlachtet werden sollte.) Und zwar auf der Merz-Wand!

38180_1492889515995_1046737025_1361682_7276778_nPhoto by Philipp Meier.

Nun habe ich die Ehre, mit Schwitters, Ball, Marilyn Manson und anderen sympatischen Gesellen zusammen zu hängen. Ich bin uber-glücklich. Wie ein Hut. Wie ein Hut.


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Republik Kugelmugel

Ungefähr 8 Meter Durchmesser ist sie,
die Republik Kugelmugel.

Irgendwo in Wien, am „2, Antifaschusmusplatz“ ist diese Republik zu finden.800px-Kugelmugel_03_

Edwin Lipburger errichtete dieses Kugelhaus bei Wiener Neustadt. Nachdem die Machtinhaber des Bezirks alles unternommen haben, um diese unartige und gar eklatante Sache wegrollen zu lassen, erkärte Edwin Lipburger das Haus zu einer autonomen Republik. Mit allem drum und dran. Und natürlich mit der eigenen Webseite:

http://www.republik-kugelmugel.com/

Auf dieser Webseite schreibt Mag. Edwing Lipburger-Kugelmugel über das Haus u.a.:

Das Kugelatelier „Kugelmugel“ ist ein rundes Werk der Baukunst und hat eine unvergleichlich größere Bedeutung, als das Haus von jedem anderen.

Nachdem er sogar ohne Genehmigung Ortstafeln überall aufstellte, musste er für zehn Wochen ins Gefängnis. Jeder Freiheitskämpfer war mal im Gefängnis. (Alle Angaben ohne Gewehr).

Mittlerweile (laut wiki) gibt es bereits um die 611 Staatsbürger der Republik Kugelmugel.
Ich denke auch bereits daran.

Aber zuerst werde ich mal Staatsbürger der Demokratischen Republik of TamTam.

P.S. Für die Liebhaber der Einbürgerungsroutinen empfehle ich folgende Übersicht an Mikronationen
http://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:Mikronation
P.P.S. Die Englische Liste ist noch größer:
http://en.wikipedia.org/wiki/Category:Micronations


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Der Anfang der Fotomontage

Raoul Hausmann und Hannah Höch waren eines Sommers privat am Baltischen Meer, als es passierte.

Ich meine, ES: Der Anfang der Fotomontage! (Was haben Sie denn gedacht?..)

Gut, natürlich, gab es Fotomontage auch vor ihnen, die Futuristen haben’s getan, und Kubisten, und Picasso, und Braque…

Doch als Hausmann mit Hannah Höch auf der Insel Usedom künstlerisch und privat unterwegs waren, fanden sie fast in jeder Fischerstube etwas äusserst seltsames, was Hausmann als eine Art Blitz getroffen haben soll.

Die Fischersöhne, die Wehrdienst leisteten, hatten eine personifizierte Memorabilia (wieso gibt es eigentlich kein Singular für Memorabilien?!) aus dem Dienst mitgebracht.

Fotomontage

Source: http://www.all-art.org/art_20th_century/hoch1.html

Offensichtlich war zunächst ein mal ein Muster mit stehenden Soldaten in verschiedenen Uniformen gefertigt. Anschliessend hatte der Photoshopgraph einfach die Köpfe der Modelle durch den Kopf des Fischersohnes vielfach ersetzt – geklont, wenn Sie möchten.

Diese Photographien – nein, eigentlich waren es Öldrücke – hingen in jedem Haus mit dem einzigen Unterschied – dem jeweilig anderen Gesicht. Diese „kitschige Naivität“ (Höch), dieses Simulacrum des Historischen, dieses Serienpathos hat Hausmann zutiefst beeindruckt, und Hannah Höch nahm ein Bildnis mit (s. oben) und unterschrieb es

Der Anfang der Fotomontage

Leider habe ich hier kein besseres Bild davon, aber für diejenigen, die das interessiert: auf den Säulen steht folgendes.

Links: „Einigkeit macht stark
Rechts: „Mit Gott für König und Vaterland
Unten: „Zur Erinnerung an meine Dienstzeit
Oben: „Es lebe hoch das deutsche Heer / Des Vaterlandes Schutz und Wehr

Bezeichnenderweise hat der brave und unbehütete Soldat links ein Bierglas neben sich stehen. Heroisch!

So hat’s angefangen, und in Berlin blühte bald darauf Fotomontage als eine Lieblingswaffe des Berliner Dadaisten.

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Killerdada

Wo ein „Da“ ist, sollte auch ein zweites „Da“ nicht fehlen.

Cabaret Voltaire veranstaltet in ihren Räumlichkeiten eine wunderbare Installation Grand Theft Bicycle.

Sie kennen bestimmt „Grand Theft Auto“ (ein Mit-Höchstgeschwindigkeit-Durch-Die-Stadt-Rasen-Und-Rumschiessen-Spiel)- haben es selbst gespielt, oder sich in den Verzerrmedien darüber desinformiert. Denn dieses Spiel zählt zu den sogenannten „Killerspielen“ – eine kluge und weise Erfindung unserer Politiker, um einen für alle bequemen Sündenbock für Amok-Läufe zu finden und gemütlich draufzuhauen, statt die ungemütliche Themen wie Bildungspolitik, Erziehung, Familie anzusprechen – sonst laufen ja die Wähler gruppenweise weg.

Kurzum, Grand Theft Bicycle ist eine Installation: man fährt einen Fahrrad durch die virtuelle Städte und hat gegen die Gegner zu kämpfen, wie zum Beispiel Bush, Gorbachev oder Bin Laden.

Denn, wie Philipp Meier, Co-Direktor des Cabarets Voltaire zurecht diese Installation ankündigt:

Auf diese Weise möchten wir das Thema Killergames direkt zum Bürger bringen.
(Zitiert nach
http://www.20min.ch/ )

dubyagorbyosama
Nun die Schweizerische Installation wurde um einige Figuren erweitert, sozusagen, an die Umgebung angepasst, und so muss man auch mit oder gegen den Bundesrat antreten. Und wie sonnst kann der Bundesrat heissen, wenn nicht MERZ. Hans-Rudolf Merz.

Es kamen die ersten Empörungswellen und weiteren EklaTanten, und mit Empörung hat Dada und Cabaret Voltaire seit eh und je zu kämpfen. Man schimpft also auf diese Killerkünstler, und bezweifelt die finanzielle Förderung von Cabaret Voltaire.

Nun hier ist mein Kommentar zu diesen Schmähreden drüben, auf 20min.ch:

ES GEHT HIER NICHT UMS TÖTEN.

Es ist eine bitter-ironische Persiflage auf politische Schlammschlachten, die weltweit lustvoll von Gewaltinhabern geführt werden. Der Unterschied zwischen diesen Schlachten und der obigen Video-Installation ist aber, dass bei der letzteren nur Bits und Bytes gesprengt werden. Und keine Menschenleben am Spiel stehen, wie tagtäglich auf dem Sch(l)ach(t)brett der Politiker.

Förderung? Absolut notwendig. Cabaret Voltaire hat seit den frühsten Dada-Zeiten immer kritischen Blick gegenüber dem Weltgeschehen gehabt. Aufgabe der Kunst ist zu hinterfragen statt einzulullen

Und hier ein Trailer zur Installation:

http://www.20min.ch/videotv/player_inline_videotv.swfvar breite = 597;var hoehe = breite/16*9+22;var so = new SWFObject(„http://www.20min.ch/videotv/player_inline_videotv.swf“,“player1271274008106633″,breite,hoehe, „0“, „#000000“);so.addParam(„quality“, „high“);so.addParam(„scale“, „noscale“);so.addParam(„salign“, „left“);so.addParam(„allowScriptAccess“, „always“);so.addParam(„allowFullScreen“, „true“);so.addParam(„wmode“, „transparent“);so.addVariable(„browser“,navigator.appVersion);so.addVariable(„player_id“,“1271274008106633″);so.addVariable(„autoStart“, „false“);so.addVariable(„video_quality“, „null“);so.addVariable(„movie_width“, breite);so.addVariable(„video_pos“, „0“);so.addVariable(„inline“, „true“);so.addVariable(„extern“, „true“);so.addVariable(„showLogo“, „true“);so.addVariable(„logo_url“, „http://www.20min.ch/videotv/logo_d_507.png“);so.addVariable(„logo_url_fullscreen“, „http://www.20min.ch/videotv/logo_d_full.png“);so.addVariable(„begin“,“0.000″);so.addVariable(„end“, „0.000“);so.addVariable(„file1“, „106633“);so.addVariable(„seek1“, „true“);so.addVariable(„frames“, „40“);so.addVariable(„frames_start“, „mouseOver“);so.write(„flashcontent106633“);

Daten zur Installation:

Vernissage: Mittwoch 21. 4. 2010 18:00
Ausstellung: 22. 4. – 5. 5. 2010

Grand Theft Bicycle

Eine interaktive Computergame-Installation
Entworfen und realisiert von Steve Gibson, Justin Love und Jim Olson


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Einstürzenden Neubauten und Dadaismus. Teil 3

à dada, oder Das Geheimnis ist gelüftet!

Wahrlich, was würde ich ohne Euch machen, meine werten Leser.

Im letzten Jahr habe ich ausgiebig das Lied von Einstürzende Bauten „Let’s do it a Dada“ analysiert. Und einer meiner Leser war Blixa Bargeld höchstpersönlich. Er hat meine Analyse noch ausgiebiger kommentiert und eine Unmenge von Informationen zugeschickt. Nun hatte unsere gemeinsame Analyse eine Lücke gehabt. Denn in einem Interview rätselte er:

In dem Fall sind akkurate Fakten gerade der Witz. Noch heute bekommt man bei Wikipedia und in den Büchern über Kunstgeschichte aufgetischt, dass der Name DaDa zufällig im Wörterbuch gefunden worden sei, als Bezeichnung für das Stammeln eines Kindes oder ähnlichen Kram. Aber vor ein paar Jahren hatte sich jemand die Mühe gemacht herauszufinden, was DaDa wirklich heißt. Es gab ein paar Meldungen in entsprechenden Zeitungen, ich habe es in der taz gelesen und seitdem ist es wieder vergessen. Überall steht noch derselbe alte Müll. Deswegen habe ich gedacht, setzten wir dem doch mal ein Denkmal, wir veröffentlichen dieses Rätsel. Ich verrate die Lösung nicht, die kann jeder selbst nach recherchieren. Ich warte mal, was passiert.

Was hatte ergemeint? Denn die Bedeutungen als kindliche Glossolalie, Bezeichnung für Spielzeug-Pferdchen oder Rumänisches (wie Russisches) positives Antwortpartikel „da“ (i.e. „ja“) waren hier bei weitem nicht gemeint.

Was ist denn das für eine unbekannte Etymologie von „dada“?

Diese Antwort hat mir eben V.K.verraten. Er hat sich auch mit dem Lied befasst und auch ausgiebig analysiert. Und: er hat in endlosen Bergladschaften von Internet das Edelweiß gefunden. Er hat diesen TAZ-Artikel entdeckt, worauf sich Blixa Bargeld bezog. Geschrieben von Arno Widmann, in der TAZ am 26.11.1994 (Seite 3), ein vergessener Artikel, aus dem ich jetzt schamlos zitieren werde.

Was ist dann das dada da?

Im Jahre 1903 (also noch vor Cabaret Voltaire) erschien ein Buch mit dem gewaltigen Titel „Les paradis charnels, ou le divin bréviaire des amants, art de jouir purement des 136 extases de la volupté“, zu Deutsch: „Das Paradies des Fleisches oder Das göttliche Liebesbrevier. Die Kunst, die Wollust in 136 Verzückungen zu genießen!“. Der Autor: A.S. Lagail, was ein anagrammatisches Pseudonym für Alphonse Gallais.

Nun, was ist das für ein Buch?

Wie der aufmerksame Beobachter es bereits vermutet, handelt es sich bei diesem Meisterwerk um die Liebespositionen, so eine Art Kamasutra à la française.

Was hat es aber mit dada zu tun?

Im 15. Kapitel wird eine Kollektion der Positionen aufgelistet, die alle… mit „à dada“ anfangen. (ein Pferdchen gefällig?)
So hätte doch dieses Buch unter den jungen Dadaisten auch eine Beliebheit erfreut, wo es doch von solchen Größen wie Paul Verlaine und Guillaume Apollinaire hoch besungen wurde. Verlaine schrieb über das Buch:

„Die Staaten werden sich auflösen, der Haß wird von der Erde verschwinden: Dein ,Paradies des Fleisches`, mein lieber Kollege, wird für alle Zeiten der wahrste Ausdruck der ,Liebe zur Liebe` sein.“

Natürlich, war das Wort nicht von Gallais erfunden, er hat es wohl aus dem… ehem… Alltag genommen. Aber die fast schon Benjaminische Aura dieses Wortes hat es ihm in die Wörterbücher doch nicht verholfen. Denn die Wörterbücher – insbesondere in Frankreich – waren ja hochambitioniert, und hatten kein Platz für Bordell-Jargon.

So kam das Wörtchen zwar nicht in die Dictionnaire, doch… noch besser! – fand seine Niche in der Weltkulturgeschichte. Und die jungen Dadaisten kicherten sich die Tetraeder satt. Wie ein Hut. Wie ein Hut.

Das ist die geheime Bedeutung von Dada, die Bedeutung, die auch in den meisten Kunstgeschichtsbücher nicht enthalten ist – aus demselben Grund. Aber was macht schon die snobistische Sprödigkeit gegen uns, die die Wahrheit kund tun. Das bezieht sich auch auf meine Doktorarbeit.

Somit ist das Lied von Blixa Bargeld höchst erotisch.

Und jetzt können wir ruhigen Gewissens mitsingen:

Just you and me my darling
we know what it really means

Let’s do it,
Let’s do it,
Let’s do it à dada.

Alte Version: http://merzmensch.blog.de/2010/04/14/einstuerzenden-neubauten-dadaismus-teil-8371998/


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Das profitable Rauschen

Sachen gibt es, die auch ein Merzmensch nicht verstehen kann.

Vor etwa einem Jahr habe ich mich gewundert, wieso ein Video von mir bei youtube so populär ist. Ich meine, wieso „Was ist Merzmensch“ 323 Aufrufe hat, „Eklatante“ 95 Aufrufe, aber ein anderes Video von mir – 4.687 mal.

Ich meine, das hier:

Ich habe für einen Videoprojekt das Weisse Rauschen simuliert (wie es normalerweise auf den TV-Bildschirmen flackert, wenn keine TV-Station ausgewählt ist. Man sagt, das sei Echo von Big Bang übrigens). Und das 3 Sekunden lang.

Gut, 4.687 mal war vor einem Jahr.

Mittlerweile hat das obere Video – sage und schreibe – 37.078 Aufrufe erreicht.

Auszug aus der Statistik von youtube:

Zielgruppen

Am liebsten sehen dieses Video:

Geschlecht Alter
Männlich 13-17
Männlich 35-44
Weiblich 13-17

Nun habe ich von YouTube eine Nachricht bekommen, ich könne das Video ja gerne zum baren Geld machen, weil es so populär ist.

Kann mir jemand bitte erklären, was da los ist mit der Welt? Auch wenn ich diese Geschichte eigentlich begrüsse.

P.S. Mittlerweile ist mit dem Video etwas seltsames geschehen, ich kann auf meinem PC nicht einmal Störungen sehen. Naja, die Tausende von Zuschauern aber wohl doch.

Sachen gibt es…


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Hans Arp. Der gebadete Urtext.

So. Ich war jetzt in der Bibliothek und habe endlich den Gebadeten Urtext.
Da er bisher online nicht zu finden war (zumindest als „Der Gebadete Urtext“ von Hans Arp), kann man ab jetzt es bei mir im Blog finden. Im Volltext. Für Dadaisten, Neubauten-Liebhaber und alle anderen. Als Ergänzung zu meiner Analyse des Liedes „Let’s do it a Dada“ von „Einstürzenden Neubauten“.

Hans Arp.

Der gebadete Urtext.

1
Der Zwerge dünnes Horn erschallt.
Die Schiffe reiten auf den Ratten.
Das Wasser hat sich losgeschnallt.
Der Blitz will jede Laus begatten.

Die Luft gerinnt zu schwarzem Stein.
Zermalmt wird Schnabel Braut und Rose.
Es reißt der Sterne Ringelreihn.
Der Zirkus stürzt ins Bodenlose.

2
Den Schornstein hält er in der Hand.
An beiden Backen trägt er Flossen
und nach dem Barometerstand
steigt er auf Leitern ohne Sprossen.

So steigt er lange Leitern lang
mit Wolken in dem Mantelfutter.
Nach einem Leben wird ihm bang.
Ihn überkommt die Wankelmutter.

3
Einmal umsonst einmal für nichts
ein Watercorset zum Vergnügen.
Beim dritten Male er zerbrichts
trotz parkettierten Flaschenzügen.

Die Muskeln in der Rebusuhr
umschnurren ihre Knochenachsen.
Dabei zerkratzt die Politur
und die Atlantenbärte wachsen.

4
Durch Gummibänder an der Uhr
schnellt er zurück in seine Tasche.
Vom Abundzuort bleibt als Spur
der Tannenzapfen in der Flasche.

Wie hat er das hineingehext
da er doch Trebertrommeln schlug
und nur das Fenster war beckleckst
das er vor seinem Schweißtuch trug.

Erstveröffentlicht in: Hans Arp, „Der Pyramidenrock“, 1924
Zitiert nach:
Expressionismus und Dadaismus. Herausgegeben von Otto F. Best. Reclam (=Die deutsche Literatur. Band 14), 2000 Stuttgart. S. 307f.


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Einstürzenden Neubauten und Dadaismus. Teil 2

Er hat mich kommentiert. Der Meister. Blixa Bargeld.

Doch fangen wir besser so an:

Blixa2Rabsch-small
Blixa Bargeld. Foto by Thomas Rabsch
Quelle: http://www.blixa-bargeld.com

Jede intertextuelle Analyse eines Werkes ist nur dann der Vollständigkeit nah, wenn die meisten in diesem Werke versteckten Hinweise entziffert und entdeckt sind. Oft ist es schwer bis unmöglich, denn der Autor sich als eine schweigende Instanz hinter der Vierten Wand verbirgt. Doch wenn der Autor selbst reagiert?

Vor ca. anderhalb Monaten analysierte ich das Lied/Musikstück/Installation von Blixa Bargeld und seinen Einstürzenden Neubauten „Let’s do it a Dada“. Der Text war voller Zitaten von verschiedenen Dadaisten – und solche intellektuelle Intertextualität ist heutzutage hierzulande leider ziemlich selten. Und (u.A.) daher höchst bewundernswert.

Doch meine Analyse war wahrlich unvollständig. Denn Blixa Bargeld selbst meldete sich zu Wort und gab mir in seinem Kommentar zu meinem Blogeintrag zahlreiche Hinweise,

  1. die ich bei meiner Analyse verpasst habe
  2. die bei der Genese des Liedes eine grosse Rolle spielten.

Hier kommen seine Hinweise, die er als Links postete.

…mit dem urtext selbst einmal gebadet…

Link von BB: http://www.google.com/search?client=safari&rls=en&q=hans+arp:+der+gebadete+urtext&ie=UTF-8&oe=UTF-8.

Lustigerweise, geht man diesem Google-Such-Link nach, findet man sofort das wunderbare Video von Frieling, „Hans Arp: Der grosse Sadist“. Doch gemeint ist das Gedicht von Hans Arp „Der Gebadete Urtext“. Zu meinem Schrecken finde ich gerade in keiner meiner Anthologien diesen Text. Ich werde daher morgen die Bibliothek überfallen.

Der Text wird an diese Stelle kommen: ist lang, daher habe ich ihn gesondert veröffentlicht: http://merzmensch.blog.de/2009/11/19/hans-arp-gebadete-urtext-7413376/

Weiter geht’s.

…weiss wo der kirchturm steht…

Link von BB: http://www.nga.gov/exhibitions/2006/dada/images/artwork/202-027.shtm

Es handelt sich um die Kollage von Hannah Höch „Meine Haussprüche“ (1992).
Wenn man das Bild zoomt, sieht man Zitat von Kurt Schwitters:

lasssiesagen

„Lass sie sagen, sie wissen nicht, wie der Kirchturm steht. Kurt Schwitters“ (Zitat aus dem Gedicht „Anna Blume“ von Schwitters)

…kuechenmesser…

Links von BB: http://www.flickr.com/photos/honeybunnyandy/2559256586/ und:
http://www.moma.org/explore/multimedia/audios/29/704

Das erste Bild ist die Fragment der Kollage „Schnitt mit dem Küchenmesser Dada durch die letzte Weimarer Bierbauch-Kulturepoche Deutschlands“ von Hannah Höch.

Und der signifikante Audiokommentar des Museum of Modern Arts, New York zu diesem Werk:

http://www.moma.org/flash/media_player.swf?assetURL=http%3A%2F%2Fwww.moma.org%2Faudio_file%2Faudio_file%2F705%2F603_Cut_With_the_Kitchen_Knife.mp3&imageURL=http%3A%2F%2Fwww.moma.org%2Fimages%2Fdynamic_content%2Fexhibition_page%2F22050.jpg&linkURL=http://www.moma.org/explore/multimedia/audios/29/704&enableAutoplay=false

Der Kommentar thematisiert u.A. die Rolle der Frau in der damaligen Gesellschaft, denn auch die Dadaisten, egal, wie zukunftsweisend sie waren, wollten die männlichen Vertreter stets die erste Geige spielen.

Wie Dieter Elger in seinem Buch „Dadaismus“ schreibt,

…Bezeichnend dafür ist auch das zweifelhafte Lob Hans Richters in seinem Erinnerungsbuch „Dada Profile“, in dem er vor allem ihr [Hannah Höchs, – M.] Talent „als Vorsteherin der Atelier-Abende bei Hausmann“ lobte, bei denen sie sich „durch die belegten Brötchen plus Bier und Kaffee, die sie trotz Geldmangel auf irgendeine Weise hervorzuzaubern verstand“, unentbehrlich gemacht habe. Ihrer Teilnahme an der „Ersten Internationalen Dada-Messe“ 1920 stimmten George Grosz und John Heartfield erst nach massiven Interventionen durch Raoul Hausmann zu.
[Elger, S. 44]

In dieser Photomontage (die auf der „Ersten Internationalen Dada-Messe“ gezeigt wurde) jedoch schneidet Hannah Höch mit einem für die damals (ob nur damals?..) traditionelle Frauenrolle symbolhaften Küchemesser „die letzte Weimarer Bierbauch-Kulturepoche Deutschlands„. Was heutzutage als Ironie klingt, war damals die IRONIE. Sie bügelte (man verzeihe mir wieder Genderstereotypen) die gesellschaftlichen Evereste mit dem Bügeleisen des Sarkasmus. Wäre das Werk von einem Dadaisten geschaffen, würde es lediglich geschichskritisch sein. Von einer Dadaistin jedoch assembliert, ist es viel mehr – es ist die Kritik an der Zeit, an der Geschichte, an der Kunst, an den verspielten und verwirkten Genderrollen. Andererseits steht natürlich Messer (=“Schnitt“) unter dem Zeichen der Genese des Werkes selbst.

Von daher ist der Text-Abschnitt

Ich spielte mit Anna
Ich spielte mit Hannah
Ich weiss wo der Kirchturm steht
Ich reichte ihr das Küchenmesser
Ich kochte ihr den Leim

nicht Kurt Schwitters, sondern Hannah Höch gewidmet. Und ich finde es grossartig, denn sie hat es verdient, als eine Dadasophin.

…Ein grosses Ja ein kleines Nein…

Link von BB: http://www.buecher.de/shop/Farbenlehre/Ein-kleines-Ja-und-ein-grosses-Nein/Grosz-George/products_products 26392672z

Es handelt sich dabei um die Autobiographie von Georg Grosz. Die Zeit hat einige Auszüge davon veröffentlicht (wenn auch monsterhaft formatiert).

…an der Kellertreppe…

Hinweis von BB: „ist eine anspielung an Grosz’s unfall zum tode“

Zitat aus der Wikipedia (http://de.wikipedia.org/wiki/George_Grosz):

1959 kehrte Grosz mit seiner Frau aus den USA nach Deutschland zurück, wo er wenig später im Juli nach einem Treppensturz in Folge von Trunkenheit starb.

…Just you and me my darling
we know what it really means
Let’s do it, let’s do it, let’s do it a Dada!…

Hinweis von BB: „tja, das ist schwieriger zu finden, vielleicht im TAZ archiv?“

Nun, die Archive der TAZ sind leider kostenpflichtig. Und in der Indipedia (Wikipedia der alternativen Musik) steht nur wenig darüber. Sogar in dem sehr hörenswerten (und immer wiederhörenswerten) Podcast der Neubauten über dieses Lied:

ist gerade darüber nichts gesagt (auch wenn andere Themen und Dadaisten sehr wohl erwähnt werden, und Kurt Schwitters sogar im Original zitiert!)

In einem Interview habe ich Hinweise gefunden, worauf Blixa Bargeld mit seinen geheimnisvollen Andeutungen zielt (unterstrichen von mir):

Womit wir zum Titel „Let’s Do it a DaDa“ kommen, einem persönlich gefärbten Kapitel Kunstgeschichte.
Bargeld: Ja (lacht). Im Leben eines jeden Menschen muss es eine Periode geben, in der er von dem fasziniert ist, was als Dadaismus bezeichnet wird. Bei mir war das auch so. Und „Let’s Do it a Dada“ ist wirklich kein Text, an dem ich lange feilen musste. Das war ein Lautgedicht und dann musste ich nur noch die Fakten checken, um zu sehen, dass ich keinen sachlichen Fehler mache.

Ist es für einen Liedtext wichtig, historische Fakten, wie den Wohnort des Dadaisten Wieland Herzfelde korrekt wiederzugeben?
Bargeld: In dem Fall sind akkurate Fakten gerade der Witz. Noch heute bekommt man bei Wikipedia und in den Büchern über Kunstgeschichte aufgetischt, dass der Name DaDa zufällig im Wörterbuch gefunden worden sei, als Bezeichnung für das Stammeln eines Kindes oder ähnlichen Kram. Aber vor ein paar Jahren hatte sich jemand die Mühe gemacht herauszufinden, was DaDa wirklich heißt. Es gab ein paar Meldungen in entsprechenden Zeitungen, ich habe es in der taz gelesen und seitdem ist es wieder vergessen. Überall steht noch derselbe alte Müll. Deswegen habe ich gedacht, setzten wir dem doch mal ein Denkmal, wir veröffentlichen dieses Rätsel. Ich verrate die Lösung nicht, die kann jeder selbst nach recherchieren. Ich warte mal, was passiert.

… und ob möglicherweise der Eintrag im Wikipedia geändert wird.
Bargeld: Ja, das wäre ganz schön, aber scheinbar besteht kein Bedarf daran, die gestrickte Legende zu unterminieren.

In dem Lied raunen Sie einer Geliebten zu, nur „Du und ich mein Liebling, wir wissen was es heißt.“ Als würde Kunst zu einer Geheimsprache zwischen Liebenden werden. Ist vielleicht nur so Liebe zwischen Künstlern möglich?
Bargeld: Das klingt wie eine gute Frage, aber ich wüsste nicht, wie ich sie beantworten soll.
Quelle: http://www.planet-interview.de/blixa-bargeld-15112007.html

Also, geht es hier um das Wesentliche: um die Bedeutung von „Dada“. Ich habe mehrere Bedeutungen bzw. Lösungen parat, werde aber weiter suchen. Denn nach diesem Interview fühle ich mich geradezu angesprochen 🙂 Und die Suche ist nicht zu Ende.
Wenn auch dieser mein Beitrag heute zu Ende ist.

***
Gut, zum Dessert zeige ich die bereits ältere Werbung von Neubauten. Denn die Gruppe hatte geniale Idee: wieso sich vor den Plattenfirmen bücken, wenn man die eigenen Records selbst finanzieren kann. Die Zuhörer waren diesmal als „Supporter“: für einen finanziellen Beitrag hatten die Hörer mehrere CD-Unikate pro Jahr bekommen. Und mit diesem Beitrag konnten die CDs für das breite Publikum finanziert werden.

Das ist, wie ich finde, wohl die beste Strategie, wenn man komplett unabhängig von der prosaischen Aussenwelt die eigenen Werke frei und unvoreingenommen kreieren kann. Ich wünschte mir, dass andere Gruppen diesem Beispiel folgen würden.

Auf jeden Fall, hier ist die Werbung, ein Aufruf auf die Genossen, sozusagen 🙂

Gute Nacht! Und ich werde weiter nach Hinweisen suchen.

P.S. Und über die Einstürzenden Neubauten werde ich unter dieser Rubrik schreiben (denn ich habe ja auch schon einiges analysiert ;-)): http://merzmensch.blog.de/tags/neubauten/

http://merzmensch.blog.de/2009/11/18/einstuerzenden-neubauten-dadaismus-teil-7410028/


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Und noch zur Mauer

Daniil Charms, der wunderbare russische Avantgardist hatte im Jahre 1935 eine absurde Vision. Wie nah ist doch die Absurdität zur Realität.

„Ein Ingenieur hatte sich zum Ziel gesetzt, quer durch Petersburg eine riesige Mauer aus Ziegelsteinen zu bauen. Er zerbricht sich den Kopf, wie das zu machen sei, kann nächtelang nicht schlafen und überlegt. Nach und nach bildet sich ein Kreis von Denkern und Ingenieuren, ein Plan zum Bau der Mauer wird erarbeitet. Beschlossen wurde, die Mauer nachts zu bauen, aber so, daß sie binnen einer Nacht gebaut werden sollte, damit sie für alle eine Überraschung werden würde. Arbeiter werden zusammengerufen, die Aufteilung wird vorgenommen. Den städtischen Behörden wird Sand in die Augen gestreut, und schließlich ist die Nacht gekommen, in der die Mauer gebaut werden soll. In den Plan des Mauerbaus sind nur vier Mann eingeweiht. Die Bauarbeiter und Ingenieure erhalten genaue Anweisungen, wer wo zu stehen hat und was zu tun ist. Dank genauester Berechnung gelingt es, die Mauer innerhalb einer Nacht zu bauen. Am anderen Tag herrscht in Petersburg heillose Verwirrung. Auch der Erfinder der Mauer ist niedergeschlagen. Er wußte nämlich selbst nicht, wozu die Mauer dienen sollte.“

(Zitiert nach: Charms, Daniil: Die Kunst ist ein Schrank. Aus den Notizbüchern 1924-1940. Berlin 1992. S. 91, Übersetzung von Peter Urban).

P.S. Übrigens, Peter Urban ist wohl der einzige deutschsprachige Übersetzer von Charms, den ich Euch ans Herz legen möchte. Kongeniale Übersetzungen und wertvolle Kommentare.

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Schwitters lebt!

Ich höre in letzter Zeit öfters Podcasts – es gibt jede Menge davon, und so spannende darunter. 

Kurt Schwitters

Nun seit einiger Zeit werde ich in vielen diesen Podcasts von Kurt Schwitters heimgesucht. Es ist nicht so, dass ich explizit nach Podcasts mit/über Kurt Schwitters suche (was ich eigentlich tun sollte). Doch es ist so, dass die Podcasts, die ich finde, sich plötzlich wie Portale in die andere Dimension öffnen, und an der Schwelle steht Kurt Schwitters und lächelt enigmatisch.

Schaut mal, ich habe einen russischen Podcast gehört, unter dem Titel „Aerostat“. Der Podcast wird von dem berühmten russischen Sänger/Dichter/Künstler Boris Grebenschtschikow (kurz: BG) moderiert. Er ist mit seinen philosophisch-absurden und durchaus dadaistischen Texten in der Gruppe „Aquarium“ bekannt geworden. In seiner neueren Sendung spricht er über die Musik des Musiker-Experimentators Brian Peter George St. John le Baptiste de la Salle Eno, Kurz: Brian Eno.

Und Brian Eno war von Kurt Schwitters beeinflusst! Er hat sogar die Ausschnitte von „Ursonate“ in seinem Werk „Kurt’s Rejoinder“ aus dem Album „Before and After Science“ benutzt.

Hier, für alle, die es schön hören wollten: http://songza.fm/~fmfc5q

Ich wusste davon nicht, so dass ich ziemlich überrascht war, als ich plötzlich Stimme von Kurt Schwitters völlig unvorbereitet hörte.

Hier ist der Link zu dem Podcast mit Musik von Brian Eno (aber auf Russisch):
http://aerostat.rpod.ru/121831.html

***

Doch kaum dieser Podcast aufhörte, da war schon der nächste dran. Zugegebenermassen wusste ich, was auf mich zukommt: Podcast von Blixa Bargeld von „Einstürzenden Neubauten“ zu seinem Album „Alles wieder offen“.

http://alles-wieder-offen.com/blog/

Da er in seinem Podcast darüber erzählte, wie er auf die Idee mit Dadaismus kam, war auch über Kurt Schwitters die Rede, sogar ein kleiner Ausschnitt aus seiner Ursonate. Eigentlich, hat er in seinem Podcast alles erklärt, was ich Euch damals bei meiner dadaistischen Analyse seines Liedes präsentierte. (Aber auch wenn ich davon wüsste, würde ich trotzdem Euch mit meiner Analyse nicht verschonen).

Ich hatte mich doch sehr gefreut, Kurt Schwitters zu hören.

***

Doch dabei blieb’s nicht: im nächsten Literatur-Podcast, präsentiert von Winsconsin Public Radio, ging es um Märchen.
http://www.wpr.org/book/090628a.cfm
Und ein Märchen, das in seiner völlen Länge zitiert wurde, war für mich wie ein Déjà-vu. Und es stimmte doch: das Märchen hiess „Der glückliche Hans“ und war ebenso von Kurt Schwitters geschrieben. (Ich konnte kaum glauben, aber es war wieder wahr).

Also lässt mich Kurt Schwitters nicht los, so werde ich ihn auch nicht loslassen.


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The Rape Tunnel

Jeder Künstler träumt von der Macht. Von der Macht über den Zuschauer, von der Macht, die das Leben des Menschen vom Grunde aus verändert.

Richard Whitehurst hat einen ähnlichen Traum und will es mit seinem Projekt „The Rape Tunnel“ realisieren. Ja, werte Leser, Ihr liest es richtig: „Ein Vergewaltigungstunnel„.

Die Essenz des Projekts besteht darin, dass die Zuschauer, die diesen Tunnel zu betreten wagen, werden am Ende dieses Tunnels vergewaltigt, vom Künstler höchstpersönlich.

Sheila Zareno aus dem Blog artlurker, der sich mit der modernen Kunst beschäftigt, hatte Glück gehabt, mit dem Künstler selbst ein Interview zu machen.

Ich versuche nun einige Fragmente des Interviews „in mein geliebtes Deutsch zu übertragen“, wie es Faust einst sagte. Also, für Übersetzung hafte ich nicht.

artlurker. Bitte beschreiben Sie doch das Projekt.

Richard Whitehurst. […] Ich konstruierte in der Eingangshalle der 4D Gallery in Columbus einen ca. 6 Meter langen Tunnel aus Sperrholz. Der Tunnel führt in den Projektraum. Während Sie diesen Tunnel passieren, wird es immer kleiner und enger, so dass Sie am Ende kriechen müssen und eine demütigende Haltung halten, um das Ende des Tunnels zu erreichen. Am Ende des Tunnels, also im Projektraum angekommen, findet der Zuschauer mich, den auf ihn wartenden Künstler, wieder. Und ich tue mein Bestes, den Zuschauer mit Geschick zu überwältigen und zu vergewaltigen.

artlurker. Warum Vergewaltigung?

Richard Whitehurst. Weil dies meiner Meinung nach eine der eindrucksvollsten künstlerischen Gesten ist. Bereits seit zehn Jahren hat sich die Künstlerszene in Ohio um Akron’s Shopping-Viertel gegründet, Leute präsentierten ihre eigene Kunst. Anfangs nahm ich daran mit Vergnügen teil, doch mit der Zeit überkam mich das Gefühl, das Ganze führe ins nirgendwo, sei irgendwie sinnlos. Mir schien, dass, wenn wir auch nie unsere Kunst kreiert hätten, wäre die Welt nicht anders gewesen. Ich wollte etwas schaffen, was wie ein Aufprall wirkt.

So begann ich, über meine Kunst differenzierter nachzudenken. 2007, beim Seward Project Space in Columbus, kam es zu meinem künstlerischen Durchbruch mit der Installation, die als Prototyp für diese eine wirken könnte. Ich nannte es THE PUNCH-YOU-IN-THE-FACE TUNNEL (Der Schlag-Dich-Ins-Gesicht-Tunnel). Es war technisch gleich konstruiert wie „The Rape Tunnel“ mit dem Unterschied, dass am Ende des Tunnels ich stand und alle zu meinem Standort angelangten Zuschauer ins Gesicht schlug, anstatt sie zu vergewaltigen. Diese Geste war komplet reaktionär zur gegenwärtigen Kunstsituation und war durch eine reine Frustration motiviert.1

So sollte es geschehen, dass eine  Person, die durch die Tunnel kroch, und der ich ihre Nase brach, eine aufsteigende Model war. Sie kam ins Krankenhaus und hat mich verklagt. Denn ihre Karriere als Model war aufs Eis gelegt. Der Zivilprozess war langwierig und kompliziert, und hat bis jetzt zu keinem Ergebnis geführt. Zu diesem Tag bleiben ihre Krankenkosten unbezahlt. Die Pointe dieser langen Ausführung besteht darin, dass alle diese Geschehnisse bereits zwei Jahre zurückliegen, doch meine Kunst hat immernoch einen bleibenden Eindruck auf die junge Dame hinterlassen, eine Tatsache, die nicht jeder Künstler über sein Werk behaupten kann.

Die Vergewaltigung verstand ich als eine weitere logische Entwicklung der Idee.

artlurker. Begrüssen Sie hiermit den Vergewaltigungsakt?

Richard Whitehurst. Keineswegs. Ich persönlich halte diesen Akt verwerflich, so etwas darf in unserer Gesellschaft nicht passieren. Die meisten Leute sind da solidarisch mit mir, was mich wiederum zum Verwenden dieses Aktes in meiner Kunst veranlasst. Stöße dieser Akt nicht auf eine zurückweisende Haltung seitens Zuschauer, würde mein Werk nicht funktionieren. […]

Das Problem der modernen Kunst besteht darin, dass die Welt ihre Werke weder braucht, noch wünscht. Es gab schon so viele Versuche, die Welt mit der Kunst auf eine weniger ausdrucksvolle Art und Weise zu verändern. Ich bemühe mich jedoch, die Wichtigkeit der Kunst für die Welt vollständig umzuarbeiten und mit Sinn zu füllen. Der Prozess wird lange Zeit dauern. Ich weiss nicht wirklich, welcher nächster Schritt es sein wird. Ich versuche mich eher an meinem derzeitigen Projekt zu konzentrieren.

Das Interview schlug wie ein Meteor ein, es kam eine grosse Welle der Proteste und Empörung durch die Medien.

Und Artlurker reagierte darauf bald mit einer Offenbarung:

Viele müssten das Tohuwabohu um den gestrigen Beitrag bemerkt haben. Wir möchten die vielzähligen Fragen beantworten und unsere Idee erklären.

Unsere Absicht bei der Veröffentlichung von „Der Vergewaltigungs-Tunnel“ bestand darin, die Konversation über die Zustände der Kunst mit einer Funke zur Explosion zu bringen, und zwar mit dem Beitrag über einen frei erfundenen Kunstprojekt. […]

Als der Autor das Thema des „Vergewaltigungs-Tunnels“ aufgriff, haben wir es gemocht, auch wenn es ein äusserst sensitives Thema ist. Doch unsere Motivation zur Veröffentlichung bestand nicht im Vergewaltigungsakt selbst, sondern als ein Kommentar zur zeitgenössischen Kunst.

Wir wissen nichts über die Intentionen des Autors, doch unsere Absichten waren einfach: eine Diskussion über die gegenwärtige Kunst zu initiieren, die sich um einen heutzutage nicht mehr so unrealistisches Werk dreht.

[…]

Der anonyme Autor des Beitrages möchte sich doch namentlich bekannt machen. Er ist niemand anderer als Victor Barrenechea, der Ko-Autor von ARTLURKER, dem wir natürlich zu seinem Fortschritt gratulieren möchten. Er sagte „Ich schrieb über „The Rape Tunnel“ im Geiste der Radiosendung „Krieg der Welten“ von Orson Welles. Das Thema meines Artikels war, wie bereits oben erwähnt, nicht die Vergewaltigung, sondern die gegenwärtige Kunst. Der Charakter ist eine Fiktion, die Geschichte ist Fiktion… kurz, alles ist Fiktion

Und diejenigen, die sich über die seltsame Konstruktion des Tunnels wundern, hier ist die Auflösung:
Es ist ein Windkanal. Hier die Originalseite: http://www.geversaircraft.com/wt/wt5x7.htm
mattfan1
via HTMLGiant (wie immer halt) 🙂


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Einstürzenden Neubauten und Dadaismus

Versuch einer intertextuellen Analyse. Wie Spieler bereits richtig anmerkte, der Leader der Gruppe „Einstürzenden Neubauten“, Blixa Bargeld, wählte seinen Pseudonym nach dem Dadaist Johannes Theodor Baargeld. Und wie Trithemius zurecht erwähnte, Baargeld ist wiederum ein Pseudonym, eine Anspielung auf seine finanzielle Unterstützung von Vertretern des Kölner Dadaismus, vor allem Max Ernst. In ihrem neusten Album „Alles wieder offen“ (Amazon-Link) haben die Einstürzenden Neubauten Dadaisten angesprochen. Namentlich. Mit vielen Zitaten. Vor allem im Lied „Let’s Do it a Dada“ (Einstürzende Neubauten – Let’s Do It A Dada – Alles Wieder Offen Tour 2008) Hier ist der Voll-Text des Liedes Let’s Do it a Dada, genommen von der offiziellen Seite alles-wieder-offen.com.

Let’s Do it a Dada Ba-ummpff! Let’s do it, let’s do it, let’s do it a Dada! Bei Herzfeldes hab ich mal gefrühstueckt in Steglitz oder Wilmersdorf mit Wieland hab ich mich gestritten mit Wieland, nicht mit John Ich reichte ihm die Schere Ich kochte ihm den Leim In keinem Diktionär hat es den Eintrag je gegeben nur du und ich my Darling wir wissen was es wirklich heisst Let’s do it, let’s do it, let’s do it a Dada! Ich spielte Schach mit Lenin Zürich, Spiegelgasse Ich kannte Jolifanto höchstpersönlich hab mit dem Urtext selbst einmal gebadet Ich spielte mit Anna Ich spielte mit Hannah Ich weiss wo der Kirchturm steht Ich reichte ihr das Küchenmesser Ich kochte ihr den Leim Hawonnnti! Let’s do it, let’s do it, let’s do it a Dada! Hülsendada Propagandada Monteurdada Zentrodada Das Oberdada Ein grosses Ja ein kleines Nein Ich trank ne Menge trank mit George war trotzdem nicht zur Stelle an der Kellertreppe morgens am Savignyplatz Ich half Kurt beim Bauen seiner Häuser No. 1, 2 und 3 Ich reichte ihm die Säge Ich kochte ihm den Leim Aaah! Signore Marinetti! Back from Abyssinia? Just you and me my darling we know what it really means Let’s do it, let’s do it, let’s do it a Dada!

Lassen wir uns in die Welt von Dada versinken. Es fängt schon mal gut an, mit „Ba-ummpff„. Der Anfang ist das Ende jeden Anfangs, wie ein Weiser Mann Kurt Schwitters sagte. Denn dieser Anfang ist das Ende des berühmten Lautgedichtes Karawane von Hugo Ball, dem berühmten Vertreter Züricher Dadaismus. Hier ist der Original-Text: Und Original-Aufnahme (gleich der erste Eintrag): http://www.ubu.com/sound/ball.html

Bei Herzfeldes hab ich mal gefrühstueckt

Herzfeldes – zwei Brüder, Wieland Herzfelde und John Heartfield (eigentlich Helmut Herzfelde). Der eine – avantgardistische Publizist, der andere – Pionier in der Technik von Foto-Kollage, haben beide sich sehr am Dadaistischen Treiben beteiligt und zählen eher zum Berliner Dadaismus.

Ich spielte Schach mit Lenin Zürich, Spiegelgasse

Das sagt Euch ja alles: Zürich, Spiegelgasse war einerseits Adresse von Cabaret Voltaire, andererseits Wohnsitz von Uljanov-Lenin. Man erzählt, dass Lenin des öfteren bei Cabaret Voltaire zu Gast war, mit Tristan Tzara Schach spielte, aber von den Dadaisten an sich nicht unbedingt begeistert war. Einer anderen Legende zufolge soll er sogar Polizei gerufen haben, weil die Nachbarn im Cabaret Voltaire zu laut waren. Wohnung von Lenin in Zürich (source: wiki) Zu diesem Thema hat Tom Stoppard eine Absurdeske „Travesties“ geschrieben, über James Joyce, Lenin und Tzara, die in Zürich auf einander treffen. Doch zurück zu unseren Neubauten.

Ich kannte Jolifanto höchstpersönlich

Anspielung auf das gleiche Lautgedicht „Karawane„.

hab mit dem Urtext selbst einmal gebadet

Mit Urtext ist wohl Kurt Schwitters mit seiner „Sonate in Urlauten“ gemeint. Mit „gebadet“ aber vielleicht auch Johannes Baader, der einst mit Lufthansa Flugzeug einen Kongress der Christus-Wiedergänger aufmischte, sich als Christus höchstpersönlich präsentierte und wieder verschwand, zur grossen Verwirrung der Sektanten.

Ich spielte mit Anna

„Man kann Dich auch von hinten lesen, und du, du herrlichste von allen, du bist von hinten wie von vorne „a-n-n-a“, schrieb Kurt Schwitters in seinem wohl berühmtesten Gedicht „An Anna Blume„.

Ich spielte mit Hannah

Hannah Höch, Künstlerin und Muse der Dadaisten. Eigentlich hiess sie Johanna oder Hanna, doch Kurt Schwitters hat sie umbenannt. Denn „H-a-n-n-a-h“ kann man ebenso von hinten lesen.

Ich weiss wo der Kirchturm steht

Zitat aus dem gleichen Gedicht „An Anna Blume“: Du bist – – bist du? – Die Leute sagen, du wärst, – lass sie sagen, sie wissen nicht, wo der Kirchturm steht.

Ich reichte ihr das Küchenmesser

Ich denke, es ist eine Allusion auf die Kurzerzählung von Schwitters „Zwiebel„: Es war ein sehr begebenwürdiger Tag, an dem ich geschlachtet werden sollte. […]Der Schlächter war auf halb sieben Uhr bestellt […] Wir hatten eine geräumige Diele ausgewählt, so daß viele Zuschauer bequem teilnehmen konnten. […] Die Diele war sauber gefegt und gewaschen. Zwei lange, weißgescheuerte Tische hatte ich an die eine Seitenwand stellen lassen; darauf standen etliche Schalen, Messer und Gabeln.

Ich kochte ihr den Leim

Leim nutzte man sowohl für die Kollagen als auch für die anderen dadaistischen Installationen.

Hülsendada Propagandada Monteurdada Zentrodada Das Oberdada

Hülsendada so nannte Kurt Schwitters kritisch das Berliner Dada, geführt von Richard Huelsenbeck: Es gibt zwei Gruppen von Dadaisten, die Kern- und die Hülsendadas, welch letztere besonders in Deutschland wohnen. Schwitters kritisierte Berliner Dada als eine kernlose, schismatische Richtung, die sich eher in die höchstpolitische Richtung abgedriftet ist, anstatt, wie Kerndada, sich mit der eigenen Weiterentwicklung der Kunst zu beschäftigen. Propagandada – Berliner Dadaist George Grozs, der zum Sprachrohr des Proletariats geworden war. (Dies war übrigens auch ein Kritikpunkt von Schwitters: anstatt die Kunst für alle zu schaffen, warfen Berliner Dadaisten dabei, Kunst für Proletariat zu machen, was die Idee der Kunst völlig pervertierte). Monteurdada – John Heartfield, s.o. Zentrodada – Johannes Theodor Baargeld, s.o. Oberdada – Johannes Baader, s.o.

Ich trank ne Menge trank mit George, an der Kellertreppe morgens am Savignyplatz

Wiederum, George Grozs. Savignyplatz (West-Berlin) war sein letzter Wohnort.

Ich half Kurt beim Bauen seiner Häuser No. 1, 2 und 3

Die Häuser sind eigentlich die Merzbaus, die Kurt Schwitters als die Kulmination seines Schaffens ansah. Es gab insgesamt mehrere Merzbaus: in Hannover, und dann während des Exils in Norwegen und England. Merzbau von Schwitters, Quelle: http://www.sprengel-museum.de

Aaah! Signore Marinetti! Back from Abyssinia?

Marinetti war der italienische Futurist, der es doch sehr gerne mit der Ästhetik des Krieges hatte… Daher wurde er von den Dadaisten nicht unbedingt gemocht, vor allem im Kontext des Ersten Weltkrieges. Mit Abyssinia ist wohl seine Teilnahme am Italienisch-Äthyopischen Krieg gemeint, an dem sich gar freute: „Der Krieg ist schön, weil er dank der Gasmasken, der schreckenerregenden Megaphone, der Flammenwerfer und der kleinen Tanks die Herrschaft des Menschen über die Maschine begründet.“ So, und wenn Ihr noch die Videoaufnahme des Konzerts sieht, bemerkt ihr auch die Hommage an Hugo Ball, den ich bereits vorhin erwähnte. Uff, ich denke, das wars soweit. Aber falls Ihr noch irgendwelche Intertextualitäten und Anspielungen bemerkt, herein damit!

Fortsetzung: Teil 2 (mit Hinweisen von Blixa Bargeld)
Alte Version: http://merzmensch.blog.de/2009/10/01/einstuerzenden-neubauten-dadaismus-7079150/


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Alles Gute zum Geburtstag, lieber Pocemon!

Heute habe ich was schönes bekommen. Aus der Schweiz!
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Ich möchte mich dafür bei Pocemon bedanken! Denn es ist selten, dass ein Geburstagskind jemanden anderen beschenkt! 🙂

So, lieber Pocemon, ich wünsche Dir alles Gute und schicke Dir meine bestenbesserenam besstestendadaistischstenavantgardistischstenhyperexperimentalistischesten Grüße!

Sei so wie Du bist, denn so, wie Du bist, bist Du so:
Daumen Hoch
Merzmensch


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Worlds Most Useless Machine (copy)

Wenn die weisen Männer und Frauen in Labors ihren geheimen Tätigkeiten nachgehen, heisst es oft: etwas zu entwickeln, das die ganze Welt verändern kann. Sinnvoll ist diese Bestrebung. Sinnvoll ist auch das Sinnlose.

Da, beispielweise, hat jemand die Weltweit Sinnloseste Maschine entwickelt.

Naja, eigentlich, ist hier der Original dieser Maschine (denn viele haben sich bereits mit dieser edlen Tätigkeit beschäftigt). Der Kopierer der Idee gibt es ehrlicherweise zu (mit sehenswerten Making-Ofs).

Doch ebenso ehrlicherweise gefällt mir diese Kopie gefällt besser, als Original.

via rungekutta


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Schlagzeile des Tages

Lalachied Iwaun, barewe eiwibatzau! Eloiaubech esi tipfie estu ietutulaup.

ich zitiere:

Ausei rindaut chieteutie. Autieschibon ntutalitie deustot puteisto eurareudsei ebei. Meiteint Niem seiwuntube iezibe lleimullausch pest.
Unnonieme teipeitu zeustich stiedtauchie taumepoch.
Iemllieb Deundechate Ienne. Tzowibo nteipfl taschied seitaz aunti uste Reibeisandei.
Tit nendeii neuweistele iestie ntolim apud intaluch eischauteti
Eubelli iebaute miedu Tzulut Eripfotie. Astutzele launna bochau. Schusch lleretziechei chepeusteusei aupeurielom achbetela. Ietb meirit dunobei eustopfob lautaunti eupfauche imurundei Ieriecheub: neweu Lbeipeilie. Bieziw audeipem etebas enumn wientitzu tchapfeireuz leizopfezi. Ielenienn echeuri einte eutzau? Pes, diteura Odedeiz Ndauruluschei aunubob alamau teband eweischeu. Useu schauch enieschau.
Batzd teischos eiro dedonna enit Omaul iepfr innotza ienudaul ustannito. Aulliend Beul iezeiaoteis maunteipfudau eireb iedibie eibustab – annietzirul tutei. Edetzachie rietzie etiendutzstei anniraraust nte ietupucheup lau eba. Auchiewietis endau eipfusie aubuse llas ieseliebie einetau lachan weleuwei llan. Iewobani sebe oscheut. Ondauze roz auscheu ubepesteu mauledau.
Uchawienter ieteseitop lad rud pautobiem teiwusau neineite! Weut Ndese nepfei Ille eib Lizeute sturdozi Tzichei.
Beintausu aulebaupi ratietel chauscheu tennidiepfie timil mndu opranne udaures zideu.

Aber lesen Sie es doch selbst:
http://www.randomtimes.de


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Schon wieder Comeback

Ich war lange Zeit abwesend, nun bin ich zurück und hoffe doch, dass meine Transpiration auch inspirierend wirkt 🙂

Aber nun zu etwas völlig anderem: Max Raabe und Gummikavalier.

Max Raabe: „Sollten Sie zu den gehören, die die Ansicht gewonnen haben, dass die aktuelle POP!-musik ein wenig inhaltsleer ist, da kennen Sie das folgende Stück noch nicht. Aus dem Jahre 1927. Und ich bin mir nicht sicher, ob es noch Dadaismus, oder schon ein Vorbote dieser traurigen Entwicklung ist“


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freitagsszene

Hans (betritt das Zimmer, Kaffeetasse in der Hand)

Hans.
Der Wahntag… (prustet und fängt an zu lachen)

Luise.
Aber Herr Altmann, ich kann Ihnen nicht ganz folgen.

Hans.
Hühü!Luise.
Aber Herr Altmann, wo sind Sie denn?

Hans.

¡ɥɔı uıq ɐp ˙ɹǝıɥ

Luise.
Aber wo denn? Ich kann Sie nicht sehen, Herr Alltmann.

Hans.

˙ǝʞɔǝpɹǝɯɯız ɹǝp ɟnɐ ‚uǝqo ɹǝıɥ

Luise.
Aber Herr Altmann, was machen Sie denn auf der Zimmerdecke? Machen Sie mir bitte keine Angst, Herr Altmann.

Hans.

˙ǝɹǝıʇʞıp ɥɔı ˙ǝıs uǝqıǝɹɥɔs

Luise schaut verdutzt, bewegt sich aber zur Schreibmaschine und bereitet sich vor.

Hans.
ʇıɯɹǝıɥ
˙qɐuıɥ ɟǝıʇ ǝnɐɥɔs ɥɔı
˙uɐ ʇɥɔıɹq ƃɐʇuɥɐʍ ɹǝp

Luise.
Aber bitte nicht so schnell, Herr Altmann, ich schaffe es nicht so schnell.

Der Wahntag bricht an.
Ich schaue tief hinab.
Hiermit…

Hiermit?

Hans

(aufgrund des allgemein angebrochenen Wahnsinns ist diese Szene nicht zu Ende geschrieben worden)


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Dadaistisches Erlebnis

Es ist wahrlich ein dadaistisches Erlebnis.
Ich habe einem Stuhl gebannt 4 Minuten lang zugesehen.
Und war begeistert.

(Danke an Pocemon)

P.S. Dieser Stuhl ist übrigens unterwegs nach Zürich. Er wird dort ausgestellt. Genauer gesagt, er wird dort sich ausstellen. In Cabaret Voltaire.
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(Quelle: Matt Donovan, IMRT, ETH Zürich. Das Bild ist meinerseits frecherweise hotlinked)

Vernissage: 5.03.09 18.30 Uhr
Performances 6. bis 15. März: Dienstag bis Freitag: 12:30; 15:00; 18:00; 19.30 Uhr; Samstag und Sonntag: 13:00; 15:00; 17:00 Uhr, Montag geschlossen

Mehr dazu: http://www.cabaretvoltaire.ch/aktuell/aktuell.php?ID=139

P.S. Ich habe übrigens auch ein sehr interessantes Möbelstück! Berichte darüber später.


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Russianer

Ein Gifhorner wurde von russischsprachigen UFOs aufgesucht.
http://www.netpilot24.de/news/20090302/russisch-sprechende-ufos-angeblich-in-gifhorn-gesichtet.html

Да!, es waren Мы,
the Marsmenschen
我々はロシア語が出来る宇宙人たち.
Mars fliegt an
März fängt an
Merz wringt ab
=>
=>
=>
die UrKulturelle Quelle aller Ursprachen

HAT

KEINE

KULTURELLE SIGNIFIKANZ

Wo liegt eigentlich Gifhorn?


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Dada ist da

Ja, meine lieben Leut,
ich denke, Dadaismus ist der am meisten realistische Daseinszustand.
Zum Beispiel, ich habe einige Videos auf youtube. Einige wurden 11 Mal angeschaut, andere 4.687 Mal…

Aber ein Video wurde schon 17.800 mal angeschaut. Hier ist dieses Video.

Die Welt ist wahrlich dada.


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Mensa-Mysterien

Heute als ich in unsre Cafeteria zwecks Nahrungsaufnahme hinunterstieg (fast wie Orpheus in Hades), fand ich auf der Essensvitrine neben Konventionalitäten wie gefühlte Nudeln oder Gemüselasagne folgende seltsame Köstlichkeit:

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Sah aus wie Frühlingsrollen, hatte jedoch etwas andere Form und war scheinbar unknusprig.

– Was ist dies für eines? – fragte ich die Thekenfrau.
– Das ist… so… – fing sie an, jedoch brach im tränenreichen Lachen und musste hinter der Ecke Zuflucht nehmen.

Ich wartete geduldig, bis sie zu sich bzw. zurück kam und sich erneut an einer Erklärung versuchte:

– Des ist… so mit Hackfleisch… die sind… so Teig mit Hackfleisch halt so.
– Aha, – die Enigma der Gastronomie fing in meinen Augen an zu verblassen, und ich musste kühl und pragmatisch nachfragen: – und ist dabei Salate oder Pommfritz inklusive?
– Oh, des weiss isch net, – errötete Thekenfrau und fragte laute jemanden dahinten in der Küche: – sind diese, da, na weisst schon, mit Hackfleisch, sind die mit Salate mit dabei? Ja? Ja, bitte nehmen Sie die Salate, – empfiehl sie mir.

Ich nahm mir die Salate und ging zur Kasse.

Die Kassiererin erblickte meinen Teller und fragte:
– Was ist denn das?
– Naja, – sagte ich, – das habe ich gerade drüben bei Ihrer Kollegin an der Theke bekommen.
– Aha… – wunderte sie sich argwöhnisch und fragte eine andere Kassiererin: – wieviel kosten diese da?
– Ach, meinst du die Mini-Boreks? Die sind zweieurofufzisch.

So nahm ich dies rätselhafte Gericht zu mir.
Und es schmeckte irgendwie… nach… Hackfleisch, so mit Teig drum herum so. Ich fühle mich auch so irgendwie.


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Zufälle gibt es nicht.

Kurt Schwitters sagte einst

„Es gibt keine Zufälle. Eine Tür kann zufallen, aber das ist kein Zufall, sondern ein bewusstes Erlebnis der Tür, die Tür, die Tür, der Tür…“

So auch heute. Genauer gesagt, gestern. Pocemon hat im gestrigen Blog über sein Interesse zu Dada erzählt. Und ich habe ihn dank Dada gefunden 🙂

Dann aber fragte er mich in Kommentaren, ob ich Daniil Charms kennen. Und wie ich ihn kenne!

Es gibt zwei Menschen, zwei Künstler, zwei Persönlichkeiten, die mein Leben und mein Schaffen am meisten beeinflussten: Kurt Schwitters und Daniil Charms. Genau über sie schreibe ich meine Doktorarbeit.

Charms

Ich finde, das alles sind wunderbare Zufälle Zusammenhänge.

Wir alle sind verbunden. Das ist Macht von Dada.


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Mein Statement…

…bezüglich der drohenden Schliessung des Dadahauses (ursprunglich als Kommentar bei rebell.tv)

Ich merke langsam, dieses Argument der Institutionalisierungsfeindlichkeit der Dadaisten, und das daraus folgende naiv-schadenfrohe „na dann müssen die doch auf den eignen Prinzipien untergehen“ wird populär unter den Ablehnern des Dada-Hauses.

Das erinnert mich an die Aussage der SVP-ler, Dada sei Produkt des Ersten Weltkrieges, sonst nichts. Wie man sieht, man hat nichts von der Kulturgeschichte gelernt, und man möchte auch nicht darüber diskutieren. Man hat vergessen, dass in diesem Haus die Weltweite Moderne sozusagen geboren wurde.

Warum schliesst man denn nicht das Frankfurter Haus, wo Goethe geboren wurde? Spielt doch keine Rolle, denn er hat’s weder gebaut, noch umfunktioniert, nur lediglich geboren. Weil es eine Signifikanz hat. Und wenn das Haus, in dem Goethe lediglich seine Kindheit verbrachte, eine historisch-kulturelle Signifikanz trägt, was ist mit Cabaret Voltaire, das nicht nur eine Geburtstätte der (Post)Moderne ist, sondern die Ideen der Dadaisten bis heute verwirklicht?

Die Schliessung des Dada-Hauses würde bedeuten, man negiere die eigene Kulturgeschichte, man verwerfe die Moderne, man vernichte die Postmoderne und lande lediglich beim mediokren Gewöhnlichen.