Merzmensch

DADAistisches und dadaLOSES


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Internationale Schwitters-Tagung. Teil 7.

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Es wurde an der Schwitters-Tagung viel über den ALLum-fassenden Charakter von MERZ berichtet. Oliver Ruf, der Herausgeber von Hugo B-all, nimmt das All-Umfassende unter die Lupe.

Er zeigt anhand von Bataille, Latour und Foucault, dass der Diskurs über die mediale Verbindungen weitaus tiefgreifender ist, denn Schwitters gelingt es mit MERZ,

eine Transmedialität = das Durchdringen der Medien im Moment der Rezeption,
mit der Beteiligung des Rezipienten

zu erreichen. (Rechtsweg ausgeschlossen)

Oliver Ruf bezieht sich dabei – zusammen mit Latour – auf einen Begriff aus der Genetik, „Crossover„, und das, meine Damen und Herren, IST MERZ. Denn so wie die Chromosomen ihr Material austauschen, so tauschen die Gegenstände auf den MERZ-Bildern ihre Eigenschaften, und werden „gegeneinander gewertet„.

Denn, wissen Sie, werte Leser, MERZ ist wie diese Kaffeetasse auf meinen Tagungsnotizen:

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Zunächst ist alles vom allen getrennt.
Doch: kippe ich die Tasse um, nennen wir diesen Vorgang einfachheitshalber

ǝssɐʇ

dann werden meine Notizen und Gedanken mit dem Kaffee und aufgelöster Tinte und Umweltpapier vermischt, es wird sozusagen ein gegenseitiges Durchdringen herrschen, oder: Transmedialität. Und zwar im Moment meiner Rezeption aller Bestandteile (Tagung/Notizen/Kaffee). Das Gleichgewicht bleibt dabei erhalten, es sei denn ich werde freundlicherweise aus der Tagungshalle gebeten.

Also (zum Auswendiglernen):

MERZ ist mehr als eine Verbindung der Medien, es ist deren gegenseitiges Durchdringen, das VerMERZen, Crossover. Der Zuschauer wird dabei mit-bedacht und mit-einbezogen.

***

Last but not least referierte Thomas Keith über Schwitters‘ Alphabet-Gedichte als intermedielles Experiment. Thomas Keith forscht übrigens im Bereich der Berührungspunkte oder Typologien der russischen und europäischen Avantgardisten

AVANTGARDE
└АВАНГАРД┘

Mayakovsky_1929_avor allem in der Gileja-Gruppe (Majakovskij [siehe rechts] u.a.).

Das ist wunderbar, denn ich schreibe ja auch über europäische und russische Avantgardisten (Oberiu-Gruppe in meinem Fall), und es ist schön zu wissen, dass man nicht alleine sich mit solchen Typologien beschäftigt. Ach, und Thomas Keith wurde bereits auch in Perspektive veröffentlicht.

Doch nun zum Alphabet – nach einer faszinierenden historischen Einführung verdeutlichte Thomas Keith, dass man die Alphabet-Experimente bereits seit Jahrhunderten betreibt – die alten Griechen taten’s, die Autoren von Abecedarium Normannicum, und dann W. Busch – sie alle haben mit Alphabet experimentiert, sei es künstlerisch, lehrend oder moralisierend.

Und tatsächlich – fängt man an, sich mit Alphabeten zu beschäftigen, hört man nimmerwieder auf. Das habe ich empirisch nachgewiesen.

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Schwitters auch, in seinen Alphabet-Texten. Zum Beispiel hier:

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Hier werden Materialien antihierarchisch entformt – ganz im Sinne der Merzkunst, wo ein Buchstabe gleichwertig ist mit Wort/Satz/Text.

Wollense behaupten, die Buchstaben sind im MERZ-Werk dem Inhalt unterordnet?
Dann irrense sich.

Also:
wenn, wie einige Theoretiker behaupten:

Alphabet => Rationalisierung,
mythisches Denken => logisches Denken

dann, wie Avantgardisten es anvisieren:

Avantgarde => Antirationalismus
Alphabet => mythisches Denken durch Neu-Werten

Und das merkt man bereits bei Alphabet-Texten.

Das was als reine Liste der Schriftzeichen präsentiert wird, bekommt auf einmal Form und Macht über den Leser, und der Leser fängt an zu erkennen.

Doch das Erkennen ist keineswegs nur das des ratio. Denn die Buchstaben des Alphabets faszinieren den Leser derart, dass er, in ihre Bahn gefangen, sieht so Sachen. Schauen Sie doch auf die Schwitters-Beispiele: was alles können Sie dort erkennen, ausser ARP/RAU/SAU?.. (Bitte um Kommentare)

Alphabet, für das Ordnen des Ungeordneten gedacht, wird auf einmal zum Irrationalen!

So werden die Alphabet-Segmente zur Poesie. Und ratio wird mit emotio verschmolzen – verMERZt.

Das passiert bei der Rezeption AUTORLESER.

Aber was passiert, wenn man diese Alphabet-Texte VORliest, statt einfach zu lesen? Zurück zu Ratio? Auch, wenn mit viel Emotio?

Schauen wir beispielweise Nowi, den Schlagzeuger aus der Musikgruppe Silbermond, der Schwitters‘ „Alphabet rückwärts“ rezitiert (und dafür wächst nun auch mein Interesse für Silbermond).

Merken Sie was? „Zet, Ypsilon“… das Vortragen ist reduziert auf die Vortragssprache des Vortragenden (hier: Deutsch)! Das Lesen ist aber unabhängig von der Lesekenntnissen des Lesenden (hier: lateinisches Alphabet)!

Und im Englischen wird es so klingen (als ein Kinderlied, aber nicht von Schwitters)

Oder so (und hier ist der Vortragender dazu regelrecht gezwungen, um somit beim Promille-Test zu beweisen, dass er nicht betrunken am Steuer sass, was er in 15 Sekunden schafft, und die Polizeibeamtin zum Erstaunen bringt [Mit Tanzeinlagen])

Und man stellt zum wievielten Male wieder fest:

Schwitters hatte schon wieder recht gehabt.

Besonders in seiner Omni-Materialität. Was diese wunderbare Schwitters-Tagung bewiesen hat. Nun kann’s nur noch materieller werden: in Form einer kompletten Texte-Edition von Schwitters. Wir warten darauf.

Und nach der Tagung hatte ich ein weiteres grossartiges Erlebnis: ich habe Trithemius getroffen und hatte die Ehre, mit Meister sprechen zu können. Und er wusste wie immer über alles Bescheid, denn auch zu diesem Thema (Schwitters und Alphabet-Gedichte) hat er Lesenswertes geschrieben. Hat mich sehr gefreut.

Ich bedanke mich bei den werten Lesern für und so weiter.

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Perspektive, oder Ex Ostarrichi Lux

Ich hab’s angedroht, nun ist’s RealiTAT geworden.

Vor-Stellung der Literaturzeitschriften schreitet fort.

Auf meiner Suche nach lesbaren – und vor allem, lesenswerten Zeitschriften, bin ich schon vor Jahren auf Perspektive gestossen – eine österreichische Zeitschrift, die eigentlich in meinen Augen Österreich längst überschritten hat in ihrer.

Die erste Ausgabe, die ich las, war Nr. 43+44. Eine Sammlung von Manifesten verschiedener Avantgardisten – international, intermedial, subversiv! (Zu lesen – teilweise – unter http://www.perspektive.at/wp-content/uploads/hefte/p44.pdf). Doch ich blättre besser als ich klicke.

Alle, die nach einem zusammengefassten Überblick über die überzeitlichen Avant-Gardisten suchen, werden hier  fun! dig. Das hat mich zum Beispiel, auf Cyberpoetry inspiriert. Inspiriert es auf oder zu? Egal. Jedenfalls, nach dem Lesen anderer Ausgaben – zu finden als PDF im Heft-Archiv von Perspektive, war ich aus jedem Häuschen. Wie ein Hut. Wie ein Hut.

Falls ihr, werte Leser, nach einem Heft für zeitgenössische Literatur sucht, seid ihr mit Perspektive gut auf-gehoben, auf-gehebelt und ab-geht-die-post.

Nun, hatte ich Schwein gehabt, doch darüber ist nicht die Rede. Die Ausgabe Nr. 64 ist schon wieder er/sie/es-staunlich.

Ich möchte nur einige Autoren dieser Ausgabe aufgreifen, um das Lesenswerte zu verdeutlichen.
Alle Texte ohne Aus-Nahme haben mich gekidnappt, die folgende jedoch insbesondere. (Chronologische Reihenfolge – Seitenangabe auf Anfrage).


Sylvia Egger – aus den plappiaten.

Eine sehr executeausführliche Auseinandersetzung mit  Hegemannisierung der Literatur, eine Offenbarung, wäre eigentlich Konstatation gewesen, wenn sie keine Offenbarung wäre –

die ganze hegeman(n)ie ist im grunde ein ergebnis intellektueller legasthenie

Merken Se was, werte Leser/innen/aussen? Hegemann ist schon längst vergessen. Doch die Legasthenie schreitet fort. Von daher muss jeder diesen Text auswendig lernenaufmerksam lesen. Weil immernoch und immerwährend aktuell. So.

Dann wäre da Sophie C. Ambrosig / Cornelia Maurer – Selbstverteidigungstipps Für LiteratInnen Aller Altersstufen. Eine von Jugendschutzdingsbums nicht zugelassene Anleitung zum Bekämpfen der braunen Masse auf die Schädel mit Kapital und weiteren voluminösen Printmedien (die Bücher – die kann man noch gut brauchen)! Sehr schön (auch wenn ich am Ende die Bücher zurück in die Regale gestellt sähe – für die nächsten Selbstverteidiger).

Dann eine wunderbare Sprachstudie von ralf b. korte LANGuAGEIS A CITY.
Und dann: 7x7s | Black Out.

Multilingual, frisch und very very великолепно. Mehr kann – und will – ich nichts dazu sagen – liest es einfach. Kann schön umhauen. Just read it. Читайте, и все тут. 読んでくれ!Ein Ozean zum Er-trinken. Eine Oase zum Glücklichsein. Da will ich hin. Eieiei.

Dann Clemens Schittko mit who is who / is who or what. Eine antinostalgische Gegenüberstellung nach der Formel

𝔛 heißt jetzt X

Wie: „Dada heißt jetzt Dadaismus“ (s. 39)
Wie: „Avantgarde heißt jetzt über Avantgarde schreiben“ (s. 40)
Wie: „Kommunne heißt jetzt Community“ (ebenda)
Wie: „Neuheit heißt jetzt Revolution“ (ebendort)
Wie: „Einstürzende Neubauten heißt jetzt Blixa Bargeld und Band“ (ebenhier)
Also: Euphemisierung unserer Gesellschaft, Supefizialisierung. Oder auch keine Änderung. Denn früher war alles wie jetzt, nur anders. Da ist jede Zeile lesenswert. Ich habe alles gelesen. Честное пионерское.

Dann Stefan Schmitzernotizen zu einem ausstellungsbeitrag.
Konstruktion einer vergammelnd subversiven Lese-Ausstellung und Dekonstruktion dergleichen wegen der Sicherheitsvorkehrungen und Exhibitionmanagement (oder Managementexhibitionismus). Das nenne ich „aus dem Konzept bringen“. Vor allem, wegen der Vorschriften und Bedenken der Ausstellungsleitung. Wahrlich, „eine kleine dokumentation des plangemäßen scheiterns„. War Kafka nicht auch Österreich?

Diese Auswahl ist nur ein 1-Blick in die Vielfalt der Perspektiven. Von jedem Text bin ich auf eine oder andere oder mehrere Weise(n) betroffen (worden). Und das Typographische darf auch nicht unerwähnt bleiben – die Formen passen so wunderbar zum Inhalt, dass man kaum merkt, dass man jede zweite Zeile oder quer durch die Seite liest. So Danielewski-mässig.

Also, Werte Leser (lese Werter!): Österreich ist nicht nur Republik Kugelmugel. Österreich ist Perspektive – die meine wie auch die Eurige.

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Perspektive Nr. 64, oder Schwein gehabt

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Eigentlich wollte ich schon seit langem über diese Zeitschrift erzählen, und da – schau einer an! – bin ich mit meinen Texten im Nummer 64 auf der Seite 46 der Perspektive vertreten. Aber ich erzähle über diese Zeitschrift trotzdem später – sie bedarf einer gründlichen Besprechung, auch ohne die Tatsache, dass.

Eigentlich, werde ich besser eine neue Rubrik einführen. Denn gestern habe ich auch eine weitere wunderbare Literaturzeitschrift bekommen, „L. Der Literaturbote„, herausgegeben vom Hessischen Literaturforum (das auch Bloomsday veranstaltete). Kurzum, ich eröffne in meinem Blog eine neue Rubrik:

Literaturzeitschriften

Hier werde ich über alle möglichen Zeitschriften aus dem Bereich Literatur berichten. Wenn nicht ich, wer dann?