Merzmensch

DADAistisches und dadaLOSES


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Wir haben die Absicht, eine Mauer zu errichten.

Genau so, und nichts anders berichtet Homeland Security in einer Pressemitteilung auf deren offiziellen Webseite über das von Trump angedrohte angekündigte Mauerbau.

Die Pressemitteilung liest sich köstlich. Die ist ja fast Dada. Und Zaum‘.

Ich übersetze mal den Anfang:

Wir bauen die erste neue Grenzmauer in diesem Jahrzehnt.

DHS (Department Homeland Security) verpflichtet sich, eine Mauer zu bauen, und dazu sehr schnell eine Mauer zu bauen. Nein, wir werden die kleine, veraltete und ineffektive Mauer nicht einfach durch einer ähnlichen Mauer ersetzen. Stattdessen werden wir unter dem jetzigen Präsident eine Mauer bauen, die 30 feet (ca 9 Meter) hoch ist.

Fakt: Bevor Präsident Trump seinen Präsidentenamt gekleidet hatte, hatten wir noch nie so eine hohe Mauer gebaut.

Und so weiter. Ein Tautologe würde hier seine helle Freude am Zählen des Wortes „Mauer“ finden (30 Stück im ganzen Artikel). Achja, und wenn zu viel Mauer immernoch zu wenig ist, hier die Vorher-Nachher-Illustrationen.

Mauer1

Source: DHS © 

Oh, und wenn es nicht übersichtlich genug wäre, hier noch ein Vergleich:

Mauer2

Source: DHS © 

So eine schöne hohe Mauer wird also Department für Heimatschutz errichten.

Apropos, Mauer.

Erinnern Sie sich, werte Leserinnen und Leser an die Kurzgeschichte von Daniil Charms, dem Zaum-Vertreter, hier in der Übersetzung von Peter Urban:

Ein Ingenieur hatte sich zum Ziel gesetzt, quer durch Petersburg eine riesige Mauer aus Ziegelsteinen zu bauen. Er zerbricht sich den Kopf, wie das zu machen sei, kann nächtelang nicht schlafen und überlegt. Nach und nach bildet sich ein Kreis von Denkern und Ingenieuren, ein Plan zum Bau der Mauer wird erarbeitet. Beschlossen wurde, die Mauer nachts zu bauen, aber so, daß sie binnen einer Nacht gebaut werden sollte, damit sie für alle eine Überraschung werden würde. Arbeiter werden zusammengerufen, die Aufteilung wird vorgenommen. Den städtischen Behörden wird Sand in die Augen gestreut, und schließlich ist die Nacht gekommen, in der die Mauer gebaut werden soll. In den Plan des Mauerbaus sind nur vier Mann eingeweiht. Die Bauarbeiter und Ingenieure erhalten genaue Anweisungen, wer wo zu stehen hat und was zu tun ist. Dank genauester Berechnung gelingt es, die Mauer innerhalb einer Nacht zu bauen. Am anderen Tag herrscht in Petersburg heillose Verwirrung. Auch der Erfinder der Mauer ist niedergeschlagen. Er weiss nämlich selbst nicht, wozu die Mauer dienen soll.

(Zitiert nach: Charms, Daniil: Die Kunst ist ein Schrank. Aus den Notizbüchern 1924-1940. Berlin 1992. S. 91, Übersetzung von Peter Urban).

Diese Geschichte habe ich vor ca. 10 Jahren hier bereits zitiert. Und hatte die damals (2009) seit 20 Jahren gefallene Mauer im Kopf. Und nichts hat sich geändert. Auch im nächsten Jahr (2019), zum 30. Jubiläum des Mauerfalls.

Denn woanders wird sie wieder aufgebaut, die Mauer.

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And welcome to the year 2016, a Centenary of Dadaism! #dada100…

And welcome to the year 2016, a Centenary of Dadaism! #dada100 #Dada #Dadaism #dadaismus #дада #дадаизм #ダダ #ダダイズム

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S-Bahn-Mauer, oder Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen.

Bestimmt haben Sie bereits vor Monaten diese köstliche Geschichte mitbekommen:

Ende April wurde eine Tür in der Hamburger S-Bahn zugemauert. So:

mauer

Deutsche Bahn sperrte den Zug und erklärte die Schäden in mehreren 10.000 EUR (kuriöserweise wurde sogar eine Abrissgenehmigung beeintragt). Polizei fing an mit der Fahndung, und es gab noch kaum Hinweise auf die „Täter“, bis neulich „Bekennervideo“ auftauchte.

Eine Gruppe StreetArt-Künstler und Sprayer MOSES & TAPS™ präsentierte in diesem wunderschönen Maling Of die Entstehung der Mauer.

Nun, aus der Sicht eines Reisenden, sind da wohl keine Schäden entstanden – man schmunzelte und ging einfach zu einer weiteren Tür (wie oft sind die Türe einer SBahn defekt), und Lebensgefahr ist da kaum entstanden (der Ausfall des Zuges aufgrund der Abrißmaßnahmen – wie oft fallen sonst die defekten Züge aus, und wie oft fahren sie tagelang mit defekten Türen?).

Aus der Sicht eines Rezipienten ist diese Performance eine Weiterführung eines Ready-Made von Duchamp – dadaistisch, simpel, subversiv, paradox. Marcel hinterfragte mit seinem Werk „Fountain“ den gesamten Kulturbetrieb, als eine festgefahrene, autoritäre Status-Einrichtung. Bei der S-Bahn-Mauer wird der Alltag an sich hintefragt, die Routinen, die Sinnhaftigkeit der Tagesabläufe. Man wird auf einmal aus dem Alltag herausgerissen. Man hinterfragt die eigenen Routinen. „Gemeinschädliche Sachbeschädigung“ – wie es in den Polizeiberichten festgehalten wird? Naja, die rasanten Mieterhöhungen, Gentrifizierung und Entsozialisierung der Wohngegenden durch Luxusbauprojekte, wirtschaftliche Kürzungen im Sozialbereich sind weitaus gemeinschädlicher als so ein Prank.

Werden leider nie polizeilich verfolgt.