Merzmensch

DADAistisches und dadaLOSES

Internationale Schwitters-Tagung. Teil 7.

6 Kommentare

Zum Index

Es wurde an der Schwitters-Tagung viel über den ALLum-fassenden Charakter von MERZ berichtet. Oliver Ruf, der Herausgeber von Hugo B-all, nimmt das All-Umfassende unter die Lupe.

Er zeigt anhand von Bataille, Latour und Foucault, dass der Diskurs über die mediale Verbindungen weitaus tiefgreifender ist, denn Schwitters gelingt es mit MERZ,

eine Transmedialität = das Durchdringen der Medien im Moment der Rezeption,
mit der Beteiligung des Rezipienten

zu erreichen. (Rechtsweg ausgeschlossen)

Oliver Ruf bezieht sich dabei – zusammen mit Latour – auf einen Begriff aus der Genetik, „Crossover„, und das, meine Damen und Herren, IST MERZ. Denn so wie die Chromosomen ihr Material austauschen, so tauschen die Gegenstände auf den MERZ-Bildern ihre Eigenschaften, und werden „gegeneinander gewertet„.

Denn, wissen Sie, werte Leser, MERZ ist wie diese Kaffeetasse auf meinen Tagungsnotizen:

R0026026-l

Zunächst ist alles vom allen getrennt.
Doch: kippe ich die Tasse um, nennen wir diesen Vorgang einfachheitshalber

ǝssɐʇ

dann werden meine Notizen und Gedanken mit dem Kaffee und aufgelöster Tinte und Umweltpapier vermischt, es wird sozusagen ein gegenseitiges Durchdringen herrschen, oder: Transmedialität. Und zwar im Moment meiner Rezeption aller Bestandteile (Tagung/Notizen/Kaffee). Das Gleichgewicht bleibt dabei erhalten, es sei denn ich werde freundlicherweise aus der Tagungshalle gebeten.

Also (zum Auswendiglernen):

MERZ ist mehr als eine Verbindung der Medien, es ist deren gegenseitiges Durchdringen, das VerMERZen, Crossover. Der Zuschauer wird dabei mit-bedacht und mit-einbezogen.

***

Last but not least referierte Thomas Keith über Schwitters‘ Alphabet-Gedichte als intermedielles Experiment. Thomas Keith forscht übrigens im Bereich der Berührungspunkte oder Typologien der russischen und europäischen Avantgardisten

AVANTGARDE
└АВАНГАРД┘

Mayakovsky_1929_avor allem in der Gileja-Gruppe (Majakovskij [siehe rechts] u.a.).

Das ist wunderbar, denn ich schreibe ja auch über europäische und russische Avantgardisten (Oberiu-Gruppe in meinem Fall), und es ist schön zu wissen, dass man nicht alleine sich mit solchen Typologien beschäftigt. Ach, und Thomas Keith wurde bereits auch in Perspektive veröffentlicht.

Doch nun zum Alphabet – nach einer faszinierenden historischen Einführung verdeutlichte Thomas Keith, dass man die Alphabet-Experimente bereits seit Jahrhunderten betreibt – die alten Griechen taten’s, die Autoren von Abecedarium Normannicum, und dann W. Busch – sie alle haben mit Alphabet experimentiert, sei es künstlerisch, lehrend oder moralisierend.

Und tatsächlich – fängt man an, sich mit Alphabeten zu beschäftigen, hört man nimmerwieder auf. Das habe ich empirisch nachgewiesen.

R0026490-l

Schwitters auch, in seinen Alphabet-Texten. Zum Beispiel hier:

R0026028-l

Hier werden Materialien antihierarchisch entformt – ganz im Sinne der Merzkunst, wo ein Buchstabe gleichwertig ist mit Wort/Satz/Text.

Wollense behaupten, die Buchstaben sind im MERZ-Werk dem Inhalt unterordnet?
Dann irrense sich.

Also:
wenn, wie einige Theoretiker behaupten:

Alphabet => Rationalisierung,
mythisches Denken => logisches Denken

dann, wie Avantgardisten es anvisieren:

Avantgarde => Antirationalismus
Alphabet => mythisches Denken durch Neu-Werten

Und das merkt man bereits bei Alphabet-Texten.

Das was als reine Liste der Schriftzeichen präsentiert wird, bekommt auf einmal Form und Macht über den Leser, und der Leser fängt an zu erkennen.

Doch das Erkennen ist keineswegs nur das des ratio. Denn die Buchstaben des Alphabets faszinieren den Leser derart, dass er, in ihre Bahn gefangen, sieht so Sachen. Schauen Sie doch auf die Schwitters-Beispiele: was alles können Sie dort erkennen, ausser ARP/RAU/SAU?.. (Bitte um Kommentare)

Alphabet, für das Ordnen des Ungeordneten gedacht, wird auf einmal zum Irrationalen!

So werden die Alphabet-Segmente zur Poesie. Und ratio wird mit emotio verschmolzen – verMERZt.

Das passiert bei der Rezeption AUTORLESER.

Aber was passiert, wenn man diese Alphabet-Texte VORliest, statt einfach zu lesen? Zurück zu Ratio? Auch, wenn mit viel Emotio?

Schauen wir beispielweise Nowi, den Schlagzeuger aus der Musikgruppe Silbermond, der Schwitters‘ „Alphabet rückwärts“ rezitiert (und dafür wächst nun auch mein Interesse für Silbermond).

Merken Sie was? „Zet, Ypsilon“… das Vortragen ist reduziert auf die Vortragssprache des Vortragenden (hier: Deutsch)! Das Lesen ist aber unabhängig von der Lesekenntnissen des Lesenden (hier: lateinisches Alphabet)!

Und im Englischen wird es so klingen (als ein Kinderlied, aber nicht von Schwitters)

Oder so (und hier ist der Vortragender dazu regelrecht gezwungen, um somit beim Promille-Test zu beweisen, dass er nicht betrunken am Steuer sass, was er in 15 Sekunden schafft, und die Polizeibeamtin zum Erstaunen bringt [Mit Tanzeinlagen])

Und man stellt zum wievielten Male wieder fest:

Schwitters hatte schon wieder recht gehabt.

Besonders in seiner Omni-Materialität. Was diese wunderbare Schwitters-Tagung bewiesen hat. Nun kann’s nur noch materieller werden: in Form einer kompletten Texte-Edition von Schwitters. Wir warten darauf.

Und nach der Tagung hatte ich ein weiteres grossartiges Erlebnis: ich habe Trithemius getroffen und hatte die Ehre, mit Meister sprechen zu können. Und er wusste wie immer über alles Bescheid, denn auch zu diesem Thema (Schwitters und Alphabet-Gedichte) hat er Lesenswertes geschrieben. Hat mich sehr gefreut.

Ich bedanke mich bei den werten Lesern für und so weiter.

R0026018-l

Zum Index

Advertisements

6 Kommentare zu “Internationale Schwitters-Tagung. Teil 7.

  1. Toller Beitrag, sehr kreativ vermerzt. Ich möcht aber drauf weisen, dass das Alphabet keinesfalls = rationales Denken ist, denn vom Altertum bis in die Neuzeit waren und sind mit dem Alphabet auch immer magische Vorstellungen verbunden, wie ich hier mal in mühevollster Kleinarbeit zusammengetragen habe, und auch Schwitters kommt vor:
    http://abcypsilon777.blog.de/2005/12/10/freie_bloguniversitat_das_alphabet~376154/

    Ein kleiner Vorgeschmack:
    „Wann ich Morgens auffstehe, sprach Grschwbtt, so spreche ich ein gantz A.B.C., darinnen sind alle Gebett auff der Welt begriffen, vnser Herr Gott mag sich darnach die Buchstaben selbst zusamen lesen vnd Gebet drauß machen, wie er will, ich könts so wol nicht, er kan es noch besser. Vnd wann ich mein abc gesagt hab, so bin ich gewischt vnd getrenckt, vnd denselben Tag so fest wie ein Maur.“
    (Hanß Michael Moscherosch: Satyrische Gesichte Philanders vom Sittewalt, IV. Theil, anders Gesicht: Soldaten-Leben, 1665)

    • Vielen Dank, lieber Trithemius, ich habe an Dich öfters gedacht, vor allem bei diesen Alphabet-Texten. Interessant ist auch, dass auch bei Schwitters I und J immer ein Buchstabe war.

      Ich frage mich, warum habe ich nicht erwähnt, dass wir uns getroffen haben – denn das war ein wunderbares Erlebnis. Ich werde gleich meinen Fehler korrigieren 😉

      • Die Freude war ganz meinerseits. Es war schön, deine Begeisterung zu erleben, denn mit Menschen, die sich begeistern können, ist gut Umgehen, zumal sich deine Begeisterung auf Schwitters richtet und Dada und Oberdada. Ich danke sehr für deine Komplimente im Eintrag oben, aber möchte einwenden, dass ich zwar in manchen Dingen bescheid weiß, aber dagegen steht das Universum von Dingen, von denen ich nicht mal weiß, dass ich sie nicht weiß.

      • Das ist ja wie bei Sokrates (oder war das Archimedes?) mit seinen Kreisen: Kreis-Inhalt ist das Wissen, Kreis-Linie ist die Gesamtsumme der Berührungspunkte mit Draussen = das Ungewisse. Je größer der Kreis ist (Wissen) desto mehr Fragen wirft man auf, oder: je mehr man weiss, desto wehr weiss man, dass man es nicht weiss.

      • Und dazu kommt: Alle Gewissheit verbirgt sich dem grübelnden Geist. Da hilft veilleicht Merz, wie du es eindrucksvoll vorstellst, lieber Merzmensch.

  2. Danke, merzmensch, mit deiner Hilfe werden unsere Vorstellungen über Schwitters immer vollständiger. Deine Exkurse in das vielseitige Kulturuniversum erweisen da einen einzigartigen Dienst.
    Denn Schwitters ist tatsächlich eine Knetmasse, aus der auf eine harmonische Art und Weise Bleistifte, Schrauben, Taschenlampen, Schriften und sogar Reime herausragen 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s